Monatsarchiv für Januar 2012

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Spontanität und Improvisationstalent – Ein Schulanfang in Kolumbien

Britta

Nach zwei langen Monaten ging nun auch in Aguablanca wieder die Schule los. Bis vor kurzem wussten wir noch nicht mal genau, wann der genaue Schulanfang sein wird, da die Regierung hier keine genauen Anweisungen gibt, beziehungsweise das Geld, was den staatlichen, beziehungsweise halbstaatlichen Schulen zusteht, einfach nicht rausrückt, und deswegen viele der Schulen sich im Streik befinden.

Auch unserer Schule in Aguablanca fehlt diese staatliche Hilfe im Moment und so endet der Unterricht schon um 11:00 Uhr, da kein Geld zum Kochen da ist.
Überhaupt sieht ein Schulanfang in Kolumbien ganz anders aus als man es aus Deutschland kennt. Es ist viel Spontanintät und Improvisationstalent gefordert. So stand drei Tage vor Schulbeginn weder die genaue Lehrer- noch Schülerzahl fest. Reyna erzählt uns, dass es noch ungefähr drei Wochen dauert, bis sie definitiv weiß, wie viele Schüler die Schule in Aguablanca besuchen werden, da manche einfach nicht auftauchen, beziehungsweise andere, die sich nie angemeldet hatten, plötzlich mit gepacktem Rucksack vor der Tür stehen, und keiner weiß, wohin mit ihnen.
Trotzdem kommen mir alle super motiviert vor, und auch die Schüler freuen sich, wieder in der Schule zu sein. Ich werde täglich ungefähr fünf Mal gefragt, wann denn der Klavierunterricht endlich wieder los gehe und ob es schlimm wäre, wenn man sich nicht mehr so gut erinnern könne. (Kein Wunder, nach über zwei Monaten Ferien).
Es wird im Moment wirklich jede Hand gebraucht, Hefte werden kopiert und dann per Hand sortiert und gebunden (Eine verdammte Fusselarbeit) und das Projekt “Wir werden bilingual” in Angriff genommen.
So befinden sich nun zwei neue, junge Englischlehrerinnen an der Schule, so wie Silke, unsere neue Mitbewohnerin. Auch der Sportlehrer spricht sehr gut Englisch, da er 16 Jahre in den Staaten gelebt hat, und soll den Sportunterricht bilingual gestalten.
Ich helfe Oscar (dem Musiklehrer) dabei, englische Lieder in das Repertoire des Chores mit aufzunehmen, aber bisher sind wir noch nicht über das Aussuchen der Lieder hinaus gekommen.
Trotzdem glaube ich, dass es noch ein sehr, sehr langer Weg ist, bis die Schule wirklich endgültig bilingual ist, da einfach unglaublich viele Basiskenntnisse fehlen und die Schüler einen kaum verstehen, wenn man mal zwei Sätze hintereinander auf Englisch sagt. Den Englischunterricht tatsächlich auf Englisch durchzuführen ist sowieso absolut unmöglich, da die Schüler einen nur mit großen Augen angucken. Trotzdem geben alle ihr Bestes, um das neue Ziel so schnell wie möglich zu erreichen. :-)

Geschrieben von Lisa und Rabea am 27. Januar 2012 | Abgelegt unter Archiv | Kommentare deaktiviert

Huele a Feria – Der Karneval in Cali, eine ganze Stadt spielt verrückt!

Britta

Si huele a caña tabaco y brea

Uste’ esta en Cali ay mire vea!

si las mujeres son lindas y hermosas

aquí no hay fea para que vea

Mi Cali se esta adornando para su fiesta mas popular,

con caña dulce el melao hierve en la paila hasta amanecer,

Habrá corrida de toros y por la noche fiesta y rumba,

En Cali mirá se sabe gozar. En Cali mirá se sabe gozar.


OIGA MIRE VEA VENGASE A CALI PARA QUE VEA!!!!! 

http://www.youtube.com/watch?v=NSfzaCBockw&feature=fvst

Der Text dieses hier in Cali während der „Feria de Cali“ beliebten Liedes beschreibt perfekt die Stimmung, die von Cali in der Woche vom 25. Bis 30. Dezember Besitz ergreift. Während des schon zum Karneval gehörenden Festivals zeigt sich Cali von seiner besten Seite.
Nie habe ich eine Stadt in so einer festlichen und fröhlichen Stimmung erlebt. Durch die Straßen fahren große Traktoren, auf denen die Calenos auf ihren Küchengeräten schnelle Salsa-Rhythmen erklingen lassen. Schon um 03:00 Uhr mittags ist auf den Canchas Panamericanas, dem Sportgelände in Cali, die Hölle los und abends um 06:00 versammeln sich Menschenmassen vor der Plaza de Toros, um den Stierkampf zu besuchen, oder nebendran auf dem Parkplatz zu der Musik von Livebands aus ganz Südamerika die Hüften zu schwingen.
Ich liebe die Feria de Cali, alleine schon, weil sie mich mit ihrem einzigartigen Flair voll aus meinem doch etwas weihnachtlichen Tief zurück ins verrückte Leben Kolumbiens katapultiert hat.
Ganz Cali spielt völlig verrückt, von morgens bis spät in die Nacht erklingt in der ganzen Stadt Salsamusik, der Verkehr ist völlig außer Kontrolle geraten und überall verstopfen Menschenmassen die Straßen. Die Wirtschaft boomt und die Straßenverkäufer machen in der letzten Woche des Jahres das Geschäft ihres Lebens.
An jeder Ecke stehen Hutverkäufer. Alte Frauen preisen Säfte und Früchte an und auch die berühmten Kaugummiverkäufer tummeln sich unter der Sonne Kolumbiens.
Die Feria wird mit dem alljährlichen Salsódromo eröffnet. Bei diesem Umzug tanzen die besten Salsaschulen der Stadt in ihren schillerndsten Kostümen durch die Straßen des Südens der Stadt. Diese sind jedoch so voll, dass man kaum einen Blick auf das Spektakel werfen kann. Die Sonne knallt und so machen mir auch der typische Schaum der Feria nichts aus. Menschen laufen mit Sprühdosen durch die Straßen und feuern jedem, der vorbeiläuft, eine ordentliche Ladung davon ins Gesicht, egal ob Freund oder Fremder.
Abends geht es zu der Plaza de Toros, wo Livebands spielen. Von Reggaeton über Vallenato und Choque ist hier alles zu hören, doch das beste ist natürlich die Salsa. Man kann sich nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, wenn hunderte von Calenos mit dem berühmten Código (Dabei handelt es sich um eine rythmische Abfolge von Geklatsche und Getrommel auf Küchengeräte) ihre geliebte Salsa fordern.
In der ganzen Nacht, die ich auf der Plaza de Torres verbringe, habe ich nicht einmal gesessen. Tische gibt es erst gar nicht und auch die Stühle reichen lange nicht für all die tanzwütigen Menschen aus. Sechs bis sieben Stunden lang werde ich durch die Gegend gewirbelt, denn die Calenos freuen sich wie kleine Kinder darüber, wenn man als Ausländer versucht (Versucht!!! Ich bekomme das mit dem Hüfteschwingen und Schulterwackeln einfach nicht hin), ihre Salsa zu tanzen. Und so wandert man von Aufforderung zu Aufforderung durch die Nacht, bis einem dann so die Füße und Beine weh tun, dass man kaum noch stehen kann.
Wie alles in Kolumbien hat jedoch auch die Feria ihre Kehrseite. Denn nicht nur die Lebensfreude der Kolumbianer zeigt sich in dieser Zeit in ihren intensivsten Farben. Auch das brodelnde Temperament der Latinos kommt mehr als je zuvor zum Vorschein. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Schlägereien gesehen wie jetzt in dieser Woche. Ob Eifersucht oder einfach nur Trunkenheit, jedenfalls fliegen immer ordentlich die Fäuste und man erzählt mir, dass es auch mal vorkommt, dass ein Messer gezogen wird. Zum Glück ist es immer bei den Fäusten geblieben und die Störenfriede wurden schnell von der Polizei beseitigt.
Auch schade ist, dass aufgrund der vielen Umzüge siebzig uralte Bäume auf dem Paso ancho gefällt wurden, damit die Menschen besser sehen können und viele dieser dieses Jahr Eintritt kosten.
Trotz allem war diese Woche eine der besten hier in Cali war und ich kann nur sagen, dass man wirklich einfach nur hervorragend schläft, wenn man nachts mit schmerzenden Muskeln ins Bett fällt. Cali ist während der Feria auf jeden Fall einen Besuch wert.

Auch Silvester war ganz anders als sonst! Im Gegensatz zu Deutschland verbringt man hier den Übergang ins Neue Jahr nämlich mit der Familie. Und so saß auch ich mit den fünf Geschwistern meines Freundes J. C. im Künstlerviertel San Antonio bei offener Tür zusammen und habe ihren vielen Gruselgeschichten über die Geister und Gespenster des Viertels gelauscht.
Nebenbei dröhnte – wie sollte es anders sein – laute Salsamusik durch das Zimmer und in der Ecke funkelte der Weihnachtsbaum mit der riesigen Krippe um die Wette. (Kolumbianer übertreffen sogar die Amerikaner zur Weihnachtszeit an Kitsch)
Hier gibt es an Silvester eine Reihe von seeeeeehr seltsamen Bräuchen:

1. Gelbe Unterwäsche tragen, das bringt Glück
2. Mit einem Koffer durch das Viertel rennen, damit man im Folgejahr viel reist.
3. 12 Rosinen essen, eine für jeden Monat
4. Alte, körpergroße Puppen mit Sprengstoff füllen und die dann um kurz nach 12 anzünden um das alte Jahr endgültig zu verabschieden

Was jedoch sogar den Brauch mit den gesprengten Puppen getoppt hat, war die sogenannte Vaca Loca. Hierbei handelt es sich um ein riesiges, hölzernes Kuhkostüm, das oben mit Raketen, Böllern und Sprengstoff bestückt wird. Dann gibt es einen Freiwilligen, der unter das Kostüm schlüpft und anfängt, die Zuschauer des Spektakels zu jagen. Währenddessen kommen oben Funken in allen Farben und Sorten aus ihm herausgeschossen!!! Das Spiel geht eine gute Stunde und so manch einer geht mit einem verbrannten Shirt wieder nach Hause.

Geschrieben von Lisa und Rabea am 5. Januar 2012 | Abgelegt unter Archiv | 1 Kommentar