… so aehnlich wurde mir der Refrain unseres Campsongs uebersetzt und das trifft zumindest auch auf die Absicht unseres Dasara Camps 2010 zu, das wir letzte Woche Montag ganz im Sinne der Commonwealthgames feierlich eroeffnet haben.
Im Moment sind ja fast 3 Wochen Schulferien. Einige unserer Kinder haben noch Familie oder Verwandte, bei denen sie die Ferien verbringen. Es ist echt unglaublich, wie sehr die Kinder sich freuen, Besuch zu bekommen und erst Recht, wenn sie von ihrer Familie fuer die Ferien abgeholt werden. Noch von Weitem, kurz bevor sie in den Bus Richtung “House” eingestiegen sind, wurde uns freudestrahlend “Aunty, Aunty, bis bald!” zugerufen.
Dann gibt es aber auch die Kinder, die nicht die Moeglichkeit haben, nach Hause zu fahren. Viele unserer Jungs haben niemanden – keine Eltern oder entfernteste Verwandte und keine Heimat.
Harish zum Beispiel ist über die Regierung in Bangalore ins Don Bosco Projekt gekommen. Alles, was er über seine Herkunft weiss ist, dass er von Mysore (nach Bangalore die zweitgroesste Stadt Karnatakas) zum Market nach Bangalore gebracht wurde. Das ist es, was er sagt, wenn man ihn nach seiner Vergangenheit fragt. Vorher hat sich eine Frau, vermutlich seine Schwester, um ihn gekuemmert. Da viele der Kinder hier aber keinen richtigen Nachnamen haben (bzw. ist der Nachname der Anfangsbuchstabe des Vaters) ist es schwer, Verwandte ausfindig zu machen.
Harish geht in die 7. Klasse der Middleschool in Ajjanahalli. Ich schaetze ihn aber schon auf 15; er wird im Projekt auch als Subsenior eingestuft (es gibt Subjunior-Junior-Subsenior und Senior). Er ist also auch einer der vielen, die ihr Geburtsdatum nicht kennen…
Harish gehoert zu den Jungs, die eher im Mittelpunkt stehen und beliebter sind. Er ist gut im Volleyball und hat schon an unserem zweiten Tag versucht, mir Kricket beizubringen… Ich merke aber auch, dass er sehr viel Zuneigung sucht. Er ist zum Beispiel staendig in der Naehe von Fr. Siju und fasst ihn am Arm. Vor ein paar Tagen ist er abends zur Medicine gekommen, da er eine grosse Eiterblase am Fuss hatte (die typische Verletzung unserer Jungs). Nachdem ich ihn dann behandelt habe, hat er so gluecklich und fasziniert gesagt, dass es total weh tat, als ich seinen Fuss das erste Mal angefasst habe. Wenn ich die Wunde jetzt beruehre, wuerde ihm ueberhaupt nichts wehtun. Fuer solche schoenen Worte drueckt man doch gerne Blasen mit Literweise Eiter und Blut aus;-)
Im Camp ist Harish Kapitaen von einer der vier Gruppen, die ueber die Wochen hin Punkte sammeln muessen, womit wir auch wieder beim Thema sind:
Punkte gibt es hier fuer alle moeglichen Disziplinen: Wir machen jede Menge Sport und Spiele, Ausfluege… Es gibt aber auch Punkte fuer die Morningjobs, Puenktlichkeit im Unterricht, Sauberkeit usw.
Der Tag faengt eine halbe Stunde spaeter als sonst an (naemlich erst um halb 7!!). Nach dem Waschen, dem Morgengebet und einer halben Stunde Study treffen wir uns alle draussen auf dem Gelaende und es gibt Coaching. Neben dem Volleyball und Basketballtraining sind Coach Miriam-Aunty und Coach Anna-Aunty damit beschaeftigt, den kleinen Subjuniors und auch einigen Juniors das Fussballspielen beizubringen (Anmerkung von Fr. Siju: Lernt ihr denn jetzt auch Fussballspielen?) …
Nach 10 Uhr finden die normalen Classes statt. In dieser Zeit unterrichten wir die Subjuniors in Englisch – keine leichte Aufgabe, wenn man 15 wilden Jungs in engen Klassenzimmern in einer fuer sie unverstaendlichen Sprache etwas beibringen moechte. Aber auch hier darf ich von meinem ersten richtig guten Erfolgserlebnis berichten:
Karthik ist ein Junge, der im Projekt eher unbeliebt ist. Staendig wird er gehaenselt, weil er sich nicht waescht und stinkt. Es ist sehr schwer, an ihn heranzukommen, da er immer das Gegenteil von dem macht, was man ihm sagt. Im Unterricht passiert es staendig, dass die anderen Jungs ihn provozieren und er so sehr ausrastet, dass er wild durch die Klasse rennt, um sich schlaegt, weint und schreit und dabei voller Aggressionen ist. Bei der Feldarbeit, bei der wir bei den Kleinen mithelfen, ist mir aufgefallen, dass er staendig fragt: “Super, Aunty?” Er fragt also staendig, ob er gute Arbeit macht. So war es auch Samstagmorgen bei den Morningjobs. Ich bin an ihm vorbeigelaufen und er hat wieder gefragt: “Super, Aunty?” Daraufhin hab ich ihn gelobt und ihm versucht zu erklaeren, dass er auch super lernen kann und auch super ruhig sein kann und hab ihn schliesslich gefragt, ob wir das fuer die Class heute mal ausprobieren wollen. Und siehe da: Er war der Erste, der im Klassenzimmer SASS, er war wahnsinnig ruhig und lieb und hat sogar gut mitgearbeitet. Als ich ihn nach der Stunde gelobt habe, war er so gluecklich und das war auch fuer mich ein schoenes Gefuehl. Irgendwie sehe ich ihn seitdem auch mit anderen Augen…
Eroeffnet wurde unser Camp ausserdem mit einem Wassernotstand, wie ich ihn bis jetzt noch nicht erlebt habe: Wir hatten 4 1/2 Tage lang kein Wasser, da unsere Pumpmaschine kaputt war. Fuer diesen Ernstfall haben wir ja normalerweis mehrer Tanks unter der Erde, deren Wasser aber schnell aufgebraucht war. Das hiess fuer uns 4 Tage lang Wasser in Kanistern holen, das aus der Erde gepumpt wurde (wenn Strom da war), eimerweis eWasservorraete im Bad haben, das Klo mit dem Eimer spulen, nicht putzen und Waesche waschen koennen und beim Duschen sparen sparen sparen…
Im Vergleich zu den Jugns hatten wir es dabei noch recht luxurioes. Die hatten naemlich feste Tageszeiten, zu denen sie fuer ihre Beduerfnisse in den Wald gegangen sind… Das witzige ist, dass sie das ganze Problem echt mit Humor genommen haben und so kam es, dass Miriam und ich uns wohl am meisten gefreut haben, als nach 4 1/2 Tagen endlich wieder Wasser aus dem Hahn kam…
Nun aber wieder zurueck zum Camp:
Nachdem die 4 Gruppen zur Eroeffnung von draussen vor dem Haus in die Dancehall einmarschiert sind (ich habe die Drums gespielt und musste den Jungs marschieren, gerade stehen und Taktgefuehl beibringen – da kam doch gleich meine Leidenschaft zum Schuetzenfest zum Ausdruck;-P) hat jeder ein neues Heft und einen neuen Stift bekommen, worueber sich alle Jungs so gefreut haben (wie viele Kinder wuerden sich in Deutschland ueber ein solches Geschenk so sehr freuen?).
Neben den normalen Englisch- und Matheclasses gab es vormittags auch immer eine Stunde General-Knowledge-Class in der Dancehall, in der jeweils einer vom Staff-Team fuer alle Jungen zusammen ihr Allgemeinwissen aufgefrischt hat. In der Freizit hab ich mit meinen Zaubertricks begonnen. Wie erwartet hat das natuerlich alle angelockt und ich wurde seitdem von einigen magic-Anna-Aunty genannt. Ein witziges Erlebnis war hier zum Beispiel, dass ich am selben Tag mit 2 Jungs Uno gespielt habe, die beiden kleinen Racker sich um eine Karte gestritten haben, worauf diese mittendurch gerissen wurde… Manjunatha, ein aelterer Junge, hat mir die Karte dann wie selbstverstaendlich zum “Reparieren, also Wieder-Heile-Zaubern gegeben, was zur Folge hatte, dass ich anschliessend nicht nur die Karte, sondern auch zerbrochene Linale und leere Kugelschreiber in die Hand gedrueckt bekommen hab.
Fuer den Nachmittag im Camp wurde immer in kreatives Programm angeboten. Zweimal haben auch Miriam und ich das Programm vorbereitet und da alle schon auf der Zauberschiene gefahren sind und damit gerechnet haben, dass wir eine Zaubershow starten, blieb uns ja Wohl oder Uebel nichts anderes uebrig… Da es hier aber natuerlich um die Jungs und nicht um uns geht und sie zum Einsatz kommen sollen, hatte Miriam die gute Idee zu einer Zaubercompetition. Wir haben alle in der Zauberschule begruesst, mit einem Trick angefangen und verschiedene Faehigkeitn genannt, die ein Zauberer vorweisen koennen muss, wie z.B. Koerpergefuehl, Teamgeist, Reaktionsvermoegen, Vertrauen in seine Assistenten usw. und uns dazu verschiedene Spiele ausgedacht. Die letzte Huerde bestand darin, den Schluessel zur Zauberschule zu finden, der in Form von Karamellbonbons versteckt war.
Dann gab es im Camp auch Programmpunkt, die den ganzen Tag ueber liefen, was immer etwas ganz einmaliges und spannendes fuer die Jungs war. So durften wir z.B. das erste Mal eine indische Schatzsuche miterleben, die im indischen Freibad endete… Hier gibt es naemlich einen kleinen See, in dem die Jungs ab und zu mal baden duerfen.
Der schoenste Ausflug war aber wohl letzte Woche Mittwoch, als unsere Kinder endlich mal eine “weite Reise” machen durften. Es ging naemlich nach Chitradurga, mit dem Bus etwa 4 1/2 Stunden entfernt. Viele der Kinder konnten die Nacht vorher nicht schlafen, weil sie so aufgeregt waren… Um 5Uhr morgens sind wir aufgestanden und wurden von einem kitschigen indischen Bus abgeholt. Wir waren fuer diesen Tag die Picnic-Krankenschwestern und mussten neben unserem eigenen Kram auch haufenweise Kotztueten, Reisetabletten und die uebliche Medicine-Ausruestung mitnehmen.
Die Jungs waren so gut drauf und haben so getan als wuerden sie uns auf der Fahrt Chai, Kaffee, Mais und Eis servieren. In Chitradurga angekommen, haben wir verschiedene Zwischenstops gemacht und so immer etwas gesehen… Wir waren in einer Hoehle (ob hinduistisch oder buddhistisch ist man sich nicht einig), in einem kleinen Zoo und zu Besuch bei Don Bosco Chitradurga, einem grossen Don Bosco Projekt mit Grund-, Mittel und Highschool sowie einem College. Auf der Rueckfahrt von 7 bis halb 12 haben wir im Dunkeln auf dem Mumbai-Bangalore-Highway im Bus Disko gefeiert und getanzt.
Die Abende im Camp bestanden immer aus bestimmten Competitions wie Theater spielen, Pantomime, singen, verkleiden, tanzen, das vorher in den 4 Gruppen eingeuebt wurde.
Ein weiteres HighLIGHT war das Campfire am letzten Abend, das zu einem Feriencamp in Don Bosco Ajjanahalli immer dazugehoert. Wer jetzt an ein Lagerfeuer vor dem Haus, Gitarrenmusik, Lieder wie “Die Affen rasen durch den Wald”, dicke Wolldecken und Stockbrot denkt, hat sich gehoerig getaeuscht. Hier laeuft das naemlich etwas anders ab:
Nachdem wir schon am Nachmittag das Holz auf einen der Berge hinterm Haus getragen haben, von dem aus man auf das ganze Projektgelaende schauen kann, ging es nach dem Abendessen im Dunkeln auf dem Sportplatz los:
Die Jungs haben in ihren Gruppen, die alle verschiedene Staemme dargestellt haben, etwas eingeuebt und sich dementsprechend verkleidet mit Blaettern und Kriegsbemalung – sah alles richtig gut aus. Danach sind wir den Berg hochgewandert, waehrenddessen die Staemme ihre Schlachtrufe zum Besten gegeben haben. Oben angekommen, sind sie ums Feuer getanzt und haben Theater gespielt. Es ist echt interessant zu sehen, wie kreativ unsere Kinder sind und wie sehr sie aufbluehen und aus sich herauskommen, wenn sie tanzen, singen, spielen koennen.
Bei der Abschlussrunde am Freitag haben sie nochmal alles, was sie ueber die Camptage gelernt und eingeuebt haben, praesentiert. Ausserdem wurde natuerlich die Siegergruppe gekuehrt. Als Preis gab es jeweils fuer die 3. und 4. Sieger einen Stift. Der 2. Preis war Seife und eine Zahnbuerste und der 1. Preis bestand aus Seife und einem Waschschwamm. Ausgeklungen ist das Camp abends mit den alternativen Nightgames: Volleyball mit 2 Baellen, Basketball mit einem Tischtennisball und menschlichen Koerben. Man merkt hier wirklich sehr deutlich, dass in einer Don Bosco Einrichtung ueber Sport versucht wird, viel zu erreichen.
Jetzt ist das Camp zu Ende und die Schule faengt am Mittwoch wieder an. Gestern sind die Jungs, die ueber die Ferien bei ihrer Familie waren, zurueckgekommen. Viele haben uns wieder von Weitem zugerufen, obwohl beim Abschied der Eltern auch die ein oder andere Traene floss. Im Gegenzug hatten wir aber auch Besuch von 2 ehemaligen Jungen. Imran ist taubstumm und war noch bis letztes Jahr in Ajjanahalli. Jetzt geht er in Mysore auf eine Foerderschule in die 10. Klasse. Ich fand es faszinierend, wie gut unsere Kinder und alle hier sich mit ihm verstaendigen konnten und das ganz ohne Hemmungen. Ich hab ueber die Ferien also nicht nur mehr Kannada, sondern auch mehr Gebaerdensprache gelernt… Abends haben wir dann auch mal Charly Chaplin anstelle von einem indischen Kitschfilm geschaut, worueber sich nicht nur Imran gefreut hat;-P
Heute sind Miriam und ich wieder im Internet und ich lade endlich mal wieder einen Artikel hoch, der sich ueber die 3 Wochen ganz schoen zusammengestaut hat. Nachdem das erste Sechstel geschafft ist, geht es uns immer noch ganz gut. Gesundheitlich gab es noch keine schwerwiegenden Komplikationen und auch sonst haben wir uns gut eingelebt, obwohl die letzten Tage recht anstrengend waren und nicht immer alles leicht faellt. Jedes Kind benoetigt eine eigene “Gebrauchsanweisung”, aber auch hier trifft der Spruch von Don Bosco zu:
“Diese Kinder sind wie Edelsteine, die unbeachtet auf der Strasse liegen. Wenn man sie aufhebt, fangen sie an zu glaenzen.”