24.12.2010

Offene Arme

Ganz alleine steht er dort oben auf der Bühne. In der Hand nur zwei Zettel Papier, darauf sein kleines, eigenes Werk. Das Publikum, Heimkinder, ehemalige wie aktuelle Straßenkinder, ruhig wie selten, hört ihm zu. Begleitet von ruhiger Gitarrenmusik seines Erziehers, eingetaucht ins Mondlicht, liest Alexander sein selbst geschriebenes Gedicht vor:

„Ich habe das, was niemand hat

und keiner kennt das, was ich kenne:

Schmerzen in meinem Herzen.

Nur eine Hoffnung habe ich:

eines Tages einen Ort zu finden

wo mich jemand mit offenen Armen empfängt.“

Es sind die markantesten und bewegendsten Verse aus der Feder eines 15-jährigen Jungen von der Straße, das die Geschichte und vor allem die Gefühle so vieler einsamer, verlassener Kinder in aller Welt erzählt. Die Verzweiflung, die Einsamkeit, den Weltschmerz – und die leise Hoffnung, dass irgendwo jemand wartet, der ihnen das gibt, was sie suchen. Vertrauen, Aufmerksamkeit, Wärme und Liebe.

Es ist der 22. Dezember in Santa Cruz und während auch dieser Vorweihnachtstag sich dem Ende entgegen neigt, trägt Alexander eine Botschaft in die Welt, die viel größer ist, als er selbst und dieser Moment. Eine Botschaft, die sagt: Da ist immer ein letzter Rest an Hoffnung, an Mut zur Zukunft – seien die Probleme und Verletzungen auch noch so groß. Und es gibt sie, die Menschen, die dabei helfen, dass aus Hoffnung Realität werden kann. Es ist auch der Glaube an ein gutes Ende, an Gemeinschaft statt Einsamkeit, Liebe statt Angst und Hass. Für mich ist dieser Junge in diesem Moment ein Bote, der unbewusst den zentralen Inhalt des Weihnachtsfestes ins wirkliche Leben übersetzt: Die Hoffnung und die Sehnsucht nach Liebe sind größer als alle Probleme und Ängste dieser Welt.

Auch der Anlass ist ein besonderer: Es ist der neunte Geburtstag des „Techo Pinardi“, der nächtlichen Auffangstation des Projekts für Straßenkinder. „Willkommen im Haus der Hoffnung“ steht über der Eingangstür und auf eine nur ganz schwer beschreibbare Weise spürt man dieses Versprechen an diesem einmaligen Ort, einer bunten Hofanlage inmitten der lauten Innenstadt von Santa Cruz, wo die Arbeit mit den Kindern von der Straße mit einem warmen Abendessen und einem Schlafplatz beginnt, wo jeden Tag ganz intensiv an den Grundlagen der Reintegration in ein halbwegs normales Leben gearbeitet wird.

Kinder und Erzieher aus dem ganzen Projekt sind zusammengekommen und verfolgen das bescheidene und kurze Bühnenprogramm, dem man jedoch stets das Bemühen aller Beteiligten anmerkt. Da macht es nichts, dass der eine oder andere seinen Theatertext nicht mehr weiß oder zwischendurch Pausen entstehen, weil keiner so richtig Ahnung hat, wie es weiter geht. Perfektionismus ist in Bolivien wenig bekannt und irgendwie ist das angenehm. Hauptsache, es gibt ein Programm. Das klingt nach einer kleinen Glückwunsch-Rede von Padre Octavio und der „Novena“, dem täglichen feierlichen Verlesen eines Teils der Weihnachtsgeschichte, bei einem gemeinsamen Essen – wie immer bei besonderen Anlässen fehlt das obligatorische Hähnchen nicht – und einem großen Tanzwettbewerb, bei dem jeder der Jungs mal seine wirklich ausgefallenen Tanzeinlagen präsentieren kann, aus. Mit einem Stück Kuchen verabschiedet das „Techo“ seine Gäste und die Abordnung vom „Hogar Don Bosco“ macht sich zu später Stunde zu Fuß zurück auf den Weg nach Hause. Ich selbst bin ein wenig beseelt vom schönen Fest und Ambiente, als ich durch die ins gelbe Licht getauchte Straßen des Zentrum laufe, auf denen natürlich auch an diesem der Kampf um jeden Meter weiter geht. Und natürlich komme ich vorbei an der einen oder anderen Lichterkette und ein, zwei kitschig geschmückten Weihnachtsbäumen. Wenn auch nicht so penetrant wie in Deutschland: Das Weihnachtsfest ist auch in Bolivien Teil des öffentlichen Lebens.

Die Festtage stehen vor der Tür und noch nie hat sich das so komisch angefühlt wie zurzeit. Weihnachten und ich – irgendwie werden wir unter den hiesigen Umständen dieses Jahr nicht so wirklich Freunde. Es fehlt einfach an allem: An Kälte und Schnee, den es bei uns ja dieses Jahr in einer Menge zu geben scheint, wie lange nicht. Im Internet lese ich ständig von „Schneechaos“, stornierten Flügen, steckenbleibenden Zügen und beträchtlichem Neuschnee; die „Facebook-Community“ macht ihrem Ärger über die Deutsche Bahn, die man zwar für vieles, meines Wissens nicht aber fürs Wetter verantwortlich machen kann, Luft. Und während ich mir ungläubig versuche vorzustellen, wie weiß es wohl momentan in der Heimat aussehen mag, spüre ich, wie mir der Schweiß die Stirn und sonstige Körperoberflächen herunter läuft. Einfach absurd, irgendwie.

Es fehlt an Weihnachtsmärkten, an Glühweinduft und Plätzchenbacken. Es fehlt der Adventskranz auf dem Tisch ebenso wie die Weihnachtsmusik beim Einkaufen. Ich habe keinen Schokoladen-Adventskalender und Geschenke müssen auch nicht großartig gekauft werden. Das Haus hier ist fast leer, viele sind in Weihnachtsurlaub oder haben ihre Freiwilligenzeit schon beendet. Und natürlich fehlt beim Familienfest schlechthin auch die Verwandtschaft. Weihnachten ohne alles, was bisher immer dazu gehörte. Mal ganz anders, irgendwie unbedeutender, aber auch entspannter. Ab und zu finde ich es traurig, dann wieder ist es mir egal.

Doch natürlich ist da auch Neugierde und Vorfreude. Neugierde darauf, wie er wohl werden wird, mein Heiligabend mit den Kindern im Hogar, das wir in den letzten beiden Wochen bei verschiedensten schweißtreibenden Arbeiten herausgeputzt haben. Den Garten auf Vordermann bringen, Anstreichen, Putzen, Rasenflächen verlegen – wenn ich auch sonst kein Gefühl für Weihnachten hatte, so war der Aufwand, den wir gemeinsam mit den Kindern betrieben haben, um alles schön herzurichten, doch ein sicheres Zeichen dafür, dass ein großes Fest vor der Tür steht. Mittlerweile steht auch die mit unglaublicher Akribie über mehrere Tage installierte Krippe, garniert mit Miniaturen der verschiedenen Häuser des Projekts. Eine Zypresse trägt, nur wenige Meter entfernt von mächtigen Palmen, Lametta, Lichterkette und Christbaumkugeln. Das Hauptgebäude zieren ein großer Komet und zwei mannshohe Engel aus Holz, wenn es dunkel wird, bietet sich einem ein frohes Farbenspiel. Zumindest der atmosphärische Rahmen ist geschaffen. Aber 35 Grad und strahlend blauer Himmel waren bisher einfach zu mächtig, als dass so ein bisschen Weihnachtsschmuck wirklich dagegen ankommen würde.

Die Kinder spielen bereits mit den ersten frühzeitig überreichten Geschenken, die die mit etwas mehr Glück im Leben und deutlich mehr Geld gesegneten Menschen in ihren dicken Pick-Ups vorbeibringen, um zum Fest der Liebe ihr Gewissen zu beruhigen. Während ich die Jungs amüsiert dabei beobachte, wie sie ihre brandneuen Spielzeugautos in Kolonnenstärke spazieren fahren, freue ich mich dann doch auf unser gemeinsames Weihnachtsfest in der großen Hogar-Familie. Schließlich bin ich hierher gekommen, um den Kindern Aufmerksamkeit, Nähe und Liebe zu schenken. Um für diejenigen da zu sein, die sonst niemanden haben. Die nicht wissen, was es heißt, jedes Jahr aufs Neue in einem schön geschmückten Wohnzimmer zahlreiche Geschenke und Aufmerksamkeit von Eltern und Großeltern höchstens mit den eigenen Geschwistern teilen zu müssen. Die zwar dank vieler gütiger Spender das eine oder andere Geschenk bekommen, aber denen es insgesamt trotz all unserer Bemühungen doch vor allem an dem einem großen Geschenk fehlt, das nur von Mensch zu Mensch gegeben werden kann. Auch sie sollen spüren, was es heißt, Geborgenheit, Wärme, Zuwendung, gemeinschaftliche Freude und fürsorgliche Liebe zu erfahren. Wenn der Festtagsschmaus in Deutschland schon längst verzehrt ist, will ich heute meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Hoffnung auf offene Arme an Heiligabend keine Hoffnung bleibt. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Symbolisch für den inneren vorweihnachtlichen Zwiespalt: Christbaumkugel vor Sommerhimmel und Palmen.

17.09.2010

Zwischenmeldung

Hallo Deutschland.

Ich habe lange nichts mehr von mir hoeren lassen. Das tut mir leid. Erst hat mich die Arbeit zu sehr in Anspruch genommen, dann war ich krank. Ich bin heute das erste Mal seit knapp zwei Wochen wieder im Internet und kann froh verkuenden: Es geht auch ohne. ;)

Es geht mir sehr gut; das Leben hier ist einfach der Hammer. Ich habe heute den Blog mit den Erlebnissen aus den letzten knapp drei Wochen aktualisiert. Insgesamt kanpp 15 Din A4 Seiten. Mit ist klar, dass das viel zu viel zu lesen ist, aber es sind eben die Dinge, die ich erlebe und die mich bewegen. Ihr koennt ja mal ein bisschen stoebern. Fotos kann ich leider immer noch nicht liefern. Irgendwie spinnt mein Computer regelmaessig, wenn ich die Fotos auf meinen USB-Stick uebertragen will. Mal sehen, ob ich da morgen ne Loesung finde.

Ab jetzt dann wieder regelmaessig Texte. Dann auch in leservertraeglicher Menge. Lasst von euch hoeren, fragt nicht immer nur, wie es mir geht, sondern erzaehlt von euch und was in eurem Leben passiert. Das interessiert mich viel mehr. ;)

Viele Gruesse, auf bald

Konstantin

17.09.2010

Reggae-Rückblick

—— Donnerstag; 16/09; 23.55 Uhr; Santa Cruz

Ich sitze auf dem Boden und blicke in den nie ganz dunklen Nachhimmel über Santa Cruz. Höre entspannende Reggae-Musik, sehe viele junge Menschen, wie sie in einem schmalen Hinterhof stehen und sitzen. Auf Mauern, auf dem Boden oder sogar auf Stühlen. Sehe sie trinken und Spaß haben.

Wir sind mal wieder im Nachtleben unterwegs. Der Grund: Es ist die letzte Nacht von Linda und natürlich will der Abschied gebührend gefeiert werden. Und so sind wir um elf – früher wird hier nicht in den Abend gestartet – los in Richtung „Ganesha“, einer angenehmen Art Club in einem langen Hinterhof mit Hängematten und Sitzkissen unter offenem Himmel mit Livemusik.

Während sich die anderen unterhalten, denke ich für einen Moment ein wenig nach. Fast vier Wochen bin ich jetzt schon hier in diesem ganz anderen Leben, in einem komplett neuen Umfeld. In wenigen Tagen ist mein erster Monat schon rum. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht.

Viel habe ich schon gesehen und gelernt und natürlich noch lange nicht genug. Habe mich eingelebt in unsere wirklich tolle Volontärsgemeinschaft, die Arbeit kennen gelernt, die Kinder, das Leben hier, das so langsam ist, so chaotisch. Alles neu, alles anders, alles spannend. Jeder Tag ein neues Abenteuer.

Die Arbeit macht immer mehr Spaß, die Jungs sind mir schon richtig ans Herz gewachsen auf ihre lebendige, chaotische Art. Ich merke mit jedem Tag, wie mein Spanisch besser wird und freue mich über jedes neues Erlebnis, jede neue Erfahrung. Die Euphorie ist zurück, das erste kleine Tief längst überwunden, mein altes Leben ganz weit weg.

Ich stehe auf, hole mir eine neue Cola. In mir ist Freude. Vorfreude auf alles, was noch kommt.

—— Mittwoch; 15/09; 21.55 Uhr; Santa Cruz

Und plötzlich stehen sie vor meiner Tür. Don Javier, Padre Octavio und die zwei „Neuen“ aus Holland, frisch angekommen und vom Flughafen abgeholt. Sie spreche so gut wie kein Spanisch – und so stellt mich der Padre mit den Worten vor, dass ich mich mit ihnen ja sicher gut auf Englisch und vielleicht ja auch auf Deutsch unterhalten könnte. Außerdem solle ich aufpassen, dass uns die beiden nicht direkt wieder verloren gehen. Für große Einführungsworte habe ich aber keine Zeit – José und der Sprachkurs warten. Außerdem wird der Job eh von Don Javier übernommen. Und so bleibt mir erstmal nur, mich während der Fahrt mit der Micro ins Zentrum daran zu erinnern, dass ich nun schon eine ganze Weile hier bin. Ein wenig male ich mir aus, wie sich die zwei im Moment fühlen – wahrscheinlich ähnlich wie ich bei meiner Ankunft: müde, glücklich, voller Eindrücke und erwartungsfroh. Und irgendwie freue ich mich auch ein bisschen darüber, nicht mehr der „Neuste“ hier zu sein.

Der ganze Raum hängt voller mal mehr, mal weniger schön verzierter Poster. Auf dem dünnen Papier formen die unterschiedlichsten Schriften die einzelnen Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Gegenseitig präsentieren wir – die Erzieher und Volontäre der Nachmittagsschicht – uns die Artikel. Wieder fühle ich mich wie in der Schule, genauso wie letzte Woche, als wir Religionskurs bei einer rundlichen Lehrerin hatten, die mit uns über Werte sprach und am Ende des Unterrichts – ich weiß bis heute nicht warum – ziemlich böse und aggressiv wurde. Der Kurs, in dem ich heute sitze, findet an diesem Tag zum letzten Mal statt. Es geht um Rechte ebenso wie um Fragen der Erzeihungsmethodik, die Wichtigkeit von Träumen. Der Vortrag der Lehrerin erscheint mir dabei ebenso unstrukturiert wie ihr chaotisches Tafelbild. Aber egal: Weiterbildung für Erzieher – keine schlechte Sache. Und außerdem Gelegenheit, die unterschiedlichen Typen besser kennen zu lernen. Da ist José, ein langer Kerl mit ebenso langem, zum Zopf straff nach hinten gebundenen Haar. Ein lustiger Vogel, mit dem ich schon den einen oder anderen Spaß gemacht habe, der Gitarre spielt und mich von Aussehen und Wesen irgendwie an meinen südländischen Cousin Marcel erinnert. Der im Vergleich zu Josè oder dem lustigen, fast schon albernen Alberto mit dem großen Kopf sehr ernsthaft und klug wirkende Geronimo. Der brave, zurückhaltende Juan Carlos, Theologiestudent. Die allesamt sehr kommunikativen Frauen, die ich darüber hinaus, dass sie viel reden und oft ein bisschen albern und kindisch sind, noch nicht so wirklich einschätzen kann. Eine bunte Truppe, die ich mit der Zeit immer besser kennen lerne.

Ein Briefpapier mit Logo und Anschrift des Hogars vor sich, schreibt Luis Fernando über sein Leben hier. Jeder Junge hat eines oder mehrere Blätter bekommen. Es ist Zeit, den Paten zu schreiben, die überwiegend im fernen Europa leben. „Ich gehe in die fünfte Klasse und mir gefällt der Sportunterricht, weil mir Fußball spielen gefällt und ich habe Geburtstag am 20. Februar“, schreibt Luis in seinem doch sehr beschränkten Wortschatz und unfähig, seinen Text vernünftig zu strukturieren – ein Resultat der Kreativität und selbstständiges Denken vernachlässigenden Schulbildung. Ich schaue ihm ein wenig über die Schulter, gebe Tipps und Anregungen, worüber er noch berichten könnte.

Wenig später lese ich den Brief von Alex, einem der jungen, sehr selbstbewusst und Quatsch machend, immer mit hoch gegeltem Haar. „Wir haben einen neuen Volontär in unserer Gruppe“, schreibt er an seine Paten auf der anderen Seite der Welt. Tut ganz schön gut, schon nach drei Wochen dem Jungen eine Erwähnung in diesem Brief wert zu sein.

17.09.2010

Planung

Dienstag; 14/09; 22.45 Uhr; Santa Cruz

Am Ende ist mein kleiner Zettel voll mit Uhrzeiten. Gemeinsam mit Yaquelin und Edwin, den beiden Erziehern meiner Gruppe, habe ich einen Ablaufplan des Wochenendes erstellt, um zu sehen, wann sich für mich die Gelegenheit bzw. Pflicht ergibt, Aktivitäten mit den Jungs durchzuführen. Fazit: Viel Zeit bleibt nicht im dichten Tagesablauf. Eine Stunde jeden zweiten Sonntag und zwei am Samstag, aber nur, wenn das Wetter fürs Schwimmbad zu schlecht ist. Also selten. Noch weiß ich nicht so wirklich, was ich davon halten soll: Einerseits schade und blöd, weil die Aktivitäten meine einzige Möglichkeit sind, mich eigenverantwortlich einzubringen, selbst etwas zu gestalten. Andererseits fürs Erste aber auch ganz angenehm, so starten zu können. Denn noch fühle ich mich nicht wirklich in der Lage, ein Programm für die Jungs erfolgreich durchzuführen. Aber mal sehen. Erstmal muss jetzt eine Idee für Sonntag her.

—— Montag; 13/09; 22.35 Uhr; Santa Cruz

Die Tische im großen Esssaal sind zu einem großen Viereck zusammengestellt. Rundherum sitzen alle Erzieherinnen und Erzieher des Hogars, überwiegend junge Gesichter, viele von ihnen noch Studenten. Sie lauschen. Sie lauschen Padre Octavio. Es ist „reunión general“ mit dem Pater, die einmal monatlich stattfindet. Der Padre redet und redet und redet. Er hat viele Anliegen. Er spricht davon, wie er sich die Arbeit der Erzieher im Allgemeinen vorstellt, präsentiert Leitlinien, orientiert an der Don Bosco-Pädagogik, die er scheinbar ins kollektive Gedächtnis rufen will. Die Erzieher sollen den Kindern mit Liebe, Wärme, Optimismus und Zuversicht begegnen. An das gute in Jedem glauben und es fördern. Der Padre spricht mir aus der Seele. Meiner Meinung nach täte der eine oder andere Erzieher gut daran, sich öfter mal an dieses Grundsätze zu erinnern. Die teilweise gelangweilten Gesichter lassen diesbezüglich jedoch nicht allzu viel Hoffnung zu.

Er spricht weiter. Jetzt redet der Padre über uns Volontäre, während er die zahlreichen Papiere vor sich ordnet. „Jeder von ihnen hat seine eigenen Qualitäten und Fähigkeiten. Gebt ihnen die Chance, sie zu entfalten, sich mit dem einzubringen, was sie besonders gut können und was ihnen Spaß macht“, bittet der alte, aber immer noch auf bewundernswerte Weise lebendige Italiener. Genauso soll es sein.

Ich höre dem Padre – auch wenn er in der Messe predigt – gerne zu. Ich weiß gar nicht genau warum, aber mit seiner so gar nicht zu seinem hageren Erscheinen passenden unheimlichen Energie und Freude, mit seinem Charisma begeistert mich dieser Mann, selbst wenn ich nicht alles verstehe, was er spricht. Ich bewundere ihn für das, was er hier aufgebaut hat und noch in hohem Alter jeden Tag für die ehemaligen wie aktuellen Straßenkinder und eine bessere Zukunft leistet.

Doch selbst den größten Mann plagen hin und wieder Alltagssorgen. Es fehlt am Geld und zudem muss ständig etwas repariert werden, weil die Jungen in ihrer Sorglosigkeit und Ungestümtheit alles kaputt machen. Auch das etwas, wofür der Chef seine Mitarbeiter sensibilisieren möchte. Dann legt er seinen Papierstapel zusammen, setzt seine gelbe Baseballkappe auf und verabschiedet sich mit einem „Vielen Dank“ in die Runde.

PS: Am späten Abend ein weiteres Erfolgserlebnis. Ich bringe Israel, diesen kleinen Rabauken, der nur Flausen im Kopf hat, ständig Mist macht, dabei aber unheimlich putzig und eines meiner „Lieblingskinder“ – dass man sich kleinen Lieblinge aussucht, lässt sich leider trotz inneren Widerstandes nicht vermeiden – ist, dazu, mir etwas vorzulesen, anstatt die anderen, die Hausaufgaben machen oder lernen müssen, mit seinem Quatsch zu stören. Es ist ein 4 ½ Freunde-Buch, ursprünglich aus Deutschland. Die Reihe habe ich als Kind gelesen uns sehr gemocht. Unglaublich, dass ich sie hier wieder entdecke. In beschließe, abends von nun an dieses Buch vorzulesen.

PPS: Lenas Geburtstag haben wir am Abend noch mit einem opulenten „Churasco“ (grillen) begangen. Jede Menge Salat, Yuca, Zucchini und eine riesen Menge Fleisch, von Christel, der „Freundin des Hauses“, die nächsten Monat den ehemaligen Volontär Roman heiraten wird, kundig zubereitet.

—— Sonntag; 12/09; 22.25 Uhr; Santa Cruz

Die Plaza ist belebt wie selten während der Woche. Es ist Sonntag Abend und ich sitze entspannt auf einer der Bänke auf der Plaza „24 de septiembre“ mit ihren Palmen und Beete, dem Zentrum und Herz von Santa Cruz, trinke eine Cola und esse eine Art Gemüsereibekuchen. Die Leute sind unterwegs, genießen den Ausklang des Wochenendes. Es wird flaniert, gequatscht, geguckt, gegessen und getrunken. Ein großes Hallo, unbeschwertes Sein. Viel mehr Menschen und eine irgendwie lockerere Atmosphäre als auf vergleichbaren Plätzen in Deutschland.

Ich bin unterwegs auf Einkaufstour. Morgen hat Lena Geburtstag und ich will natürlich nicht komplett ohne Geschenk dastehen. Auf der Suche nach einem kleinen Präsent betrete ich einen kleinen Souvenirladen direkt an der Plaza. Vorher mal wieder ein trauriger Moment. Als ich Geld ziehen gehe, läuft ein kleiner Junge an mir vorbei. Auf dem Rückweg vom Automaten sehe ich, wie er vorm Schaufenster eines Geschäfts Essensreste vom Boden aufliest. Das erste Straßenkind, das ich bewusst sehe. Ein Stillleben aus Traurigkeit, Mitleid und Bewunderung für stolzen, zähen Überlebenswillen. Ein Moment der stillen Trauer über die Ungerechtigkeit und Härte der Welt und der Wut darüber, nichts dagegen tun zu können.

Der Laden ist voller kleiner bunter Dinge. Schlüsselanhänger, Figürchen, Taschen und was man sich sonst noch so vorstellen kann. Ich kaufe ein in buntes Muster eingeschlagenes Notizbuch, damit die gute Lena während der Spanischstunden nicht mehr auf einzelnen Papieren schreiben muss. Ganz stolz auf meine praktische Idee, spaziere ich weiter. Die Kathedrale, die – so wie ich es zum jetzigen Zeitpunkt beurteilen kann – einzige große Gebäudesehenswürdigkeit der Stadt, ist geöffnet. Menschen treten hinein und heraus durch ihr großes Doppeltor. Der Innenraum ist unheimlich lang gezogen, an der Decke hängen Ventilatoren. Die Menschen sitzen ruhig und andächtig in den Bänken, beten, zünden Kerzen an den zahlreichen Heiligenstatuen an. Eine schöne, irgendwie vertraute Atmosphäre. Beim Rausgehen ein Moment des Fremdelns: Über einer Ballustrade über dem Hauptportal hängt ein riesengroßes „Fanposter“, mit einem Foto des Kardinals von Santa Cruz mit Papst Benedikt. Nunja, Geschmackssache.

Musik, der Menschenstrom und der Duft von Essen ziehen mich auf den Platz hinter der Kathedrale. Stände, Rauch, Lärm. Ein recht großer Markt mit Imbiss- und Verkaufsständen für alles mögliche an Handarbeiten, Ketten, Ohrringen, Holzfiguren, Gürteln und und und. Interessiert und neugierig bummel ich durch die schmalen Gänge auf der Suche nach einem Rosenkranz, damit ich demnächst ausgestattet bin, wenn im Hogar wieder gebetet wird. Ich werde nach durchaus längerem Suchen fündig: dicke Holzperlen in orange-schwarz, ein dunkles Kreuz ohne die hässlichen Goldaufdrücke von Jesus am Kreuz. 50 Bolivianos. Teuer, aber egal: Man gönnt sich ja sonst nichts. Meine erste Gebetskette überhaupt soll schließlich etwas besonderes sein. Wie ich übrigens überhaupt beobachte, dass mich die starke Religiösität hier nicht so stark stört wie befürchtet. Im Gegenteil: Die wöchentliche Messe und auch der Rosenkranz sind für mich schon jetzt angenehme Rituale der Besinnung und Momente der Entspannung.

PS: Zum Abendessen kaufe ich mir auf dem kleinen Fest direkt auf der Straße neben unserem Haus eine Pizza, gebacken in einem wunderbar alten Gasofen, das Blech herrlich schief. In gemütlicher Runde feiern wir ein wenig in Lenas 20. Geburtstag.

—— Sonntag; 12/09; 17.15 Uhr; Santa Cruz

Heute steht wieder ein großer Suppentopf noch ein Blech mit Reis auf dem Tisch. Nein: Auf jedem einzelnen Platz ein kleines Päckchen mit Plastikfolie, darin ein Hähnchen – „pollo“, hier sehr beliebt – Reis, frittierte Yuca, Bananen und Pommes. Giuseppe, dieser herzliche „Großvater“ des Projekts gibt anlässlich seines vor einigen Wochen in seinem Heimatland verbrachten Geburtstags einen aus. Wie er überhaupt der Spendiermeister des Projekts ist. Jeden Sonntag lädt er nach der Messe zwei Gruppen zum Imbiss in den Mercado ein, verteilt üppige Geldgeschenke an Geburtstagskinder und im allgemeinen Taschengeld, finanziert Aktivitäten. Ein betuchter, warmherziger Mann, der sich seinen Lebensabend damit versüßt, ehemaligen Straßenkindern hin und wieder eine Freude zu machen. Und auch mir – denn das Essen ist, verglichen mit dem, was hier sonst serviert wird, ein echtes Festmahl. Die Kinder genießen es genau wie ich. Einfach lecker. Entsprechend wird der Gastgeber gefeiert.

Nach Feierabend mache ich mich dann daran, den Schmaus wieder abzutrainieren. Jhonny, ein kleiner, kräftiger Educador, immer gut drauf und grundsympathisch, der sich schon in den vergangenen Tagen stets darum bemüht hat, mich in die in jeder Pause stattfindenen Fußballspiele zu integrieren, hat mich eingeladen, am großen Fußballmatch auf der Wiese des Hogars teilzunehmen. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen – auch wenn ich während der 2,5 Stunden arg mit der Hitze zu kämpfen habe und mir die sportlichen, beweglichen Jungs und auch Jhonny und Geronimo, Lenas Erzieher, beide wahnsinnige Sportskanonen, mir mein eigenes konditionelles  und spieltechnisches Unvermögen vor Augen führen. Aber egal: Es tut gut und Spaß macht es auch. Auf ein Neues nächste Woche.

17.09.2010

Ein schöner Tag

—— Samstag; 11/09; 22.35 Uhr; Santa Cruz

Schüchtern steht das Geburtstagskind vor den beiden Torten. Es wird gesungen, geklatscht, gratuliert. Und Josue fühlt sich in dem ganzen Trubel, der um ihn und seinen Ehrentag veranstaltet wird, offensichtlich ganz schön unwohl.

Es ist Samstagnachmittag und nach zwei schönen, erfrischenden Stunden mit großem Spaß im Schwimmbad, in denen ich freudig und pausenlos von den Jungs aus meiner Gruppe belagert wurde und non-stop kleine und größere Kerlchen unter Wasser tauchte und durch die Luft schleuderte – insgesamt ein wunderschöner Moment, in dem ich vielen meiner Gruppenkinder wieder ein bedeutendes Stück näher gekommen bin – sitzen wir nun alle an den zur langen Tafel zusammen geschobenen Tischen im Gruppenraum. Josues Familie – sein älterer Bruder lebt auch hier im Hogar – ist gekommen, hat Kuchen, Süßigkeiten und Limonade mitgebracht. Schwer zu verstehen, warum er überhaupt hier ist; die Familie scheint intakt. Aber da ist auch eine stille, recht große Distanz zwischen Sohn und Eltern, Bruder und Schwestern. Sie wird wohl ihre traurigen Gründe haben.

Es wird dem bolivianischen Gebräuchen genüge getan – der Jubuliar muss sein Gesicht in eine der Torten tauchen, Edwin und einige vom Kollektiv mit lautem Raufen und Klatschen ausgwählte Jungen halten kleine Glückwunschreden. Danach sind Spiel – Reise nach Jerusalem – und Tanz angesagt. Zum Schluss mache ich noch ein Gruppen- und ein Familienfoto mit dem Geburtstagskind. Schön zu sehen, dass auch in einem Heim ein solch liebevolles Fest möglich ist.

PS: Der Abend hält ein wenig erfreuliches Erlebnis für mich bereit. Als ich den Jungs in Schlafraum eins gute Nacht sagen will, merke ich, dass Carlos, einer der kleineren, der immer bemüht ist, sich eine „coole“ Fassade zu geben, komplett in seine Decke eingerollt ist. Ich denke zunächst, dass ihm kalt ist, er sich nicht gut fühlt, vielleicht krank ist. Als ich ihn frage, fängt er an zu weinen und versteckt auch sein Gesicht. Ich lege den Arm um ihn, versuche, zu trösten. Bitte ihn, mir zu sagen, was er hat – keine Antwort, dafür weiteres Weinen und Schluchzen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Und so stehe ich einige Minuten einfach neben seinem Bett und nehme ihn in den Arm, in der Hoffnung, dass ihm das ein wenig gut tut. Ein bitterer Moment der totalen Ohnmacht gegenüber einem kleinen, traurigen Kerl, den wahrscheinlich in diesem Augenblick die Vergangenheit einholt.

PPS: Dennoch: Die schönen Momente während meiner Arbeit, die mir zeigen, dass ich langsam integriert werde, häufen sich: Ob das „Mancha“ (Fangen)- Spielen mit den Kleinen aus meiner Gruppe während der tägliche Pause nach dem Abendessen, das ständige Huckepacktragen der kleinen, süßen Jungs aus „San Francisco“ und meiner Gruppe oder das Beibringen und Spielen von „Schnick Schnack Schnuck“ mit Berthy, als wir am Abend auf den Einlass ins „Teatro“ zum Film gucken warten – es sind tolle Momente der Freude und Nähe, die mich zuversichtlich machen.

—— Freitag; 10/09; 16.15 Uhr; Santa Cruz

Mal wieder sitzen wir gemeinsam am langen, etwas klapprigen Tisch in unserem Wohnzimmer. Diesmal sind wir zu fünft. Vier Deutsche und ein Bolivianer: Desi, Lena, Madeleine, Edwin und ich. Es ist eines dieser vielen, schönen Gespräche zwischen offenen, interessierten Menschen. Heute geht es um die Kinder im Heim und das Schulsystem in Bolivien. So erfahren wir zum Beispiel, dass so gut wie alle der kleinen Kinder in „Mano Amiga“ Opfer von sexuellem Missbrauch sind. Einer der Momente der Erinnerung daran, dass wir uns hier in einer harten, im Ursprung traurigen Umgebung bewegen. Manchmal kann man das vergessen, wenn man sich nur im „behüteten“ Hoga aufhält, das im Grunde für sich schon einen Erfolg darstellt, mit den integrierten meist fröhlichen Kindern.

Auch von seiner Geschichte erzählt uns Edwin. Er kommt aus Montero, eine gute halbe Stunde von Santa Cruz entfernt. Von Zuhause lief er weg, weil er sich von seinen Eltern schlecht behandelt fühlte, wie überhaupt die wenigsten Heimkinder Waisen sind, sondern vielmehr „Ausreißer“, die aus verschiedensten Gründen – Armut, Unfähigkeit und Überforderung der Eltern, Gewalt und vieles mehr – nicht in ihren Familien bleiben konnten oder wollten.

Edwin hat es geschafft. Hat vor einigen Monaten sein Abitur gemacht, ist nun Erzieher im Hogar und plant eine Reise nach Europa, um Englisch und Französisch zu lernen. Dieser einerseits reife, im Umgang mit den Jungs so sichere, erfahrene und reflektierte, andererseits wunderbar lustige, unterhaltsame, rundum sympathische, stets hilfsbereite und unternehmungslustige Kerl, der jedes Mal auf Neue unsere Volontärs-Runde bereichert – eine weitere Erfolgsgeschichte der Reintegration eines ehemaligen Straßenkindes.

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