24 Jahre Paroisse St. Francois D’Assise, mein neuer Untermieter und die ersten „Vaterfreuden“
Seit 24 Jahren gibt es hier in Koumassi die Pfarrei St. Franz von Assisi. Seit etwa 22 Jahren führen die Salesianer Don Boscos diese Pfarrei. Da hier in Afrika alles gefeiert wird, begann man schon letzte Woche Freitag (1.10) mit den Feierlichkeiten zum 24. und beendete sie erst am darauffolgenden Sonntag (10.10). Zum Festprogramm gehörten Konzerte, gemeinsame Rosenkranzgebete, eine Filmvorführung mit anschließender Diskussion und ein Comedyabend, sowie ein besonders feierliches Hochamt am letzten Sonntag. Für die Kinder gab es am letzten Samstag noch ein großes Kinderfest im Village Don Bosco.
Mit den Jungs waren wir auf dem Konzert und auf dem Comedyabend, weil sie jeweils freitags stattfanden. Der Comedyabend war nicht ganz so lustig für mich, wie für diejenigen, die um mich herum saßen, weil ich durch das miese Soundsystem nicht einmal die Hälfte der Witze verstanden habe. Das Soundsystem ist hier wirklich keine Ausrede… Beim Konzert kam ich jedoch voll auf meine Kosten, weil es mit der Sprache der Musik keine Verständnisschwierigkeiten gab und das Soundsystem natürlich auch besser war. Den Jungs hat es zumindest gefallen. Ausgehen und sich schick machen ist etwas Besonderes für sie. Da wird das einzige Hemd, das man hat, am Tag vorher nochmal besonders gut gewaschen. Am Samstag war dann die große Fete im Village, bei dem sich die Kinder durch gute Leistungen in unzähligen Spielen, Hefte, Stifte und Süßigkeiten gewinnen konnten. Unsere Jungs waren natürlich ganz besonders erfolgreich und fuhren stolz die Gewinne mit einer Schubkarre zurück ins Foyer. Im Village habe ich dann mal meine Kamera mitgenommen und versucht einige Eindrücke festzuhalten…
Interessant bei den Feierlichkeiten ist, dass man sich quasi zum großen Jubiläum hinfeiern will. Es gibt im kommenden Jahr, anlässlich des Jubiläums, unzählige Aktionen und Veranstaltungen in der Paroisse. Da hab ich mir ja wirklich das richtige Jahr in Abidjan ausgesucht…
Als ich dann letzte Sonntag mal wieder eine Grundreinigung (das mache ich hier öfter, weil es schon nach 2 Tagen aussieht wie in meinem Buirer Kinderzimmer) meines Zimmers vornahm, kam ich auf die Idee auch einmal hinter dem Konterfei des Hl. Jean Bosco Spinnweben zu entfernen.
Dabei traf ich zum ersten Mal meinen neuen Mitbewohner, den ich passenderweise Johannes genannt habe. Es ist eine kleine Eidechse, die wohl einfach keinen Ausgang aus meinem Zimmer mehr findet und sich hinter Don Boscos Stirn am Wohlsten fühlt. Johannes zahlt zwar keine Miete, verhält sich aber ruhig und frisst vielleicht sogar den einen oder anderen Moskito. Damit wäre mir ja schon sehr geholfen. Leider hat er Angst vor mir…das legt sich aber bestimmt mit der Zeit. Verjagen werde ich ihn zumindest nicht. Ich bin ja tierlieb;)
Wer geschockt die Überschrift dieses Blogs gelesen hat und sich fragt, was es denn mit den Vaterfreuden auf sich hat, der bekommt nun seine Antwort. NEIN! Ich bin nicht Vater geworden, aber ich habe mit einem Jungen einen Spaß, wie sie in ähnlicher Art wohl auch ein Vater haben muss.
Kader ist 10, 11 oder 12 Jahre alt und geistig behindert. Er kann nur 20 Wörter seiner Stammessprache Dioula und ist schon seit beinahe 3 Jahren im Foyer Magone. Er wurde von Frauen, die ihn verletzt und blutend auf der Straße gefunden haben, ins Foyer gebracht. Das Foyer ist sicherlich nicht die richtige Umgebung für ihn…doch wohin soll man ihn bringen?
Kader hat alle 3-5 Tage einen oder mehrere epileptische Anfälle(ob es wirklich solche sind, weiß ich nicht),
die ihn plötzlich zusammensacken und im nächsten Augenblick wild zappeln lassen. Er verdreht dann seine Augen und alle Kinder und Erzieher um ihn herum versuchen ihn zu fixieren, damit er sich nicht verletzt. Er kann sich nicht alleine waschen, nur bedingt alleine essen und müsste eigentlich den ganzen Tag betreut werden. Wenn die Tür offen ist, dann haut er ab. Wenn ihn jemand provoziert, schlägt er direkt zu und wenn gerade alle ruhig sind (beim Gebet oder abendlichen Impuls), klatscht er immer denselben Rhythmus oder fängt an zu singen. Wöchentlich wechselnd muss sich immer einer der älteren Jungen im Foyer um Kader kümmern, ihn füttern, waschen und für ihn da sein.
Die optimale Lösung für ihn und für seine Entwicklung ist das sicherlich nicht. In einem Land wie der Elfenbeinküste ist die soziale Infrastruktur jedoch einfach auf niedrigstem Niveau bzw. nicht vorhanden.
Vaterfreude erlebe ich meistens nicht bei diesen eben genannten Aktionen, sondern eher bei den Folgenden: Wenn ich mit ihm wie heute am Brunnen Wasser hole, ihm einmal (mit meinen 10 Wörtern Dioula) zeige wie es funktioniert und er beim zweiten Mal schon selber einen Eimer füllen kann. Toll ist auch, wenn ich ihm zeige wie er den Innenhof schrubben soll und er eifrig und engagiert ewig, aber natürlich völlig inneffektiv mit seinem Besen herumhantiert. Auch wenn es nur ganz kleine Dinge sind, geht mir da wirklich das Herz auf.
Eine Sache habe ich noch vergessen: Er nennt mich Papa…aber so nennt er jedes männliche Wesen, das er sieht;)
Und noch ein Hinweis: Am 31. finden hier die Wahlen statt. Der Wahlkampf geht also wortwörtlich in die heiße Phase. Über die politische Geschichte dieses Landes, die Wahlen, die verschiedenen Lager und sonstige Probleme in diesem Land, schreibe ich in meinem nächsten Artikel in etwa einer Woche.

Für alle die denken “Irgendwas hat sich doch an dem verändert?” Jetzt gebe ich die Antwort: Ich war am 2.10 beim Friseur und Ja, er war überfordert und hat eine Stunde an mir herumgeschnitten, also eigentlich eher an meinem Haupthaar…hat aber nur 1,50€ gekostet;)














Hallo Christian,
es macht wirklich Spaß deinen Blog zu lesen! Vielen Dank, dass du deine ganzen Eindrücke und Erlebnisse mit uns teilst. Ich bin im Moment Volontärin bei Don Bosco und habe deine Geschichte über Jean-Martial mit dem tollen Foto unter “Lebensgeschichten” eingestellt. Du findest sie hier: http://strassenkinder.de/blog/2010/10/are-you-still-alive-honey/.
Viele liebe Grüße aus Bonn
Lydia