Das Fußballteam „Jesús Buen Pastor“ hat am Sonntag sein erstes Liga-Spiel gewonnen! Ein wenig verschüchtert vom Testspiel am vergangenen Sonntag, welches die Jungs mit 5:0 verloren hatten, waren sie natürlich total aufgeregt. Schließlich ging es nun zum ersten Mal so richtig um die Wurst. Wie das hier in Argentinien so ist, wurde erst eine halbe Stunde später angepfiffen als geplant und die Jungs wurden somit immer aufgeregter. Am Spielfeldrand hat sich jedoch ein Grüppchen versammelt um die Mannschaft lautstark anzufeuern, und angestachelt durch unsere Rufe haben die Jungs im Laufe des Spiels immer mehr Selbstvertrauen gefunden. Wir waren übrigens die einzigen, die wie die Deppen angefeuert haben. Die anderen Mannschaften hatten irgendwie nicht so begeisterte Fans. Nächstes Spiel nehmen wir noch ein paar Trommeln mit, des wird a Gaudi! Durch einen blöden Zusammenstoß mit unserem Top-Torwart José-Luis (das ist der Top-Schüler, s. ältere Blog-Einträge), bei dem die gegnerische Mannschaft einen Elfmeter rausgehauen hat, stand es dann zur Halbzeit 1:0 für die Anderen. Nach einer kleinen Pause haben die Jungs dann aber noch mal alles gegeben, unser Torwart hat spitzenmäßig gehalten und am Ende stand es 3:1! Juhu! Ein richtig guter Auftakt. Ab jetzt heißt es nun jeden Sonntag ab auf den Fußballplatz und Anfeuern!
So viel zu den Jungs. Nun zu den Mädels! Da die Mädchen sich immer beschweren, dass für die Jungs so oft Jugendtreffen gemacht werden und für sie nie, haben wir am Freitagabend ein Treffen für unsere Mädchen veranstaltet. Es sollte ein schöner, lustiger Abend werden, und das ist auch gut gelungen. Erst haben die Mädels getanzt, sie denken sich nämlich gerade einen neuen Tanz aus. Schön mit viel Hüfte und sexysexy und so, ist klar… wo die diese Schritte herhaben! Egal, sieht lustig aus bei 12jährigen Mädchen… Im Anschluss haben wir schön „Plötzlich Prinzessin“ geschaut, währenddessen Pizza gegessen, zum Ende des Films haben diese Hühner dann noch eine Kissenschlacht veranstaltet und waren übel aufgedreht. Zum Runterkommen gabs dann als Nachtisch noch lecker Eis und wir haben alle noch ein paar warme Worte gewechselt. Ein sehr schöner Abend!
Ich muss jetzt auch mal von einem neuen Projekt berichten: das Barrio El Sauce macht jetzt Radio! Da Pinky früher schon Radio gemacht hat und somit Erfahrung damit hat, haben wir letzte Woche einen Radio-Workshop im Zentrum gestartet für alle ab der 6. Klasse, die Lust haben. Die Kinder lernen, welche Verantwortung man beim Radio-Machen hat, wie ein Radio funktioniert, werden mit unserer Hilfe Programme schreiben, Moderieren lernen, Musik aussuchen usw. Wenn alles gut läuft, gehen wir ab Juli auf Sendung! DonBoscoFM wird unser Radio heißen und es wird ein wichtiges Kommunikationsmedium in der ganzen Stadt werden, das ist sicher. Damit die Leute mal wissen, was im Zentrum so alles gemacht wird und dass die Kinder und Jugendlichen aus dem Viertel El Sauce wie gesagt auch mehr draufhaben als nur Steine zu werfen… Verdammt noch mal!
Zum Steinewerfen muss ich leider sagen, dass es eine richtig miese Angewohnheit von den Kindern hier ist und sie es schon von klein auf mitbekommen. Die Kleinsten sehen das von den Großen und dann fängt ein Sechsjähriger auch schon mal an, mit Steinen zu werfen. Wir haben da so einen speziellen Fall im Zentrum, ein leicht authistischer Junge der zwar auf eine spezielle Schule geht, den Rest des Tages jedoch auf den Straßen des Barrios rumlungert und so natürlich besonders gut im Steinewerfen ist. Er kommt jetzt jedoch regelmäßig ins Zentrum, es scheint ihm zu gefallen – ist ja natürlich auch besser als auf der Straße rumzuschlawinern. Ich glaube mittlerweile er hat ein wenig geschnallt, dass man nicht mit Steinen wirft, so oft wie wir ihm das jetzt schon erklärt haben.
Seit ca. 2 Wochen kommen außerdem die siebenjährige Joana und ihr achtjähriger Bruder Cristian jeden Morgen ins Zentrum. Sie wohnen nicht weit vom Zentrum entfernt und gehen in die erste Klasse. Andrés hat sie vormittags immer vor ihrem Haus rumspielen sehen und sie eingeladen, ins Zentrum zu kommen. Die beiden kommen somit jetzt jeden Vormittag und bringen im Bestfall ihre Schulhefte mit den Hausaufgaben mit. Sie machen leider immer das Gegenteil von dem was man ihnen sagt und kennen keine Grenzen. Sie tun sich richtig schwer, mit den anderen Kindern normal und ohne zu Streiten auszukommen. Cristian wiederholt die erste Klasse und ich habe selten einen Jungen gesehen, der mit 8 Jahren schon so fertig und resigniert aussieht. Er hat überhaupt kein Selbstvertrauen, hat so viel Wut und Agressivität in sich und äußert das dann natürlich auch. Er wirkt wie ein wilder, auf sich selbst gestellter junger, verlassener Hund. Prügelt sich grundlos vor dem Haus mit einem kleineren Jungen, wird von dessen großer Schwester verprügelt und schmeißt ihr dann noch ein paar Steine hinterher. Er hat immer so einen traurigen, wütenden Blick in den Augen. Von den anderen Kindern des Viertels wird er geärgert, weil er dreckig und ungekämmt rumläuft und er tut mir einfach so Leid. Zur familiären Situation: die -natürlich- junge Mutter hat insgesamt drei Kinder, alle drei von einem anderen Vater und ist: Prostituierte. Jawoll. Die gute Frau hat keinerlei Verantwortungsbewusstsein, so passiert es dann auch, dass sie einfach mal kein Bock hat, ihre Kinder zur Schule zu fahren. Mit ihrem ebenfalls traurigen, fertigen Blick steht Joana dann am Nachmittag wieder in der Tür zum Zentrum und auf die Frage, wieso sie denn nicht in der Schule ist, kommt dann immer „Meine Mama hatte keine Lust mich in die Stadt zu fahren… das Fahrrad von meiner Mama hatte nen Platten…“ oder sonst was. Ich hab sogar schon das Gefühl, dass das Fahrrad von der Mutter seit ner Woche nen Platten hat. Das haben die beiden echt nicht verdient. Traurig, einfach traurig.
Was auch richtig hart ist, wie jung manche Mütter hier sind und wie viele Kinder sie haben. Wir haben zwei Mädchen morgens dabei, eine 4 und die andere 6 und in der ersten Klasse und die Mutter ist 22 und hat vor drei Monaten ihr viertes(!) Kind zur Welt gebracht. Das muss man sich mal vorstellen, die gute Frau ist anderthalb Jahre älter als ich…
Ja, das Viertel und seine Bewohner sind schwierig und die Gefahr, in den Teufelskreis zu rutschen ist verdammt groß. Das macht mir immer wieder bewusst, wie wichtig es ist, dass es das Zentrum gibt. Man merkt, wie Don Bosco die Kinder verändert, sie fühlen sich geliebt, gebraucht und wachsen in ihren Persönlichkeiten. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen, sie lernen andere Werte kennen, als nur „Alkohol und Drogen sind cool und du musst die Schule abbrechen um den erstbesten unterbezahlten (Saison-)Job annehmen um dir das schickste neuste Handy kaufen zu können“ und ich hoffe so sehr, dass die Kinder und Jugendlichen den richtigen Weg einschlagen und nicht ebenfalls ins Drogenmilieu, in die Prostitution oder in die Kleinkriminalität abrutschen, wie so viele hier. Bei manchen unserer älteren Jungs weiß ich nicht, ob sie die Kurve noch kriegen werden, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…
Zu meiner persönlichen Motivation kann ich sagen, dass ich die endlich wieder richtig wiedergefunden habe. Mitte April hatte ich ein ziemliches Tief, war ständig müde und überarbeitet und habe sehr oft an zu Hause gedacht. Außerdem lag ich noch eine Woche mit Grippe im Bett, was natürlich auch nicht gerade motivationsfördernd ist. Nach jedem Tief muss aber bekanntermaßen auch bald wieder ein Hoch folgen, und das hat auch nicht lange auf sich warten lassen. Es geht mir wieder richtig gut und ich fühle mich gewappnet für die letzten zweieinhalb Monate.
Also: Vamos todavía! Beste Grüße nach Deutschland! Eure Claudia
PS Ich wollte Fotos hochladen, das hat aber nicht geklappt. Das Internet ist sowas von für die Katz in letzter Zeit…