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Flucht in ein besseres Leben?

Britta

Ana ist Mitte Fünfzig, arbeitet als Köchin auf einer Finca in Dapa und ist vor einigen Jahren vor der Guerilla geflohen.
Sie ist in der Provinz Cauca aufgewachsen, im Süden Kolumbiens, in einem kleinen Bergdorf. Neben ihrem Haus wurde nach ein paar Jahren eine kleine Polizeistation errichtet. Seit diesem Zeitpunkt hat sich das Leben von Ana und ihrer Familie um 180 Grad gewandelt.
Es entbrach ein regelrechter Krieg zwischen der Guerilla und den Polizisten.
„Die Guerilla ging bei uns im Dorf ein und aus und hat für viel Verwüstung gesorgt. Ich habe aber nie gesehen, dass sie einen Zivilisten verletzt haben.“
Trotzdem bleibt die Präsenz der Guerilla für Ana und ihre Familie nicht ohne Folgen. Schusswechsel und Bomben gehören für sie zum Alltag.
„Eines Nachts sind wir aufgewacht, weil die ganze Erde gebebt hat. Wir rannten raus, weil wir dachten, dass es sich um ein starkes Erdbeben handelt. Draußen konnten wir dann kaum atmen, weil es so nach Schusspulver gerochen hat und überall war Feuer. Wir sind dann wieder schnell zurück ins Haus gerannt.“
Nach einigen Monaten reicht es der Kolumbianerin und ihrer Familie schließlich. Sie machen das, was so viele Kolumbianer getan haben. Sie lassen ihr Hab und Gut hinter sich und fliehen.
„Der Bruder meines Mannes hatte hier in Dapa Arbeit. Dadurch sind wir hier her gekommen. Trotzdem ist es anders. In meinem Heimatdorf hatten wir ein großes Haus, mit vier Zimmern, Küche und Bad. Ich vermisse mein Haus und meine Freunde. Es geht uns hier zwar gut, wir haben Glück mit unseren Arbeitgebern, aber es ist trotzdem nicht dasselbe.“
Heute lebt Ana in einem kleinen Haus auf dem Grundstück reicher Amerikaner. Ihr Mann pflegt den Garten, sie arbeitet als Haushälterin. Beide müssen eigentlich immer abrufbereit sein.
Ana und ihre Familie haben tragende Schäden von diesen Erlebnissen davon getragen. Ihre Mutter hat Probleme mit den Nerven, ihr zweites Kind ist behindert. Jahrelang konnten sie nachts nicht zur Ruhe kommen.
Trotz dieser traumatischen Erlebnisse hofft die Familie darauf, bald wieder zurückzuziehen, mietet sogar im Dorf ein Haus und fährt alle paar Wochen dorthin zurück.
„Meiner Mama gefällt es dort sehr.“
Anas Schicksal ist nicht selten hier in Kolumbien, fast alle Menschen, die in den Armenvierteln der großen Metropolen Kolumbiens leben, teilen die selbe Geschichte. Nicht alle haben das Glück, direkt eine neue Arbeit gefunden zu haben. Vielen geht es schlechter als vorher. Die Regierung bietet den Flüchtlingen keinerlei Entschädigung für das, was sie durchleben müssen. Sie sind völlig auf sich alleine gestellt, nachdem sie das Land verlassen und in die Städte kommen.

Geschrieben von Miriam und Britta am 14. Mai 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Keine Kommentare

Die Geschichtenerzähler aus San Antonio

Britta

„Was ist die größte Touristenattraktion Kolumbiens? Kolumbien hat das karibische Meer, die wilden Strände des Pazifiks, die unvergleichbare Wildnis des Amazonas, Berge, Täler, Flüsse, Tiere – alles, was das Herz begehrt. Doch nichts davon ist die wirkliche Attraktion unseres Landes. Kolumbiens größte Attraktion sind seine Bewohner. Immer wenn ich Rucksackreisende treffe, erzählen sie mir, wie toll los colombianos doch sind. Reisende kommen nach Cali, um noch mehr Kolumbianer zu treffen.“
Der Cuentero, Geschichtenerzähler, der mit seiner großen Hornbrille das bunt gemischte Publikum vor ihm immer wieder zum Lachen bringt, spricht mir mit seiner Einleitung aus dem Herzen.
Gestern ist mir wieder Mal aufgefallen, dass Kolumbien einfach nur verrückt ist!!! Auf dem Weg nach San Antonio, das Künstlerviertel Calis – das meiner Meinung nach einzig schöne Viertel der Stadt – in dem sich bunte Häuschen aneinanderreihen und man einen tollen Blick auf die Stadt hat, begegnet mir ein Mann auf einem uralten Fahrrad, der einen riesigen, überdimensional großen Suppenkopf (von der Größe eines neunjährigen Kindes) vor sich postiert hat und pro Sekunde ungefähr hundert Mal auf seine ohrenbetäubend laute und schrille Hupe drückt und mit lauter, verstellter Stimme: „Champúuuuuuuuuuuuuuuuuuus!“ durch die Gegend ruft. Als er merkt, dass ich total anfangen muss zu lachen, bleibt er geschlagene zehn Minuten neben mir (natürlich kann ich auch nicht aufhören zu lachen), bis mein Gehör dann irgendwann wirklich komplett den Geist aufgibt.
Auch in San Antonio, auf dem Platz neben der alten Kirche, auf dem sich jeden Sonntagabend vier Geschichten- und Witzeerzähler versammeln, um eine bunt zusammengewürfelte Masse drei Stunden lang zu unterhalten, werde ich von der Champusgeschichte (Champus ist ürigens so ein komisches Getränk aus Mais, Früchten und verschiedenen Gewürzen) verfolgt.
„Ist denn heute auch jemand im Publikum, der außerhalb des Valles geboren wurde?“ Juhu, natürlich hat der Cuentero mich mit meinen blonden Haaren inmitten der ganzen dunklen Kolumbianer schon längst erspäht und wartet nur darauf, dass er seine Witzchen über mich machen kann.
Meine Versuche mich hinter dem Rücken meines Freundes Juan zu verstecken sind natürlich zwecklos, denn der fängt mit einem schadenfrohen Grinsen auf den Lippen laut an zu schreien und mit großen Gesten auf mich zu zeigen. Na toll – vierhundert dunkelbraune Augenpaare, die mich neugierig anstarren.
„Woher kommst du denn?“ „Aus Deutschland.“ Lauter Applaus aus der Masse und dann springt der Cuentero natürlich voll darauf an, dass sich meine Wangen nach und nach erröten. Kolumbianer können ja aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe nicht erröten und finden dieses Phänomen dann bei mir immer ganz toll. Naja, nachdem er dann fünf Minuten seine Witzchen über mich reist, da kommt er dann auch wieder auf das Champú – nein, nicht Shampoo! – zu sprechen, sucht er sich das nächste Opfer aus und bringt das Publikum damit zum Lachen. Schließlich beginnt er seine Geschichte zu erzählen, bei der man von einem Lacher zum nächsten fällt, zwischendurch pickt er sich immer wieder einen der Zuschauer aus, bezieht ihn mit in die Geschichte ein, reist Witzchen, schüttelt sein langes, dunkelbraunes Haar und tanzt sich mit seinen dünnen Beinchen vor uns einen ab.
Man wird wirlich richtig in eine andere Welt hineingezogen, in ein Kolumbien von früher, das erfüllt ist von Aberglauben und Dorfgequatsche. Ich muss sofort an die Geschichten von García Márquez denken.
Ich finde es einfach toll, was sich vor meinen Augen abspielt. Eine riesige Masse, die auf dem Steinboden sitzt, das Leuchten der Stadt unter unseren Füßen, bunt zusammengewürfelt, jeglichen Alters und jeglicher Klasse, alte Frauen, verliebte Paare, junge Teenager, ich sehe sogar eine Schülerin unserer Schule in Aguablanca. Alle paar Minuten muss man die Beine einziehen, weil die für Kolumbien so typischen Straßenverkäufer einem mit ihren Brustkörben voller Chips die Sicht versperren, und auch nach dem sechzigsten Mal Verneinen nicht aufgeben, einem ein Bier andrehen zu wollen. Das Spektakel ist gratis, aber am Schluss jeder Vorstellung wird ein überdimensional großer Eimer (ein WIRKLICH überdimensional großer Eimer, der mich fast schon wieder an den Suppentopf erinnert) durch das Publikum gereicht und jeder lässt ein paar Münzen hineinrasseln. Auch die Kolumbianer, die kurz vor Schluss ganz unauffällig verschwinden wollen, um die Münzen zu sparen, werden nicht verschont und zur Zielscheibe einer Tonne von Witzchen.
Es ist einfach nur toll, die Kolumbianer haben wirklich einen tollen Zusammenhalt und scheuen sich nicht davor, sich über ihre eigenes chaotisches Dasein lustig zu machen.

Geschrieben von Miriam und Britta am 9. April 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Keine Kommentare

“Meine Mama hat mich nie geliebt.” – Der eindrucksvollste Tag meines Lebens

„Meine Mama hat mich nie geliebt. Mit zwölf musste ich anfangen als Haushaltshilfe in anderen Familien zu arbeiten, ich bin nie zur Schule gegangen und habe nie etwas anderes gelernt. Als Älteste meiner sechs Geschwister musste ich schon früh dabei helfen, Geld ins Haus zu bringen. Nur meine drei Brüder sind zur Schule gegangen, wir Mädchen durften das nicht.“
Katharinas Gesicht ist geprägt von tiefen Furchen und ich habe noch nie zuvor solche Augen gesehen. Während sie erzählt, nickt sie immer wieder traurig mit dem Kopf und blickt auf den Fußboden.

Heute wurde bei uns in der Schule der „Día del amor“ gefeiert und ich bin immer noch völlig aufgewühlt und kann das heute Erlebte gar nicht in Worte fassen. Ich glaube heute war wirklich einer der schönsten und emotionalsten Tage meines Lebens.
Anstatt Unterricht zu machen, bringt heute jede Klasse ein oder zwei abuelitos, alte Leute aus dem Viertel, die unter ganz schlechten Bedingungen leben, mit in die Schule. Die Kinder selbst wählen ihren abuelito aus. Dort gibt es Carlos, der nicht laufen kann und nur kommen kann, da ihm eine Organisation einen Rollstuhl geliehen hat, Armin, der mit seinen über siebzig noch Kaugummis verkaufen muss, José, der in seinem Leben mit dem Zirkus durch Südamerika getourt ist, bis er dann vom Seil fiel und seitdem blind ist. Achtzehn alte Menschen haben sich in der Schule versammelt, die alle eins gemeinsam haben: Sie sind sehr arm und alleine.
Um 09:00 Uhr empfangen wir sie an einem rot dekorierten Tisch mit einem leckeren Frühstück. Es gibt Arepa, Rührei, einen Apfel und heiße Schokolade. Mir geht schon das Herz auf, als ich sehe, wie die Kinder die wackeligen Alten an der Hand nehmen und sie zum Tisch begleiten.
Nach dem Frühstück, das ihnen von uns und den Elfern serviert wird, singt der Chor ihnen ein Ständchen. Ganz spontan stellt sich danach eine der Alten hin und singt eine religiöse Hymne. Auch sie ist blind, strahlt aber über beide Ohren. Davon angeregt beginnt José, der Zirkusmonteur, ein Ave Maria zu trällern. Es ist einfach nur wundervoll und herzergreifend, man kann nicht anders, als einfach nur Zuneigung und Glück zu empfinden.
Danach geht jeder der abuelitos in einen der Salons, wo sie den Kindern ihre Lebensgeschichte erzählen.
Ich begleite die sechste Klasse, da sich dort viele meiner Klavierschüler befinden. Schon von Anfang an merkt man, dass unsere abuelita es nicht leicht hatte im Leben. Sie kommt mir vor, als wäre sie 80 Jahre alt, ist aber grade mal 64. Trotzdem ist sie krank und hat nicht viel Kraft.
Sie ist sehr ernst und fängt schon am Anfang ihrer Erzählungen an zu weinen. Ihre Mutter sei sehr hart mit ihre gewesen, der Vater sei ein guter Vater gewesen, habe immer dafür gesorgt, dass ein Essen auf ihrem Tisch lande. Doch als dieser verstarb, hätte sich alles nur verschlimmert.
Mit zwölft fängt Katharina an zu arbeiten, mir wird ganz mulmig als ich das höre, und auch die Schüler gucken ganz verdrossen drein.
Mit siebzehn heiratet sie und bekommt wenig später ihr erstes Kind. Während der Trauzeremonie wird sie öffentlich von ihrer Mutter beleidigt und angeschrien. Aufgrund der Hochzeit zieht sie daheim aus und hat ihre Mutter seit diesem Tag nicht mehr gesehen. Jedes Mal, wenn wir auf ihre Mutter zu sprechen kommen, fängt sie an zu weinen.
Katharina bekommt sechs Kinder, am Anfang geht es ihnen gut, ihr Mann ist ein guter Ehemann, doch dann beginnt er, sie zu schlagen und schlecht zu behandeln. Sie flieht und kommt mit ihren Kindern bei einer Freundin unter, bis sie schließlich Arbeit in einem Restaurant findet, und mit dem Gehalt ein Zimmer bezahlen kann.
Von ihren Geschwistern, denen es einigermaßen gut ergeht, bekommt sie nie jemanden zu Gesicht, hört nicht einmal etwas von ihnen. Wenn sie sie anruft, um ihnen zu sagen, dass sie Geld für den Arzt braucht, kommt nichts zurück.
Auch ihre Kinder kümmern sich nicht, und das, obwohl sie doch versucht hat, ihnen so viel Liebe zu schenken, dafür zu sorgen, dass alle zur Schule gehen können und Arbeit finden.
„Wie geht es ihren Kindern jetzt?“, frage ich.
„Gut. Sie sind arm, aber es geht ihnen gut.“ Mit fünfzig stirbt ihr Mann und einer ihrer Söhne im Alter von fünfzehn in einem Autounfall, danach muss sie die Familie alleine unterhalten. Sie kämpft sich von einer Arbeit zur nächsten, doch nichts dauert länger als vier, fünf Jahre am Stück. Das ist auch der Grund, warum Katharina keine Rente bekommt. Immer noch muss sie Wäsche waschen und Wohnungen säubern. „Ich bin müde, ich kann nicht mehr, aber ich brauche das Geld.“
Ihre Kinder arbeiten heute als Bäcker oder Schreiner, doch keiner lässt sich  bei ihr blicken. Bis vor kurzem hat Katharina zusammen mit einem Bruder gewohnt, der einzige, der sich um sie gekümmert hat. Der ist jedoch vor zwei Monaten spurlos verschwunden, und keiner weiß, was mit ihm ist.
Ich kann einfach nicht begreifen, wieso. Warum kümmert sich keiner um diese arme, alte Frau? Warum interessieren sich weder ihre Geschwister noch ihre Kinder für sie? Wieso hat ihre Mutter sie so schlecht behandelt? Was hat diese arme, nette, alte Frau getan, dass sie das verdient? Ich finde es einfach nur grausam und es macht mich unglaublich traurig.
Und doch hat sie immer ein Lächeln für die Schüler oder mich übrig, wenn wir eine  Frage stellen.
„Mussten Sie oft hungern?“, fragt eine der Schülerinnen.
„Ja, sehr. Sehr, sehr, sehr viel.“ Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, wie viel Essen täglich in Deutschland im Mülleimer landet. Deswegen kann ich auch kein Essen mehr wegschmeißen. Egal, wie vergammelt die Karotte im Kühlschrank schon ist, sie wird noch für irgendwas verwendet.
Am Anfang meiner Zeit hier fand ich es noch eklig, dass Terry (die Amerikanerin, die oben in Dapa lebt) verschimmelte Erdbeeren für ihren Nachtisch benutzt, aber mittlerweile kann ich es total nachvollziehen.
Später spielen einige Schüler den abuelitos noch etwas auf der Querflöte und auf der Geige vor. Dann essen wir gemeinsam etwas Brot und Weintrauben, in Gedenken an Jesus und sein letztes Abendmahl.
Zum Abschied wird jedem abuelito ein ganzer Einkauf geschenkt. Reis, Zucker, Mehl, Öl, Eier, Brot, Kaffee und einiges mehr.
Ich bin so dankbar, dass ich diese Erfahrung machen darf und Teil dieses Tages sein durfte.
Als wir später mit den Lehrern in der Versammlung darüber reden und jeder von seinem Treffen mit dem jeweiligen abuelo berichtet, kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil mir einfach bewusst wird, wie gut wir es in Deutschland haben, wie viel Glück ich in meinem Leben bisher hatte und welche Chancen und Möglichkeiten uns Deutschen im Leben gegeben werden. Und wie wenig wir das zu schätzen wissen. Wie oft regen wir uns über so kleine, alltägliche Dinge auf, wie eine zu spät kommende U-Bahn, eine schlechte Note, Regen, Stau, oder ein überteuertes Mittagessen. Ganz ehrlich Leute, wacht mal auf!!! Katharina hat mir gezeigt, was es heißt, ein schweres Leben zu haben, und trotzdem gibt sie nicht auf, macht weiter, und dankt Gott für jeden Tag, den sie leben darf, dankt ihm für den Tag in der Schule und bittet ihn darum, uns zu beschützen. Ich kann diese Frau nur bewundern und ich glaube, dass ich diesen Tag nie wieder vergessen werde.
Immer noch bin ich total aufgewühlt und ich glaube, es dauert auch noch ein paar Tage, bis ich diesen Tag verarbeiten werde, denn es war wirklich eine ziemliche starke und intensive Sache für mich, die mich sehr beschäftigt.
Wenn ich unser Leben in Deutschland mit dem der Menschen hier in Aguablanca vergleiche, weiß ich ehrlich gesagt nicht so ganz, wie ich damit zurecht kommen würde.

Wenn wir alle nur ein bisschen sozialer denken und handeln würden, würden wir wahrscheinlich schon in einer viel besseren Welt leben. Ich weiß, dass das jetzt vielleicht sehr idealistisch klingt, aber alleine, sich bewusst zu machen, dass genug unserer Mitmenschen täglich ums Überleben kämpfen müssen, bringt uns vielleicht schon ein Stück weiter.
Der Lehrer der fünften Klasse erzählt, dass ihr abuelito mit dem Satz reinkam: „Ich lag gerade eine ganze Woche in meinem Bett ohne aufzustehen, ohne dass es jemand gemerkt hat.“ Als sie ihn fragen, wie er das denn überlebt habe, meint er: „Medikamente.“ Man fühlt sich einfach nur total beklommen.
Man muss sich einfach immer und immer wieder in Gedanken rufen, wie gut wir es in Deutschland haben. Es gibt so viele Menschen, die unsere Hilfe brauchen, und natürlich kann man nicht allen auf einmal helfen, aber auch die kleinen Dinge bringen einen ein Stück weiter. Deswegen liebe ich die Arbeit in der Schule so. Dort herrscht ein so hohes Maß an Nächstenliebe, man kann das gar nicht in Worte fassen. Immer wieder sehe ich, wie größere Schüler ihre kleineren Schulkameraden umarmen und drücken, wie auch wir ständig gedrückt und geküsst werden.
Und deswegen liebe ich auch die Musik. Ich wünschte, ich könnte das Leuchten in den Augen der Schüler beim Singen über diesen Blog nach Deutschland übermitteln.
Auch in den Köpfen aller Schüler und Lehrer bleibt das Erlebte eingebrannt. So wollen wir nun versuchen, dem behinderten Mann einen Rollstuhl zu schenken.

Ich kann nur noch einmal sagen: Danke, danke, danke, dass ich diese Erfahrungen machen darf.

Geschrieben von Miriam und Britta am 29. März 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Ein Kommentar

Wie Latinos ihre Frauen auf Händen tragen

Britta

Rote Rosen, so weit das Auge reicht, Herzluftballons an jeder Ecke und eine außergewöhnliche fröhliche Stimmung erfüllen Cali am Tag der Frau.
„Heute ist unser Tag!“ ist der Inhalt der Sms meiner Freundin Alejandra, im Radio schreit ein Sprecher nach dem anderen „Feliz día!“ durch die Gegend und schon seit Tagen bieten die Supermärke eine Variation von kitschigen Pralinen an.
Oh ja – da kommt ganz der Latinoromantiker zum Vorschein.
„Ihr Frauen seid speziell und das muss gewürdigt werden! Wir wissen, was ihr tagtäglich vollbringt!“, sind die Worte unseres Musiklehrers Oscar, nachdem er und seine fünf männlichen Kollegen uns 25 Frauen ein ganz besonderes Mittagessen serviert haben. „Frauen sind die tollsten Geschöpfe dieser Erde!“, so der Sportlehrer.
Der „Día de la mujer“ kommt mir fast so vor wie Geburtstag und Weihnachten zusammen!
Als wir morgens in der Schule ankommen, ist schon alles in Rot dekoriert, die erste Stunde fällt aus und stattdessen wird erst gebetet und dann die Fahne gehisst, die Nationalhymne, sowie die Hymne der Provinz und die Hymne Calis und die Hymne der Schule gesungen und musikalische Beiträge geboten.
Auch ich gebe zusammen mit den Streichern der Schule meine erste Darbietung auf der Geige, wuhuuu!
Auch der Rest des Tages verläuft alles andere als normal! Im Descanso gibt es ein spezielles Geschenk der Küche – Obstsalat mit Joghurt, in der vierten Stunde singt die ganze Schule im Chor und in der fünften Stunde überreichen die Jungen der ersten Klasse den Mädchen der selbigen Stufe kleine Aufmerksamkeiten. Den ganzen Tag über umarmen mich regelmäßig kleine Schülerchen und gratulieren mir zum Frauentag oder schenken mir Süßigkeiten oder Bilder.
Die sechste Stunde entfällt ganz. Während sich die männlichen Kollegen daran machen, (Als wir dabei helfen wollen, werden wir vehement abgewehrt, denn heute – nicht vergessen! – ist ja Día de la mujer!) eine lange Tafel zu dekorieren und uns das Essen vorzusetzen, steigt die Laune unter den Frauen. Es wird gelacht und gescherzt bis zum Umkippen! Das Highlight: eine rote Rose für jeden beim Abschied und ein Solo, das uns Oscar mit Gesang auf der Gitarre gibt.
Unsere werten Kolleginnen nutzen den Tag dann auch noch voll aus, indem sie einem der Kollegen einfach einen riesigen Stapel ungewaschenes Geschirr vorsetzen und sich dann auf den Weg nach Hause machen. Ich weiß nicht, ob ich das dreist oder lustig finden soll?
Wow, warum müssen es Kolumbianer immer so übertreiben? Ich weiß nicht, aber ich kann nur noch lachen, als in der Mìo wirklich JEDE ZWEITE FRAU eine Rose in der Hand hält. An diesem Tag können die Kolumbianer wirklich ihr ganzes lateinamerikanisches Temperament entfalten und mal zeigen, was es heißt ein Latinogentleman zu sein!
Gibt es denn auch den Día del hombre? Ja, aber keiner weiß, wann genau der sein soll.

Geschrieben von Miriam und Britta am 9. März 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Ein Kommentar

Die Welt der Reichen und Schönen

Britta

Ich komme mir vor als hätte man mich direkt in Desperate Houswives hinein katapultiert, als wir das Tor des Club Campestre im Süden Calis passieren.
Hier verbringen die Reichen und Schönen Calis ihre Freizeit, flüchten vor dem Lärm und Smog der Stadt, um ein bisschen Ruhe zu genießen.
Mehrere Security-Männer empfangen uns am Eingang des exquisiten Clubs der Millionäre Kolumbiens. Während wir unsere Daten aufgeben, passiert ein schicker Schlitten nach dem anderen die Schranken, Leute mit dicken Sonnenbrillen und Markenklamotten verbergen sich hinter den dunkel getünchten Scheiben.
Direkt am Anfang lassen wir die kleine Schwester unseres Freundes Juan am Schönheitssalon raus und erkunden danach zu Fuß den Park.
Das Geländer besteht aus einem riesigen Golfplatz, gepflegten Wegen umgeben von üppiger Vegetation und bunten Blumen. Mehrere kleine Seen säumen den Pfad, der uns durch das enorme Anwesen führt, wir passieren einen Reiterhof, auf dessen Wiesen Pferde grasen, die wohl teurer sind als manches Auto.
Immer wieder kommen uns Leute in kurzen Golfklamotten, oder Polooutfits entgegen. Ich kann kaum glauben, wo ich hier gelandet bin.
Ich kann mir nicht helfen und muss wirklich ständig an Bree Van de Kamp denken.
Nach einem kurzen Rundgang mit paradiesischem Ausblick auf das Gelände, begeben wir uns in den Essensbereich, wo allerlei Delikatessen angeboten werden. Man kann auch direkt am Pool essen, wo uns ständig Bedienstete in weißen Anzügen hinterherrennen, uns kaltes Wasser bringen,  Insektenspray, Handtücher und was das Herz begehrt.
Das ganze hat die Atmosphäre eines riesigen All-Inclusive Luxusresorts, nur das es eben das ständige Freizeitprogramm der Reichen hier darstellt. Neben den Tischtennisplatten befinden sich die Squashräume, daneben das Fitnessstudio, der Wellnessbereich, Tennis- und Fußballplätze.
Wenn ich das mit dem grauen, versmogten, heißen Aguablanca vergleiche, wird mir ganz anders. Mein Klavierschüler Wilter hat das Viertel noch nie verlassen, weiß weder wo sich das Stadion noch das Sportzentrum der Stadt befinden. Alles, was er kennt, ist das ewige Grau der Straßen Aguablancas, die verdörrte Erde, auf der alle möglichen Leute ihren Müll verbrennen, und den Betonplatz neben der Schule, auf dem er ab und zu mal Fußball spielt.
Und doch erscheint er mir um einiges glücklicher als die ganzen Menschen im Club Campestre, die ständig innehalten um oberflächlichen Smalltalk zu führen oder sich beim Kellner über die Temperatur ihres Wassers beschweren.

Geschrieben von Miriam und Britta am 7. März 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Ein Kommentar

7500 Euro für einen Soldaten und 1500 Euro an einen Schüler

Britta

Jährlich werden in Kolumbien ungefähr 18.000.000 Pesos (7500 Euro) für einen Soldaten ausgegeben. Für einen Schüler 3.515.000 Pesos (1500 Euro).
2009 gibt Kolumbien 3,7% des BIP für das Militär aus. Für Bildung gerade mal 0,69%.

Der Schulbeginn in unserer Schule in Aguablanca war so chaotisch wie noch nie. Das lag nicht etwa an der schlechten Organisation unserer geliebten Schulleiterinnen, sondern viel mehr daran, dass der Staat hier macht, was er will.

Bisher mussten die Eltern unserer Schüler in Aguablanca einen Jahresbeitrag von 140.000 Pesos (ungefähr 50 Euro) bezahlen. Davon wurden zum Teil die Kopierkosten, die vielen Projekte an der Schule (jede Woche kommen einige der besten Musiker Calis an die Schule, um unsere Schüler dort in Violin, Cello, Querflöte und Schlagzeug zu unterrichten) und die Fahrten zum Sportunterricht (am Rande Calis, im Grünen, für viele der Kinder die einzigen Ausflüge aus dem Armenviertel Aguablancas) abgedeckt.
Nun hat der Staat jedoch beschlossen, dass dieser Beitrag wegfällt, was sich vielleicht auf den ersten Blick nach einer guten Idee anhört. Bildung soll gratis sein.
Doch Bildung ist nun mal nicht gratis. Papier, Druckerpatronen und Projekte kosten nun eben leider Geld. Doch anstatt unserer Schule einen Zuschuss zukommen zu lassen, damit all unsere Projekte weiter aufrechterhalten werden können, sollen wir nun einfach ohne das Geld zu Recht kommen.

Deswegen stand bis vor Kurzem noch nicht fest, ob wir überhaupt mit unseren Projekten, die den Kindern so viel Freude bereiten, weitermachen können.
Jahrelang wurden Instrumente gekauft, Stunden über Stunden in das musikalische Talent der Schüler gesteckt – und nun sollte das alles abbrechen? Que horror!

Also wurde kurzerhand eine Elternversammlung einberufen, auf der fast alle ohne zu murren eine Einverständniserklärung unterschrieben, in der sie mitteilten, dass sie das Geld auch weiterhin überweisen wollen. So können zum Glück wahrscheinlich zumindest die Musikprojekte weitegeführt werden. Die Fahrten ins Grüne, die von den Schülern immer so sehnsüchtig herbei gefiebert werden, fallen jedoch zumindest im Moment leider aus. Stattdessen wird der Sportunterricht auf dem tristen Teerplatz neben der Schule vorgenommen.

Und wenn man dann hört, dass Kolumbien mehr Geld in das Militär oder seine Gefangenen investiert, kommen einem doch einfach nur die Tränen.

Geschrieben von Miriam und Britta am 10. Februar 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Ein Kommentar

Spontanität und Improvisationstalent – Ein Schulanfang in Kolumbien

Britta

Nach zwei langen Monaten ging nun auch in Aguablanca wieder die Schule los. Bis vor kurzem wussten wir noch nicht mal genau, wann der genaue Schulanfang sein wird, da die Regierung hier keine genauen Anweisungen gibt, beziehungsweise das Geld, was den staatlichen, beziehungsweise halbstaatlichen Schulen zusteht, einfach nicht rausrückt, und deswegen viele der Schulen sich im Streik befinden.

Auch unserer Schule in Aguablanca fehlt diese staatliche Hilfe im Moment und so endet der Unterricht schon um 11:00 Uhr, da kein Geld zum Kochen da ist.
Überhaupt sieht ein Schulanfang in Kolumbien ganz anders aus als man es aus Deutschland kennt. Es ist viel Spontanintät und Improvisationstalent gefordert. So stand drei Tage vor Schulbeginn weder die genaue Lehrer- noch Schülerzahl fest. Reyna erzählt uns, dass es noch ungefähr drei Wochen dauert, bis sie definitiv weiß, wie viele Schüler die Schule in Aguablanca besuchen werden, da manche einfach nicht auftauchen, beziehungsweise andere, die sich nie angemeldet hatten, plötzlich mit gepacktem Rucksack vor der Tür stehen, und keiner weiß, wohin mit ihnen.
Trotzdem kommen mir alle super motiviert vor, und auch die Schüler freuen sich, wieder in der Schule zu sein. Ich werde täglich ungefähr fünf Mal gefragt, wann denn der Klavierunterricht endlich wieder los gehe und ob es schlimm wäre, wenn man sich nicht mehr so gut erinnern könne. (Kein Wunder, nach über zwei Monaten Ferien).
Es wird im Moment wirklich jede Hand gebraucht, Hefte werden kopiert und dann per Hand sortiert und gebunden (Eine verdammte Fusselarbeit) und das Projekt “Wir werden bilingual” in Angriff genommen.
So befinden sich nun zwei neue, junge Englischlehrerinnen an der Schule, so wie Silke, unsere neue Mitbewohnerin. Auch der Sportlehrer spricht sehr gut Englisch, da er 16 Jahre in den Staaten gelebt hat, und soll den Sportunterricht bilingual gestalten.
Ich helfe Oscar (dem Musiklehrer) dabei, englische Lieder in das Repertoire des Chores mit aufzunehmen, aber bisher sind wir noch nicht über das Aussuchen der Lieder hinaus gekommen.
Trotzdem glaube ich, dass es noch ein sehr, sehr langer Weg ist, bis die Schule wirklich endgültig bilingual ist, da einfach unglaublich viele Basiskenntnisse fehlen und die Schüler einen kaum verstehen, wenn man mal zwei Sätze hintereinander auf Englisch sagt. Den Englischunterricht tatsächlich auf Englisch durchzuführen ist sowieso absolut unmöglich, da die Schüler einen nur mit großen Augen angucken. Trotzdem geben alle ihr Bestes, um das neue Ziel so schnell wie möglich zu erreichen. :-)

Geschrieben von Miriam und Britta am 27. Januar 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Keine Kommentare

Huele a Feria – Der Karneval in Cali, eine ganze Stadt spielt verrückt!

Britta

Si huele a caña tabaco y brea

Uste’ esta en Cali ay mire vea!

si las mujeres son lindas y hermosas

aquí no hay fea para que vea

Mi Cali se esta adornando para su fiesta mas popular,

con caña dulce el melao hierve en la paila hasta amanecer,

Habrá corrida de toros y por la noche fiesta y rumba,

En Cali mirá se sabe gozar. En Cali mirá se sabe gozar.


OIGA MIRE VEA VENGASE A CALI PARA QUE VEA!!!!! 

http://www.youtube.com/watch?v=NSfzaCBockw&feature=fvst

Der Text dieses hier in Cali während der „Feria de Cali“ beliebten Liedes beschreibt perfekt die Stimmung, die von Cali in der Woche vom 25. Bis 30. Dezember Besitz ergreift. Während des schon zum Karneval gehörenden Festivals zeigt sich Cali von seiner besten Seite.
Nie habe ich eine Stadt in so einer festlichen und fröhlichen Stimmung erlebt. Durch die Straßen fahren große Traktoren, auf denen die Calenos auf ihren Küchengeräten schnelle Salsa-Rhythmen erklingen lassen. Schon um 03:00 Uhr mittags ist auf den Canchas Panamericanas, dem Sportgelände in Cali, die Hölle los und abends um 06:00 versammeln sich Menschenmassen vor der Plaza de Toros, um den Stierkampf zu besuchen, oder nebendran auf dem Parkplatz zu der Musik von Livebands aus ganz Südamerika die Hüften zu schwingen.
Ich liebe die Feria de Cali, alleine schon, weil sie mich mit ihrem einzigartigen Flair voll aus meinem doch etwas weihnachtlichen Tief zurück ins verrückte Leben Kolumbiens katapultiert hat.
Ganz Cali spielt völlig verrückt, von morgens bis spät in die Nacht erklingt in der ganzen Stadt Salsamusik, der Verkehr ist völlig außer Kontrolle geraten und überall verstopfen Menschenmassen die Straßen. Die Wirtschaft boomt und die Straßenverkäufer machen in der letzten Woche des Jahres das Geschäft ihres Lebens.
An jeder Ecke stehen Hutverkäufer. Alte Frauen preisen Säfte und Früchte an und auch die berühmten Kaugummiverkäufer tummeln sich unter der Sonne Kolumbiens.
Die Feria wird mit dem alljährlichen Salsódromo eröffnet. Bei diesem Umzug tanzen die besten Salsaschulen der Stadt in ihren schillerndsten Kostümen durch die Straßen des Südens der Stadt. Diese sind jedoch so voll, dass man kaum einen Blick auf das Spektakel werfen kann. Die Sonne knallt und so machen mir auch der typische Schaum der Feria nichts aus. Menschen laufen mit Sprühdosen durch die Straßen und feuern jedem, der vorbeiläuft, eine ordentliche Ladung davon ins Gesicht, egal ob Freund oder Fremder.
Abends geht es zu der Plaza de Toros, wo Livebands spielen. Von Reggaeton über Vallenato und Choque ist hier alles zu hören, doch das beste ist natürlich die Salsa. Man kann sich nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, wenn hunderte von Calenos mit dem berühmten Código (Dabei handelt es sich um eine rythmische Abfolge von Geklatsche und Getrommel auf Küchengeräte) ihre geliebte Salsa fordern.
In der ganzen Nacht, die ich auf der Plaza de Torres verbringe, habe ich nicht einmal gesessen. Tische gibt es erst gar nicht und auch die Stühle reichen lange nicht für all die tanzwütigen Menschen aus. Sechs bis sieben Stunden lang werde ich durch die Gegend gewirbelt, denn die Calenos freuen sich wie kleine Kinder darüber, wenn man als Ausländer versucht (Versucht!!! Ich bekomme das mit dem Hüfteschwingen und Schulterwackeln einfach nicht hin), ihre Salsa zu tanzen. Und so wandert man von Aufforderung zu Aufforderung durch die Nacht, bis einem dann so die Füße und Beine weh tun, dass man kaum noch stehen kann.
Wie alles in Kolumbien hat jedoch auch die Feria ihre Kehrseite. Denn nicht nur die Lebensfreude der Kolumbianer zeigt sich in dieser Zeit in ihren intensivsten Farben. Auch das brodelnde Temperament der Latinos kommt mehr als je zuvor zum Vorschein. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Schlägereien gesehen wie jetzt in dieser Woche. Ob Eifersucht oder einfach nur Trunkenheit, jedenfalls fliegen immer ordentlich die Fäuste und man erzählt mir, dass es auch mal vorkommt, dass ein Messer gezogen wird. Zum Glück ist es immer bei den Fäusten geblieben und die Störenfriede wurden schnell von der Polizei beseitigt.
Auch schade ist, dass aufgrund der vielen Umzüge siebzig uralte Bäume auf dem Paso ancho gefällt wurden, damit die Menschen besser sehen können und viele dieser dieses Jahr Eintritt kosten.
Trotz allem war diese Woche eine der besten hier in Cali war und ich kann nur sagen, dass man wirklich einfach nur hervorragend schläft, wenn man nachts mit schmerzenden Muskeln ins Bett fällt. Cali ist während der Feria auf jeden Fall einen Besuch wert.

Auch Silvester war ganz anders als sonst! Im Gegensatz zu Deutschland verbringt man hier den Übergang ins Neue Jahr nämlich mit der Familie. Und so saß auch ich mit den fünf Geschwistern meines Freundes J. C. im Künstlerviertel San Antonio bei offener Tür zusammen und habe ihren vielen Gruselgeschichten über die Geister und Gespenster des Viertels gelauscht.
Nebenbei dröhnte – wie sollte es anders sein – laute Salsamusik durch das Zimmer und in der Ecke funkelte der Weihnachtsbaum mit der riesigen Krippe um die Wette. (Kolumbianer übertreffen sogar die Amerikaner zur Weihnachtszeit an Kitsch)
Hier gibt es an Silvester eine Reihe von seeeeeehr seltsamen Bräuchen:

1. Gelbe Unterwäsche tragen, das bringt Glück
2. Mit einem Koffer durch das Viertel rennen, damit man im Folgejahr viel reist.
3. 12 Rosinen essen, eine für jeden Monat
4. Alte, körpergroße Puppen mit Sprengstoff füllen und die dann um kurz nach 12 anzünden um das alte Jahr endgültig zu verabschieden

Was jedoch sogar den Brauch mit den gesprengten Puppen getoppt hat, war die sogenannte Vaca Loca. Hierbei handelt es sich um ein riesiges, hölzernes Kuhkostüm, das oben mit Raketen, Böllern und Sprengstoff bestückt wird. Dann gibt es einen Freiwilligen, der unter das Kostüm schlüpft und anfängt, die Zuschauer des Spektakels zu jagen. Währenddessen kommen oben Funken in allen Farben und Sorten aus ihm herausgeschossen!!! Das Spiel geht eine gute Stunde und so manch einer geht mit einem verbrannten Shirt wieder nach Hause.

Geschrieben von Miriam und Britta am 5. Januar 2012 | Abgelegt unter Allgemein | Ein Kommentar

Kolumbien in allen Farben

21.11 – 28.11. 2011 – Wasserfälle, Kaffeebohnen und unendlich viele Cowboys – Die Kaffeezone

Früh morgens um 06:00 Uhr machen wir uns auf an den Busterminal Calis. In Kolumbien existiert nämlich keine Bahn, weswegen man per Bus reist, möchte man kostspielige Flüge vermeiden. In den großen Plüschsesseln, bei voll aufgedrehter Klimaanlage und begleitet von lauter Salsamusik geht es Richtung Armenia, wo wir ein paar Tage auf einer Kaffeefinca verbringen werden.
Wie immer werden wir mit offenen Armen von überaus freundlichen Menschen in Empfang genommen.
In der Kaffeezone, in der bekanntlich der ewige Frühling herrscht, hat es angenehme Temperaturen von 20 bis 25 Grad, wobei es nachts ziemlich kalt werden kann. Das große, rustikale Gebäude mit den bunten Fensterchen und Türen kommt mir vor wie aus einem Märchen. Von der Terasse aus hat man einen spektakulären Blick über die Umgebung. Am Horizont zeichnet sich der Nevado del Ruiz, der zweigrößte Vulkan auf der Nordhalbkugel, ab. Leider mussten wir unsere Wanderung dorthinauf  aufgrund der Wetterverhältnisse absagen.
Denn wie jedes Jahr ist Kolumbien mit dem strömenden Regen, der sich während der Regenzeit über dem Land ergibt, hoffnungslos überfordert. Überflutete Straßen, eingestürzte Brücken und Erdrutsche lassen das Land im Chaos versinken. 50 Menschen sterben in Manizales (eine weitere Stadt der Kaffeezone) aufgrund von einem Erdrutsch.
Trotz allem können wir unseren ersten Ausflug ins Valle de Cocora ohne Probleme antreten. Mit einem Bus schlängeln wir uns über eine Stunde die Berge hoch, bis wir im wunderschönen Dörfchen Salento ankommen. Bunte Häuser, kunstvoll verzierte Türen und Fenster, uralte Autos und Straßen, die aufgrund ihrer Sauberkeit aussehen wir geleckt und rund herum die Bergkulisse – Einfach super schön und idyllisch.
Von dort aus geht es dann eine halbe Stunde in einem vollbepackten Jeap (Meschen auf dem Dach, Menschen auf den Fenstern, Menschen auf den Türen) ins Valle de Cocora, das Wachspalmental. Auf unserer Wanderung umgeben uns zuerst saftig grüne Wiesen und riesige, sechzig Meter hohe Palmen. Leider ist der Weg aufgrund des Regens ziemlich matschig, weswegen unsere Schuhe schnell von einem schönen Weißton in ein ziemlich hässliches Braun übergehen. Nun gut, was tut man nicht alles, um nach fünf Monaten lärmender Stadt ein bisschen Natur und Ruhe um sich zu haben!
Auf der Hälfte des Weges erreichen wir dann den Dschungel. Immer wieder müssen wir den Quindío-Fluss über wacklige Holzbrücken (Die letzte besteht einfach nur aus drei zusammengebundenen Baumstämmen??!!!) überqueren, bis wir dann endlich oben auf einer Hütte ankommen, in der man uns heiße Schokolade serviert. Der Abstieg ist genauso abenteuerlich wie der Aufstieg, wobei sich nun noch ein strömender Regen zu uns gesellt.
Kurz vorm Ziel versperrt uns ein gewaltiger Erdrutsch den Weg. Nachdem wir uns durch den ganzen Matsch durchgekämpft haben, müssen wir auf der Finca erstmal unsere Schuhe in die Reinigung geben und unsere Socken wegschmeißen.
Am nächsten Tag machen wir uns bei zunächst strahlendem Sonnenschein auf zu den Termales de Santa Rosa. Mit dem Bus geht es auf nach Santa Rosa, einem weiteren kleinen Bergdorf.
Nun kann ich glaube ich gar nicht beschreiben, wie wir uns fühlen, als wir in Santa Rosa ankommen. Ich glaube es beschreibt es am besten, zu sagen, dass wir mitten in den Wilden Westen katapultiert wurden. Überall laufen Männer mit Cowboyhüten, Lederhosen und Cowboystiefeln rum. Auf unserem Weg durch das Dorf kommen wir an etlichen Salons vorbei, in denen sich rauchende Männer um Billardtische versammelt haben (Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass es sich um einen Mittwochmorgen handelte, arbeiten die auch irgendwas???) und sich gemütlich unterhalten. Laute Musik dringt aus besagten Lokalen auf die kleinen Gässchen, auf denen sich Frauen in bunten Kleidern unterhalten und uralte Jeeps die Wege versperren.
Als wir an der Chiva, ein typisch kolumbianischer Bus, mit dem man hier auf dem Land unterwegs ist, ankommen, riecht es nach frischem Fleisch und jeder kennt jeden.
Die folgende Stunde tuckern wir mit dem bunten, riesigen Fahrzeug durch eine idyllische Berglandschaft. Der Weg ist  nicht geteert und man kommt nur sehr langsam voran. Ab und zu kommen wir an einsamen Häusern vorbei, aus deren Fenstern uns alte Omis beobachten.
Endlich kommen wir an unserem Ziel an. Irgendwie muss ich an Charlie und die Schokoladenfabrik denken, als wir die idyllischen Naturthermen betreten. Ein glasklarer Bach schlängelt sich neben uns den Berg hinab und der riesige Wasserfall thront majestätisch über uns.
Die Thermen liegen direkt am Wasserfall, wir sind neben vier Kolumbianern die einzigen Gäste. Wir gehen auch kurz im Wasserloch baden, aber das Wasser dort ist ziemlich kalt.
Auf dem Rückweg genießen wir wieder die Ruhe und Landschaft und beobachten mehrere Kolumbianer die Schäden der Regenzeit beheben. Der Fahrer der Chiva wird von den Frauen der Arbeiter auch als Essenskurier benutzt und wirft diesen Essenspakete aus dem fahrenden Bus zu. Als wir an einem Restaurant mitten in der Pampa vorbeikommen, schreit der Fahrer einer der Köchinnen zu, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Das ist wieder typisch Kolumbien.
Am letzten Tag auf der Finca machen wir einen Rundgang, auf dem uns die Entstehung des Kaffees gezeigt wird. Unser Guide erzählt uns, dass jährlich um die 100 Millionen Säcke Kaffee auf dem Markt sind. Brasilien steuert dazu 48 Millionen Säcke bei, Kolumbien circa 10 Millionen und ist damit der zweitgrößte Exporteur Südamerikas.
Die Kaffeebohnen werden per Hand gepflückt. Ein Arbeiter verdient 6000 Pesos (2,50 Euro) pro kniehohem Kanister. Als ich mir die kleinen, roten Früchte angucke, will ich nicht wissen, wie viele Stunden man dafür arbeiten muss.
Am Schluss des Rundganges schälen und rösten wir unseren eigenen Kaffee.
Unser nächster Stopp heißt Medellin, eine der größten Monopolen Kolumbiens. Medellin ist eine schöne, moderne Stadt, mit vielen Parks und Bäumen. Im Gegensatz zu Cali ist es eine sehr saubere Stadt. Die Stadt zieht sich bis hoch auf die Gipfel der Berge, die Medellin umgeben, und macht dadurch einen riesigen Eindruck. Von einem Aussichtspunkt in der Mitte der Stadt hat man einen unglaublichen Ausblick auf das Großstadtmonster.
Was uns am besten an Medellin gefallen hat, war die Metro, die eine verdammt gute Alternative zum verwirrenden Bussystem in den restlichen Städten Kolumbiens darstellt. Außerdem gibt es eine Gondel, mit der man hoch auf die Berge fahren kann und einen super Ausblick genießen kann.
In Medellin wohnen glaube ich auch die nettesten Menschen der Welt. Ich habe noch nie so viele nette und hilfsbereite Menschen auf einem Fleck gesehen, einfach unglaublich! Ständig wurde man auf der Straße angesprochen, ob man Hilfe braucht, was wir suchen und wie uns Kolumbien gefällt. Einfach nur super!
Von Medellin aus machen wir Ausflüge zu zwei weiteren wunderschönen Bergdörfern, das eine namens Guatapé. Es besteht aus kunterbunten Häusern und liegt an einem wunderschönen Bergsee. Wir erklimmen die 650 Stufen eines riesigen Felsens, von wo aus einem die Seelandschaft Kolumbiens zu Füßen liegt. See an See gliedert sich vor unseren Augen aneinander, bis sie am Horizont verschwinden. Spektakulär!

28.11. – 06.12.2011 – Kokosreis, Stachelrochen und das Meer der sieben Farben – Willkommen auf San Andres

San Andres empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein und einer erschlagenden Luftfeuchtigkeit. Die ehemalige Pirateninsel liegt mitten in der tiefsten Karibik, 150 km entfernt von Nicaragua, ist einer der schönsten Flecken dieser Erde.
Ehemalige englische Kolonie spricht man hier neben Spanisch auch Englisch und die Sprache der Einheimischen, eine Mischung aus Englisch und Afrikanisch.
Alles ist hier ganz ruhig und gelassen, die Atmosphäre locker, entspannt und easy going, genauso wie ich mir immer Jamaika vorgestellt habe. Wieder sind die Menschen unglaublich freundlich und lebenslustig.
Autos ohne Nummernschilder und Motorradfahrer ohne Helme schlängeln sich die 10 km lange Insel entlang, an jeder Ecke kann man Cocktails kaufen und fast überall nimmt einen die relaxte Reggaemusik in ihren Bann.
Unser Hotel liegt direkt am weißen, von Kokospalmen gesäumten Sandstrand. Das Meer ist so türkis wie es nur sein kann und hat tatsächlich allem in allem sieben verschiedene Farben!!
Da San Andres als Schnorchel- und Taucherparadies bekannt ist, begeben auch wir uns auf eine Schnorcheltour. Mit einem kleinen Boot geht es hinaus auf das Meer. Unsere Kapitäne sind genauso alt wie wir und singen zum am Bord laufenden Reggae.
Eine Stunde werden wir hinter dem Boot an einem Seil durch bunte Fischschwärme gezogen und können die schillernde Unterwasserwelt Kolumbiens bewundern. Immer wieder wird uns Brot von Bord zugeworfen, und die Fische essen einem tatsächlich aus der HAND!!!
Am Schluss unserer Tour halten wir Mitten im Meer an einer Stelle, in der das Wasser circa brusthoch ist und so türkis, dass es an einen Pool erinnert. Schon nach wenigen Sekunden nähern sich dunkle Schatten unserem Boot: Stachelrochen.
Es hat uns wirklich ein wenig Überwindung gekostet uns zu ihnen ins Wasser zu gesellen, aber das Gefühl diese wunderschönen Meeresbewohner in den Armen zu halten, war einfach atemberaubend! Die Rochen kommen schon gleich angeschwommen und kuscheln mit unseren Beinen. Das ist ihre Art nach den kleinen Fischstückchen zu bitten, die wir dabei haben. Sie sind richtig zutraulich und weich. Trotzdem hat man doch etwas Ehrfurcht vor dem großen Stachel auf ihrem Rücken und dem metallenen Schwanz, der ihnen als Abwehrwaffe dient.
Allem in allem war unsere Zeit auf San Andres einfach nur super entspannend und richtig schön. Ich kann nur bestätigen, dass es sich um einen der schönsten Flecken der Erde handeln muss.

07.12. – 12.12. 2011 – Krokodile, Affen und rosa Delphine – Der Amazonas

Abgeschnitten vom Rest Kolumbiens, am untersten Ende des Landes liegt Leticia, im brasilianisch, peruanischen Grenzgebiet. Auch hier empfängt uns eine erschlagende Hitze, doch es gibt überraschenderweise wenige Moskitos. Leticia ist die erste Stadt Kolumbiens, in der ich keinen einzigen Bettler auf der Straße sehe und nicht einmal auf Geld angesprochen wurde.
Täglich verbindet ein Flug die Stadt mit dem Rest der Welt und so landen auch wir am kleinsten Flughafen, den wir jemals gesehen haben.
Die Stadt liegt direkt am Amazonas und hat einen verhältnismäßig großen Hafen. Dort tummeln sich die schmalen Kanus, die beim Betreten einen echten Balanceakt erfordern.
Unsere erste Tour ist eine Tagestour den Fluss aufwärts. Wir sind wie so oft die einzigen Ausländer, doch das kleine kanuähnliche Speedboot ist voll von kolumbianischen Touristen, nett und offen wie immer. Trotzdem begegnen wir in unserer Zeit in Leticia kaum Touristen.
Der Amazonas, der an dieser Stelle 3 km breit ist breitet sich in all seiner Schönheit und Anmut vor uns aus. Immer wieder begegnen wir ein paar Indianern, die mit ihren dünnen Schiffchen über den riesigen Fluss schippern.
Als wir an unserem ersten Stopp anlegen, erklärt uns unser Guide, dass das Wasser schon direkt am Ufer um die 18 Meter tief ist und in der Mitte eine Tiefe von stolzen 80 Metern hat.
Hier machen wir eine kurze Wanderung durch den Dschungel und sehen Bäume, wie man sie nur aus dem Kino kennt, Bäume, die so dick sind wie mein Wohnzimmer und von deren Ästen sich hunderte von Lianen hinab schlängeln. Einige dieser Lianen verbinden sich dann wieder mit dem Boden und verwandeln sich in stammesähnliche Stützen und Nährstoffschleusen.
An einem See können wir die größte Seerose des Dschungels besichtigen, die Victoria regia, die einen Durchmesser von zwei Metern erreichen kann. Dann haben wir auch unsere erste Begegnung mit einem Äffchen, dass sich von Schulter zu Schulter stürzt, und zwei riesigen, wunderschönen Papageien. Unser Foto mit diesen ist leider etwas gescheitert, da Tobis Papagei ihm nicht ganz zugetan war, und ihm ständig das Ohr abbeißen wollte. ;-D
Weiter geht die Reise zu einem Indianerdorf, wo sich uns ein ziemlich trauriges Schauspiel eröffnet. Fünf Frauen wurden in die ehemalig traditionellen Kleider ihres Stammes gestopft und müssen vor uns mit traurigen, leidenden Gesichtern vor uns her hüpfen und singen, als wären sie Tiere im Zoo. Danach rennen alle zu ihnen und machen sich einen Spaß daraus inmitten der Gruppe ein paar Fotos zu machen oder sich mit dem Saft aus einer Dschungelfrucht von ihnen für sechs Tage ein Tattoo verpassen zu lassen. Für etwas Geld kann man auch ihre Haustiere, ein Faultier und ein circa zwei Meter großes Krokodil, auf den Arm nehmen, während man von zehn paar traurigen Kinderaugen dabei beobachtet wird.
Der nächste Stopp ist das absolute Highlight unserer Tour – die Affeninsel. Während wir unserem pfeifenden Guide mit der raschelnden Essenstüte über die kleine Insel folgen, raschelt es über unseren Köpfen und immer wieder blicken uns zwei kleine Augen von oben herab an. Als wir schließlich zum Stehen kommen, tauchen hunderte von Cappuccino-Äffchen auf den Ästen aus. Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn ich sage, dass zeitweise acht oder neun Affen auf mir rumgesprungen sind, ober meine Kamera und meinen Kopf zwischen dem Baum und der Banane in Tobis Hand als  Sprungbrett benutzt haben. Minutenlang wuselt es nur so auf und um uns herum und die süßen kleinen Äffchen stürzen sich wie ausgehungert auf unser Futter.
Es war wirklich einfach nur superlustig.
Unser nächster Halt bietet dann wieder ein eher trauriges Bild. Die kolumbianische Hotelkette Decameron hat ein Hotelresort aus Holzhütten bestehend in den 300000 Hektar großen Nationalpark Amacayacu gepflanzt und der Dschungel dort bietet ein eher trauriges Bild. Er ist aufgrund der ganzen Abholzungen licht und löchrig, ein meterhoher Steg führt meterweit in den Nationalpark hinein, um bloß den Kontakt zum wahren Dschungelboden zu vermeiden. Nicht ein Vögelchen zeigt sich auf unserer Wanderung.
Unser letzter Stopp findet dann im Städtchen Puerto Narino statt, der zweitgrößten und neben Leticia einzigen größeren Ansiedlung im Departamento Amazonas. In der 2000 Einwohner großen Gemeinde ist das benutzen jeglicher Fahrzeuge verboten, man bewegt sich per Fuß oder Fahrrad. Dort am Hafen können wir auch minutenlang die berühmten rosa Delphine des Amazonas beobachten. Sie sind so rosa, dass ich die ganze Zeit an Barbie denken musste und riesig!!!
Auf dem Rückweg halten wir nochmal in einer Indianergemeinde, in der wir ein riesiges 4,5 Meter (Im Amazonas können Krokodile bis zu acht Meter groß werden) langes Krokodil bewundern dürfen. Dieses befindet sich in einem kleinen Tümpel am Rande der Ansiedlung und wird nur durch ein dünnes Seilchen in Zaum gehalten. Neben ihm hüpft der junge Mann, der den Giganten am selben Morgen noch gefangen hatte, einfach im Wasser rum. In der Hand hält er einen Stock mit ein paar Fischen, die er dem Tier ständig vor die Nase rumfuchtelt, um für etwas action zu Sorgen. Eine weitere Attraktion sind zwei Jaguars, die man streicheln und mit denen man Fotos machen kann. Ich weiß nicht, ob ich begeistert oder einfach nur traurig sein soll.
Allem in allem war die Tour natürlich sehr schön und aufregend und einfach einmalig, jedoch sehr touristisch und manchmal nur mit einem bitteren Beigeschmack genießbar.

Das wahre Abenteuer geht deshalb erst am nächsten Tag los, als Tobi und ich uns auf den Weg in die Tiefen des Dschungels machen, um wirklich ein Feeling dafür zu bekommen.
Morgens holt uns unser Guide Elvis, 20, verheiratet und werdender Vater, am Hafen mit dem kleinen Motorkanu ab. Wir verstehen uns gleich richtig gut, er ist super lustig und sehr, sehr nett.
Drei Stunden tuckern wir über den Amazonas tiefer nach Peru rein, alle paar Meter wird der Dschungel uriger und dichter. Immer wieder tauchen neben dem Boot rosa und graue Delphine auf und man hört die Vögel zwitschern.
Als wir an unserem Ziel ankommen, einem hölzernen Haus am Fluss, in dem uns eine peruanische Familie erwartet, und Elvis den Motor ausmacht, wird man einfach nur von der Schönheit erschlagen. Das einzige, was man hört, sind die Tiere des Dschungels. Direkt neben dem Haus thront ein riesiger Baum voll mit Vogelnestern, deren Vögel Geräusche von sich geben, die ich noch nie gehört habe! Hinter dem Haus erstreckt sich ein wunderschöner See, dessen Wasser genau wie ein Spiegel ist!!! Kurz nach unserer Ankunft macht sich der Gastvater mit uns auf den Weg in den Dschungel. Mit dem Säbel in der Hand haben wir hier nun den richtigen Urwald kennengelernt. Riesige Bäume, dichtes Gestrüpp, ein kleiner See mitten im Wald, Abermillionen von Moskitos, eine unterträgliche Luftfeuchtigkeit und Hitze, das Zwitschern der Vögel, das rascheln der Bäume  und dann plötzlich gibt unser Guide das Kommando zum Rennen! Affen!
Nach einem kurzen Sprint bleiben wir mucksmäuschenstill stehen und beobachten riesige Affen über unseren Köpfen über die Bäume hüpfen, zunächst schwarze, dann rote!
Auch wenn diese Dschungelwanderung ein einmaliges, unbeschreibliches Erlebnis war, waren wir dann doch froh, als wir wieder aus dem Dschungel herauskamen und diesen Schwärmen von Moskitos (wie im Horrorfilm, man hat wirklich die ganze Zeit diese Summen um sich gehabt) entkommen konnten.
Mit dem Boot ging es dann wieder zurück zum Haus, wo wir dann eine Paddeltour auf einem wirklich seeeehr schmalen Kanu gemacht haben, das gefährlich tief im Wasser lag. Aber es hat Spaß gemacht, auch wenn ich ziemlich Angst vor irgendwelchen Krokodilen oder Wasserschlangen hatte. Doch danach sind wir dann aufgrund der Hitze auf Entwarnung unseres Gastvaters hin dann sogar noch in den See gehüpft. Komisch nur, dass wir dann nachts direkt vor dem Haus ein kleines Babykrokodil gefunden haben. Und vor allem, WIE wir es gefangen haben, war noch der Höhepunkt von allem! Nachdem wir eine Stunde bei Dunkelheit über den Fluss getuckert sind, ohne ein einziges Krokodil zu sehen, hält der Peruaner ohne etwas zu sagen auf das Ufer vor unserem Haus zu, lehnt sich aus dem Boot und hat plötzlich ein Krokodil in der Hand. Das war schon ziemlich unbegreiflich, wie er das gemacht hat.
Er zeigt uns auch heftige Narben am Arm, die von einem Krokodil stammen. Er erzählt uns, dass er vor vielen Jahren mit ein paar Touristen unterwegs war, die unbedingt ein besonders großes Krokodil sehen wollten und dieses dann beim Fangversuch kurzerhand zugeschnappt hat.
Bevor wir ins Bett gehen, sitzen wir noch am Tisch und spielen mit ein paar Peruanern „Schwimmen“. Sie hatten ziemlich viel Spaß dabei, und auch wenn die Peruaner wirklich viel reservierter sind, als die Kolumbianer, sind sie super freundlich uns sehr höfflich.
Als dann abends um halb 10 der Generator ausgeschaltet wurde, ich glaube, das war einer der schönsten Momente in meinem Leben. Denn nachts sind die Tiere im Dschungel aktiver denn je und so konnte man wirklich stundenlang wach liegen und ihnen zuhören, ohne dass einem langweilig wurde.
Am nächsten Morgen um 05:00 werden wir dann von unserem Freund Elvis geweckt. Während die Sonne langsam aufgeht, liegen wir mitten im Fluss, hören den Schreien von Affen und sonstigen Tieren zu und beobachten dabei Delphine. Einfach nur wundervoll.
Nach dem Frühstück geht es dann noch tiefer in den Dschungel hinein, bis wir schließlich an dem unheimlichsten Ort ankommen, an dem wir jemals waren.
Eine kleine Indianergemeinde, mitten im Dschungel, man hört kaum Geräusche und sieht immer wieder nur schüchterne Kinder die hinter Ecken und Fenstern hervor luken und dann immer ganz schnell verschwinden, wenn sie sich entdeckt fühlen. Die Häuser sind einfache Holzhäuser, die auf einer Bergkuppe liegen, von wo aus man einen tollen Blick über den Dschungel hat. Wir passieren eine ausgestorbene Schule (es gibt leider keine Lehrerin) und kommen an einem Hüttchen an, dessen Besitzer ein Haustier der besonderen Art hält: Eine Anakonda, aber nur eine kleine.
Als der junge Mann die Holzkiste auf hämmert, in dem er diese hält, muss ich erstmal ein paar Schritte zurückstolpern, da der Mann anscheinend unter KLEIN etwas anderes versteht als ich. Die Schlange hat stolze 3,5 Meter und ist richtig schön dick. Während Tobi sie auf den Schultern hat, erzählt mir der Besitzer, dass er bis vor kurzem eine sechs Meter Anakonda besaß, die jedoch so stark wurde, dass sie die Holzkiste aufgebrochen hat und ausgebrochen ist. Deswegen nagelt er die Kiste auch wieder zu, als die Schlange darin verschwindet.  Am Abend zuvor hatte mir der Gastvater Horrorgeschichten über Riesenanakondas von 40 Metern erzählt, die in den Tiefen des Amazonas lauern. Sein Urgroßvater hätte sogar mal eine Wasserschlange gesehen, die Hörner auf dem Kopf hatte. Eigentlich will ich gar nicht wissen, was noch alles so unentdecktes im Amazonas lauert.
Übrigens gibt es auch Fische namens la pez vaca, die aussehen wie Kühe, aber unter Wasser wohnen. Sie besitzen sogar ein Fell und weiden aus dem Wasser heraus das Gras ab. Allerdings ist dieser Fisch vom Aussterben bedroht. Wenn man in Brasilien beim Jagen erwischt wird, landet man sogar mehrere Jahre im Gefängnis.
Nun gut, von unserem Besuch bei der Schlange geht es weiter zum Piranasangeln, mein absolutes Highlight der ganzen Reise. Mit dünnen Stöcken, an denen sich ein Seil mit Angelhaken befindet angeln wir einen Pirana nach dem anderen. Diese sind stärker als man denkt und verdammt flink. Währenddessen erzählt uns Elvis, dass er vor zehn Jahren mit seinem Vater und zwei Professoren eine siebentägige Reise in den brasilianischen Urwald gemacht hat, bis sie schließlich bei Kannibalen angekommen sind. Diese leben noch wie die Tiere, verständigen sich durch tierähnliche Laute, essen das rohe Fleisch und leben noch völlig unberührt.
Auch seien einmal zwei Touristen für drei Tage im Dschungel verloren gegangen.
Später haben wir die Piranas dann noch frittiert und gegessen, die haben sogar richtig, richtig lecker geschmeckt. Dann ging es auch leider schon wieder zurück nach Leticia.
Allem in allem war das einfach nur die beste Tour meines Lebens! Es war einfach nur wunderschön und ich kann es wirklich nur jedem empfehlen, Leticia zu besuchen, da es der schönste Flecken Erde ist, an dem ich bisher war.

Generell haben wir uns auf unserer Reise rundum wohlgefühlt, wir kamen nie in Situationen, in denen wir uns in unserer Sicherheit eingeschränkt gefühlt haben und haben die Reise rundum genossen. Ich kann nur immer wieder wiederholen, dass die Welt ein völlig falsches Bild von Kolumbien hat und man sich wirklich keine Sorgen machen muss. Ich hoffe, dass diese Vorurteile irgendwann verschwinden werden. Kolumbianer empfangen besonders ausländische Touristen überall in Kolumbien mit offenen Armen und einer unglaublichen Wärme und Herzlichkeit!

Geschrieben von Miriam und Britta am 28. Dezember 2011 | Abgelegt unter Allgemein | Keine Kommentare

Abschlussfeier

Miriam

Gestern fand die Abschlussfeier der 11. Klasse statt. Es war eine sehr schöne Feier, die auf dem Gelände der Sagrada Familia stattgefunden hat. Zunächst gab es einen Gottesdienst, danach wurden die Abschlusszeugnisse verteilt.

Der Gottesdienst war von der Abschlussklasse gestaltet worden. Die Schüler übernahmen die Lesungen und Fürbitten und außerdem unterstützen der Chor und das Schulorchester die Feier musikalisch.

Nach dem Gottesdienst wurden einige Schüler zunächst noch für besonderes Engagement in der Schule belohnt. Es gab u.a. Auszeichnungen für die Hilfe bei der Organisation des Sporttages oder des Tages der Naturwissenschaften. Und natürlich wurde der Jahrgangsbeste, Mauricio, besonders geehrt.

Zudem wurde betont, dass von den insgesamt 26 Abgängern ungefähr die Hälfte schon den zur Schule gehörenden Kindergarten besucht und somit alle Stufen von La Providencia durchlaufen hat.

Die Schulleiterinnen verfolgten die Veranstaltung mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Einerseits sind sie sehr stolz auf ihre Abgänger, die sich, so Hermana Julia, glücklich schätzen dürfen, in Familien zu leben, die sich um Bildung sorgen und ihren Kindern den Besuch der Schule ermöglicht haben. Diese Anstrengung wird nun belohnt, denn einige werden demnächst ihr Studium an Calis öffentlicher Universität beginnen. Einem Schüler ist es sogar gelungen, sich durch sein gutes Abschneiden beim Abschlussexamen ein Stipendium für Calis angesehene Universität Icesi zu sichern.

Andererseits fällt es nicht nur Reyna und Julia schwer, diese Gruppe gehen zu lassen. Die Klasse hatte sich durch ihre besonders gute Atmosphäre, ihre freundlichen, interessierten Schüler und begnadete Musiker, die nun bei den zukünftigen Konzerten fehlen werden, hervorgehoben.

Und auch den Schülern fiel der Abschied nicht gerade leicht. Und so floss während der Dankesrede von Natalia und Carlos im Publikum wie auch auf der Bühne die eine oder andere Träne.

http://www.youtube.com/watch?v=5oJ5jncA0rAMusikeinlage des Schüler-Orchesters

Geschrieben von Miriam und Britta am 28. November 2011 | Abgelegt unter Allgemein | Keine Kommentare

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