Haiti Interview Claudia Moll
Drei Monate sind seit dem verheerende Erdbeben auf der Karibikinsel Haiti vergangen. Über 300.000 Menschen haben dabei ihr Leben verloren, mehr als 250.000 Menschen wurden verletzt und rund 1,2 Millionen Menschen sind nach der Katastrophe obdachlos geworden. Claudia Moll, unsere Mitarbeiterin aus Bonn, hat Mitte April an der Wiederaufbaukonferenz der Internationalen Don Bosco Familie in Haiti teilgenommen. Sie berichtet aus erster Hand von ihren Eindrücken und über die nächsten Planungsschritte, um den betroffenen Menschen so schnell wie möglich helfen zu können. Claudia Moll ist Projektreferentin und für die Projekte in Lateinamerika und Haiti verantwortlich.
Du kommst ja gerade aus Haiti, was war dein Eindruck, nun drei Monate nach dem Beben?
Mein Eindruck war, dass sich dort bisher kaum etwas wirklich bewegt hat. Die betroffenen Städte sehen immer noch so aus, als wäre das Erdbeben erst drei Tage und nicht drei Monate her. In Port-au-Prince ist fast jedes zweite Haus eingestürzt und die Trümmerberge sind noch nicht ansatzweise weggeräumt. Während meines Aufenthaltes habe ich nur einen einzigen Bagger gesichtet. Schwere Räumungsgeräte sind gar nicht zu sehen. Eindrucksvoll fand ich hingegen die Zuversicht, die von den Haitianern ausgeht. Alles liegt nach wie vor in Schutt und Asche, aber die Menschen strahlen einen unheimlichen Optimismus aus, dass alles irgendwie besser wird. Ich bin überall sehr freundlich empfangen worden. Keiner schien von den vielen Ausländern genervt, die ständig fotografieren oder die Menschen befragen. Auch in den Flüchtlingslagern herrscht insgesamt eine recht friedliche Stimmung, ich habe dort keinerlei Aggressionen gespürt.
Wie sehen die konkreten Fortschritte der Salesianer Don Bosco aus. Was konnte schon erreicht werden?
Fast alle Don Bosco Einrichtungen haben immense Schäden erlitten. Als einen ersten Schritt haben unsere Mitarbeiter Architektenteams losgeschickt, um die Kosten und Maßnahmen abzuschätzen. Die Wiederaufbaukosten werden mit bis zu 100 Millionen US Dollar und mehr angegeben. Obwohl Haiti ein armes Land ist, ist es ein extrem teures Land. Das liegt natürlich auch an seiner Insellage. Material und Maschinen müssen importiert werden. Deutlich bewusst geworden ist mir das hohe Preisniveau im Gespräch mit einer Mitarbeiterin. Die Wohnungsmiete z. B. für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem etwas besseren Viertel, liegt in Port-au-Prince momentan bei etwa 2,000 US Dollar pro Monat. Kein Wunder, dass alle unsere Mitbrüder noch in Zelten schlafen! Aber auch auf dem Markt kostet eine Flasche Wasser 0,50 Cent.Das macht sich natürlich auch bei den Baukosten und den Nothilfekosten bemerkbar. Ein deutlicher Fortschritt ist der wieder angelaufene Schulunterricht in den meisten Don Bosco Einrichtungen, wenn auch größtenteils erst mal unter freiem Himmel. Weniger gut sieht die Lage immer noch für die Flüchtlinge aus. Die Salesianer versorgen ca. 15.000 Flüchtlinge mit Zelten, warmer Mahlzeit und Wasser. Die Wasserversorgung ist immer noch sehr knapp, täglich müssen sich 15.000 Menschen 16.000 Liter Wasser teilen.
Konntest du mit den Menschen in den Flüchtlingslager sprechen?
Ja, ich habe mich unter anderem mit einer Familie in einem der Lager länger unterhalten. Der Familienvater war vor den Erdbeben als Lehrer in einer Schule tätig. Die zurzeit hochschwangere Mutter kümmerte sich um den Haushalt. Sie haben drei gemeinsame Kinder. Die staatliche Schule, in der er arbeitete und ihr Zuhause sind eingestürzt, so dass sie jetzt obdach- und arbeitslos sind. Das einzige was sie noch besitzen, sind zwei Plastikschüsseln und die Kleidung die sie am Leib tragen. Diese Familie muss sich jetzt in ein improvisiertes neun Quadratmeter Zelt auf der nackten Erde quetschen. Ihnen ergeht es wie vielen Tausenden momentan in Haiti.
Wie sieht die Lage der Straßenkinder in Haiti aus?
Ihr Leben in den Trümmern ist schwieriger geworden. Außerdem sind viele Kinder durch das Beben zu Waisen geworden, die nun Gefahr laufen, dauerhaft als Straßenkind zu enden. Sie werden wie schon vor dem Beben in den Einrichtungen der Salesianer betreut und aufgenommen. Der Leiter der Straßenkindereinrichtung Lakou-Lakay, Pater Lephène schätzt, dass die Zahl der Straßenkinder zwar gestiegen ist, allerdings nicht so drastisch wie man erwartet hatte, da einige auch bei Verwandten unterkommen konnten.
Die Regenzeit hat angefangen. Was bedeutet das für die Menschen in Haiti?
Durch die Hanglage in Port-au-Prince gibt es in der Stadt häufiger kleinere Überflutungen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht überall Müll und Schutt liegen würde der so in die Stadt getragen wird. Außerdem sind auf jeder freien Fläche in der Stadt riesige Zeltlager entstanden. Besonders die notdürftig selbstgebastelten Zelte ohne Boden, werden durch die starken Regenfälle einfach weggespült. Die Regierung plant die Flüchtlingslager aufzulösen. Das Problem daran ist, dass die Menschen oftmals kein Geld haben oder verdienen können, weil ihr Arbeitsplatz einfach nicht mehr existiert. Wohin sollen diese Menschen gehen, wie sollen sie Mietkosten bezahlen können?
Wie sehen die nächsten Schritte in Bonn aus, um den Menschen in Haiti zu helfen?
Unsere Erfahrung auch nach dem Tsunami im indischen Ozean hat gezeigt, dass der Aufbau eines guten Planungsbüros extrem wichtig ist. Man braucht einfach eine Koordinierungstruppe, um den Wiederaufbau voran zu bringen. Desweiteren wollen wir uns darum kümmern, dass die berufliche Ausbildung möglichst schnell wieder weitergeht. Wir haben zum Beispiel die einzige Krankenpflegerschule im Land. Es gibt bereits konkrete Pläne zum Wiederaufbau unserer Schulen in Gressier. Dazu gehört auch ein Internat, in dem über 50 Jungs (viele davon ehemalige Straßenkinder) wohnen. Gressier liegt direkt im Epizentrum des Bebens. Wir sind sehr dankbar, dass unser Team in Haiti nun Verstärkung bekommen hat von Pater Mario Perez aus dem Kongo. Er wird ein paar Jahre in Haiti bleiben. Im Ostkongo/Goma hat er bereits Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit gesammelt und wird hier die psychosoziale Betreuung der Flüchtlinge in Thorland in die Hand nehmen. Wir wollen auch dafür sorgen, dass weitere Schulzelte vor Ort eintreffen, damit noch mehr Kinder unterrichtet werden können und so etwas Alltag in ihr Leben kehrt. Das alles wäre ohne unsere zahlreichen Spender nicht möglich.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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