Die Lücken füllen: Der Spendenaufruf und die Zeit vom 24.12.2011 bis zum 24.1.2012

Wie die Zeit vergeht! Neujahr war für mich bisher der Ankerpunkt meiner Zeitrechnung; der nächste ist Ende Juli, wenn mein Jahr hier in Indien zu Ende geht. So weit ist es zum Glück noch nicht, auch wenn ich jetzt, nach einem Monat Schreibpause, vor einem Berg von Geschichten stehe, die ich unmöglich alle aufschreiben kann.

Zunächst muss ich mich allerdings auch hier nochmal bei allen Spenderinnen und Spendern bedanken! Ich bin absolut überwältigt angesichts der großen Summe, die zusammengekommen ist. Leider habe ich von manchen Spendern keine Adresse bzw. E-Mail-Adresse, so dass ich mich nicht persönlich bedanken kann. Ein wichtiger Hinweis an alle Spender auf das Don Bosco Spendenkonto: es fehlen einige Adressen von Spendern, so dass Don Bosco noch keine Spendenquittungen ausstellen kann. Wenn Sie eine Spendenquittung vermissen, schicken Sie mir bitte ihre Adresse an kontakt@einjahrindien.de

Von Herzen ein riesiges Dankeschön an alle Spenderinnen und Spender!

Ein paar Infos über alles, was bisher geschah, soll es aber geben. Ich hoffe, ihr behaltet den Überblick. An dieser Stelle auch der Hinweis auf die Fotoseite, mit neuen Bildern von Hampi und Goa.

Anfangen will ich am 24.12.2011. Nach einer Woche im Vimukthi, mit einem Schrank voller Weihnachtsgeschenke, Keksen von meiner lieben Tante und Haribo von Mama, die ich für das große Weihnachtmittagsessen am 24.12. mitgebracht habe, lagen die Nerven am 24. schon morgens blank. Nicht wegen der Geschenke, sondern weil sich die Jungs die ganze Woche nur noch daneben benommen haben.
Vielleicht lag es daran, dass ihnen von unseren Kollegen mitgeteilt wurde, dass es eventuell Geschenke geben würde; vielleicht ist das einfach nicht nur bei meinen kleinen Geschwistern so, dass sie zu Weihnachten durchdrehen. Anyways: richtig Lust den Jungs was zu schenken hatten Konstantin und ich am 24. nicht mehr: Jungs die uns ständig ärgern, beleidigen und auch mal schlagen; die Weihnachtsstimmung die wir zwanghaft mit Deko versuchten zu erzeugen ging eher Richtung Weihnachtsmissmut (oder ist das Weihnachtsstimmung?).

Das von uns einstudierte (und bei jeder Probe schlechter werdende) Krippenspiel lief dann jedenfalls doch noch ganz gut, dass Weihnachtsessen war richtig lecker, und über die Geschenke haben sich die Jungs natürlich total gefreut. Die Klamotten wurden gleich angezogen, und als die Cricketschläger aus meinem Rucksack erschienen war die Freude nicht mehr zu bändigen.

Hier muss ich allerdings gleich etwas einschieben, da ich nichts idealisieren möchte, ich bin ja immer noch in Indien. Wir hatten Sudakhar, dem Chef im Vimukthi bis Weihnachten 10 mal gesagt, dass die Jungs Klamotten zum Sportmachen bekommen. Vor der Weihnachtsmesse sagte er dann ernsthaft: die Jungs sollten doch jetzt die Klamotten anziehen, auch wenn die eigentlich nicht schick genug für die Messe seien, aber das wären doch „Special Dresses“ – was soviel bedeutet wie: liegt das ganze Jahr im Schrank und wird nur zu Weihnachten angezogen. Die Klamotten tragen die Jungs jetzt immerhin immer zum Sport, dass passt also. Die Cricketschläger werden zur Zeit nur zu „besonderen Spielen“ (?) rausgegeben, was ich Sudakhar die Tage ausreden werde…

Nach dem Weihnachtsessen ging es zurück in die Stadt. Ich will es kurz machen: Nach dem eher stressigen Weihnachten im Vimukthi hatte ich schon keine wirkliche Lust mehr, was in der Stadt dann immer schlimmer wurde, unter anderen, weil Barbara und ich, beide erst Samstags am späten Nachmittag gekommen, noch Lieder kopieren mussten, und ich einfach keine Lust auf großes Brimborium mehr hatte. Irgendwie wie ist Weihnachten leider oft so; gemütlich und stressfrei wäre besser. Im Navajeevan gab es dann eine Mitternachtsmesse und Essen, die eigentliche Weihnachtsfeier war dann am 25. abends, mit sehr guten Essen und Unmengen Whisky, der aber vor allem im Bauherrn des neuen Balika, dem Mädchencottage im Chiguru, landete.

Die Tage zwischen den Jahren verliefen recht unspektakulär, bis darauf, dass wir mit dem Vimukthi eine etwas doofe Aktion starten mussten…Es gibt einen neuen Boss, der die Idee hatte: Jungs werben Jungs – will heißen, die „alteingesessenen“ gehen mit einem Street Worker an den Bahnhof und überreden die Straßenkinder dort, mit ins Vimukthi zu kommen. Von der Idee vielleicht ganz nett, aber in der Realität nicht umsetzbar, besonders nicht mit den schwierigen Jungs im Moment: von zehn Kindern sind drei weggelaufen; drei von den Vieren, bei denen ich vorher auch gedacht habe, dass sie abhauen würden.

Nach dieser komischen Aktion blieb ich in der Stadt. Am 31. ging es dann nach Goa. Landschaftlich wunderschön am Meer gelegen ist meine Meinung, dass westliche Tourismuskultur in armen Ländern zu tumorigen Auswüchsen neigt. Casinoschiffe, noble Klamottenläden, billige Ramsch-Souvenirläden, und am schlimmsten, die Touristen selbst. Die aus dem Flugzeug steigen und sofort die Kippe anmachen, und mit ihre Kleidung zeigen, dass sie noch nie auch nur eine Zeile über Indien gelesen (oder verstanden) haben.
Ein kleiner Tipp: sagt euch jemand, er sei schon in Indien gewesen, dann fragt mal nach, wo denn. Ich möchte hiermit alle Formulieren, die Indien in irgendeiner Form verallgemeinern zurücknehmen. Indien ist nicht Indien. Die 800????????? Kilometer zwischen Vijayawada und Goa trennen Welten. Es ist nicht so, als würde es in Goa keine Armut geben, aber dennoch: es handelt sich um verschiedene Länder.
Ich bin allerdings froh, in Vijayawada ein für mein Verständnis natürlicheres Indien kennengelernt zu haben.
Der Silvesterabend in Goa am Strand war zwar nett, und das Essen (nach fünf Monaten endlich wieder Rindfleisch) war großartig, aber er endete pervers. Sturzbetrunkene Inder, reiche Inder, die aus dem ganzen Land zu kommen scheinen, um sich in Goa so zu benehmen, wie sie glauben, dass sich Europäer auf Ibiza, Mallorca oder eben in Goa benehmen. Sagen wir es so: sie imitieren ziemlich gut, und dass ist einfach schade, wenn man sich die „unschuldigen“, neugierigen und freundlichen Inder in Vijayawada anschaut.

Nach den Tagen in Panjim am Strand ging es weiter nach Sulcorna, einer großen Farm von Don Bosco in Goa. Die Projekte dort sind deutlich größer und besser gestellt als Navajeevan. In Sulcorna verbrachten wir ein gutes und interessantes Zwischenseminar, bei Haribo und Klatschzeitungen aus Deutschland, und köstlichem Essen

Von Goa aus fuhren Barbara und ich mit dem Bus nach Hampi, um uns den touristischen und kulturellen Overkill zu geben. 15 Stunden in einer engen Koje frieren. Hampi ist wunderschön, ein unglaublicher und schwer zu beschreibender Ort. In mitten einer wüstenartigen Felslandschaft finden sich dort hundert Hindutempel für die verschiedenen Gottheiten aus alten Steinen geschlagen und in die Landschaft eingepasst.
Aber die Tatsache, dass man in Hampi in jedem (!) Lokal echtes Nutella bekommt (kann man in Vijayawada nicht kaufen, vor vier Monaten schon, seit dem nicht mehr), und die Menschen die sich dort herumtreiben, lassen einen doch ernsthaft zweifeln. Was sind das für Leute, die mit Rastazöpfen (heißt für einen Inder, einer von der Straße…) in den Hotels gammeln, auf Felsen kiffen (2-5 Jahre Gefängnis) und saufen, Möchtegern-Medititation betreiben und in den Hotels nur westliches Essen bestellen?
Wir fühlten uns schlecht, weil wir westlich aßen; aber wir essen seit Monaten dreimal am Tag Reis. Mein Fazit von Hampi:
Wer in Indien ist, sollte nach Hampi fahren, aber wer nur dort war, war nicht in Indien.

Achtzehn Stunden im Zug, der sich erstaunlich gut zum Schlafen eignet, brachten uns zurück nach Vijayawada. Tja und hier fängt dann wieder ein Alltag an, der keiner ist, weil jeden Tag etwas passieren kann. Zurück im Vimukthi gab es diese Woche endlich (??!) mal wieder Cricket. Es ist momentan deutlich kälter als es in Goa war; nachts angeblich nur 6°C, tagsüber aber schon zwischen 19 und 26°C. Die Mangoblüte endet langsam, die ersten winzigen Mangos wachsen an den Bäumen und verheißen einen süßen April.
Bis ganz bald!

Konrad

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2 Antworten auf Die Lücken füllen: Der Spendenaufruf und die Zeit vom 24.12.2011 bis zum 24.1.2012

  1. Sepp sagt:

    Dein Bericht bringt mich zum schmunzeln und weckt in mir alte Erinnerungen. Ich war im Winter 2004/05 in Vimukti, damals noch in der Baracke. Obwohl ich mit über 60 Lenzen ein Tata war gelang es mir – nach etlichen Anlaufschwierigkeiten – einen Grossteil der Jungs gewissermassen nach dem Motto Zuckerbrot und Peitsche für Umgebungsarbeiten zu motivieren.
    Dies ging schlussendlich soweit, dass die Jungs bis 11 Uhr auf das Frühstück verzichteten unter dem Motto we want work.
    Eine wunderbare Erfahrung, die ich niemals missen möchte und wofür ich dankbar bin, auch wenn es eine harte Zeit war.
    Eine tiefe Freundschaft verbindet mich heute noch mit Navajeevan sowie Fr. Koshy, Anu Aunty und vielen anderen Freunden in Navajeevan.
    Indien hat mich immer noch im Griff. Meine 2. Heimat liegt in den Dörfern des Nalgonda-Districts(Mallepally). Eine weitere Herausforderung und auch eine dankbare Aufgabe. Bin heute über 70, denke aber, dass man erst richtig alt ist, wenn man keine Perspektiven mehr hat.
    Sepp Aeberhard, Switzerland

  2. maria sagt:

    Lieber Konrad, du hast wieder so interessant geschrieben. Da wird die Intensität deines augenblicklichen Lebens echt spürbar. Danke, dass du uns teilnehmen lässt!
    Euch beiden viele liebe Grüße
    Maria

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