Strassenkinderreport Teil 15: Israel

,Die Situation von Kindern und Jugendlichen steht im Vordergrund bei unserem 15. Teil der Reihe Strassenkinderreport: Israel.

Israel hat 7 243 600 Einwohner. Hauptstadt ist Jerusalem. Weitere grosse Staedte sind Tel Aviv und Haifa. Hebraeisch und Arabisch sind die Amtssprachen. Das Bruttoinlandsprodukt macht pro Einwohner etwa 26 500 US-Dollar aus. Fast 30 Prozent der Bevoelkerung sind unter 14 Jahren, etwa 35 Prozent unter 18 Jahren alt. Der Zuwachs der Bevoelkerung betraegt 1,8 Prozent im Jahr.
Israel hat die Regierungsform einer parlamentarischen Demokratie. Staatsoberhaupt ist ein Praesident, Regierungschef ein Premierminister. 76 Prozent der Bevoelkerung sind Juden, 20 Prozent Araber. In Israel leben etwa 150 000 Christen und 120 000 Drusen.

Zur Situation von Kindern und Jugendlichen
Eine wachsende Zahl israelischer Kinder und Jugendlicher befindet sich in einer sozialen und wirtschaftlichen Notlage. 2007 lebten 1,67 Millionen Israelinnen und Israelis, 244 000 Familien und weit ueber 600 000 Kinder unterhalb der Armutsgrenze. In Lebensstandart und Bildungsniveau bestehen zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen erhebliche Unterschiede. Viele Jugendliche fallen aus dem Bildungssystem und der Arbeitswelt heraus. Sie besuchen weder Schule noch Ausbildungsstaette. Jaehrlich kommen ueber 20 000 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren neu hinzu, die keine Ausbildung absolvierenn. Meist handelt es sich um Jugendliche aus Einwandererfamilien und aus ultra-religioesen Kreisen.

Alltag
In Israel gibt es fuer hebraeisch-sprachige und fuer arabisch-sprachige Kinder getrennte Schulen. Die Einschulungsrate liegt bei 97 bis 98 Prozent. Bis in die 9. Klasse ist der Schulbesuch verpflichtend. Die Alphabetisierungsrate betraegt 98 Prozent. Allerdings gibt der Staat gibt fuer juedische Kinder dreimal so viel aus wie fuer arabische Kinder.

Das Alltagsleben israelischer Kinder und Jugendlicher ist durch die Konfrontation mit Terror und Gewalt gepraegt. Im September 2002 begann die so genannte Zweite INTIFADA. Seither sind ueber 10 Prozent der Bevoelkerung von einem terroristischen Anschlag direkt oder indirekt getroffen worden. Infolge des Terrors sollen etwa 20 Prozent der israelischen Jugendlichen an posttraumatischen Stoerungen leiden. Ein Viertel von ihnen fuehlt sich bestaendig in Lebensgefahr. Viele haben Angst vor weiteren Terroranschlaegen und insbesondere vor dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen.

Tausende von Kindern und Jugendlichen sind von den Unsicherheiten und Gefahren des Lebens in den umstrittenen Siedlungen betroffen. Viele reagieren auf die Krisen- und Stresssituationen mit Flucht- oder Verdraengungsstrategien. In den zurueckliegenden Jahren ist unter Jugendlichen noch staerker als unter Erwachsenen das Interesse an Religiositaet und Froemmigkeit gewachsen. Mehr als die Haelfte der Jugendlichen fastet an Jom Kippur (Versoehnungstag), dem hoechsten Feiertag der Juden. Esoterik, New Age und Yoga stehen hoch im Kurs.

Unter jungen Menschen steigt die Rate der Suizid-Faelle. ueber 3000 nehmen sich jaehrlich das Leben (vg. Ruth Sinai: Suicide rate steady, despite economic woes, HA?ARETZ Internet Edition 3.7.03). Bei Maennern liegt die Rate dreimal so hoch wie bei Frauen. Hintergruende insbesondere bei Eingewanderten sind wirtschaftliche und soziale Notlagen oder persoenliche Schwierigkeiten. Der andauernde juedisch-arabische Konflikt und die schlechte wirtschaftliche Entwicklung fuehren zu wachsenden Zukunftsaengsten. Viele junge Menschen wollen das Land verlassen und anderswo Arbeit und Auskommen suchen. Sehr viele befuerchten, Israel koenne von den arabischen Staaten geschlagen und vernichtet werden. Junge Israelinnen und Israelis sind heute deutlich patriotischer und weniger optimistisch als noch Anfang des Jahrtausends (vgl. www.israel1.org- Eye2Israel).

Untersuchungen zeigen, dass juedische Jugendliche im Alter mehrheitlich rechts-orientiert sind. Im Blick auf die politische Zukunft des Landes herrscht eine pessimistische Grundstimmung. Politikverdrossenheit macht sich breit. Junge Menschen verlieren das Interesse am Rechtsstaat und geben zunehmend demokratische Prinzipien auf. Sie sind zwar fuer den Friedensprozess, zeigen aber keinerlei Bereitschaft, einen Preis dafuer zu zahlen. Die meisten Jugendlichen haben die Hoffnung auf eine Versoehnung mit den Palaestinensern aufgegeben. Fast die Haelfte der jungen Juden wollen ihren arabischen Mitbuergern politische Rechte vorenthalten. Nur ein Viertel von ihnen ist fuer eine Zweistaatenloesung, 20 Prozent streben einen bi-nationalen Staat mit gleichen Rechten fuer Juden und Palaestinenser an.

Grosse Unterschiede herrschen offenbar zwischen arabischen und juedischen Jugendlichen. Waehrend bei den jungen Juden der Trend nach rechts geht, geben immer mehr arabische Jugendliche die Bindung an die traditionellen politischen Lager auf.

Kinderarbeit
Eigentlich sind Kinder in Israel durch die Gesetze vor Ausbeutung und Zwangsarbeit geschuetzt. Sie duerfen erst ab dem fuenfzehnten Lebensjahr als Lehrlinge angestellt werden. Waehrend der Schulferien koennen schon 14-Jaehrige in leichten und nicht gesundheitsschaedlichen Jobs beschaeftigt werden. Die Arbeitsstunden Jugendlicher sind begrenzt, und es muss ihnen genuegend Zeit fuer Erholung und Lernen bleiben.

Dennoch gibt es viele illegal arbeitende Kinder in Israel. Ihre Zahl wird auf 5000 bis 10 000 geschaetzt. Das Phaenomen betrifft vor allem die arabische und die palaestinensische Bevoelkerung, weniger die israelitischen Juden. Kinder arbeiten vor allem in Restaurants, auf Maerkten, als Gehilfen in Fabriken und in Haushalten.

Kindersoldaten
Aus dem Weltbericht 2008 ueber Kindersoldaten geht hervor, dass minderjaehrige Palaestinenser von Armee und Polizei als Informanten benutzt wurden (vgl. http://www.amnesty.de/journal/2008/august/weltbericht-kindersoldaten-2008). Israelitische Soldaten sollen palaestinensische Kinder als ?menschliche Schutzschilde” missbraucht haben. Die Regierung Israels hat erklaert, dass definitiv keine Kindersoldaten (Soldaten unter 18 Jahren) in Kampfhandlungen eingesetzt wuerden.

Migrantenkinder
Der Staat Israel, Lebensmittelpunkt, Heimat und Heimstaette der Juden in aller Welt, hat seit seiner Gruendung grosse Einwanderungswellen angezogen und das Land zu einem Schmelztiegel der Kulturen gemacht. In den letzten Jahren kamen die meisten Migranten aus aethiopien, Russland, Frankreich, den USA und der Ukraine. Die israelitische Integrationspolitik will heute die Traditionen und Religionen der Einwanderer achten und wahren.

Angesichts der kulturellen, ethnischen und religioesen Vielfalt der Einwanderer wurden von der Regierung in Kooperation mit Nicht-Regierungsorganisationen und internationalen zionistischen Verbaenden Programme zur Ausbildung und Eingliederung von jugendlichen Migranten entwickelt. Ausserdem werden materielle und finanzielle Hilfen zur Verfuegung gestellt. Angesichts der Tatsache, dass 40 Prozent der Kinder aus eingewanderten Familien die schulische Laufbahn und berufliche Ausbildung abbrechen, kuemmern sich zahlreiche Vereine um deren Integration in die Gesellschaft.

In einer besonders problematischen Lage sind Hundertausende Fremdarbeiter und Fremdarbeiterinnen, unter ihnen Tausende von Kindern und Jugendlichen, die aus Rumaenien, Thailand und den Philippinen stammen und keine offiziellen Papiere besitzen. Den in Israel geborenen Kindern soll in naher Zukunft die Moeglichkeit einer Einbuergerung eroeffnet werden.

ueber 10 000 Fluechtlinge sind aus afrikanischen Laendern nach Israel gekommen. Viele stammen aus dem Sudan, wo sie vor dem Buergerkrieg geflohen sind. Die Legalisierung ihres Aufenthaltes im Land ist strittig.

Kriminalitaet
In Israel kommt es, statistisch gesehen, alle 13 Minuten zu einem Einbruch, alle 17 Minuten zu einem Autodiebstahl, alle 7 Stunden zu einer Vergewaltigung (vgl. Medienspiegel, Website der Deutschen Botschaft in Israel 22.2.05). Wachsende Jugendgewalt und Jugendkriminalitaet erregen in der oeffentlichkeit erhebliches Aufsehen. Gewalttaetige Auseinandersetzungen unter Kindern und Jugendlichen nehmen stark zu. Das Alter der Beteiligten sinkt. Selbst Acht- bis Neunjaehrige sind in Diebstahl- und Drogenkriminalitaet verwickelt.

Die Kriminalitaet liegt besonders bei Jugendlichen aus Familien von neu Eingewanderten ueberproportional hoch. Kinder mit Migrationshintergrund leiden besonders haeufig unter familiaerer Zerruettung, Identitaetskrisen und Gewalt. Der Anteil der Jugendlichen, die im Alter von 14 bis 17 Jahren ihre Ausbildung abbrechen, ist besonders hoch.

Gewalt an Schulen
Zahlreiche israelische Schueler und Schuelerinnen sind bereits Opfer physischer Gewalt geworden. Sowohl in Grund- wie in Mittelschulen fuehlen sich viele Jungen und Maedchen unsicher und haben Angst. Mitunter kommt es zu Vorfaellen auf dem Schulgelaende, bei denen Waffen eine Rolle spielen. Was Jugendgewalt und Drogenmissbrauch betrifft, so liegt Israel im internationalen Vergleich in der vorderen Gruppe. Sogar unter Maedchen nehmen Gewalt, Drogenkonsum und psychische Stoerungen zu.

Die Konflikte zwischen Strassenbanden verschiedener ethnischer Bevoelkerungsgruppen werden mit Gewalt ausgetragem. Das Erziehungsministerium versucht, dieser Entwicklung mit Beratung und Anti-Gewalt-Programme zu begegnen. Bei der Bekaempfung der Jugendkriminalitaet versucht die Polizeiarbeit, die betroffenen Jugendlichen aus ihrem kriminellen Umfeld herauszuholen, Vorstrafen zu vermeiden und ihre Zukunftschancen zu staerken.

Drogen
In kaum einem Land der Welt nehmen Minderjaehrige so haeufig Beruhigungsmittel wie in Israel. Der Verbrauch an Medikamenten gegen Depression und Angstzustaende ist besorgniserregend hoch. Fast 30 Prozent der Maenner und mehr als 15 Prozent der Frauen rauchen. Bereits im Schulalter ist taegliches Zigarettenrauchen verbreitet. Alkoholkonsum gehoert zur Jugendkultur.

Etwa 5 Prozent der Israelinnen und Israelis nehmen gelegentlich oder haeufig illegale Drogen, der Konsum nimmt zu. Frueher war Haschisch die Droge der ersten Wahl, dann wurde es von Marihuana verdraengt. Inzwischen nimmt die Nachfrage nach Haschisch wieder zu. Studenten konsumieren neben Haschisch und Marihuana auch harte Drogen wie Heroin, Kokain, Ecstasy, Opium oder Crack. Von religioesen Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren sollen harte Drogen sogar haeufiger konsumiert werden als von saekular orientierten Gleichaltrigen.

Besonders gefaehrdet sind obdachlose Jugendliche, die ohne festen Wohnsitz auf der Strasse leben. Die meisten von ihnen sind von Alkohol und harten Drogen abhaengig.

Im internationalen Drogenhandel spielen organisierte israelisch-russische Verbrecherbanden, die den europaeischen Markt kontrollieren und auch in den USA einflussreich sind, eine grosse Rolle. Jedes Jahr werden schaetzungsweise 70 Tonnen Heroin ins Land gebracht, meist aus aegypten, aus dem Libanon und aus Jordanien. Ecstasy und LSD werden ueber See- und Flughaefen importiert.

In allen Staedten des Landes gibt es Drogenberatungsstellen. Lokale Behoerden und Initiativen entwickeln gemeinsame Aufklaerungskampagnen und Hilfsprogramme fuer Drogenabhaengige.

Massnahmen fuer Jugendliche in Risikosituationen
Nach israelischem Recht gelten junge Menschen unter 18 Jahren als Minderjaehrige, von 14 bis 17 Jahren als Jugendliche, ueber 18-Jaehrige als Volljaehrige (vgl. Hermann Sieben: Internationaler Jugendaustausch und Besucherdienst der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Jugend und Jugendarbeit in Israel, Bonn 1995, S. 45ff.) Das Gesetz zur Staatlichen Erziehung formuliert allgemeine Ziele und Grundlinien des staatlichen Schul- und Erziehungssystems. Im Gesetz ueber die Schulpflicht legt fuer das Alter von 5 bis 15 Jahren eine allgemeine und kostenlose Schulpflicht bis zur 10. Klasse fest. Eltern haben das Recht, fuer ihr Kind zwischen einem der anerkannten parallelen Schulsysteme (staatlich, staatlich-religioes oder unabhaengig) auszuwaehlen.

Das Gesetz ueber das Recht auf Ausbildung aus dem Jahr 2000 nimmt Bezug auf die UN-Charta und schreibt das Recht jedes Einzelnen auf menschliche Wuerde, Erziehung und Teilhabe an der Ausbildung an Schulen und Universitaeten fest. In der oeffentlichkeit ist Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahren der Konsum von Alkohol verboten. Die 1989 von den Vereinten Nationen verabschiedete Internationale Kinderrechtskonvention wurde vom Staat Israel 1991 unterzeichnet (vgl. www.eliusa.org/home.htm: Israelischer Kinderschutzbund; www.crin.org/reg/country.asp?ctryID=102&subregID=13: Internationaler Kinderschutzbund – Sektion Israel; www.children.org.il: Nationaler Rat fuer das Wohl des Kindes; www.mecaed.org: israelisch-palaestinensischer Kinderschutzbund).

Fuer den Nachwuchs von neu eingewanderten arabischen Familien, die mit grossen sozialen und wirtschaftlichen Problemen zu kaempfen haben und deren Hauptprobleme Gewalt, Kriminalitaet und Drogenkonsum darstellen,engagiert sich das Referat Jugendfoerderung des Erziehungsministeriums. Hunderte von Bildungseinrichtungen bieten ihnen eine ganztaegige Unterbringung und Schulausbildung in Internatsform. Es gibt staatliche wie religioese Kinderdoerfer, offene und geschlossene Schutzheime fuer gefaehrdete Jugendliche und schulische Einrichtungen der Sonderpaedagogik fuer Kinder und Jugendliche mit Lernproblemen und Verhaltensauffaelligkeiten.

Der Text und die Bilder wurden uns freundlicherweise zur Verfuegung gestellt von www.strassenkinderreport.de.

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