Kann mal jemand den Vorlauf stoppen? Die Abstände zwischen meinen Blogeinträgen werden immer länger; und mir fällt es im Nachhinein jetzt schon schwer, daran zu denken, was in der Zwischenzeit alles war.
Den letzten Blogeintrag habe ich am 31. Januar geschrieben. Heute ist schon der zehnte März. Wo ist die Zeit hin?
Meine drei Highlights findet ihr in der Überschrift, und darüber will ich heute nach so langer Zeit berichten. Zunächst allerdings noch ein paar Neuigkeiten zu Yogi, dem Jungen aus meinem letzten Eintrag. Der war angeblich wieder vollkommen fit, und kam dann wieder ins Chiguru. Dort hatte er einen weiteren Anfall, und muss jetzt für mindestens zwei Jahre Medikamente nehmen.
Abschied aus dem Chiguru und endlich Urlaub!
Anfang Februar wurde ganz effizient (deutsche Planung…) Barbaras Geburtstag und der Abschied von Birgit und Barbara aus dem Chiguru ebenda gefeiert. Es gab eine riesige Geburtstagsfeier mit allen Kindern, gutem Essen und improvisiertem Volontärstanz.
Da sich die Fahrt ins Vimukthi kaum gelohnt hätte haben wir Montag und Dienstag (6. & 7.2.) Father Koshy bei seiner Ausübung als Vorsitzender des Kinder- und Jugendwohlfahrtskomitee (CWC) begleitet und ein Jugendgefängnis, ein Housing Center, besucht.
Im CWC sprechen zum Beispiel Familien vor, die Kinder adoptieren wollen oder schwangere Studentinnen, die das bald vorhandene Kind loswerden wollen. Das Housing Center für kriminelle Jugendliche war bedrückend und beeindruckend. Wir durften keine Fotos machen. Die Jungs zwischen 14 und 20 Jahren sitzen dort ein, bis ein Gericht ihren Fall behandelt hat (die Beschreibung, wie das alles genau funktioniert war leider etwas konfus). Die Fälle gingen von Mord über Motorraddiebstahl bis hin zu kleinen Lebensmittelstehlereien. Am 8. Februar war es dann soweit, Barbara und ich machten und mit Birgit auf nach Hyderabad, unserer ersten Zwischenstation in den (dringend nötigen…) Urlaub. Hyderabad. Schreckliche Stadt. Acht Millionen Einwohner, ich kam mir vor wie in einer zu Konzentrat gekochten und dann potenzierten Version von Vijayawada. Wenn die EU das nächste mal zum Thema Feinstaub tagt: das kann sie sich dann auch sparen. In Hyderabad hat man das Gefühl, die Abgase von Berlin, Paris, London, Rom und Madrid gleichzeitig einzuatmen.
Den neunten Februar hatten wir noch zum Sightseeing eingeplant, da ich ja Hyderabad vor sechs (!) Monaten wegen Krankheit verpasst habe. Irgendwie scheint Hyderabad mir aber nicht zu liegen. Das Abendessen im Hard Rock Café am achten Februar, unindisch, gefranchised, lecker, rächte sich am nächsten Morgen mit Fieber und Magenproblemen.
Die Vorfreude auf den Urlaub war dann aber stärker. In der Nacht auf den zehnten Februar wurde erst Birgit zum Flughafen abgeholt, und um fünf Uhr morgens ging es dann für uns los Richtung Andamanen.
Ja, Barbara und ich haben uns gedacht, wenn dann richtig, und uns das vermutlich schönste Urlaubsziel in Indien ausgesucht.
Die Andamanen sind eine Inselgruppe knapp zweitausend Kilometer östlich von Indien. Sie gehören zum Verwaltungsgebiet von Tamil Nadu und sind einer der wenigen Orte auf der Welt, auf denen noch Ureinwohner leben, die (mittlerweile sogar per Gesetz) nicht von der Außenwelt gestört werden dürfen.
Unser Flug ging von Hyderabad nach Chennai (Hauptstadt von Tamil Nadu). Wir durften einfach sitzen bleiben, und flogen dann weiter nach Port Blair, der Hauptstadt der Andamanen. Dort wurden wir von einem unglaublich gestressten Typen abgeholt, der uns zum Hafen brachte, ohne auch nur ein Wort mit uns zu wechseln. Etwas verwirrt setzten wir uns dort in den Schatten und leisteten den trendig rauchenden Rastafrisurträgern Gesellschaft. Ach so: keine Inder, dann hätte ich einfach Obdachlose geschrieben, sondern Touristen.
Hafen? Klar! Auf den Hauptinseln, wo auch Port Blair ist, gibt es nicht viel zu sehen. Wir fuhren noch zwei Stunden weiter mit der Fähre nach Havelock, ab jetzt meinem Lieblingsort auf der Welt.
In Havelock mussten wir unser spezielles Andamanenvisum vorzeigen, uns nochmal registrieren, und schon saßen wir im Auto zu unserem Hotel, dem The Wild Orchid.
Das wunderschöne Havelock zu beschreiben überlasse ich vor allem den Bildern.

Neben der wunderbaren Zeit, die man an diesen Traumstränden verbringen kann, haben wir das frische Thunfischsteak mit Pfeffer-Koriander Kruste, die Riesengarnelen und den Fangfrischen Fisch, echt gute Pizza und Sandwiches mit frischem Fisch genossen, nicht zu vergessen das Frühstück mit Pancakes und frischer Kokosnuss jeden Morgen. Vom Wäscheservice konnten wir uns die Wäsche mal wirklich sauber waschen lassen.

Wie schön kann eine Insel sein? Havelock besteht zum größten Teil aus Dschungel mit nicht enden wollenden Stränden an den Rändern. Auf der Insel leben nur 6000 Menschen, und die Hotels gehören zum größeren Teil vermutlich Unternehmungslustigen Europäern, Amerikanern und Australiern.
Um die Insel zu erkunden mieteten wir an einem Tag Fahräder. Nach einer Stunde waren wir so weit wie wir am Tag davor drei Stunden zu Fuß gegangen waren. Eine weitere Stunde später kam dann die Erkenntnis: ab hier ist Havelock nicht mehr erschlossen. Die letzten Wohnhäuser in der Nachbarschaft von Urwaldhüglen, Reisfeldern und einem kleinen See; dann hörte die asphaltierte Straße einfach auf. Dahinter war kein Feldweg. Ich hoffe, das bleibt noch lange so.
Die andere Richtung der Insel erkundigten wir per Moped. Für 300 Rupien (5 Euro) am Tag leiht man hier einen Motorroller. Da ich meinen extra beantragten internationalen Führerschein natürlich in Vijayawada vergessen hatte, musste ich die Frage nach dem Füherschein erstmal verneinen. Zitat: „Es ist kein Problem für mich, wenn du keinen Führerschein hast, aber wenn die Polizei dich erwischt musst du 4 Euro Strafe zahlen.“ Meine Fahrkünste musste ich dann aber doch noch vorzeigen, danach durften wir im Schlaglochslalom zum größten Strand von Havelock tuckern.
Die Zeit im Paradies ging leider viel zu schnell vorbei. Leider sind auch die Andamanen nicht von Biersüchtigen Touris gefeit, die auch nicht von den Bierflaschenbergen hinter den Hotels zurückschrecken, die davon zeugen, dass es einfach kein Recycling gibt.
Auf dem Rückweg mussten wir noch eine Nacht in Port Blair schlafen. Am morgen gab es dann am Flughafen die große Überraschung: „Oh, sie wollen von Chennai noch weiter? Nicht heute, die Flüge fallen alle aus.“
Toll. Die nächste Stunde verbrachten wir im Büro des Flughafenmanagers, von dem wir dann ein kostenloses Hotel und Flug nach Vijayawada am nächsten Tag in und von Chennai zugesichert bekamen, worauf wir auch bestanden haben.
Nach einer Dubai-Cola (mit Dattelgeschmack) flogen wir nach Chennai, wo uns dann dreimal von unserer Fluggesellschaft Kingfisher (der größten Biermarke in Indien) eingetrichtert wurde, dass wir im Hotel keinen Alkohol auf Kingfisherkosten trinken dürfen…ist klar.
Den Tag in Chennai verbrachten wir hauptsächlich in einer riesigen Shopping Mall, wo wir uns mit neuen Büchern und frischgebackenen Keksen eindeckten. Der Strand in Chennai mag zwar der drittgrößte der Welt sein, spielt aber mindestens drei Ligen unter Havelock.
Zurück in Vijayawada
Gut erholt und gebräunt muss ich zugeben, dass mir uns uns die Rückkehr nach Vijayawada ziemlich scher fiel. Nach dem traumhaften Urlaub war die Vorstellung, weitere sechs Monate im dreckigen Vijayawada zu verbringen, nicht besonders attraktiv. Air India hätte uns von Chennai auch gerne nach Hause bringen können.
Egal; die Zeit packen wir jetzt auch noch.
In der Einfahrt von Navajeevan Bala Bhavan konnten wir dann den neuen Food-Van bestaunen. Hier ein paar Bilder, nochmal vielen vielen Dank und auch herzlichen Glückwunsch an alle Spender, die die Anschaffung des neuen Fahrzeugs ermöglicht haben.

Geburtstag im Funkloch
Das letzte Highlight in meinem Bericht ist mein Geburtstag, den ich ungewöhnlicherweise dieses Jahr fernab von jeder Möglichkeit, mit meiner Familie oder meinen Freunden zu kommunizieren verbracht habe.
Um den Jungs mal einen schönen Tag zu machen habe ich einen Kinobesuch mit Rikschahfahrt und Snacks gesponsort. Wer hat Lust, mal auf deutsche Preise umzurechnen? Taxifahrt für 20 Personen über acht Kilometer, hin und zurück, zwanzig Eintrittskarten und naja sagen wir 20 Schokocroissants, das kommt dem Cremegefüllten Teigetwas am nächsten?
Mein Preis lag bei 1000 Rupien, relativ exakt fünfzehn Euro.
Leider war der Film absolut daneben, ich habe aber auch den größten Teil davon verschlafen. Die Story wiederzugeben lohnt sich einfach nicht.
Abends habe ich dann noch Byriani-Reis, Eier, Joghurtchutney (das ist das beste!) und Chickencurry gesponsort. Den Kuchen, den die Mitarbeiter für mich besorgt haben hatte ich zum größten Teil dann in meinem Gesicht, aber das macht man in Indien nun mal so.

Für die kommenden Tage hoffe ich vor allem, nicht mehr so oft zum Arzt zu müssen. Die vielen Krankheiten hier nerven schon ziemlich. Manchmal, gebe ich zu, zähle ich schon die Tage, bis wir ende Juli in den Flieger nach Hause steigen. Im Vimukthi werde ich jetzt vermehrt Kunst- und Bastelunterricht machen, und freue mich schon auf die Resultate. Das macht einfach mehr Sinn, als den Jungs wenig fruchtbaren Englischunterricht aufzuzwingen.
Ich hoffe ich schaffe es, mich bald wieder zu melden! Ich packe noch ein paar Bilder unter den Artikel!
Bis bald,
Konrad








Lieber Konrad und liebe Barbara, endlich habe ich einen neuen Laptop und Zeit, deine Einträge lesen zu können. Ich finde es nach wie vor beeindruckend, wie aktiv ihr seid und eure die Zeit füllt – Dass irgendwann die Sehnsucht nach zu Hause kommt, kann ich gut verstehen, aber ich glaube, jetzt, wo euch der Alltag wieder “hat”, spürt ihr das weniger. Die Beziehungen, die ihr inzwischen zu Kindern und Mitarbeitern geknüpft habt, sind doch auch ein reicher Schatz.
Ich habe am letzten Wochenende meinen neuen Schatz kennengelernt. Chiara ist ein süßes, aufmerksames, hunriges kleines Knuddelschätzchen. Ihr könnt euch schon auf sie freuen!
Ich freue mich auch schon auf ein Treffen mit euch:im Sommer…. oder???
Seid lieb gegrüßt von
Maria
Hallo, Kanrod, ich habe so gelacht, Kanrod! Das ist ja so süß!
Hör ich da ein bisschen Heimweh?
Wir haben schon März, ich finde die Zeit rast doch geradezu!
Habe ich eigentlich Barbara zum Geburtstag gratuliert? Das muss ich wohl nachholen, also drück sie ganz lieb von mir, und dich auch, Mama
Pingback: Demut vor der Freiheit - 10379 Kilometer – mein Jahr in Indien
Hallo Konrad,
tolle Fotos. Dein Urlaub klingt super vor allem in Havelock. Ich hoffe du hast dich gut erlohen können und noch Energie für nächste per Monate getankt und vor allem dass du nicht mehr so oft zum Arzt musst!
Schöne Grüße aus Bonn