Eingefügt am 18.10.2011
Tja so kanns gehen: da schreibt man doch noch einen Blogeintrag, und kurz darauf geht das Internet nicht mehr. Dass ist seit dem so, deswegen ist der Beitrag, wenn er heute online geht, nicht komplett. Der Originalbeitrag startet hier.
Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich grade nicht wirklich die Motivation, einen Blogeintrag zu schreiben. Da dass aber schon die ganze Woche so war, und ich davon ausgehe, dass sich das erst im Vimukthi wieder ändern wird, schreibe ich jetzt doch mal, was so vorgefallen ist die letzten Tage. Ist allerdings etwas mehr, deswegen heute extralange Kurznotizen…
Boys Shelter
Das Vimukthi ist vorbei, und Konstantin und ich waren jetzt diese Woche bei Martin im Boys Shelter. Dort kommen jeden Tag zwischen 20 und 30 Straßenjungs, um dort den Tag zu verbringen. Es wird zu jeder Malzeit die Anwesenheit kontrolliert, es gibt eine Stunde “Unterricht”, hauptsächlich hält der Shelter die Jungs fern von der Straße. Außerdem gibt es dort eine Motorradwerkstatt, einen Elektrikerschuppen und eine Schreinerei, in denen ein paar Jungs eine Berfusausbildung erhalten.
Die Kinder sehen größtenteils aus wie zehn, sagen aber, dass sie zwischen 15 und 18 Jahren alt sind.
Der Tagesablauf ist unspektakulär: Um neun Uhr kommen wir Volontäre an, und geben ca. eine Stunde Matheaufgaben und ein bisschen Englisch. Danach wird, sofern Strom da ist, der Fernseher eingeschaltet und es beginnt die von mir so getaufte “Prügel-Hour”, in der die Jungs unterreinder und mit uns gerne kämpfen, “spaßkämpfen” und sich sonst irgendwie wehtun. Ganz schlimm ist zum Beispiel der allerkleinste von den Jungs, an dem man nicht vorbeigehen kann, ohne das er einem den Ellbogen gegens Schienbein haut. Als er mal gegen mich gesprungen ist, daraufhin nach hinten und auf den Kopf fiel fing er an zu weinen. Als ich ihn trösten und ihm gleichzeitig sagen wollte, dass er das selber Schuld ist, hat er mir erst per Gestik zu verstehen gegeben, dass er mir die Hand abschneiden wird, dann hat er der Caremother gesagt, ich hätte ihn geschubst.
Der arme Junge.
Das Ereignis der Woche war der Tagesausflug des Shelters ins Projekt “Chiguru”. Sinn der Ausflüge ist es, die Jungs zu motivieren sich gut zu benehmen, damit sie in die anderen Projekte können, und durch Spiele und verschiedene Aufgaben von den Kindern mehr zu erfahren etc. Das wichtigste, außerordentlich unschöne Ereignis des Ausflugs leitet zu meinem Punkt zwei der Überschrift über.
Ein Problem
Beim Durga Festival habe ich das erste Mal Andrei, den mir damals noch als “Gast” von Navajeevan bekannten Russen, erwähnt.
Mittlerweile ist Andrei zum Problem geworden, was hoffentlich mehr oder weniger gelöst ist. Über die miese Wortwahl könnte ich mich meinen Lesern gegenüber Entschuldigen, aber was den Typen angeht, habe ich keine andere Wahl.
Letzte Woche ist Andrei in unsere Wohnung gezogen, da angeblich keine Gasträume mehr im Yuva Bavan frei waren. Wir fanden das alle nicht so gut, da wir ihn nicht wirklich kennen, und vor allem, da wir nicht wissen, was eigentlich sein Status hier ist.
Denn er ist schon zwei Jahren in Indien, lebt seit mehreren Wochen bei Navajeevan, isst hier, schläft hier, ohne einen Finger krumm zu machen. Finde ich prinzipiell bei einer Organisation, die von Spendengeldern lebt, nicht so gut.
Angeblich hat der Typ auch keinen Pass mehr, weil er schlauerweise sein Visum überzogen hat, und die Polizei ihm den Pass abgenommen hat.
Am Mittwoch ist Andrei dann mit ins Chiguru gefahren. Dort war er die Woche vorher schon. Seine Version von “den Kindern Schwimmunterricht geben” war: auf einer Bank liegen und schlafen.
Diesen Mittwoch hing er ebenfalls im Chiguru rum (vermutlich aus Langeweile, denn er verbringt die Tage in der Regel mit Meditation, wir wissen es nicht wirklich, wir arbeiten nämlich tagsüber).
Dort glotzte er dann ständig in Barbaras Cottage, wo sie mit Hilfe von Martha grade den Jungs das Essen verteilte. Ihm passte der strenge Umgang mit den Kindern nicht, dafür hatte er noch diverse fantastische Ratschläge was die Essensmenge der Kinder angeht, parat. Bei der Gelegenheit muss ich auch einfach nochmal erwähnen, dass er auch mal gerne mit Hippiesprüchen wie “es gibt kein richtig und kein falsch” kommt. Dann muss man auch keine Tipps geben.
Andererseits: Tipps sollen ja helfen. Als Barbara Andrei nach dem Essen dann mitteilte, dass ein Junge zuviel gegessen hat und deswegen grade kotzen musste, ging der innere Frieden mit ihm durch. Er sprang auf und ging immer näher auf Barbara los. Bei den wenigen Schlägereien, die ich in meinem Leben beobachtet habe, sah die erste Szene exakt so aus.
Ich bin dazwischen gegangen und habe ihn zurückgehalten. Barbaras Ying (Kritik – oder sogar einfach: andere Meinung) passte scheinbar einfach nicht zu seinem wohl einmeditiertem Yang (alles OK, so lange ich recht habe…), was zwar irgendwie komisch ist, wenn alles richtig und falsch ist, aber hey … schließlich endete diese Szene damit, dass Clement, ein indische Mitarbeiter zu Andrei sagte, er habe sich gefälligst nicht in Barbaras Angelegenheiten einzumischen. Darauf gab Andrei das international als pazifistisch anerkannte hinduistische Mönchsmantra “Fuck you!” als Antwort.
Später stellte der Jung’ noch seine Geschichtskenntnisse unter Beweis, als er Barbara allen Ernstes sagte: “Du bist von der Gestapo, so wie du mit den Kindern umgehst, weißte…”
An dieser Stelle bleibt mir nur folgendes zu sagen: This one goes out to all the hippies, 69′ dreamers and however you call yourself nowadays in the world: if this is what you learn by meditating in some ashram and dreaming of peace and whatever, I take my guitar and sent a big fat kick in your stupid ass to you rightaway.
Leider ist die Geschichte damit noch kein bisschen zu Ende, denn der Gute wohnte ja schließlich immer noch bei uns. Wäre es nicht so wiederlich könnte man sich freuen, dass er seinen Rausschmiss hier uns so vereinfacht hat.
Am Abend wollte er in die untere Wohnung, um mal wieder mit irgendeinem Laptop irgendein russisches Lied in dem jedes zweite Wort “Bolschewiki” oder ähnlich lautet hören. Das habe ich ihm nicht erlaubt, habe ihn ausgesperrt und ihm gesagt das er scheißaggressiv heute war, und er sich in der unteren Wohnung nicht mehr blicken lassen braucht.
Hat er sang- und klanglos akzeptiert, und mir dann später gesagt: “Ja weißt du, ich mag das Leben, und ich mag auch dich, aber vielleicht bin ich ja aggressiv, also solltest du wohl besser das Tor absperren.
Wenn ich er wär, würd ich das Geld vom Guru echt zurückwollen.
Oben hat er dann mal richtig das innere Riesenarschloch rausgelassen. Sitzt dort, und meditiert in Unterhose, und grabscht den Mädels an den Hintern, wenn sie vorbeilaufen.
Als wir beim Meeting meinten, dass er noch heute raus muss, hat er noch allenernstes gesagt, dass er von Father Koshy die Erlaubnis hat, in der Wohnung zu leben. “Wie lange noch, wenn ich erzähle, was du machst?” Frage ich. Keine Antwort.
Wir waren leicht geschockt, als der eine Father dann meinte, ja es gibt viele Möglichkeiten was man jetzt machen kann, wir sollten uns erstmal selbst respektieren (häh?). Annand, unser Betreuer war ein bisschen anders drauf, und hat auch gleich Father Koshy in Europa gemailt.
Gestern abend ist er dann nach Telefonat mit Annand raus, und wir haben die Schlösser ausgetauscht. Jetzt müssen wir ihn nur noch aus Navajeevan rauskriegen, den so ein Vollidiot hat hier einfach nichts verloren. Immerhin ein Paradebeispiel von “Wasser predigen und Wein saufen…”
Ich bin jedenfalls froh, jetzt erstmal nichts mehr mit ihm am Hut zu haben, und hoffe, dass das auch so bleibt.
Fototour durch Vijayawada
Zum Abschluss gibt es noch etwas angenehmeres, ein paar Fotos von heute. Barbara muss ja immer schon sonntagabend ins Projekt, und wir gehen dann immer nachmittags zusammen Essen. Die Bilder fangen bei der Fahrt zur und auf der M(ahatma) G(handi) – Road, der protzigsten Straße hier an, und dann eben der Fußweg zurück zur Wohnung.
Eingefügt am 18.10.2011
Die Fototour entfällt heute, denn das Internet ist sowieso nur auf Umwegen verfügbar. Dafür folgen demnächst mal ein paar kulinarische Eindrücke und Shopping-Tipps für Vijayawada, denn ich gehe jeden Abend vom Shelter einen Umweg nach Hause, um viele neue Geschäfte etc. kennen zu lernen. Heute gabs Straßensnack im Zeitungspapier, scharf, salzig, sauer, lecker, und ein wunderbares Auberginencurry mit Reis für 30 Cent.
>Darauf gab Andrei das international als pazifistisch anerkannte hinduistische
>Mönchsmantra “Fuck you!” als Antwort.
Nice
Nicht unterkriegen lassen, mein Lieber!
Daumen hoch für euch zwei!
Hooooo! Welch eine wunderbare Arschloch-Geschichte. Deine Schreibe ist auf dem Weg in die Literatur! Schreibe bitte weiter so. Genau so, auch wenn es hart klingt, seichte, mittelmäßige Schönschrift liest man ja nur mit Langeweile. Deine Texte saugen einen ja quasi mitten rein. Chapeau!!! Mama
Danke! Tolle Eindrücke!