Klar sollte auf jeden Fall sein, dass es nie darum ging, die Salesianer Don Boscos als solche zu verurteilen, sondern dass es der letzte Schritt von vielen war, sich nun per Blog an die Öffentlichkeit zu wenden.
Klar sollte auf jeden Fall sein, dass es nie darum ging, die Salesianer Don Boscos als solche zu verurteilen, sondern dass es der letzte Schritt von vielen war, sich nun per Blog an die Öffentlichkeit zu wenden.
Neue Lücken im Blog, und: Gibt es Qualtitätsmanagement bei den Salesianern?
Heute werde ich versuchen, zu rechtfertigen, dass ich ab jetzt nur noch sehr sporadisch hier schreiben werde, z.B. wenn wir von unserer Kerala-Reise wieder da sind, aber sicher nicht mehr jede Woche, wie am Anfang.
Zu erst möchte ich aber mal eine Frage an alle Salesianer Don Boscos und mit den Salesianern Involvierten stellen, die diesen Blog eventuell zu Gesicht bekommen.
Gibt es bei Ihnen so etwas wie Qualitätsmanagement?
Wenn ich eine Canon oder Nikon Kamera kaufe, dann hat sie idealer Weise in Deutschland den selben Qualitätsstandard wie in Indien, Frankreich oder China.
Zumindest ist genau das das Ziel des Qualtiätsmanagements. Gibt es diese Idee auch bei den Salesianern?
Leider glaube ich, dass es nicht der Fall ist, nachdem ich heute folgendes mitbekommen habe:
Die Volontärin, die sechs Monate im Projekt Chiguru einen 5 am – 10 pm Job gemacht hat, hatte öfter die Kinder besucht, um die sie sich schließlich ein halbes Jahr gekümmert hatte.
Leider sind ihr, und auch mir, denn es handelt sich bei der Volontärin um meine Freundin Barbara und ich bin bei den Besuchen in der Regel dabei gewesen, immer wieder Dinge aufgefallen, die nicht so gut laufen. Genaugenommen lagen sie auf einer Skala zwischen Katastrophe und “Das ist jetzt aber nicht so toll” ausschließlich im schlechteren Bereich.
Beispiele: Kinder, die keine Unterhosen tragen, und deswegen im Genitalbereich schwere Entzündungen haben, Kinder werden geschlagen, und Schlagen ist generell praktisch die einzige Erziehungsmaßnahme, Kinder schlafen ohne Matratze, obwohl Matratzen verfügbar sind, im Zimmer nebenan.
Solche Beispiele häufen sich hier in letzter Zeit, und wir Volontäre haben schließlich in einer Art Krisensitzung auf diese Dinge ein weiteres Mal hingewiesen, und verlangt, das sich etwas verändert. Das waren nicht nur wir zwei, sondern insgesamt zwölf Volontäre, die sich einig waren, dass dieses Projekt derzeit nicht die Richtlinien der Salesianer verfolgt.
Das Resultat hat heute seinen Höhepunkt gefunden, als Barbara mitgeteilt wurde, dass sie besser nicht mehr ins Chiguru fahren sollte.
Das heißt, jetzt wird einer Volontärin, die einen bezahlten Job ein halbes Jahr mit aller Kraft ausgefüllt hat, verboten, die Kinder, für die sie sechs Monate ihr Herzblut vergossen hat, zu besuchen, weil man dann kein Problem mehr damit hat, dass sie sich über Dinge beschwert, die nicht richtig sind, und zwar nach dem Denken der allgemeinen Vernunft und im speziellen nach der Philosophie der Salesianer Don Boscos;
und dieses Verbot wird von einem Father der Salesianer Don Boscos ausgesprochen.
Ganz ehrlich: Besuchen Sie Ihre Projekte, oder hören sie auf ihre Volontäre, wenn sie sich beschweren! Es handelt sich nicht immer nur um Jugendliche, die mit dem Kulturschock nicht klarkommen.
Weiße Seiten im Tagebuch
Von den ersten Einträgen zu den Kurznotizen, zu endlosen Blogartikeln zwischen immer größer werdenden Lücken; gar nicht so leicht, so ein Online-Tagebuch immer mit der selben Motivation zu führen.
Die knappe Zeit mit Internetzugang ist sicherlich ein Grund. Doch wenn ich selbst nochmal so durch die ersten Sätze auf dieser Seite scrolle, merke ich, dass die Begeisterung über alles neue und befremdliche, die mich vor sieben Monaten wöchentlich zu neuen Einträgen getrieben hat, mittlerweile einfach nachgelassen hat.
Es ist ganz bestimmt nicht so, dass die Dinge hier nicht mehr spannend oder neu oder aufregend sind, und es ist auch nicht der Fall, dass einfach nichts mehr passiert.
Mittlerweile ist es aber so, dass vieles, was anfangs interessant, weil neu, spannend, weil anders war, einfach nervt. Ich kann es nicht anders sagen. Als Beispiel nehmen wir den Einkauf des neuen Kühlschranks letzte Woche im Vimukthi. Konsti und ich hatten noch etwas Geld von den Watercooler-Spenden übrig, und entschieden, dafür einen neuen Kühlschrank zu kaufen, so dass wir die Lebensmittel, vor allem Milch und Joghurt richtig lagern können.
Die nervenaufreibende Geschichte jetzt nochmal komplett aufzurollen bringe ich nicht fertig, und in 5 Monaten ist sicher eine nette Anekdote daraus geworden.
Nur so viel: Rikschahfahrten mit einem bis zwei Kühlschränken aufgeladen, drei Geschäfte, Kühlschrankhandel von viertel vor Sieben bis viertel nach Elf in der Nacht, der Schwiegervater vom Chef hilft dann auch noch beim Verhandeln, irgendwann verschwimmt die Grenze zwischen eigenem Wahnsinn und dem um einen Herum.
Kurz und Gut: Ich will meine Leser nicht alle vergraulen, sondern bitten, trotzdem ab und zu mal wieder nachzuschauen. Aber leider weiß ich, dass ich nicht mehr über alles, was hier so passiert, ausführlich berichten werde.
In den Projekten läuft es im Moment allgemein nicht besonders rund, wie auch aus dem ersten Teil dieses Artikels zu entnehmen ist. Da macht es einen nur noch mehr fertig, darüber zu schreiben und doch nichts tun zu können, weil Veränderungen hier scheinbar nicht gewollt sind.
Von unseren Reisen und bestimmt auch noch von anderen Gelegenheiten werde ich trotzdem berichten. Bis dahin, frohe Ostern,
Konrad
<Kann mal jemand den Vorlauf stoppen? Die Abstände zwischen meinen Blogeinträgen werden immer länger; und mir fällt es im Nachhinein jetzt schon schwer, daran zu denken, was in der Zwischenzeit alles war.
Den letzten Blogeintrag habe ich am 31. Januar geschrieben. Heute ist schon der zehnte März. Wo ist die Zeit hin?
Meine drei Highlights findet ihr in der Überschrift, und darüber will ich heute nach so langer Zeit berichten. Zunächst allerdings noch ein paar Neuigkeiten zu Yogi, dem Jungen aus meinem letzten Eintrag. Der war angeblich wieder vollkommen fit, und kam dann wieder ins Chiguru. Dort hatte er einen weiteren Anfall, und muss jetzt für mindestens zwei Jahre Medikamente nehmen.
Abschied aus dem Chiguru und endlich Urlaub!
Anfang Februar wurde ganz effizient (deutsche Planung…) Barbaras Geburtstag und der Abschied von Birgit und Barbara aus dem Chiguru ebenda gefeiert. Es gab eine riesige Geburtstagsfeier mit allen Kindern, gutem Essen und improvisiertem Volontärstanz.
Da sich die Fahrt ins Vimukthi kaum gelohnt hätte haben wir Montag und Dienstag (6. & 7.2.) Father Koshy bei seiner Ausübung als Vorsitzender des Kinder- und Jugendwohlfahrtskomitee (CWC) begleitet und ein Jugendgefängnis, ein Housing Center, besucht.
Ja, Barbara und ich haben uns gedacht, wenn dann richtig, und uns das vermutlich schönste Urlaubsziel in Indien ausgesucht.
Die Andamanen sind eine Inselgruppe knapp zweitausend Kilometer östlich von Indien. Sie gehören zum Verwaltungsgebiet von Tamil Nadu und sind einer der wenigen Orte auf der Welt, auf denen noch Ureinwohner leben, die (mittlerweile sogar per Gesetz) nicht von der Außenwelt gestört werden dürfen.
Unser Flug ging von Hyderabad nach Chennai (Hauptstadt von Tamil Nadu). Wir durften einfach sitzen bleiben, und flogen dann weiter nach Port Blair, der Hauptstadt der Andamanen. Dort wurden wir von einem unglaublich gestressten Typen abgeholt, der uns zum Hafen brachte, ohne auch nur ein Wort mit uns zu wechseln. Etwas verwirrt setzten wir uns dort in den Schatten und leisteten den trendig rauchenden Rastafrisurträgern Gesellschaft. Ach so: keine Inder, dann hätte ich einfach Obdachlose geschrieben, sondern Touristen.
Hafen? Klar! Auf den Hauptinseln, wo auch Port Blair ist, gibt es nicht viel zu sehen. Wir fuhren noch zwei Stunden weiter mit der Fähre nach Havelock, ab jetzt meinem Lieblingsort auf der Welt.
In Havelock mussten wir unser spezielles Andamanenvisum vorzeigen, uns nochmal registrieren, und schon saßen wir im Auto zu unserem Hotel, dem The Wild Orchid.
Das wunderschöne Havelock zu beschreiben überlasse ich vor allem den Bildern.

Neben der wunderbaren Zeit, die man an diesen Traumstränden verbringen kann, haben wir das frische Thunfischsteak mit Pfeffer-Koriander Kruste, die Riesengarnelen und den Fangfrischen Fisch, echt gute Pizza und Sandwiches mit frischem Fisch genossen, nicht zu vergessen das Frühstück mit Pancakes und frischer Kokosnuss jeden Morgen. Vom Wäscheservice konnten wir uns die Wäsche mal wirklich sauber waschen lassen.

Wie schön kann eine Insel sein? Havelock besteht zum größten Teil aus Dschungel mit nicht enden wollenden Stränden an den Rändern. Auf der Insel leben nur 6000 Menschen, und die Hotels gehören zum größeren Teil vermutlich Unternehmungslustigen Europäern, Amerikanern und Australiern.
Um die Insel zu erkunden mieteten wir an einem Tag Fahräder. Nach einer Stunde waren wir so weit wie wir am Tag davor drei Stunden zu Fuß gegangen waren. Eine weitere Stunde später kam dann die Erkenntnis: ab hier ist Havelock nicht mehr erschlossen. Die letzten Wohnhäuser in der Nachbarschaft von Urwaldhüglen, Reisfeldern und einem kleinen See; dann hörte die asphaltierte Straße einfach auf. Dahinter war kein Feldweg. Ich hoffe, das bleibt noch lange so.
Die andere Richtung der Insel erkundigten wir per Moped. Für 300 Rupien (5 Euro) am Tag leiht man hier einen Motorroller. Da ich meinen extra beantragten internationalen Führerschein natürlich in Vijayawada vergessen hatte, musste ich die Frage nach dem Füherschein erstmal verneinen. Zitat: „Es ist kein Problem für mich, wenn du keinen Führerschein hast, aber wenn die Polizei dich erwischt musst du 4 Euro Strafe zahlen.“ Meine Fahrkünste musste ich dann aber doch noch vorzeigen, danach durften wir im Schlaglochslalom zum größten Strand von Havelock tuckern.
Die Zeit im Paradies ging leider viel zu schnell vorbei. Leider sind auch die Andamanen nicht von Biersüchtigen Touris gefeit, die auch nicht von den Bierflaschenbergen hinter den Hotels zurückschrecken, die davon zeugen, dass es einfach kein Recycling gibt.
Auf dem Rückweg mussten wir noch eine Nacht in Port Blair schlafen. Am morgen gab es dann am Flughafen die große Überraschung: „Oh, sie wollen von Chennai noch weiter? Nicht heute, die Flüge fallen alle aus.“
Toll. Die nächste Stunde verbrachten wir im Büro des Flughafenmanagers, von dem wir dann ein kostenloses Hotel und Flug nach Vijayawada am nächsten Tag in und von Chennai zugesichert bekamen, worauf wir auch bestanden haben.
Nach einer Dubai-Cola (mit Dattelgeschmack) flogen wir nach Chennai, wo uns dann dreimal von unserer Fluggesellschaft Kingfisher (der größten Biermarke in Indien) eingetrichtert wurde, dass wir im Hotel keinen Alkohol auf Kingfisherkosten trinken dürfen…ist klar.
Den Tag in Chennai verbrachten wir hauptsächlich in einer riesigen Shopping Mall, wo wir uns mit neuen Büchern und frischgebackenen Keksen eindeckten. Der Strand in Chennai mag zwar der drittgrößte der Welt sein, spielt aber mindestens drei Ligen unter Havelock.
Zurück in Vijayawada
Gut erholt und gebräunt muss ich zugeben, dass mir uns uns die Rückkehr nach Vijayawada ziemlich scher fiel. Nach dem traumhaften Urlaub war die Vorstellung, weitere sechs Monate im dreckigen Vijayawada zu verbringen, nicht besonders attraktiv. Air India hätte uns von Chennai auch gerne nach Hause bringen können.
Egal; die Zeit packen wir jetzt auch noch.
In der Einfahrt von Navajeevan Bala Bhavan konnten wir dann den neuen Food-Van bestaunen. Hier ein paar Bilder, nochmal vielen vielen Dank und auch herzlichen Glückwunsch an alle Spender, die die Anschaffung des neuen Fahrzeugs ermöglicht haben.

Geburtstag im Funkloch
Das letzte Highlight in meinem Bericht ist mein Geburtstag, den ich ungewöhnlicherweise dieses Jahr fernab von jeder Möglichkeit, mit meiner Familie oder meinen Freunden zu kommunizieren verbracht habe.
Um den Jungs mal einen schönen Tag zu machen habe ich einen Kinobesuch mit Rikschahfahrt und Snacks gesponsort. Wer hat Lust, mal auf deutsche Preise umzurechnen? Taxifahrt für 20 Personen über acht Kilometer, hin und zurück, zwanzig Eintrittskarten und naja sagen wir 20 Schokocroissants, das kommt dem Cremegefüllten Teigetwas am nächsten?
Mein Preis lag bei 1000 Rupien, relativ exakt fünfzehn Euro.
Leider war der Film absolut daneben, ich habe aber auch den größten Teil davon verschlafen. Die Story wiederzugeben lohnt sich einfach nicht.
Abends habe ich dann noch Byriani-Reis, Eier, Joghurtchutney (das ist das beste!) und Chickencurry gesponsort. Den Kuchen, den die Mitarbeiter für mich besorgt haben hatte ich zum größten Teil dann in meinem Gesicht, aber das macht man in Indien nun mal so.

Für die kommenden Tage hoffe ich vor allem, nicht mehr so oft zum Arzt zu müssen. Die vielen Krankheiten hier nerven schon ziemlich. Manchmal, gebe ich zu, zähle ich schon die Tage, bis wir ende Juli in den Flieger nach Hause steigen. Im Vimukthi werde ich jetzt vermehrt Kunst- und Bastelunterricht machen, und freue mich schon auf die Resultate. Das macht einfach mehr Sinn, als den Jungs wenig fruchtbaren Englischunterricht aufzuzwingen.
Ich hoffe ich schaffe es, mich bald wieder zu melden! Ich packe noch ein paar Bilder unter den Artikel!
Bis bald,
Konrad
Ich habe langeweile. Ein paar von euch wissen sich schon, warum: Ich musste mich in Indien der dritten (hoffentlich letzten) Wurzelspitzenresektion unterziehen. Daraufhin verbrachte ich ein paar Tage lediert in der Flat, wurde aber relativ schnell wieder fit – und dass bei einer OP, wo der Zahnarzt die komplette Zeit via Headset telefoniert hat… Heute abend werden die Fäden gezogen, so dass ich morgen dann endlich wieder, wenn auch nur ein paar Tage, ins Vimukthi fahren kann: Der Urlaub steht bevor, und die Woche davor werden Barbara, Birgit und ich noch ein Jugendgefängnis und das Gericht für Kinderrechte, das sogenannte Child Welfare Commitee besuchen. Am zehnten Februar fliegen Barbara und ich dann für zehn Tage auf die Andamanen. Wo das ist, dürft ihr selber googlen…Fotos gibt es dann nach unserer Rückkehr.
Da ich mich von der OP recht schnell wieder fit fühlte, entschied ich mich, Freitag Barbara und die Chiguru-Kids zu besuchen, da an dem Tag Mitarbeiterbesprechung war, und somit nur Volontäre beauftragt waren, die Kinder zu beaufsichtigen.
Wegen Stromausfall konnte dann auch kein Film gezeigt werden, so dass wir mit den Kindern draussen Fußball, Frisbee und andere Spiele spielten.
Irgendwann gegen zwölf Uhr kam Dominik, einer der neuen Volontäre von der FH Linz zu mir, und meinte, dass ein Junge ganz merkwürdig atmet. Wir gingen hin, hinter Barbaras Cottage, und sahen dort den Koch, der den Jungen fest umschlossen hielt. Yogi, der Junge, atmete viel zu schnell und stöhnte dabei jedesmal. Wir fragten, was passiert sei, aber die Inder konnten es uns nicht wirklich beantworten. Yogi beantwortete gar keine Frage, schien aber total verängstigt zu sein. Angeblich saß er auf dem Karussel auf dem Chiguruspielplatz, und hatte sich danach den Finger in den Mund gesteckt, um sich zu übergeben.
Da mir das Ganze gar nicht geheuer war, nahm ich Yogi an die Hand, um ihn zu Birgit zu bringen, die Dank Sanitäterausbildung am ehesten von uns weiß, was zu tun ist.
Der Junge konnte sich allerdings kaum auf den Beinen halten, so dass ich ihn schließlich zu Birgit, die selber mit Fieber im Bett lag, tragen musste.
Dort saß er eine ganze Weile, machte weiter die komischen Geräusche, hielt sich den Kopf, offenbar unter starken Schmerzen, und nickte ein paar mal leicht weg.
Mastan, der als indischer Aufseher im Chiguru geblieben war, war ziemlich nervös, wusste aber nicht was zu tun ist. Ich sagte ihm er solle die Ambulanz anrufen, er rief dann den Chigurufahrer an, der angeblich schon auf dem Weg war.
Yogi war überhaupt nicht ansprechbar, reagierte weder auf unsere Fragen auf Englisch und Telugu, noch auf die saftigen Ohrfeigen die er von Mastan bekam…Dann bekam er plötzlich einen Krampf, der Mundwinkel verzog sich nach rechts und der ganze Körper verkrampfte, Yogi fing an zu röcheln und für ca. 20 Sekunden konnten wir weder einen Puls fühlen, noch atmete er. Wir dachten in dem Moment, der Junge würde sterben. Als wir dann mit Gewalt Yogis Mund öffneten (Finger am Kiefergelenk zwischen die Zähne drücken – danke an die Erste-Hilfe-Kurse in der Schule…) floß der Speichel ab und Yogi find wieder an zu atmen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war endlich der Chigurufahrer da. Jetzt legten die Inder mal richtig los, zeigten was sie können, in Sachen „völlig upassender Dilletantismus“.
Mastan und eine Caremother schmierten Yogis Füße und Birgits Bett mit Currypulver ein, während der Junge total verkrampft auf dem Bett lag.
Kaum waren die Mitarbeiter wieder da, versuchten sie alle, Yogi mal die Hand aufzulegen, und versperrten mir den Weg, als ich ihn ins Auto legen wollte. Als wir endlich drin waren kamen wieder alle Mitarbeiter und Lehrer (das fand ich viel schlimmer als die Kinder) ans Fenster, glotzten und tatschten den Jungen an.
Wir wussten ja nicht, ob er nicht etwas an der Wirbelsäule hatte, so dass jede falsche Bewegung gefährlich wäre…in dem Moment ist mir für den Rest des Tages der Kragen geplatzt und ich habe ab da nur noch Befehle abgegeben, habe ich das Gefühl. Der Fahrer meinte noch, das Auto ausladen zu müssen…endlich ging es zum Krankenhaus, auf dem schlimmsten Weg mit den meisten Schlaglöchern hier in Vijayawada.
Natürlich mussten wir erst weitere Zeit verschwenden und beim Sickroom vorbeifahren. Ich dachte schon, die wollten den Jungen einfach da hinlegen … irgendwann kamen wir dann im Saint Ann’s Hospital an.
Nach kurzem herumdrücken auf Yogis Bauch, der höllische Kopfschmerzen haben musste, sagte die Ärztin, dass wäre ein psychisches Problem, er sollte aber vielleicht zur Sicherheit einen CT-Scan machen.
Ich fragte, ob die Kopfschmerzen und alles nicht auf ein Problem im Kopf hinweisen könnten. Sie dreht sich um, schaut die Inderin die vom Sickroom mitgekommen war an und sagt etwas auf Telugu, dann fängt sie an zu lachen. Toll.
Yogi schlief und bekam Spritzen. Nach zwanzig Minuten fragte ich, wann wir denn diesen Scan machen würden, um zu erfahren, dass wir dafür woanders hinfahren müssen.
Die Sickroom-Frau sagte dann, der Scan würde eventuell 5000 Rupees kosten, das müsse man erst absprechen … ich meldete mich bei Barbara und Birgit und wir vereinbarten, dass wir den Scan bezahlen.
Von ihr war, was die Gesundheit des Kindes anging, offenbar keinerlei Initiative zu erwarten. Ich holte uns also eine Autorikschah und fuhr mit Yogi und ihr zu der CT-Scan Einrichtung.
Als wir dort erfuhren, dass der Scan 2000 Rupees kostet (die ich trotzdem nicht dabei hatte, mit 200 kommt man hier locker aus…), sagte die Frau einfach: dann machen wir das halt morgen.
Ich schickte dann Yogi zum Scan und ging selber das Geld besorgen.
Als der Scan fertig und bezahlt war sollten wir eine Stunde auf den Bericht warten. Ich sagte der Frau also, dass sie Yogi zurück ins Krankenhaus bringen soll. Da sagt sie: „Meine Schicht ist jetzt zu ende, sie will jetzt nach Hause fahren.“
Kurzer Blick in meine Gefühlswelt, nichts zum drauf stolz sein: Ich hätte dieser Frau spätestens in dem Moment gerne eine gescheuert, weil ich einfach nicht mehr wusste, wie ich ihr klar machen kann, dass es vielleicht wichtig ist, was wir hier machen…zu meiner Entschuldigung: dass Alles zu sehen war schon hart, dann diese ständige Mischung von Arschloch-Vollidioten-Verhalten, die einen umgibt, kein Essen seit dem Frühstück, nicht grade gut für die Nerven.
Schließlich fuhr sie mit Yogi ins Krankenhaus und ich wartete auf die Ergebnisse.
Ich will jetzt mal aufhören, so detailreich zu erzählen; für mich fühlte sich dieser Tag einfach so unendlich lang an.
Um es abzukürzen: In dem Befund vom CT ist etwas gefunden worden. Die Ärzte im Krankenhaus attestieren Yogi aber eine „Neural Weakness – Nervenschwäche“, und dass er die Krampfanfälle immer wieder bekommen kann.
Ich und wir alle können sich damit nicht so recht abfinden – wissen den Befund aber nicht einzuordnen, sind ja keine Ärzte.
Hier der Befund an die Medizinexperten unter euch:
Ring lesion with central hyperdense speck within it measuring 7×7 mm at left subcortical frontal lobe surrounding white matter edema is seen
IMPRESSION: Cystericosis left subcortical frontal lobe
Sachdienliche Hinweise, was damit anzusellen ist bitte an: kontakt@einjahrindien.de
Die letzte Aussage zum Gesundheitszustands des Jungen von den Ärzten an die Sickroom-Chefin weitergegeben ist: The Boy is absolutely fine – im ginge es also wunderbar. Naja, sprechen kann er wieder, aber er klagt immer noch über Kopfschmerzen an der linken Kopfseite.
Neural Weakness habe allerhöchstens ich nach so einem Tag. Zeit für Urlaub ![]()
Euer Konrad
Wie die Zeit vergeht! Neujahr war für mich bisher der Ankerpunkt meiner Zeitrechnung; der nächste ist Ende Juli, wenn mein Jahr hier in Indien zu Ende geht. So weit ist es zum Glück noch nicht, auch wenn ich jetzt, nach einem Monat Schreibpause, vor einem Berg von Geschichten stehe, die ich unmöglich alle aufschreiben kann.
Zunächst muss ich mich allerdings auch hier nochmal bei allen Spenderinnen und Spendern bedanken! Ich bin absolut überwältigt angesichts der großen Summe, die zusammengekommen ist. Leider habe ich von manchen Spendern keine Adresse bzw. E-Mail-Adresse, so dass ich mich nicht persönlich bedanken kann. Ein wichtiger Hinweis an alle Spender auf das Don Bosco Spendenkonto: es fehlen einige Adressen von Spendern, so dass Don Bosco noch keine Spendenquittungen ausstellen kann. Wenn Sie eine Spendenquittung vermissen, schicken Sie mir bitte ihre Adresse an kontakt@einjahrindien.de
Von Herzen ein riesiges Dankeschön an alle Spenderinnen und Spender!
Ein paar Infos über alles, was bisher geschah, soll es aber geben. Ich hoffe, ihr behaltet den Überblick. An dieser Stelle auch der Hinweis auf die Fotoseite, mit neuen Bildern von Hampi und Goa.
Anfangen will ich am 24.12.2011. Nach einer Woche im Vimukthi, mit einem Schrank voller Weihnachtsgeschenke, Keksen von meiner lieben Tante und Haribo von Mama, die ich für das große Weihnachtmittagsessen am 24.12. mitgebracht habe, lagen die Nerven am 24. schon morgens blank. Nicht wegen der Geschenke, sondern weil sich die Jungs die ganze Woche nur noch daneben benommen haben.
Vielleicht lag es daran, dass ihnen von unseren Kollegen mitgeteilt wurde, dass es eventuell Geschenke geben würde; vielleicht ist das einfach nicht nur bei meinen kleinen Geschwistern so, dass sie zu Weihnachten durchdrehen. Anyways: richtig Lust den Jungs was zu schenken hatten Konstantin und ich am 24. nicht mehr: Jungs die uns ständig ärgern, beleidigen und auch mal schlagen; die Weihnachtsstimmung die wir zwanghaft mit Deko versuchten zu erzeugen ging eher Richtung Weihnachtsmissmut (oder ist das Weihnachtsstimmung?).
Das von uns einstudierte (und bei jeder Probe schlechter werdende) Krippenspiel lief dann jedenfalls doch noch ganz gut, dass Weihnachtsessen war richtig lecker, und über die Geschenke haben sich die Jungs natürlich total gefreut. Die Klamotten wurden gleich angezogen, und als die Cricketschläger aus meinem Rucksack erschienen war die Freude nicht mehr zu bändigen.
Hier muss ich allerdings gleich etwas einschieben, da ich nichts idealisieren möchte, ich bin ja immer noch in Indien. Wir hatten Sudakhar, dem Chef im Vimukthi bis Weihnachten 10 mal gesagt, dass die Jungs Klamotten zum Sportmachen bekommen. Vor der Weihnachtsmesse sagte er dann ernsthaft: die Jungs sollten doch jetzt die Klamotten anziehen, auch wenn die eigentlich nicht schick genug für die Messe seien, aber das wären doch „Special Dresses“ – was soviel bedeutet wie: liegt das ganze Jahr im Schrank und wird nur zu Weihnachten angezogen. Die Klamotten tragen die Jungs jetzt immerhin immer zum Sport, dass passt also. Die Cricketschläger werden zur Zeit nur zu „besonderen Spielen“ (?) rausgegeben, was ich Sudakhar die Tage ausreden werde…
Nach dem Weihnachtsessen ging es zurück in die Stadt. Ich will es kurz machen: Nach dem eher stressigen Weihnachten im Vimukthi hatte ich schon keine wirkliche Lust mehr, was in der Stadt dann immer schlimmer wurde, unter anderen, weil Barbara und ich, beide erst Samstags am späten Nachmittag gekommen, noch Lieder kopieren mussten, und ich einfach keine Lust auf großes Brimborium mehr hatte. Irgendwie wie ist Weihnachten leider oft so; gemütlich und stressfrei wäre besser. Im Navajeevan gab es dann eine Mitternachtsmesse und Essen, die eigentliche Weihnachtsfeier war dann am 25. abends, mit sehr guten Essen und Unmengen Whisky, der aber vor allem im Bauherrn des neuen Balika, dem Mädchencottage im Chiguru, landete.
Die Tage zwischen den Jahren verliefen recht unspektakulär, bis darauf, dass wir mit dem Vimukthi eine etwas doofe Aktion starten mussten…Es gibt einen neuen Boss, der die Idee hatte: Jungs werben Jungs – will heißen, die „alteingesessenen“ gehen mit einem Street Worker an den Bahnhof und überreden die Straßenkinder dort, mit ins Vimukthi zu kommen. Von der Idee vielleicht ganz nett, aber in der Realität nicht umsetzbar, besonders nicht mit den schwierigen Jungs im Moment: von zehn Kindern sind drei weggelaufen; drei von den Vieren, bei denen ich vorher auch gedacht habe, dass sie abhauen würden.
Nach dieser komischen Aktion blieb ich in der Stadt. Am 31. ging es dann nach Goa. Landschaftlich wunderschön am Meer gelegen ist meine Meinung, dass westliche Tourismuskultur in armen Ländern zu tumorigen Auswüchsen neigt. Casinoschiffe, noble Klamottenläden, billige Ramsch-Souvenirläden, und am schlimmsten, die Touristen selbst. Die aus dem Flugzeug steigen und sofort die Kippe anmachen, und mit ihre Kleidung zeigen, dass sie noch nie auch nur eine Zeile über Indien gelesen (oder verstanden) haben.
Ein kleiner Tipp: sagt euch jemand, er sei schon in Indien gewesen, dann fragt mal nach, wo denn. Ich möchte hiermit alle Formulieren, die Indien in irgendeiner Form verallgemeinern zurücknehmen. Indien ist nicht Indien. Die 800????????? Kilometer zwischen Vijayawada und Goa trennen Welten. Es ist nicht so, als würde es in Goa keine Armut geben, aber dennoch: es handelt sich um verschiedene Länder.
Ich bin allerdings froh, in Vijayawada ein für mein Verständnis natürlicheres Indien kennengelernt zu haben.
Der Silvesterabend in Goa am Strand war zwar nett, und das Essen (nach fünf Monaten endlich wieder Rindfleisch) war großartig, aber er endete pervers. Sturzbetrunkene Inder, reiche Inder, die aus dem ganzen Land zu kommen scheinen, um sich in Goa so zu benehmen, wie sie glauben, dass sich Europäer auf Ibiza, Mallorca oder eben in Goa benehmen. Sagen wir es so: sie imitieren ziemlich gut, und dass ist einfach schade, wenn man sich die „unschuldigen“, neugierigen und freundlichen Inder in Vijayawada anschaut.
Nach den Tagen in Panjim am Strand ging es weiter nach Sulcorna, einer großen Farm von Don Bosco in Goa. Die Projekte dort sind deutlich größer und besser gestellt als Navajeevan. In Sulcorna verbrachten wir ein gutes und interessantes Zwischenseminar, bei Haribo und Klatschzeitungen aus Deutschland, und köstlichem Essen
Von Goa aus fuhren Barbara und ich mit dem Bus nach Hampi, um uns den touristischen und kulturellen Overkill zu geben. 15 Stunden in einer engen Koje frieren. Hampi ist wunderschön, ein unglaublicher und schwer zu beschreibender Ort. In mitten einer wüstenartigen Felslandschaft finden sich dort hundert Hindutempel für die verschiedenen Gottheiten aus alten Steinen geschlagen und in die Landschaft eingepasst.
Aber die Tatsache, dass man in Hampi in jedem (!) Lokal echtes Nutella bekommt (kann man in Vijayawada nicht kaufen, vor vier Monaten schon, seit dem nicht mehr), und die Menschen die sich dort herumtreiben, lassen einen doch ernsthaft zweifeln. Was sind das für Leute, die mit Rastazöpfen (heißt für einen Inder, einer von der Straße…) in den Hotels gammeln, auf Felsen kiffen (2-5 Jahre Gefängnis) und saufen, Möchtegern-Medititation betreiben und in den Hotels nur westliches Essen bestellen?
Wir fühlten uns schlecht, weil wir westlich aßen; aber wir essen seit Monaten dreimal am Tag Reis. Mein Fazit von Hampi:
Wer in Indien ist, sollte nach Hampi fahren, aber wer nur dort war, war nicht in Indien.
Achtzehn Stunden im Zug, der sich erstaunlich gut zum Schlafen eignet, brachten uns zurück nach Vijayawada. Tja und hier fängt dann wieder ein Alltag an, der keiner ist, weil jeden Tag etwas passieren kann. Zurück im Vimukthi gab es diese Woche endlich (??!) mal wieder Cricket. Es ist momentan deutlich kälter als es in Goa war; nachts angeblich nur 6°C, tagsüber aber schon zwischen 19 und 26°C. Die Mangoblüte endet langsam, die ersten winzigen Mangos wachsen an den Bäumen und verheißen einen süßen April.
Bis ganz bald!
Konrad
…sage ich euch mit einem Bild von dem Weihnachtsbaum, den ich für Barbaras kleine Jungs gebaut habe. Ich melde mich im Januar wieder ausführlich, wenn der ganze Jahresendestress und das Zwischenseminar in Goa vorbei sind. Dann gibts auch Infos zu den Spenden und was damit passiert ist! Bis dahin, frohe Feiertage und einen guten Rutsch,
Letzte Woche habe ich einen Spendenaufruf zu Weihnachten für mein Projekt Vimukthi und das Gesamtprojekt Navajeevan Bala Bhavan gestartet. Für alle, die es interessiert, aber keine Mail bekommen haben: der Spendenaufruf kann hier heruntergeladen werden.
Spendenaufruf_zu_Weihnachten
Wichtig: Bitte gebt mir von Spendern aus eurem Bekanntenkreis eine E-Mail-Adresse, damit ich mich persönlich bedanken kann.
Nachweis für Spenden auf mein privates Konto
Damit auch alles seine Richtigkeit hat, möchte ich den Spendern auf mein privates Konto einen Kontoauszug und die Quittung, dass das Geld an Navajeevan gegangen ist per Mail zuschicken. Dies wird etwas dauern, da ich pro Monat maximal 500 Euro abheben kann.
Für alle, deren Adressen ich nicht habe, bitte kontaktiert / kontaktieren Sie mich über kontakt@einjahrindien.de
Bis bald, und ein herzliches Dankeschön an alle, die schon gespendet haben oder es noch vorhaben.
Konrad
Erstmal ein wichtiger Hinweis! Es gibt neue Fotos! Und ein Youtube-Video von Navajeevan, eingesprochen von Barbara und mir, und zu finden hier
Generalisierungen finde ich selber blöd. Egentlich sollte der Artikel „Verrücktes Indien“ heißen. Das Indien, dass ich hier erlebe, ist einfach manchmal ziemlich verrückt. Ein kleiner Ausschnitt der letzten Tage zeigt, was ich damit meine, und nur damit das klar ist: so sieht eine ganz normale Woche aus!
Anfangen möchte ich mit der Busfahrt vom Vimukthi zurück am 25.11., und ich bin froh, dass ich damit noch anfangen kann, die Fahrt war nämlich mehr als lebensmüde.
Am Busbahnhof angekommen sahen wir erst ungläubig aus der Rikschah einen Bus mit der selbstbewussten Aufschrift „Super Luxury“. Dann sahen wir, dass der Bus ziemlich eindeutig einen schwereren Auffahrunfall hatte, und die Windschutzscheibe fehlte einfach komplett.
Es ging ziemlich schnell los, und ich machte einen großen Fehler: Ich wollte während der Fahrt ein Foto vom Busfahrer und ohne Scheibe machen. Das weckte den Rennfahrer in ihm, er heizte über die Piste und fuhr Slalom durch Kühe und den Straßenverkehr, sprang über Schlaglöcher und ignorierte jedes gefährlichere Hinderniss einfach. Wie der Bus wohl seine Scheibe verloren hat. Der Fahrer ist dabei jedenfalls vollends durchgedreht, schrie und sang wie am Spieß und schaute öfter in meine Kamera als auf die Straße.
Hinten im Bus unterhielt ich mich dann mit den Fahrgästen, die allesamt irgendeinen Beruf ausübten, der mit dem Reparieren und Aufrüsten von Bussen zu tun hat. Ich dachte erst: „Leute, ihr habt einen schlechten Job gemacht.“ Aber mittlerweile schätze bzw. hoffe ich, dass der Bus nach Vijayawada in die Werkstatt unterwegs war.
Fotosession
Weiter gings mit Wochenende. Wir hatten noch Besuch von Tobi und Konsorten aus Hyderabad (auf Strassenkinder.de findet man auch Tobis Blog). Das Volontärsmeeting und das abendliche Kochen fand trotzdem statt, wobei ich jeweils mit leicht geistiger Abwesenheit geglänzt habe. Sonntags wurde dann beim Meeting beschlossen, machen wir einen kleinen Ausflug mit den Gästen auf einen nähergelegenen Hügel.
Ich denke, dass bei einem große Ausflug in Indien vermutlich eine Großküche samt Angestellten auf einen Hügel in der Nähe transportiert würde, denn:
Die wenigen Volontäre die wir waren bekamen zunächst mal beide Fahrzeuge von Navajeevan zur Verfügung gestellt, inklusive Fahrern. Kiloweise Obst, Literweise Kaltgetränke, ein 20-Liter Kanister Wasser und ein komplettes Mittagessen mit Chappatis (leckere Brotfladen) und aufwändigem Curry…alles war schon oben, als wir oben ankamen. Damit wir nicht vom Fleische fallen wurden uns dann auf dem Berg diverse Eis am Stil spendiert, der Eismann verfolgte uns aber auch penetrant.
Auf dem Berg gab es eine Festung aus der Hampi-Dynastie aus dem 16. Jahrhundert zu besichtigen, sehr groß, aber sehr schlecht erhalten, vom Aufbau prinzipiell ähnlich wie Burgen und Festungen halt überall aussehen.
An dem Tag gab es jedenfalls was viel interessanteres zu besichtigen, nämlich 10 weiße die in einer Festung auf einem Berg rumstehen. Ich wurde in meinem Leben noch nicht so oft fotografiert. Und zwar ungefragt fotografiert, gefragt fotografiert, in Pose fotografiert.
Klar macht man am anfang mit, wenn jemand ein Foto schießen möchte. Aber wenn man dann am Mittagessen sitzt, und jemand grade in die Festung reinkommt, die er ja besichtigen will, und dann erstmal das Handy rausholt und, sorry, kackendreist an einem vorbeischleicht und 25 Fotos macht…ja ist eigentlich egal, aber die haben schon ein Rad ab was das angeht.
Jedenfalls, zukünftige Arbeitgeber, wenn sie irgendwelche Fotos von mit im Internet finden: war ein Inder, konnte mich nicht wehren.
Das wir gerne fünf Rupien pro Foto hätten hat manche abgeschreckt, aber nicht wirklich interessiert. Wir Ausländer hätten übrigens 100 Rupien für jede Kamera bezahlen müssen, die wir auf das Gelände mitbringen, gemein Ironie…
Kühe im Advent
Sonntag Abend statteten wir noch Ganesh, dem Saftmann, nicht dem Gott, einen Besuch ab. Da fiel uns auf, es ist der erste von vier Sonntagen bis Weihnachten ist. Es soll also der erste Advent sein? Das einzige, was annähernd Ähnlichkeit mit Winter hat ist das Eis in meinem Sapotasaft (Sapotas sehen aus wie Kartoffeln, schmecken wie Honig).
Komisches Gefühl also, wenn es um einen herum warm ist, jeden Tag die Sonne scheint, und Weihnachten so gar kein Thema ist. Obwohl es die Inder ja angeblich auch größtenteils feiern.
Ein kurzer Anruf zuhause brachte aber wenigstens ein bisschen Adventstimmung durchs Telefon, und die Vorfreude auf ein paar Weihnachtskekse, die es per Post bis hierhin schaffen und schon geschafft haben.
Tja, und dann war ich Montag erstmal beim Arzt, weil ich erkältet und seit fast zwei Wochen nicht mehr so richtig fit war. Der Arzt stattete mich mit einer weiteren neuen Version von Paracetamol-Panschungen aus, die es hier gibt, bei dieser sind neben Paracetamol noch Kochsalz und Koffein beigemischt, sowie Chlorphenamine, wo ich nicht weiß, was das ist. Daneben gibts noch zwei andere Pillen, und mittlerweile bin ich wieder fit. Lag vielleicht auch an der Schonkost, die aus Reis mit Joghurt zu allen drei Tagesmalzeiten bestand. Wenn man sich in einer indischen Wohnung ausruht, dann klopft es auch gerne mal: „Hallo, ich bin der Bruder des Hausbesitzers, und ich wollte mal gerne die Wohnung (bzw. die Bewohner ansehen), und habe auch meine ganze Familie mitgebracht….“
Die kranken Tage von Montag und Dienstag waren jedenfalls nötig und haben auch geholfen. An einem Tag konnte ich endlich mal das Foto machen, auf das ich schon seit Monaten warte. Da saß nämlich das letzte Mal abends eine Kuh vor unserer Wohnung. Dienstag saß dort wieder eine, auf Pause von ihrer Tour durch den Abendverkehr.
Morgensport ist Mord?
Die Busfahrt zurück ins Vimukthi war wie immer: es ruckelt ohne Ende, man wartet auf den Achsbruch, aber er kommt nicht.
In Nuzvid wollte ich dann mal endlich für 40 Rupien bis ins Camp fahren, laut den Kollegen der maximale angemessene Preis. Wenn die Rikschahfahrer aber hier einen weißen sehen, fangen sie in der Regel bei 150 Rupien an zu verhandeln. Ich hab es dann geschafft den Preis auf 70 zu drücken, wobei der Fahrer von Anfang an nur 80 wollte.Ist alles kein Geld, von daher egal, aber es geht auch ein bisschen ums Prinzip. Wurde dann die beste Rikschahfahrt aller Zeiten: Irgendwann zwischendrin fragte mich der Fahrer, ob ich so ein Ding fahren könnte. Ich sagte „klar!“, er rückte zur Seite, und ich war der neue Fahrer. Davon abgesehen, dass so ein „Auto“ wie es die Inder nennen für Personen über 1,60 m ungeeignet zu Fahren ist, weil man nur viel Dach sieht und wenig Straße, ist es absolut Idiotensicher: vier Gänge, keine Kupplung, einfach den Hebel umreißen, und Gasgeben wir bei jedem Moped. Angekommen habe ich dann doch 80 Rupien bezahlt, weil er ja leer zurückfahren musste, war seine Begründung
In meinem Zimmer hieß es erstmal: Moskitonetz wieder aufhängen, das wurde netterweise runtergeschnitten, als Gäste in meinem Raum übernachtet haben. Danach habe ich noch geholfen, den Eingang neu zu streichen, wobei man in Indien scheinbar immer nur 1/4 der Arbeit pro Tag erledigt.
Später wurde Carambowl gespielt: Holzchips werden über ein Bord geschippst, in vier Löcher in den Ecken. Durch das Training im Shelter bin ich mittlerweile fast so gut wie die Jungs. Ganz plötzlich gab es eine Schlägerei, Zwei Jungs schlagen sich mit einem Besen. Ich gehe dazwischen und schicke einen weg. Dann geht der andere Junge mit einer Glasflasche auf den los, den ich weggeschickt habe. Bevor er zuschlagen konnte, habe ich ihn vom Bett auf dem er stand runtergerissen und in das Zimmer des Betreuers getragen. Die Jungs wiegen zum Glück ja nichts…Die Flasche mit (Jod???) hat er dann noch mitten in den Raum geschmissen.
Wie man sieht, alles ganz einfach, alles ganz normale, eine indische Woche eben!
Bis bald,
Konrad
Endlich! Am Donnerstag nachmittag sind neben mir im Vimukthi auch acht neue Jungs angekommen. Nächste Woche kommen angeblich nochmal so viele, und das Camp fängt wieder an.
Habe mir heute schon Sportschuhe gekauft, um die Morgengymnastik um 6 Uhr in der früh anständig machen zu können. Ich hoffe ich komme aus dem Bett!
Wir hatten diese Woche und dieses Wochenende von Tobi, der wie Barbara und ich von Don Bosco Volunteers ist, sowie Anna und Theresa von JugendEineWelt aus Österreich.
Da sie ja in Hyderabad richtig in der Stadt sind waren sie schon von der Luft in Vijayawada begeistert, und vom Vimukthi dann natürlich hin und weg.
Auf dem Rückweg vom Schuhkauf kamen wir an einem Supermarkt vorbei. Davor saß, ganz alleine, ein höchstens einjähriger Junge, der keine Hose anhatte und total verdreckt war. Sein vielleicht fünf Jahre älterer Bruder kam dann ziemlich schnell, als wir bei dem Kind angehalten haben. Barbara und ich sind dann in den Supermarkt und haben Wasser und Kekse für die beiden gekauft, und dann dank Barbaras Telugukenntnissen gefragt, ob es Mutter und Vater gibt, und wo diese Wohnen. Wenn es geht wollen wir die Mitarbeiter hier von Navajeevan da mal vorbeischicken.
Das ist Armut hautnah, und echt hart. Der Junge hat dann seinen kleinen Bruder auf den Arm genommen und ist mit ihm und seinen Keksen nach Hause gegangen. Vermutlich haben sie genug gebettelt für den Tag.
Kurz vorher ist einen knappen Kilometer entfernt ein nagelneuer Audi A4 an uns vorbeigefahren.
Ich hoffe, dass ich jetzt wo ich wieder im Vimukthi bin, wieder regelmäßiger und ausführlicher schreiben kann.
Wenn ich es schaffe, werde ich morgen oder spätestens nächstes Wochenende auch mal eine ganze Menge neue Fotos hochladen.
Es soll ja bald Weihnachten sein, so ganz glauben kann ich es nicht, bei nach wie vor über 30°C am Tag. Abends wird einem bei 27°C schon mal kalt. Navajeevan wünscht sich, dass die Volontäre zu Weihnachten etwas für die Projekte sponsorn und organisieren. Dafür werde ich nächstes Wochenende mal einen Spendenaufruf starten, ich warte aber noch auf Rückmeldung von Don Bosco, wie ich dass am besten mache.
Bis nächste Woche erstmal, besten Gruß,
Konrad
Die Tage ziehen sich im Shelter ein bisschen wie Kaugummi. Das Programm dort ist immer das gleiche: Unterricht, Kuschelstunde als Kontaktsport, Essen, Spiele, und jeden zweiten Abend Spätschicht im Jugendzentrum: Englisch mit supermotivierten Lehrern und supermotivierten Kindern, die beide einen kompletten Arbeitstag hinter sich haben.
Die Sommerlochartige Überschrift?
Ich komme zwar aus dem Rheinland, bin aber trotzdem nicht so wirklich Karnevalsfan. Trotzdem bin ich natürlich bestens auf die Uhrzeit 11:11 sensibilisiert, im Jahr 2011 um so mehr.
Und was soll ich sagen, dieses Jahr hat die fünfte Jahreszeit drei Monate und viereinhalb Stunden zu früh angefangen. Zeitverschiebung und so…
Zum Abschluss heute mal eine kleine Lehrstunde zum Thema “Hausputz inkl. Aufräumen – indische Art”.
Am Donnerstag war es scheinbar im Shelter soweit, dass man endlich mal Großputz machen musste. Es wurde also gewischt und gefegt, alles ganz normal.
Bis auf die Müllverbrennung.
Im Shelter fällt wie in jeder Einrichtung wo sich mehrere Menschen treffen eine gewisse Menge Müll an (könnte man jetzt noch ausführen, dass wo Menschen sind manchmal gute Dinge entstehen, aber unter garantie in irgendeiner Form Müll produziert wird … nicht heute…)
Wir Volontäre nutzen für Müll, eigentlich nur Obstschalen sowie Plastikbecher für Chai (Tee) den Mülleimer, die Kinder schmeißen den Müll von der Gebäudekante auf das direkt anliegende Ufer eines Krishnakanals.
Nicht toll, aber Hand aufs Herz, wer rät wo der Müll aus dem Mülleimer landet bekommt eine Flasche Krishnawasser für eventuelle Mordanschläge.
Jedenfalls mussten am Donnerstag dann die älteren Shelterjungs mit Schaufeln Müll und trockenes Gras vom Ufer zusammenkehren, um diese hygienischen Haufen anschließend zu verbrennen. Der Geruch war genau so super wie die Tatsache, dass direkt nebenan total im Rauch die kleinen Kinder sitzen mussten. Da gab es auch keine Alternative zu, denn das Gebäude selbst hat keine Fenster sondern nur ein offenes Gitter, so dass man es drinnen erst recht nicht aushalten konnte. Auf die Extraportion Rauch gab es dann Mittagessen.
Beste Grüße ins saubere Deutschland, wo der Müll verbrannt wird, ohne das wir es riechen
Konrad