Hallo ihr Lieben,
hier mal wieder ein Artikel der privaten Natur. Ich habe mich drei großartige Wochen lang auf die Entdeckung eines unbekannten Landes eingelassen – Indien.
Die Reise führte ini den Norden des Landes, in dem ich seit nunmehr einem halben Jahr heimisch bin, das aber, wie so oft, vieles Neue für mich bereit hielt.
An dieser Stelle geht ein besonders herzlicher Dank an alle meine Sponsoren, die mir mit kleinen und großen Finanzspritzen diese Reise ermöglicht haben.
Begonnen habe ich allein in Richtung Hyderabad. Diese 6 Millionen Einwohnerstadt liegt noch im gleichen Bundesstaat, Andhra Pradesh, in dem ich auch lebe. Hier habe ich am Flughafen Tobias abgeholt. Während der zwei Stunden, die ich dort am Morgen auf ihn gewartet habe, ist mir besonders ein wohl typisch indisches Bild hängen geblieben; die Großfamilie, die eines ihrer Schäfchen, meist junge Männer, abholt. Für diesen Anlass machen sichvor allem die Frauen und Mädchen jeden Alters schön, und so ist die sonst seher nüchterne Ankunftshalle gefüllt mit glitzernden Reflektionen von Sarees, dem Duft der Blüten im Haar und den noch etwas unrhythmischen Schritten junger Mädchen mit den ersten hohen Schuhen. Dazwischen fachsimpeln die männlichen Familienmitglieder vor dem Arrivalbildschirm, professionelle Hotelabholer halten ihre Namensschilder hoch und die Taxi- und Rikschafahrer warten schon auf frisch gelandete Kundschaft, dies, wir sind ja in Indien, natürlich lautstark.
Die Erkundung der Stadt selbst war etwas chaotisch, da im Nordindien-Reiseführer pber die südindische Stadt logischerweise wenig drinsteht, wie wir feststellen mussten. Zum Glück hatte ich vor der Reise einige “Insidertips” von unseren Caremothers bekommen.
Bei einem Ausflug in die “Ramoji Filmcity” wurde mir wieder bewusst gemacht, in was für einem freundlichen Land ich mich befinde. Diese Filmcity beheimatet neben einem Freizeitpark auch eines der größten Filmsets der Welt, in dem sämtliche Telugufilme gedreht werden. (Und das sind nicht wenige, die südindische Filmbranche kommt auf über 800! Filme im Jahr.) Der Eintritt zu diesem Park beträgt stolze 600 Rupee pro Person. Ich war an diesem Tag noch nicht beim Geldautomaten gewesen und hatte leider nur noch 800 Rupee bei mir. Nachdem meine Karte vom dortigen System nicht erkannt wurde, bin ich zurück zur Straße und einer Ansammlung von ca 5 Häusern und einem Geldautomaten gegangen, der leider nicht funktionierte…
Nun standen wir vor dem Problem, 40 km gefahren zu sein, um in diesem Park zu kommen und am schnöden Mammon zu scheitern. Diesem Problem erbarmte sich dann zu meiner unendlichen Überraschung einer der wohl wichtigeren Arbeiter in dem Park der zu mir sagte, er würde mir das Geld leihen, ich sollte beim Geldautomaten im Inneren dann Geld abheben und ihm beim Verlassen des Parks einfach wiedergeben. Dies hat er gemacht, ohne eine irgendwie geartete Absicherung zu verlangen. Nur zum Vergleich, 400 Rupee sind etwa 8 Euro und der Preis einer vermünftigen Jeans oder 300-350 Bananen, also viel Geld…
Weiter ging die Reise dann, mit einem Abstecher nach Vijayawada, um Tobias das Projekt zu zeigen, nach Kolkatta. Dort sind wir nachts angekommen, glücklicherweise hatte ich das Hotel schon vom Zug aus angerufen, sodass wir ein klares Ziel hatten. Trotzdem sind wir dann in den Händen eines etwas dubiosen “Taxizuhälters” gelandet, der genau wusste, dass er der deutlich Überlegene in der Situation war. Dank meiner Verhandlungskünste und der Tatsache, dass ich die skrupellosen Fahrer schon gewöhnt bin, sind wir dann doch zu einem halbwegs humanen Preis angekommen. Dies war eins von vielen Erlebnissen, bei denen ich wirklich froh war, Indien zumindest ein bisschen zu kennen.
Gelandet sind wir dann in einer von vielen Reiseführern empfohlenen Unterkunft, die so richtig typisch auf Rucksackreisende eingestellt war. Von der Atmosphäre und dem Zustand der Wände fühlte ich mich etwas an unsere alte Volunteersflat erinnert, aber mehr als Schlafen und Duschen muss man ja nicht dort.
Kolkatta selbst scheidet wohl die Geister noch mehr als es Indien selbst schon tut. Man muss es hassen oder lieben, etwas dazwischen geht nicht. Für mich gilt letzteres, denn in dieser Stadt die zwar ein unglaublicher 14 millionenköpfiger Moloch ist herrscht eine ganz besondere Stimmung und ein unglaublicher Charme. Dies klingt sehr positiv und so ist mir die Stadt auch begegnet, doch besonders hier bin ich wieder auf die unfassbaren Distanz ohne räumliche Nähe zwischen arm und reich gestoßen.
An dieser Stelle geht ein Dank an Willy, den Reiseführer abseits der Sightseeingpunkte. Er ist Voluntär in Howrah, einem der ärmsten Teile Kolkattas und wir haben uns im Januar auf dem Weg nach Goa kennengelernt und diesmal für einen Tag getroffen.
An diesem Tag haben wir nicht nur das schillernste und teuerste Hotel Kolkattas besucht, sondern auch das Müllgebirge der Stadt, auf dem Menschen leben und arbeiten. Dieser Gegensatz war unvorstellbar und er ist unbeschreiblich, ich versuche es euch durch die Bilder zu zeigen, die ich gemacht habe. Obwohl ich schon viel Armuthier gesehen habe, hat mich dieser Anblick tief berührt.


Doch auch die weniger tragischen Erlebnisse in Kolkatta werden lange bleiben. So haben wir eine Buchhandlung gefunden, die alte Bücher an- und verkauft, und das nicht nur auf Englisch, sondern in allen Sprachen. Hier tauschen viele Reisende ihre Lektüre aus und auch wir haben uns mit Neuer eingedeckt, auf deutsch…
Viel Zeit kann man im New Market verbringen, einer riesigen überdachten Ansammlung kleiner Lädchen, in denen es wirklich alles gibt, von Essen über Kleidung und Elektronik bis hin zu wirklich frischem Huhn und anderem Fleisch. Dieses Gewusel festzuhalten ist leider ein unmögliches Unterfangen. Da
s etwas gedämpfte Licht, mit Staub durchsetzte Luft, voller Gerüche, die sich an jeder Ecke ändern, süß neben der Bäckerei und direkt danach erschlagend vom Geruch der Räucherstäbchen, die der nächste Ladenbesitzer am Morgen für das Gelingen seines Tagwerks abbrennt. Neben dem Rufen der Händler und den aufdringlichen Fragen der Schlepper, was “Madame” denn suchen, hört man bunt gemischte Musikproben aus dem CD- und Kassettenladen und Gesprächsfetzen in unterschiedlichen Sprachen. Optisch überfodert ist man ohnehin durch Schilder, Auslagen, Bilder und die Hektik um einen herum, bunt, grell und auffordernd. Alles in allem eine wunderbare Mischung, in die man eintaucht und so schnell nicht wieder verlassen will.
Doch die Reise ging weiter, im Zug, Sleeper Class, mit dem wir jedes Teilstück dieser Reise bestritten haben. Dort lässt es sich eigentlich sehr gemütlich fahren, auch wenn sich das geheime Zeichen, das ca. um 21.30 gegeben wird und auf das hin alle Reisenden die Betten runterklappen und sich schlafen leben uns nicht klar wurde. In dieser Nacht habe ich jedoch sehr unruhig geschlafen, da in jeder Station plötzlich schwer bewaffnete Soldaten durch den Zug liefen, immer in Gruppen zu 3-4 Leuten und weder leise noch besonders rücksichtsvoll. Warum..? wieder eine ungeklärte Frage mehr, wir sind unbehelligt geblieben und am nächsten morgen gut in Varanasi, einer der ältesten und heiligsten Stätten der Welt angekommen.
Hier sind wir gleich am Bahnhof von einem überraschen netten und fairen Autorikshafahrer aufgegabelt worden, der den Ruf seiner Kollegen deutlich gerettet hat. Allerdings war der Mann das Chaos in Person, so hat er die ersten 500 Meter im Stau schieben müssen, weil der erste Gang seiner Riksha nicht funktionierte… Er hat das aber ganz locker genommen und ist dann mit uns durch ein unglaubliches Gewirr kleinster Gässchen gerast, um uns genau vor dem Hotel zu entlassen, zu dem wir wollte, was seinerseits in einem solchen Gässchen lag.
Dieses Hotel, die “Old Yogi Lodge” kann man durchaus weiterempfehlen, es wird von einem sehr netten Besitzer geleitet und ist klein und familiär. Hier haben wir gelernt, wir klein die Welt wirklich ist, denn von den vielen Begegnungen mit anderen Reisenden war dies wohl die lustigste. Mit uns auf dem Dach saßen ein Peruaner und ein Bolivianer, mit denen wir uns auf deutsch unterhalten haben. In Indien…
Da wir in Varanasi waren, mussten wir, ganz klar, als erstes zur Mutter Ganga, dem heiligsten und gleichzeitig dreckigsten Fluss der Welt. Trotz meiner Enttäuschung, dass eben dieser Fluss aller Flüsse nur recht schmal ist und nur auf einer Seite belebt, war der erste Blick, der sich uns nach dem Fußweg durch die überfüllte Stadt eröffnet hat, beeindruckend. Das gesamte Ufer auf der Stadtseite des Flusses wird von Ghats gesäumt, Treppen unterschiedlicher Art, auf denen das pralle religiöse und leider auch touristische Leben herrscht. 

Hier beten Hindus am Wasser und bespritzen sich mit ein paar Tropfen davon. Andere baden, waschen ihre Wäsche oder opfern kleine, mit Blumen verzierte Schwimmkerzen. Auf den Treppen sitzen unter Schirmen aus Palmblättern und Stoff Sadhus, die man gegen Bezahlung konsultieren kann. Dazwischen laufen die unterschiedlichsten Menschen umher, Traveller in Treckingsandalen, Frauen in bunten Sarees, Brautpaare und Musikgruppen, die diese begleiten und leider auch unendlich viele Kinder, die betteln oder Kleinkram verkaufen wollen.
Mit einem dieser Kinder habe ich mich ein wenig unterhalten, ich weiß nicht, ob er mir die Wahrheit erzählt hat oder einfach irgendwas, was er jedem Touristen erzählt, der nachbohrt. Er hätte seine Mutter und eine Schwester zu versorgen, die etwas “mental”, also geistig behindert sei. Daher wäre nie Zeit gewesen, zur Schule zu gehen und auch kein Geld dafür. Es gäbe zwar eine einzige kostenfreie Schule in Varanasi, die allerdings zu weit weg sei, um dort hinzugehen. Daher verkauft er Tee an Touristen an den Ghats, von denen er auch sein überraschend gutes Englisch gelernt hat…
Ein weiteres Highlight fand sich auch in Varanasi, eines der kulinarischen Art. Ihr werdet lachen, aber ich habe mich noch nie so sehr über ein Graubrot mit Butter gefreut! Es gibt dort nämlich eine gute “German Bakery”, die tatsächlich auch Brot backen. Zusammen mit einem Glas Orangensaft war mein Tag gerettet.
Varanasi ist als Stadt selbst nicht besonders interessant, ihr Charme liegt bei den Ghats und Tempeln. Sonst gibt es viele Straßenkinder und auch in Restaurants arbeiten oft Kinder mit, die ziemlich offensichtlich noch nicht 14 Jahre alt sind, so wie sie das laut Gesetz sein müssten. Auch verkehrstechnisch liegt die Stadt nahe am Kollaps, streckenweise geht nichts mehr weiter, da die vielen engen Straßen nicht für den Verkehr des 21. Jahrhunderts ausgelegt sind.
Diesbezüglich deutlich weiter war unser nächstes Ziel, die Hauptstadt Delhi. Hier sieht man ganz besonders den Einfluss der ordentlich planenden Engländer und den Zwang, für die Commonwealth Games letztes Jahr einen guten Eindruck auf den Rest der Welt zu machen.
Von Delhi aus haben wir uns gleich am nächsten Tag mit einem Bus auf den Weg nach Agra gemacht, um das Touristenhighlight schlechthin, das Taj Mahal zu bewundern. Diese Busfahr war der Horror schlechthin, wir währen besser mit dem Zug gefahren, aber hinterher ist man immer schlauer. Wir wurden ganz hinten auf die Rückbank des Busses gesetzt, leider in die Ecke, in der das Polster etwas eingesunken war, sodass ich jedes Schlagloch und jeden Speedbraker direkt auf der Metalkante gespürt habe.
Nach der 6-stündigen Tortur hieß es dann Tickets kaufen und in die geschlechtergetrennten Schlangen zum Eintritt anstellen. Hierbei war die Frauenschlange nicht nur wesentlich kürzer, sie ging auch wesentlich schneller vorran, sodass ich schon eine Dreiviertelstunde vorher in den Genuss der wirklich so beeindruckenden wie kitschigen Symmetrie des Grabmals kam.
Leider hatten wir nur sehr wenig Zeit, aber der Ausflug hat sich trotzdem gelohnt.
Leider mussten wir danach auch wieder mit dem gleichen Bus zurückfahren und haben unterwegs noch an zwei oder drei für Hindus wohl sehr interessanten Stellen angehalten, während derer wir dann versucht haben, so fest einzuschlafen, dass das Gerüttel im Bus nicht mehr stört. Dieser Versuch hat nur leider den Busfahrer nicht beeindruck, sodass ich mehrfach aus dem Schlaf heraus mit dem Kopf gegen die Decke geknallt bin.
Letzendlich sind wir dann nachts müde, schmerzvoll aber glücklich in Delhi angekommen und erst mal ins Bett gefallen.
Am Tag danach haben wir noch eine Verabredung mit Joseph Sayer und zwei Kollegen zum Abendessen gehabt, vielen Dank für die Einladung, die interessanten Gespräche und die lieben Mitbringsel! Der Abend war sehr schön.
In Erinnerung wird mir auch die Abreise in Delhi bleiben, denn die Erkenntnis, morgens um 6.30h am falschen Bahnhof zu stehen und dann durch den morgendlichen Verkehr einer 14 Millionenstadt noch 25 Minuten bis zum anderen Bahnhof zu haben, ist nervenzehrend. Es hat dann aber doch alles geklappt und wir haben beruhigt 26 Stunden im Zug verbracht, bis wir wieder in Hyderabad angekommen sind. Dort wurden noch einige wichtige Einkäufe, etwa Chillypulver gemacht, bevor wir uns am nächsten Morgen am Flughafen verabschiedet haben, Tobias in Richtung Frankfurt und ich zurück nach Hause nach Vijayawada, wo ich auch von Kindern, Staffs und anderen Volos wieder lieb begrüßt worden bin.
Die Reise war eine unglaublich spannende Erfahrung, an die ich mich lange erinnern werde, obwohl und weil sie so ganz anders war, als der Alltag, den ich hier erlebe.