So langsam habe ich das Gefühl, dass sich Routine einstellt. Aber anders, als man Routine kennt. Es ist hier nie wirklich voraussagbar, was als nächstes passiert. Doch die Dinge kommen einem nicht mehr so besonders vor, werfen einen nicht voll aus der Bahn, man nimmt alles etwas gelassener auf und fängt an zu improvisieren.
Das Vimukthicamp ist tatsächlich vorüber, und ich arbeite wieder im Shelter. Am Wochenende 29.10. / 30.10. war ich in Bangalore, wo ich mir mit Father Siju aus Bangaloer und Father Arogya aus Vijayawada das erste Metallicakonzert Indiens angesehen habe. Eine 40 € Eintrittskarte als Bevölkerungsfilter ergibt eine Mischung aus kiffenden, buhenden, ungeduldigen, erwartungsvollen, westlich gekleideten und dauerhaft fluchenden jungen Indern.
Ein paar sehr sympathisch aussehende ältere Inder, vermutlich aus der Softwarebranche, sowie wahrscheinlich alle weißen von Bangalore waren ebenfalls da. Ach ja, und das Konzert war natürlich genial, genau wie die Zeit mit Father Siju, der aussieht wie Charlie Sheen und auch ein bisschen so drauf ist , jedenfalls ein total cooler Typ. Als er meinte „Oh shit, nicht das ich auf nem Pressefoto auftauchte, wenn meine Jungs dass sehen“ sagte ich: „Aber es gibt der katholischen Kirche ein so viel cooleres Image“ worauf er meinte: „Ja schon “
Die 12 Stunden Busfahrt hin und zurück waren es jedenfalls wert, wobei Bangalore von dem was ich sonst gesehen habe nicht besonders viel zu bieten hat, außer einen interessieren eben klaffende Unterschiede von arm und reich. Der Senior Software Engineer mit Personalverantwortung, den ich kennengelernt habe und der sich heiß duscht, in dem er in dem winzigen Bad seiner winzigen Wohnung (mit Frau und Kind) einen Tauchsieder mit einem Ast an einem Eimer befestigt, hat mir auch nochmal die krassen Unterschiede zwischen Indien und Deutschland aufgezeigt, immerhin habe ich bei HYPE auch einige kennengelernt, und denen ging es beruflich und finanziell schon richtig gut, und dass für deutsche Verhältnisse…
Dienstag bin ich dann um ca. 9 Uhr morgens angekommen, kurz in die Wohnung und dann arbeiten gegangen. Im Shelter ist alles wie immer, Captain Jack Sparrow bzw. Lakshman, einer der größeren Jungs, erzählt von seinem glamour etc., die Jungs prügeln sich und Martin und ich verpassen dem ein oder anderen dafür eine unfreiwillige Dusche mit Klamotten
Zwei Vimukthijungs hängen grad auch im Shelter rum, einer, weil er wartet bis er ins Yuva Bhavan ziehen kann, denn er wird ein Collegeboy, was sehr gut ist. Der andere, weil sein Abschlusszeugnis der zehnten Klasse verschlampt wurde. Er ist total niedergeschlagen und sagt „Meine Zukunft ist gelaufen…“ Ich bin mir ja nicht sicher, aber möglich ist es, dass es in Indien schwierig ist, ein verlorenes Zeugnis zu ersetzen.
Heute Nacht werde ich das erste Mal in meinem Leben in einem Krankenhaus schlafen, aber immerhin, ohne selber krank zu sein! Birgit hat sehr starkes Fieber und muss ins Krankenhaus, und da es dort keine Pflegekräfte gibt, wird man nur aufgenommen, wenn man jemanden hat, der bei einem bleibt.
Das waren ein paar Eindrücke der letzten Tage, Fotos aus Bangalore folgen demnächst,
bis bald
Konrad
Hi, Konrad, das sind ja wieder spannende,interessante und auch fremdartig wirkende Eindrücke, die Du beschreibst. DAnke und: Genieße zwischendurch so tolle Trips wie das zum MetallicaKonzert. Wir sind aus Israel zurück und hatten wirklich a great time. Vielleicht gibts ja doch noch einmal eine ‘family-tour’ dorthin – das wünsche ich mir sehr ( nach meiner Pensionierung
).
Hoffentlich bleibst Du gesund und der Birgit unbekannterweise einen Gruß und gute Besserung.
Lieben Gruß aus dem herbstlich warmen Deutschland/Ostwestfalen, Elisabeth