Eine kolumbianische Studentin erzählt, wie sie das erste mal mit Straßenkindern in Berührung kam und wie diese Erfahrung ihren Werdegang geprägt hat.
“Ich kann mich gut an meinen ersten Deutschunterricht an der Escuela Normal erinnern, es war im Jahr 2001. In dem Raum waren ungefähr 30 Schülerinnen, unter ihnen ich. Ich war in der 9. Klasse, schüchtern, aber mit großen Erwartungen. Plötzlich sahen wir einen Herrn ankommen. “Ich heiße Hans Huneke”, sagte er auf Deutsch. Wir waren sprachlos vor Staunen, denn zum ersten Mal in unserem Leben hörten wir diese Sprache. Eine Stunde später hatten wir gelernt, wie man sich begrüßt und verabschiedet – auf Deutsch.
Kurz darauf fragte mich eine Lehrerin: “Hast du Lust, an einem neuen Projekt mit den Deutschen mitzumachen?” Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, aber ich war glücklich, denn nicht alle Schülerinnen bekamen diese Möglichkeit geboten. Eine Woche später kam ich das erste Mal mit Straßenkindern in Berührung. Bevor ich weiter erzähle, muss ich erklären, dass an der ENSMA zukünftige Leher ausgebildet werden. Dort verbrachte ich meine ganze Schulzeit, vom Kindergarten über Grund- und Sekundarschulzeit bis zum universitären Grundstudium. Meine Fächer waren Spanisch und Literatur.
Ab der 10. Klasse muss jeder Schüler ein Praktikum absolvieren. Als Teilnehmer des Projekts konnte ich das Praktikum im “Patio Don Bosco” im Zentrum von Medellín durchführen. Dort wurden Kindern, die auf der Straße lebten, Essen und manchmal auch Übernachtungen angeboten. Jede Woche machte ich mit meinen Kommilitoninnen einen Plan für den Unterricht, den wir mit den Kindern durchführen wollten. Wir boten Mathematik und Muttersprache an. Andere Bildungsangebote gab es im Patio nicht. Zuerst wollten wir die Kinder kennen lernen und etwas über Gewohnheiten, Denkweisen, Kenntnisse, Lebensgeschichten und Lebensperspektiven erfahren. Vor allem wollten wir vertrauen gewinnen.
Tausende Fragen stürmten auf uns ein, und wir wussten nicht, wie wir vorgehen sollten. Dann begannen wir einfach mit Spielen und Sport. Wir nahmen an, dass die Konzentrationsfähigkeit der Kinder nciht hoch sein würde. Theorien oder abstrakte Sachverhalte wollten wir ihnen ersparen. Stattdessen brachten wir zu jeder Sitzung unterschiedliche Materialien mit. Sie sollten die Lehrmaterialien berühren können, sie handhaben und damit experimentieren. Tatsächlich waren sie bald konzentriert bei der Arbeit. Rasch merkten wir, dass diese bildungsfernen Kinder anders denken und Lernprozesse anders realisieren als normale Schulkinder. Sie lernen leicht, wenn es für ihr Leben nützlich ist.
Unsere Erfahrungen schrieben wir in einem pädagogischen Tagebuch auf imd notierten, was uns gelungen war und was wir beim nächsten Mal verbessern wollten. Jeder Unterricht war eine Herausforderung. Die Zusammensetzung der Gruppen wechselte, jedes Mal waren andere Kinder dabei, manchmal standen sie noch ganz unter Drogen und zeigten dann weder Lust noch Motivation. Aber da waren immer auch Jungen, die ganz eifrig bei der Sache waren, und am Ende fragten sie: “Tía (Tante), wann machen wir weiter?” Mit der seltsamen, aber bei ihnen geläufigen Anrede “tía” zeigten sie uns, dass wir ihr Vertrauen gewonnen hatten.
Anfang 2004 bewarb ich mich um ein Baden-Württemberg-Stipendium für ein Studium an der Pädagogoschen Hochschule Heidelberg. Im Juli bakam ich die Zusage, und im Oktober reiste ich für zehn Monate nach Deutschland. Dort musste ich bereits nach zwei Wochen ein Referat über meine Erfahrungen im Projekt Patio13 halten – auf Deutsch. Trotz aller Aufregung merkte ich, dass die Deutschen nicht viel über die Problematik von Straßenkindern wissen. Nach meiner Rückkehr nach Kolumbien nahm ich Zuhause das unterbrochene Studium wieder auf und arbeitete gleichzeitig, um Geld zu verdienen. Später konnte ich noch mehrmals nach Deutschland fliegen. 2007 absolvierte ich einen Sprachintensivkurs an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. 2008 folgte ein zweimonatiger Kurs in Göttingen. So konnte ich meine Deutschkenntnisse entscheidend verbessern. 2009 immatrikulierte ich mich im Masterstudiengang Straßenpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Zurzeit befinde ich mich im zweiten Studiensemester. Ich bin sehr begeistern von dem Master, habe viele neue Kommilitonen aus aller Welt kennengelernt und arbeite an der Frage, wie man Kinder mit Migrationshintergrund in der Sprachentwicklung fördern kann.”
von Katherine Gonzalez Moncada
Erschienen in der Brochüre Querdenken – Brücken bauen. Zehn Jahre Patio13. Wir danken Patio13 für die freundliche Genehmigung, diesen Bericht auf strassenkinder.de veröffentlichen zu dürfen.
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