Monatsarchiv für Oktober 2010

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Mächtig viel Theater

Jana

Eines der Dinge, die man in diesem Land zwangsläufig lernt, ist die unbedingte Befähigung zur Spontanität. So hatten wir spontan eine Woche Ferien, da die kolumbianische Regierung einmal im Jahr für eine Woche einfach sämtliche Schulen im Land schließt, vermutlich um den Tourismus im eigenen Land anzukurbeln. In Deutschland wären zwei Dinge unmöglich gewesen: Erstens, dass die Schüler selbst nichts von den Ferien wissen und zweitens, dass ich eigentlich lieber zur Schule gegangen wäre. Da ich nun aber in Kolumbien bin, sollte es an dieser Stelle niemanden verwundern, dass mal wieder alles anders gekommen ist als erwartet.

Am Sonntag vor einer Woche habe ich den in Gießen beheimateten Opernsänger Juan Carlos Mera-Euler in Cali begrüßen können. Den Halbkolumbianer kannte ich bereits durch die Zusammenarbeit mit dem Chor meiner alten Schule; für wenige Konzerte kommt er aber einmal im Jahr in seine alte Heimat zurück. In diesem Jahr sollte aber noch ein weiterer Punkt auf seinem Programm stehen: Unsere Schule und insbesondere das Musikprojekt kennenlernen. Der Zufall will es, dass die Schwester unserer „Chefin“ Reyna eine seiner alten Studienkolleginnen ist, mit der er früher quer durch die Welt getourt ist. So saßen wir also mit ihm, der besagten Schwester namens Olga Maria, Reyna und Schwester Julia zur Planung der weiteren ja eigentlich schulfreien Woche bei einer gemütlichen Tasse Kaffee zusammen, als Olga Maria plötzlich eine ganz andere Idee in den Sinn kam.

JUAN CARLOS wird an einem Konzert singen, das die Musikstudenten der Universidad del Valle im schicksten Theater von Cali organisieren.

SIE selbst wird auch an dem Konzert mitwirken.

Und warum sollte ICH mir dann nicht einfach mein Cello schnappen, mich in den Orchestergraben begeben und die Reihe sinnvoll fortsetzen?

Das Fragezeichen trügt, denn ganz schnell war mein Teilnehmen beschlossene Sache, auch wenn ich wieder einmal die Letzte war, die das verstanden hat. Denn am Montag Morgen wurde ich zu früher Stunde von Olga Maria aus dem Bett geklingelt, mit einem Frühstück versorgt und zur Probe mitgeschleppt. Das Cello wurde aus Aguablanca auf mir immernoch unerklärliche Weise zum Theater gebracht, die 60 Seiten Operliteratur waren auch schnell kopiert. Und dann stand bei den Cellisten auch noch ein unbesetzter Stuhl, als ob mich schon jemand erwartet hätte. Das alles wäre ja nur halb so spaßig gewesen, wenn das Konzert nicht schon am darauf folgenden Donnerstag gewesen wäre – na wenn das mal nicht spontan ist.

Meine Ferien bestanden nun praktisch aus einer achtstündigen Probe an jedem Tag. Wenn ich dann nachmittags mit einem Bleistift hinter dem Ohr und sichtbar vollgepackt nach Hause kam, war die Wohnung von oben bis unten blitzblank geputzt (denn Klara konnte ich nicht mal für die Triangel begeistern, also vertrieb sie sich die Zeit mit etwas allgemein Nützlichem…). Ich trank aber lieber erst einmal einen starken Kaffee, um mich daraufhin bis spät in die Nacht zum Üben in mein Zimmer einzuschließen. Meine Finger wurden von Tag zu Tag schwärzer vom Spielen und in meinem Zimmer wuchs das Chaos.

Auch wenn das bis hierhin sehr gequält klingen mag, so kann ich doch sagen, dass ich die Zeit     sehr genossen habe. Denn ich war den ganzen Tag  unter Musikern, die trotz ihrer anderen Nationalität anscheinend kontinentübergreifende Charaktereigenschaften haben: Sie sind nett und aufgeschlossen, haben einen ausgesprochen subtilen Humor, sind leicht verplant, nicht aus der Ruhe zu bringen und grundsätzlich für alles Essbare zu begeistern. Unfassbar, wie schnell ich mit deutscher Schokolade Jorge und Alejandro als meine Cellisten-Freunde gewonnen habe. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden und sie haben mir immer geholfen, wenn ich eine Frage hatte. Jorge ist gerade erst 15 Jahre alt und befindet sich schon in seinem ersten Semester; Alejandro (22) ist fast mit dem Studium fertig und mit seinem Cello verheiratet (jedenfalls gratuliert er ihm jedes Jahr zum Geburtstag und sagt ihm, wie glücklich es ihn jeden Tag macht.    Habe ich bei den Musiker-Eigenschaften schon „andersartig“ aufgelistet?!). Ich hoffe, dass wir in Kontakt bleiben werden.

Am Konzertabend kam auch wirklich alles, was in Cali Rang und Namen hat. Da das Konzert wegen des 20-jährigen Bestehens der Musikakademie der Universität gegeben wurde, wurden besonders die Lehrkräfte eingeladen. Mein neuer alter Gastvater ist eben auch ein solcher und hatte Karten für die ganze Familie besorgt (ohne natürlich zu wissen, dass ich teilnehmen würde) – wieder einer dieser Zufälle.

Dann füllten sich die Ränge und im Orchstergraben wurde es immer wärmer und wärmer. Zwischen dem Anheben des Taktstocks des Dirigenten Ricardo und dem abschließenden Applaus sind zwei Stunden wie im Fluge vergangen. Für mich war die Erfahrung, in einem großen Orchester zu spielen, genauso neu und einzigartig wie das Cellospielen in einem Kleid, das ich für das Konzert obligatorisch tragen musste. Ich habe mich in beidem ganz wacker geschlagen (Sabine, du darfst jetzt aufatmen!).

Zwar habe ich kaum etwas von dem Geschehen auf der Bühne sehen können, aber was ich   gehört habe, hat mir vollkommen gereicht. Die Sänger waren unglaublich gut und sangen mit einer Leichtigkeit die Zauberflöte, Die Hochzeit des Figaro, Carmen, La Traviata und andere Klassiker der Opergeschichte.

Dass ausgerechnet Juan Carlos beinahe die Stimme versagte, als er die Kinder aus Aguablanca singen sah und hörte, war aber als Außenstehende, die die kleinen Herzensbrecher jeden Tag um sich herum hat, schön mit anzusehen. Einen Tag nach seinem großen Auftritt hat er uns nämlich mit in die Schule begleitet. Die Kinder wurden nur aus diesem einen Grund in die Schule bestellt. Warum auch nicht, schließlich können sie nicht in den Urlaub fahren und verbringen ihre freie Zeit sonst ausschließlich dem Fernseher oder auf der Straße. Als Dankeschön haben sie ein gut riechendes Putzmittel bekommen, was mir sehr bemerkenswert erschien.  Juan Carlos’ Stimmbildungsübungen sind in jedem Fall positiv aufgenommen worden, erst heute habe ich gesehen, wie ein Junge vor seinem weit geöffneten Mund die Hände zusammen geklatscht und sich über jeden neu erzeugten Ton gefreut hat.

Der Schulbetrieb hat wieder angefangen und geht auch schon auf die letzten zwei Wochen zu, bevor wir dann ganze zwei Monate Ferien zu überbrücken haben. Oder drei, genau weiß das hier niemand. Wir haben uns vorgenommen, in dieser Zeit so viel wie möglich vom Land zu sehen…Vamos a ver. Denn wie gesagt, hier muss man auf alles vorbereitet sein :)

Geschrieben von Lisa und Rabea am 20. Oktober 2010 | Abgelegt unter Archiv | 3 Kommentare

Vamos a ver…

von Klara

Heute am „Internationalen Tag des Lehrers“ fühle ich mich schon wie ein Lehrer. Nach drei Wochen Unterricht habe ich schon das Gefühl seit Ewigkeiten eine Lehrerin zu sein. Durch die Schule laufe ich, auf der Suche nach meinen Schülern bzw. einem freien Raum, nur noch voll gepackt mit Büchern, Stiften und Heften. Mir wurde schon gesagt, dass ich mir einen Lehrerton angewöhnt habe. Ich brauche nur einmal „Silencio“ in der Klasse zu sagen und alles ist still. Zwar kann ich noch nicht fließend Spanisch sprechen, aber schimpfen klappt schon gut ;)
Das hört sich bösartiger an, als es in Wirklichkeit ist. Eigentlich sind alle Kinder total lieb und auch gewillt zu lernen. Aber besonders die Kleinen können sich nicht mehr als 20 Minuten konzentrieren, sodass im Unterricht nicht viel auf einmal geleistet werden kann. Immer wieder muss ich „Ruhe!“ rufen und den eigentlichen Unterricht unterbrechen, um mit den Kindern Lockerungsübungen zu machen, dass wir weiter arbeiten können. Manche Kinder muss ich von Anfang an einzeln setzen, weil sie sich sonst immer ablenken lassen. So kommt es schon mal vor, dass ein Kind noch nicht mal das Datum geschrieben hat und ein anderes alles von der Tafel abgeschrieben hat.
„Unsere“ Kinder stammen allesamt praktisch aus dem „Ghetto“. Die Eltern (soweit noch im Haus lebend) arbeiten den ganzen Tag. Das heißt, dass die Kinder nach der Schule immer bei ihren Großeltern sind. Dort werden die Kinder einfach vor den Fernseher gesetzt, damit sie beschäftigt sind, denn die Großeltern haben oft nicht mehr die Kraft sich mit den kleinen Wirbelwinden zu beschäftigten. Deswegen kennen sie auch keine Regeln von zu Hause, was das Unterrichten schwieriger gestaltet. Ich werde von einigen Lehrern auf die Problemkinder hingewiesen und kann dadurch anders auf diese eingehen. Langsam gewöhne ich mich daran und weiß immer besser, wie ich mit den Kindern arbeiten muss, damit der Unterricht gut klappt. Sehr oft bekomme ich bestätigt, dass die Kinder mich gerne haben und der Unterricht ihnen Spaß macht. Letzte Woche hat mir ein Junge aus der zweiten Klasse den „Kangaroo-Song“ vorgesungen. Das Lied hatte ich mit der Klasse eine Woche vorher geübt. Der Kleine hat mir das Lied in einer sehr guten Aussprache vorgesungen und alle Bewegungen richtig vorgemacht. Einerseits war ich überrascht und andererseits habe ich mich total gefreut. Ich hoffe, dass noch mehr Schüler viel aus dem Unterricht mitnehmen können.

Zwar bin ich nach einem Schultag immer sehr geschafft, aber langsam läuft das Unterrichten entspannter ab. Man glaubt es kaum, aber ich nehme hier alles wirklich ziemlich locker. Ich rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf, wenn etwas mal nicht klappt, versuche ich es auf eine andere Weise. Fast täglich kommt etwas anders als geplant, zumindest unter Kolumbianern habe ich keinen Organisationsdrang mehr :) Ich weiß nicht wie oft ich am Tag „Vamos a ver“ sage, was so viel bedeutet wie „Schauen wir mal, lassen wir es mal auf uns zukommen“. In Deutschland wäre das bei mir unmöglich gewesen…

Geschrieben von Lisa und Rabea am 5. Oktober 2010 | Abgelegt unter Archiv | Kommentare deaktiviert

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