Ganz alleine steht er dort oben auf der Bühne. In der Hand nur zwei Zettel Papier, darauf sein kleines, eigenes Werk. Das Publikum, Heimkinder, ehemalige wie aktuelle Straßenkinder, ruhig wie selten, hört ihm zu. Begleitet von ruhiger Gitarrenmusik seines Erziehers, eingetaucht ins Mondlicht, liest Alexander sein selbst geschriebenes Gedicht vor:
„Ich habe das, was niemand hat
und keiner kennt das, was ich kenne:
Schmerzen in meinem Herzen.
Nur eine Hoffnung habe ich:
eines Tages einen Ort zu finden
wo mich jemand mit offenen Armen empfängt.“
Es sind die markantesten und bewegendsten Verse aus der Feder eines 15-jährigen Jungen von der Straße, das die Geschichte und vor allem die Gefühle so vieler einsamer, verlassener Kinder in aller Welt erzählt. Die Verzweiflung, die Einsamkeit, den Weltschmerz – und die leise Hoffnung, dass irgendwo jemand wartet, der ihnen das gibt, was sie suchen. Vertrauen, Aufmerksamkeit, Wärme und Liebe.
Es ist der 22. Dezember in Santa Cruz und während auch dieser Vorweihnachtstag sich dem Ende entgegen neigt, trägt Alexander eine Botschaft in die Welt, die viel größer ist, als er selbst und dieser Moment. Eine Botschaft, die sagt: Da ist immer ein letzter Rest an Hoffnung, an Mut zur Zukunft – seien die Probleme und Verletzungen auch noch so groß. Und es gibt sie, die Menschen, die dabei helfen, dass aus Hoffnung Realität werden kann. Es ist auch der Glaube an ein gutes Ende, an Gemeinschaft statt Einsamkeit, Liebe statt Angst und Hass. Für mich ist dieser Junge in diesem Moment ein Bote, der unbewusst den zentralen Inhalt des Weihnachtsfestes ins wirkliche Leben übersetzt: Die Hoffnung und die Sehnsucht nach Liebe sind größer als alle Probleme und Ängste dieser Welt.
Auch der Anlass ist ein besonderer: Es ist der neunte Geburtstag des „Techo Pinardi“, der nächtlichen Auffangstation des Projekts für Straßenkinder. „Willkommen im Haus der Hoffnung“ steht über der Eingangstür und auf eine nur ganz schwer beschreibbare Weise spürt man dieses Versprechen an diesem einmaligen Ort, einer bunten Hofanlage inmitten der lauten Innenstadt von Santa Cruz, wo die Arbeit mit den Kindern von der Straße mit einem warmen Abendessen und einem Schlafplatz beginnt, wo jeden Tag ganz intensiv an den Grundlagen der Reintegration in ein halbwegs normales Leben gearbeitet wird.
Kinder und Erzieher aus dem ganzen Projekt sind zusammengekommen und verfolgen das bescheidene und kurze Bühnenprogramm, dem man jedoch stets das Bemühen aller Beteiligten anmerkt. Da macht es nichts, dass der eine oder andere seinen Theatertext nicht mehr weiß oder zwischendurch Pausen entstehen, weil keiner so richtig Ahnung hat, wie es weiter geht. Perfektionismus ist in Bolivien wenig bekannt und irgendwie ist das angenehm. Hauptsache, es gibt ein Programm. Das klingt nach einer kleinen Glückwunsch-Rede von Padre Octavio und der „Novena“, dem täglichen feierlichen Verlesen eines Teils der Weihnachtsgeschichte, bei einem gemeinsamen Essen – wie immer bei besonderen Anlässen fehlt das obligatorische Hähnchen nicht – und einem großen Tanzwettbewerb, bei dem jeder der Jungs mal seine wirklich ausgefallenen Tanzeinlagen präsentieren kann, aus. Mit einem Stück Kuchen verabschiedet das „Techo“ seine Gäste und die Abordnung vom „Hogar Don Bosco“ macht sich zu später Stunde zu Fuß zurück auf den Weg nach Hause. Ich selbst bin ein wenig beseelt vom schönen Fest und Ambiente, als ich durch die ins gelbe Licht getauchte Straßen des Zentrum laufe, auf denen natürlich auch an diesem der Kampf um jeden Meter weiter geht. Und natürlich komme ich vorbei an der einen oder anderen Lichterkette und ein, zwei kitschig geschmückten Weihnachtsbäumen. Wenn auch nicht so penetrant wie in Deutschland: Das Weihnachtsfest ist auch in Bolivien Teil des öffentlichen Lebens.
Die Festtage stehen vor der Tür und noch nie hat sich das so komisch angefühlt wie zurzeit. Weihnachten und ich – irgendwie werden wir unter den hiesigen Umständen dieses Jahr nicht so wirklich Freunde. Es fehlt einfach an allem: An Kälte und Schnee, den es bei uns ja dieses Jahr in einer Menge zu geben scheint, wie lange nicht. Im Internet lese ich ständig von „Schneechaos“, stornierten Flügen, steckenbleibenden Zügen und beträchtlichem Neuschnee; die „Facebook-Community“ macht ihrem Ärger über die Deutsche Bahn, die man zwar für vieles, meines Wissens nicht aber fürs Wetter verantwortlich machen kann, Luft. Und während ich mir ungläubig versuche vorzustellen, wie weiß es wohl momentan in der Heimat aussehen mag, spüre ich, wie mir der Schweiß die Stirn und sonstige Körperoberflächen herunter läuft. Einfach absurd, irgendwie.
Es fehlt an Weihnachtsmärkten, an Glühweinduft und Plätzchenbacken. Es fehlt der Adventskranz auf dem Tisch ebenso wie die Weihnachtsmusik beim Einkaufen. Ich habe keinen Schokoladen-Adventskalender und Geschenke müssen auch nicht großartig gekauft werden. Das Haus hier ist fast leer, viele sind in Weihnachtsurlaub oder haben ihre Freiwilligenzeit schon beendet. Und natürlich fehlt beim Familienfest schlechthin auch die Verwandtschaft. Weihnachten ohne alles, was bisher immer dazu gehörte. Mal ganz anders, irgendwie unbedeutender, aber auch entspannter. Ab und zu finde ich es traurig, dann wieder ist es mir egal.
Doch natürlich ist da auch Neugierde und Vorfreude. Neugierde darauf, wie er wohl werden wird, mein Heiligabend mit den Kindern im Hogar, das wir in den letzten beiden Wochen bei verschiedensten schweißtreibenden Arbeiten herausgeputzt haben. Den Garten auf Vordermann bringen, Anstreichen, Putzen, Rasenflächen verlegen – wenn ich auch sonst kein Gefühl für Weihnachten hatte, so war der Aufwand, den wir gemeinsam mit den Kindern betrieben haben, um alles schön herzurichten, doch ein sicheres Zeichen dafür, dass ein großes Fest vor der Tür steht. Mittlerweile steht auch die mit unglaublicher Akribie über mehrere Tage installierte Krippe, garniert mit Miniaturen der verschiedenen Häuser des Projekts. Eine Zypresse trägt, nur wenige Meter entfernt von mächtigen Palmen, Lametta, Lichterkette und Christbaumkugeln. Das Hauptgebäude zieren ein großer Komet und zwei mannshohe Engel aus Holz, wenn es dunkel wird, bietet sich einem ein frohes Farbenspiel. Zumindest der atmosphärische Rahmen ist geschaffen. Aber 35 Grad und strahlend blauer Himmel waren bisher einfach zu mächtig, als dass so ein bisschen Weihnachtsschmuck wirklich dagegen ankommen würde.
Die Kinder spielen bereits mit den ersten frühzeitig überreichten Geschenken, die die mit etwas mehr Glück im Leben und deutlich mehr Geld gesegneten Menschen in ihren dicken Pick-Ups vorbeibringen, um zum Fest der Liebe ihr Gewissen zu beruhigen. Während ich die Jungs amüsiert dabei beobachte, wie sie ihre brandneuen Spielzeugautos in Kolonnenstärke spazieren fahren, freue ich mich dann doch auf unser gemeinsames Weihnachtsfest in der großen Hogar-Familie. Schließlich bin ich hierher gekommen, um den Kindern Aufmerksamkeit, Nähe und Liebe zu schenken. Um für diejenigen da zu sein, die sonst niemanden haben. Die nicht wissen, was es heißt, jedes Jahr aufs Neue in einem schön geschmückten Wohnzimmer zahlreiche Geschenke und Aufmerksamkeit von Eltern und Großeltern höchstens mit den eigenen Geschwistern teilen zu müssen. Die zwar dank vieler gütiger Spender das eine oder andere Geschenk bekommen, aber denen es insgesamt trotz all unserer Bemühungen doch vor allem an dem einem großen Geschenk fehlt, das nur von Mensch zu Mensch gegeben werden kann. Auch sie sollen spüren, was es heißt, Geborgenheit, Wärme, Zuwendung, gemeinschaftliche Freude und fürsorgliche Liebe zu erfahren. Wenn der Festtagsschmaus in Deutschland schon längst verzehrt ist, will ich heute meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Hoffnung auf offene Arme an Heiligabend keine Hoffnung bleibt. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
Symbolisch für den inneren vorweihnachtlichen Zwiespalt: Christbaumkugel vor Sommerhimmel und Palmen.
