Liebe Leser leider sind wir schon lange nicht mehr dazu gekommen etwas zu schreiben, da wir fast rund um die Uhr andere Dinge zu erledigen hatten.
Jetzt da die “besinnliche” Zeit angebrochen ist, wird es auch bei uns in Argentinien für einige Tage ruhiger.
Wie viele schon wissen haben wir vor kurzem einen großen Spendenaufruf gestartet. Da dieser soweit ich es der bisherigen Resonanz entnehmen kann, sehr gut aufgenommen wurde und weil er Teil unserer Arbeit ist, möchte ich ihn auch hier noch einmal veröffentlichen :
Buenos Dias liebe Freunde, liebe Familie, lieber Leser,
es schreiben euch Johannes und Phillip. Wir sind zwei Volontäre, die sich im Rahmen ihres Zivildienstes dafür entschieden haben, ein Jahr lang aus dem gemütlichen Bayern nach Argentinien, Buenos Aires zu gehen, um dort für die christliche Organisation Don Bosco soziale/ pädagogische Arbeit mit Kindern in Not zu verrichten. Unser Projekt liegt am Stadtrand von der gewaltigen, nie schlafenden Hauptstadt des Tangos, in dem Vorstadtviertel “Avellaneda”, direkt in Nachbarschaft eines Villas, eines der vielen Armenviertel von Buenos Aires, die den berüchtigten Favelas von Brasilien bzgl. der dort herrschenden Lebensumstände oder besser gesagt -Zustände in nichts nachstehen.
Hier befindet sich das “Colegio Centenario” in dem wir wohnen, eine Schule Don Boscos, die eine Grund-, eine Gesamtschule, ein Ausbildungszentrum für verschiedenste Berufe, wie Elektriker, Friseur, Bäcker, Automechaniker etc… und verschiedenste Freizeitprogramme für die Kinder und Jugendlichen von Avellaneda bietet und beinhaltet. So gibt es dort einen Hip Hop- und einen Reggaetonkurs, die “Murga”- eine Percussion- und Tanzgruppe, sowie die Pfandfinder Don Boscos “los Exploradores” und das sog. “Oratorio”. Dies ist der Ort zu dem die Kinder aus armen Verhältnissen, aus den Villas kommen können. Zunächst hört sich dies alles also eher nach einer – nach deutschen Maßstäben – recht gewöhnlichen Schule an. Das stimmt jedoch nur teilweise, da ein Großteil der dort stattfindenden Aktivitäten v.a. deshalb ins Leben gerufen wurden, um Kinder und Jugendliche für einige Stunden des Tages von ihrem gewohnten Umfeld, der Strasse, häuslicher Gewalt und Drogen fort zu bekommen. Denn diesen jungen Menschen soll anstelle ihres unwirtlichen zu Hauses, ein Refugium offen stehen, dass auch ihnen ermöglicht, Liebe zu erfahren, Essen zu erhalten, glücklich zu sein und im Idealfall Werte und Erziehung zu verinnerlichen.
Das Oratorio, das jeden Samstag stattfindet, verkörpert am aller stärksten diesen Gedanken, diesen Auftrag Don Boscos. Wir beiden Volontäre gehen jeden Samstag Morgen in die benachbarten Villas und holen dort gemeinsam mit anderen Freiwilligen und einem Padre der Schule, die Kinder aus ihren Müll-und Blechhütten, die in einem Labyrinth aus Gäßchen und nach Fäkalien riechenden Kloaken liegen. Wir nehmen sie zu einem Fussball- und Spielplatz mit, wo wir ihnen zu Essen geben und gemeinsam mit ihnen spielen. Die Villas und insbesondere die Behausungen, in denen die meisten Kinder mit ihren Familien leben, kann man häufig kaum als solche erkennen, da sie überwiegend aus Müll und provisorisch zusammengeschweissten Einzelteilen bestehen. Die Kloaken dieser Wohnungen verlaufen auf offener Strasse und folglich sind die klinischen Umstände erschreckend schlecht. Schon morgens wenn wir die Villas betreten liegen die ersten Menschen im Alkohol- oder Drogenrausch auf den Strassen und es begegnen uns immer wieder verwarloste Hunde mit offenen Wunden und eiternden Tumoren, die sicherlich ideale Krankheitsüberträger darstellen. Es ist eine immens wichtige Aufgabe, nein Verantwortung, die Kinder aus diesem Umfeld wenigstens für wenige Stunden zu befreien, denn es gibt hier sogar Eltern, die ihren Kindern gegenüber nicht nur Gewalt anwenden und ihnen ein möglichst schlechtes Vorbild sind, sondern ihnen sogar Drogen verabreichen und sie derart dazu benutzen, mit einer Pistole versehen, Leute auszurauben. Die familiären Tragödien sind offensichtlich groß. Viele Kinder wissen aufgrund den schlechten Erfahrungen, die sie geprägt haben, einzig Gewalt und Beschimpfungen als Ausdruck ihrer Gefühle anzuwenden, was wir auch schon oft am eigenen Leib erfahren haben. Das Spielen mit den Kleinen und die Teilhabe an ihrer Freude, sowie der erfolgreiche Aufbau guter Vertrauensbeziehungen, v. a. zu den schwierigeren Kindern, haben unser Volontariat jedoch sehr bereichert. Ganz besonders freuen wir uns immer wieder über unschätzbar wichtige, kleine pädagogische Erfolge.
Unter der Woche arbeiten wir jeden Morgen im Touristenstadtteil “La Boca”, in der Schule “San Pedro” von Don Bosco, wo wir die Pausen mit den Schulkindern verbringen und für sie gestalten. Für die Jungs haben wir ein Fussballtournier und für die Mädchen Völkerball- und Hindernisläufe organisiert. Am Ende des Tourniers werden wir gemeinsam mit einem weiteren deutschen Freiwilligen, der in dem dortigen Projekt lebt und mit uns zusammen arbeitet, für alle ein Fest mit Siegerehrung abhalten.
Am Nachmittag, wenn unsere Arbeit in La Boca getan ist, kehren wir stets nach Avellaneda zurück, um dort die Kursteilnehmer der Ausbildungswerkstätten, den sog. “Talleres” zu besuchen, um mit ihnen zu reden, Kontakte zu knüpfen, Fußball kicken und zuzuhören. Es geht darum diesen Jugendlichen nahe zu kommen, damit sie lernen, Vertrauen aufzubauen und sich, fall sie es denn möchten, mit ihren Problemen, einem Freund anvertrauen können, da vielen eine solche Bezugsperson fehlt.
Außerdem gehen wir nachts regelmäßig ins „Centro de Noche Santa Catalina“ im Bahnhofsviertel von Buenos Aires, Constitución. Hier sind Gewalt, Drogen und Prostitution stets und am stärksten präsent. Von Sonntag bis Donnerstag ab 22.30 Uhr können Kinder und Jugendliche, die auf der Strasse leben oder nicht nach Hause wollen, in das bunte, graffitibesprayte Haus kommen, um gemeinsam mit uns und den Betreuern zu essen, zu spielen, sich später zu duschen und vor dem Schlafengehen ein wenig fern zu sehen. Diese Arbeit ist uns inzwischen zur größten Herzensangelegenheit geworden, da wirklich alle Kinder, die ins Centro kommen, auf irgend eine Weise kaputte Familien haben und größtenteils Klebstoff schnüffeln oder schlimmstenfalls Paco konsumieren. Paco ist eine sehr starke Droge auf Kokainbasis, die man raucht. Es ist sehr viel günstiger als Kokain und leider auch sehr viel tödlicher, macht in drei Monaten unfruchtbar und führt nach weiteren drei Monaten zum sicheren Tod. Die Arbeit im Centro ist mit viel Leid, aber gleichzeitig auch mit viel Freude verbunden. An einigen Tagen sind “unsere Jungs” einfach nur ganz normale Kinder, die Monopoly mit uns spielen wollen und auch mal eine Umarmung brauchen. Dann bezeichnen sie uns als ihre Freunde und wir haben viel Spaß zusammen. An anderen Tagen jedoch sind sie wie verwandelt, da sie wieder mal zu Drogen gegriffen haben. An solchen Abenden beleidigen sie uns, werden gewalttätig, paranoid und müssen schließlich oft das Zentrum verlassen. Es ist kaum zu ertragen, dass diese doch eigentlich lieben Jungs von 14 und weniger Jahren bereits von einer Droge zerstört werden, ohne dass man als Freiwilleiger diese Entwicklung stoppen kann. Unser Auftrag ist hier einzig den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass es einen Ort gibt, an dem Menschen auf sie warten, die sie lieben und für sie da sind, da sie dieses Gefühl weder auf der Strasse, noch zu Hause erfahren. Wenn nachts spätestens um 3 Uhr alle Kinder ins Bett gebracht sind, legen auch wir uns für eine Hand voll Stunden hin.
Zuletzt arbeiten wir des Weiteren in einem Projekt außerhalb der Organisation Don Boscos, das in der Provinz, ein ganzes Stück außerhalb von Buenos Aires liegt. Es befindet sich mitten in einem anderen Villa und somit weiterem Elendsviertel. Um den Kindern und Jugendlichen, die dort leben zu helfen, hat sich dort die Ordensgemeinschaft “Josefina” niedergelassen, die durch drei Schwestern vertreten wird. Sie bieten den Kindern Nachhilfe- und Religionsunterricht an, sowie während der Ferien campen zu gehen oder Ausflüge zu machen. Wir sind bereits bei einem Zeltlager und einem Ausflug zur Unterstützung der Aufsichtspersonen dabei gewesen und arbeiten seit ein paar Wochen jeden Donnerstag als Nachhilfelehrer für Mathematik, Englisch und Informatik im Villa.
Abschließend müssen wir festhalten, dass das Elend, das wir in Argentinien antreffen, für uns vor unserer Reise nicht vorstellbar gewesen ist und es weckt in uns, da wir es nun jeden Tag spüren können, ein gewaltiges Verlangen, die Zustände so gut es geht durch unseren Einsatz zu ändern. Ein Teil unserer Arbeit besteht selbstredend darin den Kindern durch unsere direkte Präsens zu helfen, ihnen zuzuhören, zu helfen, mit ihnen zu spielen und Liebe zu geben, die viele nie zu Hause erfahren haben. Seit drei Monaten, die wir nun bereits in Buenos Aires verbracht haben, versuchen wir dies so gut wie möglich zu tun und haben dabei so viele unfassbare Dinge erlebt, die uns selbst tief bewegt, erschüttert und fortentwickelt haben.
Jedoch wollen wir auch den zweiten Teil unserer Arbeit, der mindestens genau so wichtig ist wie der erste, wenn nicht sogar noch viel wichtiger, bestmöglich erfüllen. Jedes soziale Projekt und das spüren wir hier nun ganz konkret am eigenen Leibe, steht und fällt mit seiner Finanzierung. Viele gute Ideen und guter Wille müssen leider all zu oft an einer unzulänglichen Finanzierung scheitern. Ohne Geld können nämlich weder Sozialarbeiter, die aufgrund eigener Familien, ebenso auf Geld angewiesen sind, wie jeder andere im Berufstätige, bezahlt werden, noch größere Hilfsprojekte gestemmt werden. In unserem Projekt soll nun für die Kinder des Oratorios ein Tageszentrum entstehen, das nicht nur mehr Samstags den Kindern Schutz bieten würde, sondern jeden Tag der Woche und somit die unfassbare Möglichkeit bietet, Kindern ein permanentes zu Hause, zu Essen und Erziehung wie Bildung zu offerieren. Im Sommer wird für die Kinder aus den Villas ein Zeltlager angeboten, das für viele die einzige Möglichkeit bietet, ihr Viertel für eine Zeit zu verlassen und gemeinsam mit Gleichaltrigen etwas Neues zu erleben, dem harten und unglaublich tristen Alltag zu entkommen. Ein Teil der Spenden soll deswegen auch helfen, die Kosten für Bus und Essen der Kinder zu verringern, da man sich vorstellen kann, dass keine der Familien auch nur ansatzweise für diese aufkommen kann.
Deshalb schicken wir diesen Aufruf an euch, an Deutschland, unsere Familien, Freunde und andere Helfer. Bitte unterstützt dieses Projekt und verbreitet unseren Aufruf. Jede direkte Hilfe, wie auch die Vermittlung neuer Kontakte zu potentiellen Spendern helfen und können Kindern hier ein besseres Leben schaffen.
Mit vielen herzlichen saludos de Buenos Aires, Johannes y Phillip
ps.:
Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.
E-mail: phillip-c@web.de
Und bei Fragen an die verantwortliche Organisation:
Francesco Bagiolini – Int. Jugendarbeit und Freiwilligendienste Aktionszentrum Benediktbeuern, bagiolini@aktionszentrum.de Don Bosco Str. 1, 83671 Benediktbeuern Tel: +49 (0) 8857 88314
Bankverbindung für Spenden:
Geben Sie Bitte unbedigt unter Betreff dies an:
Phillip Cyrenius– Buenos Aires Deutsche Provinz der SDB – Aktionszentrum
K.to: 55082556 BLZ: 700 543 06 Sparkasse Bad Tölz Wolfratshausen
Spendenquittungen werden auf Anfrage gerne zugeschickt. Einfach eine Mail an mich.