Monatsarchiv für Dezember 2010

Du suchst im Moment im Archiv von Kolumbien – so gesehen.

Ein Besuch im Don Bosco-Zentrum

Klara und Jana

Weltweit werden etwa 300.000 Kinder als Soldaten missbraucht. Allein in Kolumbien wird die Zahl der Kindersoldaten auf 14.000 geschätzt. Der jahrzehntelange bewaffnete Konflikt zwischen der Guerilla, dem Militär und den Paramilitärs hat Macht und Drogenanbau als Hauptgründe. In einem solchen Alltag wird der Kindheit wird mit Krieg und Gewalt ein jähes Ende gesetzt. Kommen die Kämpfer in die Dörfer, werden ganze Familien ermordet, alle Wertgegenstände und Essensvorräte geplündert; die Kinder werden verschleppt und zwangsrekrutiert. Andere werden mit falschen Versprechungen gelockt und treten aus Angst und auf der Suche nach Schutz den oppositionellen Gruppen bei. Um den Tod ihrer Familenangehörigen zu rächen, schließen sie sich auch freiwillig den verfeindeten Verbänden an.

In den Lagern erwartet sie Erniedrigung, blutige Kämpfe, Misshandlung und Leid. Viele Kinder kommen an der Front ums Leben. Es ist unmöglich, aus den Gruppen auszutreten. Wer eine Flucht wagt, riskiert eine Hinrichtung. Wenn sie noch eine Familie haben, können sie auch dorthin nicht zurück, da sie dort von Guerilla und Paramilitär als erstes gesucht werden.

Also suchen sie die Polizei auf, die sie an Projekte wie das der Salesianer Don Boscos weiterleitet. Zunächst erhalten sie eine drei- bis viermonatige psychologische Intensivbetreuung, bevor in einem Resozialisierungszentrum der Weg in ein geregeltes Leben geebnet wird.

Auch in Cali, in unserem Arbeitsgebiet Aguablanca, befindet sich eine solches Hilfsprogramm Don Boscos. Die „Puertas Abiertas“ (dt.: offene Türen) betreuen zur Zeit 41 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren und ermöglichen ihnen eine Ausbildung. Allein in den letzten beiden Monaten sind 17 neue Jugendliche dazugekommen; die Kapazitäten sind nahezu ausgeschöpft.

In Deutschland wurden wir von Don Bosco Volunteers auf unser Auslandsjahr vorbereitet und so erfuhren wir von der Einrichtung in Cali. Uns hat das Projekt, das sich weltweit für Jugendliche einsetzt, so sehr interessiert, dass wir es selbst auch einmal kennenlernen wollten. Dabei mussten wir uns erst einmal gegen unsere Projektbetreuer in Kolumbien durchsetzen, die Angst hatten, dass diese Kinder, die bereits Morde begangen und selbst die schlimmste Gewaltform erfahren haben, uns etwas antun. Nach unserem Besuch können wir nur sagen, dass diese Angst vollkommen unberechtigt gewesen ist.

Das bestätigt uns auch Milos, ein deutscher Freiwilliger, der für weltwärts ein Jahr in dem „Centro de Capacitación“ arbeitet. Er und Pater Londoño führen uns durch die Ausbildungsstätte und erklären uns, wie ihr Projekt funktioniert. Auch er hält jegliche Vorbehalte für unbegründet. Die ehemaligen Kindersoldaten gingen untereinander sehr liebevoll miteinander um und sprächen offen über ihre Erlebnisse. Viel erschreckender sei, dass man es ihnen ihre Vergangenheit oftmals gar nicht anmerke. Nur manche seien auffallend still. Zu ihrem Schutz dürfen keine Fotos von ihnen gemacht und veröffentlicht werden.

Milos hilft ihnen auf eine andere Weise als es die Psychologen, Sozialarbeiter und Betreuer tun. Er unterrichtet Englisch, zeigt Bilder von Zuhause, spricht viel mit den Jugendlichen und spielt mit ihnen Fußball. Dadurch ist er bei ihnen vollkommen akzeptiert. Nur die Mädchen können zu ihm kein richtiges Vertrauen aufbauen, das Erlebte macht es ihnen zu schwer. Wie alle Kinder lebt Milos selbst zusammen mit den Mönchen in der Einrichtung und begleitet sie durch ihren Alltag.

Viele Jugendliche stammen aus ländlichen Regionen und haben nicht einmal einen Grundschulabschluss. Aus diesem Grund wird sowohl normaler Schulunterricht als auch die eigentliche zweijährige Ausbildung angeboten. Dabei können sie zwischen vielen Berufsbildern wie Schlosser, Mechaniker, Schreiner, Koch und Schneider wählen, aber auch eine Ausbildung im EDV-Bereich oder (für die Mädchen) als Kosmetikerin ist möglich. Die dafür benötigten Werkstätten und Säle sind alle in das Don Bosco-Zentrum integriert.

Der schwerste Schritt ist jedoch der in das selbstständige, geregelte Leben. Die Arbeitssuche wird ihnen durch die Unterstützung von Firmen erleichtert. Als wir das Zentrum besuchen, präsentieren sich Firmen und mögliche Arbeitgeber gerade an Infoständen.

Das kommt auch anderen jungen Erwachsenen aus ganz Aguablanca zu Gute: Etwa 1000 Lehrlinge haben die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Kinder aus dem ganzen Viertel können kommen, werden betreut und erhalten ein Mittagessen. Kurzum: Das, was ihnen zu Hause fehlt. Don Bosco zeichnet sich für sein großflächiges Engagement aus, so wird derzeit zum Beispiel ein Kochkurs für Taube angeboten.

Nach all dem, was uns über die ehemaligen Kindersoldaten erzählt wurde, hatten wir uns die Begegnung mit ihnen schwerer, komplizierter, vorgestellt. Stattdessen trafen wir auf Jugendliche, die keine Berührungsängste zeigten und offen mit uns gesprochen haben. Die Arbeit der Salesianer und wie die Jugendlichen in einen Neuanfang geleitet werden, hat uns wirklich sehr beeindruckt.

Geschrieben von Lisa und Rabea am 15. Dezember 2010 | Abgelegt unter Archiv | 2 Kommentare

Ab in den Dschungel

Jana

Es war im Juli, als wir eine Ewigkeit in dem klitzekleinen Wartezimmer des kolumbianischen Konsulats in Frankfurt verbrachten und auf unser Visum warteten. Dabei sind wir mit anderen jungen Menschen ins Gespräch gekommen, die aus dem gleichen Grund dort waren. Über die Organisation „AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.“ würden sie wie wir einen Freiwilligendienst leisten. Die lästige Wartezeit haben wir uns also unterhaltsam vertrieben, doch spätestens als jemand „Ich weiß nicht, ob ihr die Stadt kennt, aber ich werde in Cali arbeiten“ sagte, war klar: Wir sehen uns dann bald wieder. Obwohl wir mit AFS überhaupt nichts zu tun haben, wurden wir kurz nach unserer Ankunft zum ersten Treffen von allen insgesamt sechs deutschen Freiwilligen und deren Gastfamilien eingeladen und mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit adoptiert. So einfach ist das in Kolumbien. Seitdem haben wir hier unseren deutsch-kolumbianischen Freundeskreis, mit dem wir viele schöne Unternehmungen machen.

Ein besonderes Erlebnis hatten wir am letzten Wochenende: Mit Ben, einem unserer Deutschen, haben wir unsere ebenfalls deutschen Freunde Vincent und Martin besucht, die in Dapa, etwas außerhalb von Cali, wohnen und arbeiten. Um den Ort in dem Nebelwald zu erreichen, fährt man innerhalb einer Stunde etwa 2000 Meter in die Berge hinauf, dabei kommt man auch an einem Wasserfall vorbei. Ganz anders als in Cali ist es dort immer recht kühl und feucht, aber die Luft ist sauber und die Landschaft grün. Unsere Freunde wohnen natürlich ganz oben, dort, wo es keine asphaltierten Straßen mehr gibt, sondern nur noch Schlaglöcher, Steine und Schlamm.

Der Höhen- und Klimaunterschied hat uns wie befürchtet geplättet, wurde aber durch ein kleines heimliches Highlight wieder wett gemacht: Ein beheizbares Wasserbett und die erste warme Dusche seit drei Monaten. Auch unsere Kleidung wurde der Kälte angepasst, denn Poncho und Stricksocken sind einfach unverzichtbar. Und das trugen wir nur im Haus.

Für die geplante „caminata“, eine Wanderung durch den Dschungel, zog ich mir daher jedes denkbare Kleidungsstück gleich zwei Mal über und hatte eher das Gefühl, mich auf einen Skiurlaub vorzubereiten. Da Vincent und Martin in einem Umweltschutzprojekt arbeiten, kannten sie den Wald schon gut; schließlich durchqueren sie ihn auf der Suche nach noch unentdeckten Orchideenarten öfters. Mit Gummistiefeln und Macheten gingen wir also los.  Einen Weg gab es nicht, den mussten wir uns erst noch freischlagen. Fünf Stunden lang kletterten wir über umgestürzte, moosbehangene Baumstämme, hangelten uns an Ästen entlang und hüpften im Fluss von Stein zu Stein, immer überlegend, wie wir am besten vorwärts kommen können. Dabei landeten wir nicht selten im knietiefen Schlamm. Als es dann auch noch zu regnen begann, rutschte ich, tollpatschig wie ich nun einmal bin, jede dritte Minute wieder von Neuem aus. Und so sah ich auch aus. Wie gut nur, dass wir uns immer gegenseitig geholfen haben, denn allein wäre eine solche Wanderung gar nicht erst nicht möglich. Unser kleines Abenteuer bekam so einen Hauch von einer Teambildungs-Übung oder einem Survival-Trip. Den dichten, sattgrünen Dschungel und eine beeindruckende Stille über uns, wussten wir nämlich schon bald nicht mehr, wo wir uns überhaupt befanden. Doch auch in einem solchen Fall besteht kein Grund zur Panik- wenn man sich am Fluss orientiert, findet man früher oder später schon wieder aus dem Wald heraus. Stößt man dabei auf ein bestimmtes Gewächs, dessen Verzehr sowohl Hunger als auch Durst fernhält, ist das umso besser. Das haben wir zwar nicht gesehen, dafür aber eine Menge anderer lustiger Pflanzen. Eine spiralförmige Schleimpflanze mochte ich besonders, doch auch kolumbianische Walderdbeeren sind eine feine Sache. Sonst vermieden wir es allerdings, Dinge vom Boden aufzuheben, da sich im Unterholz nur zu gern giftige Schlangen und Spinnen tummeln. Bei Nacht sind dann eher Jaguare, Pumas, Tapire und Affen unterwegs.

Am nächsten Tag widmeten wir uns dem kleinen, harmlosen und faszinierenden Kolibri. Dafür fuhren wir zunächst zu einem Ausgangspunkt, von wo aus wir dann zu der Finca eines Vogelbeobachters wanderten. Allein die Autofahrt war schon spektakulär: Auf der Transportfläche eines Jeeps saßen wir Deutschen zusammen, hielten uns bei jedem Schlagloch sehr gut fest und genossen den Fahrtwind. Bis der Regen wieder einsetzte.                                                                                                                                                                                                                                                                                Die Wanderung selbst glich einer einzigen Bergbesteigung, die mit vorbeifliegenden Schmetterlingsschwärmen belohnt wurde. Oben angekommen, ruhten wir uns auf dem Balkon aus und schauten den Kolibris zu, die von Zuckerwasserbehältern angelockt wurden. Überall summte und brummte es wie in einem Bienennest; blaue, grüne, große und kleine Kolibris schwirrten flink um uns herum. 200 Fotos später (man glaubt gar nicht, wie schwer es ist, diesen Vogel auf einem Bild einzufangen!) machten wir uns wieder auf den Rückweg.

Kolumbien ist das Land mit der zweitgrößten Artenvielfalt weltweit. Viele Pflanzen- und Tierarten sind endemisch, kommen also nur dort vor. Wie eindrucksvoll es ist, sich mitten durch diesen Dschungel zu schlagen, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Durch die drei wohltuenden Tage mit atembarer Luft und erfrischender Kälte ist mir erst einmal bewusst geworden, wie anstrengend die laute und stinkende Millionenstadt Cali doch sein kann.

Na, wenn das kein Grund ist, Dapa bald wieder einen Besuch abzustatten!

Geschrieben von Lisa und Rabea am 2. Dezember 2010 | Abgelegt unter Archiv | Kommentare deaktiviert