Zahlen und Fakten
Kolumbien ist das klassische Land der Straßenkinder. Derzeit soll es dort etwa 30.000 Jungen und Mädchen geben, die dauerhaft auf der Straße leben. Das Phänomen armer, verlassener und verstoßener Minderjähriger - der “gamines” oder “chinos de la calle” – wird in diesem Land seit dem 16. Jahrhundert beobachtet.
Fast immer ist Armut der eigentliche Grund, weshalb Kinder und Jugendliche ihre Familien verlassen. Sie schlafen unter freiem Himmel, in selbst errichteten Verschlägen oder in billigen Zimmern oft nur für eine Nacht, um dann erneut aufzubrechen. Auf der Straße gehen sie allen möglichen Beschäftigungen nach, wenn sie ihnen nur irgend ein Auskommen verschaffen.
Mit der Zeit lockert sich der Kontakt zwischen den Kindern und ihren Herkunftsfamilien. Ist für Straßenkinder im weiteren Sinn (“niños en la calle”) die Straße nur eine Übergangsphase, so leben Straßenkinder im engeren Sinn (“niños de la calle”) dort oft viele Jahre lang, allein und obdachlos.
Fast alle kolumbianischen Straßenbewohner konsumieren Drogen. Für hygienische und intime Verrichtungen oder Sexualität steht ihnen keine Rückzugsmöglichkeit zur Verfügung. Aufgrund der gegebenen Lebensbedingungen sind gefährliche Krankheiten weit verbreitet. Viele Straßenbewohner können weder lesen noch schreiben oder haben es verlernt. In so gut wie allen Städten (Bogotá, Cali, Medellín) gibt es Einrichtungen, die jüngeren und älteren Straßenbewohnern karitative, ganz selten auch bildungsorientierte Angebote machen.
In Kolumbien soll es – nach Angaben von UNICEF aus dem Jahr 2006 – 30.000 Kinder geben, die den Großteil des Tages auf der Straße verbringen, 70 bis 80 Prozent von ihnen sind Jungen, 20 bis 30 Prozent Mädchen Üblicherweise teilt man Straßenbewohner (“habitantes en situación de calle”) in eine größere, weiter gefasste (“habitantes / niños en la calle”) und eine kleinere, enger gefasste Population (“habitantes / niños de la calle”) ein. Übergänge zwischen den beiden Kategorien sind fließend.
Bei der kleineren Gruppe handelt es sich um Obdachlose. Die Kinder haben keinen oder nur sporadischen Kontakt zur Herkunftsfamilie. Angehörige der größeren Gruppe gehen auf der Straße irgendeiner Beschäftigung nach, um Geld zu verdienen. Sie leben normalerweise bei ihren Eltern oder halten sich bei einem Elternteil irgendwo in der Stadt auf. Von dort aus machen sie sich regelmäßig auf den Weg, um Gegenden aufzusuchen, wo sie arbeiten und Geld beschaffen können. Statt die Schule zu besuchen, treiben sie sich vor allem in den Stadtzentren, auf Plätzen und Märkten herum.Straßenkinder sind ein Teil der 16 Millionen kolumbianischen Mädchen und Jungen unter 18 Jahren, die 41 Prozent der Gesamtbevölkerung (45 Millionen) ausmachen. Mehr als 4 Millionen (über 10 Prozent der Bevölkerung) sind zwischen 5 und 9 und weitere 4 Millionen (ebenfalls über 10 Prozent der Bevölkerung) zwischen 10 und 14 Jahre alt. Nie zuvor hat es so viele Kinder in Kolumbien gegeben wie im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.
80 Prozent der Straßenkinder sind zwischen 12 und 17, etwa 10 Prozent weniger als 7 Jahre alt. Als das staatliche Institut Bienestar Familiar (ICBF) im Jahr 2006 in 16 großen Städten Kolumbiens unter 11.279 befragten Kindern auf 4.457 Straßenkinder stieß, stellte man fest, dass 82 Prozent von ihnen in Institutionen, der Rest auf der Straße lebte (siehe Instituto Colombiano de Bienestar Familiar (ed.): Caracterización social y cuantificación de niños en situación de calle, Bogotá 2006). 42,3 Prozent der Straßenkinder im weiteren Sinn (“niños, niñas y adolescentes en situación de calle”) hielten sich in Bogotá, 18,7 Prozent in Medellín und 9 Prozent in Cali auf. (Ein Jahr zuvor- 2005 – war eine andere Untersuchung zu etwas abweichenden Ergebnissen gekommen. Danach lebten 37 Prozent aller kolumbianischen Straßenkinder, das heißt über 11.000, in Bogotá. In Cali wurden im Jahr 2005 3.620 Straßenbewohner gezählt, 54,6 Prozent Straßenbewohner im engeren Sinn und 45,4 Prozent Straßenbewohner im weiteren Sinn. Unter ihnen waren 1.645 Kinder im Alter zwischen 4 und 17 Jahren (siehe Censo sectorial de habitantes de y en la calle, Santiago de Cali 2005). Neben Bogotá sind heute Manizales, Pereira und Armenia die Städte mit dem größten Straßenkinderaufkommen.
Geschichte
Die Hälfte aller Straßenkinder der Welt soll in Lateinamerika leben, überproportional viele in Kolumbien. Seit vielen Jahren wird dort dieses Phänomen beobachtet, seit Jahrzehnten wissenschaftlich beschrieben und analysiert. Die meisten der heutigen kolumbianischen Straßenkinder entstammen Familien von Flüchtlingen und Vertriebenen.
Das Phänomen randständiger und verarmter, verlassener und verstoßener Kinder geht in Kolumbien bis aufs 16. Jahrhundert zurück. 1565 bittet die Stadt Santafé de Bogotá den König von Spanien um die Erlaubnis, ein Hospital für verlassene, Schutz suchende Frauen (“mujeres desamparadas”) und Kinder zu gründen. Erst 80 Jahre später wird eine solche Einrichtung eröffnet. Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Armut in Bogotá überhand nimmt, gründet der Vizekönig Pedro Messías de la Zerda im Jahr 1761 ein Armenhaus, das rasch wächst und später in zwei Einrichtungen aufgeteilt wird, eine für Jungen, die andere für Mädchen. 1774 entsteht ein Hospiz (El Real Hospicio) für 50 Kinder und 200 Erwachsene.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts soll es in Bogotá etwa 500 Straßenbewohner gegeben haben, 3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Zusammenhang mit der Unabhängigkeitserklärung wird das Real Hospicio 1810 geschlossen. Als die Zahl der “chinos de la calle” jedoch immer weiter wächst, wird es 1858 erneut geöffnet.
Auf den Straßen der Hauptstadt formieren sich Gruppen und Banden, die später so genannten “galladas” und “pandillas”, von Straßenkindern. Sie wollen sich schützen, indem sie sich zusammenschließen. Seit 1883 nimmt sich die Beneficencia de Cundinamarca der verarmten Straßenbevölkerung an. Die Wohltätigkeit steht unter der Leitung der Hermanas de la Caridad (Schwestern der Barmherzigkeit). Im 20. Jahrhundert wird eine Reihe bedeutsamer Institutionen für Straßenbewohner gegründet, unter ihnen das Instituto de Proteción de la Niñez y de la Juventud (IDIPRON) im Jahr 1967, ein Jahr später das staatliche Instituto Colombiano de Bienestar Familiar (ICBF).
Verlassen der Familie
So gut wie alle Straßenkinder stammen aus Familien, die nicht in der Lage sind, die Grundbedürfnisse ihres Nachwuchses zu befriedigen, ihre Kinder angemessen zu ernähren, ausbilden zu lassen und ihnen eine befriedigende Zukunftsperspektive zu eröffnen. Armut ist der erste Grund, der Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, dazu veranlasst, ein Auskommen auf der Straße zu suchen. Befragt man kolumbianische Straßenkinder, was sie dorthin getrieben hat, so nennen sie meist Schläge, Vernachlässigung und fehlende Sorge der Eltern, Abhängigkeit von den Drogen und die Hoffnung, auf der Straße genügend Geld zu verdienen, um überleben zu können. Bereits die Jüngsten (unter 7 Jahren) müssen durch ihre Arbeit einen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie leisten. Nicht wenige Straßenkinder, insbesondere die Jungen zwischen 12 und 17 Jahren, behaupten, dass Abenteuerlust und Freiheitsverlangen sie dorthin getrieben habe.Ein Teil der Kinder und Jugendlichen der Straße versucht, den Kontakt mit Familienangehörigen (Mutter, Vater, Großmutter, Geschwister, Tanten usw.) aufrecht zu erhalten. Je jünger sie sind, umso intensiver pflegen sie diese Beziehungen. Auf Dauer lässt sich dies bei den meisten jedoch nicht durchhalten. Es gibt viele Straßenbewohner, die überhaupt nicht wissen, wo sich ihre Mütter und ihre Väter aufhalten.
Orte des Überlebens
Straßenkinder übernachten zumeist im Freien, auf dem Bürgersteig oder vor Eingängen größerer Gebäude. Häufig findet man sie im Schutz von Brücken oder in Parks, wo sie die Nacht unter freiem Himmel zubringen. Sie finden erst zu später Stunde oder gegen Morgen in den Schlaf, wenn in der Stadt Ruhe einkehrt. Meist kehren sie zu demselben Platz so lange zurück, bis man sie vertreibt. Privilegierter wohnen diejenigen, die eine eigene Behausung (“cambuche”) aus Brettern, Kartons und Decken ihr Eigen nennen. Aber sie müssen gewärtig sein, dass ihr armseliges Hab und Gut von einem auf den anderen Tag gestohlen oder gewaltsam beseitigt wird. Wenn sie es sich leisten können, bevorzugen Mädchen billige Herbergen, ein einfaches Zimmer in einem primitiven Hotel oder einen Verschlag in einem heruntergekommenen Stundenhotel, wo sie mit Freiern verkehren.
Tätigkeiten auf der Straße
Bei einer Untersuchung von Bienestar Familiar aus dem Jahr 2006 zeigte sich, dass Bettel vor Diebstahl die häufigste Form des Gelderwerbs von dauerhaft auf der Straße lebenden Kindern und Jugendlichen darstellt. 18 Prozent der Angesprochenen gaben an, sie hätten in den zurückliegenden Tagen Almosen gebettelt. 17 Prozent hatten gestohlen, 16 Prozent etwas verkauft, 6 Prozent Müll gesammelt. 8 Prozent (Mädchen wie Jungen) gaben an, sie hätten sich prostituiert. 4 Prozent hatten Waren herumgetragen.
Beziehungen
Straßenkinder im weiteren Sinne gehen andere Beziehungen ein als Straßenkinder im engeren Sinne. Stehen erstere meist in intensivem Kontakt mit Eltern und Verwandten, so leben letztere zum überwiegenden Teil allein und ganz auf sich gestellt. Fast die Hälfte derjenigen, die unter freiem Himmel und seltener in Behausungen aus Holz, Plastik und Säcken schlafen, haben während ihres Lebens auf der Straße jeglichen Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie verloren. Manche Kinder und Jugendlichen der Straße treffen sich dann und wann noch mit Geschwistern, der Mutter oder Großmutter. Die Hälfte der Straßenkinder im engeren Sinn weiß nicht einmal, ob Mutter und Vater überhaupt noch leben.
Für Straßenkinder sind Freundschaften wichtiger als alles andere auf der Welt. Sie helfen sich gegenseitig, teilen Nahrung und Kleidung und rechnen mit den Vorlieben und Bedürfnissen der anderen. Allerdings sind auch intensiv erscheinende Freundschaften selten von Bestand. Straßenmädchen und -jungen lieben sich mit großer Inbrunst. Aber so gut wie nie dauern Paarbeziehungen lange an.
Dauer des Lebens auf der Straße
Mehr als die Hälfte der kolumbianischen Straßenbewohner im engeren Sinn lebt seit langem, viele von ihnen seit mehr als 6 Jahren, auf der Straße. Für die Menschen, die dort als Teil eines Familienverbandes arbeiten, stellt die Straße oft nur ein relativ kurzes Durchgangsstadium dar. Allerdings besteht die Gefahr, dass Straßenbewohner im weiteren Sinn in den Stand von endgültigen Straßenbewohnern (“habitantes de la calle”) absinken.
Drogenkonsum
Bei kolumbianischen Straßenbewohnern, Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, ist es an der Tagesordnung, Drogen zu konsumieren. An erster Stelle stehen bei Jungen wie Mädchen Zigaretten. Es folgen alkoholische Getränke, Marihuana, “perico” (Kokain) und “basuco” (Zwischenprodukt bei der Kokainherstellung). Jungen nehmen häufiger Drogen als Mädchen. Am beliebtesten bei ihnen sind Marihuana und Basuco. Kinder kommen am leichtesten an billigen Schusterlein (“pegante”), den sie inhalieren. Die höchsten Konsumraten in Kolumbien weisen die Straßenkinder von Buenaventura, Santa Marta, Medellín, Tunja und Cartagena auf.
Sexualität
Bei der zitierten Befragung von Bienestar Familiar aus dem Jahr 2006/07 erklärte mehr als die Hälfte aller Jungen und Mädchen der Straße, sie hätten bereits sexuelle Beziehungen gehabt. Die meisten hatten Verhütungsmaßnahmen ergriffen, am häufigsten benutzten sie Kondome. Viele hatten davon gehört, dass es Geschlechtskrankheiten gibt. Sie wussten, was “AIDS” (“SIDA”) bedeutet. Allerdings zeigten sich große Unterschiede im Kenntnisstand zwischen den Kindern und Jugendlichen in den einzelnen Städten. Während zum Beispiel in Villavicencio und Cartagena so gut wie alle wenigstens rudimentäre Vorstellungen von diesem Thema hatten, waren 70 Prozent der Jungen und Mädchen in Santa Marta völlig ahnungslos. Trotz wichtiger Grundkenntnisse hatten nicht wenige der Straßenkinder selbst Geschlechtskrankheiten.
Krankheiten
Im Unterschied zu den “gamines” früherer Zeiten sind die heutigen kolumbianischen Kinder und Jugendlichen der Straße meist viel reinlicher und besser gekleidet. Man kann sie deshalb von ihren bürgerlicher lebenden Altersgenossen oft kaum unterscheiden.
90 Prozent der in der Studie von Bienestar Familiar aus dem Jahr 2006 befragten und beobachteten Jungen und Mädchen wiesen, äußerlich sichtbar, Zeichen körperlicher Beeinträchtigung auf. 30 Prozent hatten Narben, 9 Prozent Verletzungen. Befragt nach den Krankheiten, unter denen sie während der vergangenen sieben Tagen zu leiden hatten, nannten 47 Prozent Erkältungen und Grippe, 29 Prozent Durchfall, gefolgt von Hautauschlägen und Zahnschmerzen. Häufig waren Hautkrankheiten in der Folge mangelnder Hygiene oder der Beeinträchtigung durch Kälte und raues Wetter zu erkennen. Straßenkinder leiden doppelt so häufig unter Krankheiten wie die Gesamtbevölkerung.
Alphabetisierung
Nach der zitierten Untersuchung von Bienestar Familiar (2006/07) ist der Anteil der Alphabetisierten unter den Straßenkindern relativ hoch: 71 Prozent der Jungen und Mädchen zwischen 7 und 11 Jahren und 87 Prozent der Zwölf- bis Siebzehnjährigen erklärten, sie könnten lesen und schreiben. 91 Prozent der Sieben- bis Elfjährigen hatten die Grundschule, 46 Prozent der Zwölf- bis Siebzehnjährigen die Sekundarstufe erreicht. Bei Mädchen liegt die Zahl derjenigen, die lesen und schreiben können, höher als bei Jungen.
Einrichtungen und Maßnahmen für Straßenkinder
Zwei Drittel aller Straßenbewohner in den kolumbianischen Städten erhalten keinerlei Unterstützung von anderen, und die allerwenigsten werden von ihren Familienangehörigen versorgt. Die institutionelle Hilfe (von Kirchen, Staat oder Nichtregierungsorganisationen) kommt nur etwa bei 5% von ihnen an. 80% der Straßenkinder in 13 großen kolumbianischen Städten haben sich irgendwann einmal an eine oder mehrere Institutionen gewendet. Dort werden ihnen Nahrung, Unterkunft und Kleidung zur Verfügung gestellt. Sie können überdies an Spiel- und Unterhaltungsprogrammen teilnehmen. Auch wird ihnen medizinische Versorgung und die Möglichkeit angeboten, ihre Kleider zu waschen.
Manche Institutionen machen auch Bildungsangebote, die, je nach Bedarf, aufs Niveau der Primar- oder der Sekundarstufe zugeschnitten sind. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit psychologischer Beratung und Betreuung. Seltener kommen Kinder in den Genuss von Alphabetisierungsprogrammen. Mangel herrscht auch an Sexualerziehung und Drogenberatung. Viele Straßenkinder schlagen die Hilfe von Institution aus. Sie wollen nicht dauerhaft in internatähnliche Hilfseinrichtungen aufgenommen werden. Als Begründung führen sie an, dass dort ihre Freiheit eingeschränkt werde. Auch müssten sie Regeln und Normen einhalten, die ihnen zuwider sind. Sie beklagen sich bisweilen über Schläge, Drogenentzug und das Unverständnis der Erwachsenen, die angeblich über die Belange und Bedürfnisse der Kinder hinwegsehen.
Der Text und die Bilder wurden uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von www.strassenkinderreport.de.
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