19. August 2012: Jetzt sitze ich am Flughafen in Tana, der Hauptstadt Madagaskars. Hier begann alles und hier hört es auf.
Die letzten 2 Monate im Land vergingen einfach rasend schnell und besonders die letzte Zeit war sehr schwer, auf Grund der vielen Abschiede.
Am 10. Juli endete schon die Schulzeit und somit meine Hauptaufgabe. Zu dem Zeitpunkt waren meine Mama und Schwester zu Besuch, es blieb viel drumherum zu organisieren und so blieb zum Glück nicht so viel Zeit zum Nachdenken, dass ich die meisten Kinder jetzt einfach nicht mehr wieder sehen würde.
Die letzten Schulwochen waren stressig, plötzlich war das Schuljahr schon um und mal wieder Prüfungen zu schreiben. Für die „Großen“ hieß es bis zur letzten Minute bangen, ob die Abschlussprüfungen statt finden sollten oder nicht. 3 Tage vor den Examen kam dann die Nachricht, dass sie um einen Monat verschoben werden. Dies lag daran, dass an den staatlichen Schulen die Lehrer 4 Monate lang gestreikt hatten, da ihnen ihr Gehalt nicht ausgezahlt worden ist. Die staatlichen Schulen nahmen ihre Arbeit wieder auf und versuchten den verpassten Stoff wieder aufzuholen (das gilt auch fürs Abitur), was für die Kinder bedeute von morgens um 6 Uhr bis abends um 20 Uhr in der Schule zu sitzen und für unsere Kinder (die SEVEMA ist eine Privatschule der Gemeinde) hieß das, dass die Kinder weiterhin in die Schule mussten, obwohl sie das ganze Jahr schon gearbeitet hatten und erschöpft war. Vier Tage Korrektion, viel Manipulation und Korruption später wurden dann die Ergebnisse veröffentlicht: alle Kinder hatten bestanden! (Selbst die, die nichts wussten, man muss halt einfach das Geld oder die richtigen Kontakte haben…). Wie das sein kann? Korrigiert wurde in einem Zentrum, alle Schulen Ambanjas gemeinsam. Die Lehrer „korregierten“ wie sie wollten (und bezahlt wurden) und als Sr. Alice (Direktorin der SEVEMA) anmerkte, dass die Noten so nicht stimmen würden und ungerecht bewertet würde bekam sie nur zu hören, dass ihre Aufgabe nur sei, die Noten in den Computer zu tippen, sonst nichts. Auch der Hauptverantwortliche merkte an, dass sich von einem Tag auf den anderen die Noten in seinem Computer verändert hätten… doch die Lehrer wollten davon nichts wissen (und nur den Erfolg, dass ihre Schüler alle bestanden haben). Wenn alle an einem Strang ziehen, können einzelne Personen da eben leider nichts dran ändern, das gilt für positive, wie auch negative Ereignisse und so scheint es leider bei allen schlechten Sachen überall auf Madagaskar zu laufen.
Traurig anzusehen waren immer die dunkelgrauen und abgeblätterten Wände der maternelle (Kindergarten). Ein Jahr lang hatte ich versucht mit Bildern ein bisschen Farbe an die Wand zu bringen, aber der Raum blieb weiterhin trostlos. In diesem dunklen Loch müssen täglich 40 3-jährige ihre Zeit absitzen. Ich profitierte also von dem Besuch meiner künstlerisch sehr begabten Schwester und Mama und innerhalb einer Woche verwandelten wir den kargen Raum in eine saftig grüne Wiese mit Blumen, Schmetterling und strahlendem Sonnenschein. Vielen Dank an euch zwei, dass ich euch auf das Projekt eingelassen habt!
Kindergarten vorher und hinterher:






Vielen Dank auch vorallem an Oma Bärbel und Opa Heinz, die die Farben finanziert haben!
Nachdem dieses Projekt beendet war, machten wir uns dann auf in den Urlaub.
Vom Urlaub zurückgekehrt standen die letzte Woche dann noch Ferienaktivitäten mit den Kindern an, organisiert von den Schwestern, und ich bin sehr froh, das noch miterlebt haben zu können. Gleich nachdem ich vom Urlaub mit Mama und Schwester zurück kam, liefen die letzten Vorbereitungen für die Ferienaktivitäten auf Hochtouren. 230 Kinder hatten sich angemeldet und wir waren ein Team von 10 Animateuren. Ich konnte mich mal wieder beim Basteln auslassen, bot 3 Tage lang einen „Bastelworkshop“ für die Animateure (Betreuer) an und übernahm die Bastelgruppe für 80 Kleinkinder. Zuvor hatte ich mit größeren Kindern gerechnet, doch dann saßen überwiegend 3, 4 und 5 jährige vor mir und wollten basteln. Da die Kinder noch nie eine Schere oder Kleber in der Hand gehalten hatte blieb nur ausmalen, ausmalen und anmalen. Wie ruhig und zufrieden die Kinder dabei waren, war unglaublich. Ganz brav warteten sie, bis sie Papier und Stifte hingelegt bekamen, malten dann ganz ruhig und fleißig ihre Bilder und standen dann teilweise eine Stunde an, bis ich ihnen ihr Papier ausgeschnitten, zusammen geklebt oder zusammen genäht hatte.
Welche Geduld die Kleinen hatten, wie zufrieden sie mit dem waren, was sie gemacht haben und wie ruhig sie dabei waren, hat mich die ganze Woche über beeindruckt. Im Stadtwald, bei den Ferienspielen, sah es immer ganz anders aus. Schon beim Vorschlag einer Bastelaktivität meckerte die Hälfte der Kinder (eine Gruppe von 15 Kindern) rum und hatten nach ein paar Minuten schon keine Lust mehr und wollten was anderes machen.
Abschied. Abschied von den Schulkindern, Abschied von den Waisen, Abschied von den Kindern des Oratoriums, Abschied von meiner madagassischen „Familie“, Abschied von Freunden und Bekannten, Abschied von den Kollegen und zur guter Letzt die schwersten Abschiede von den Kindern der Ferienaktivitäten und der Abschied der Schwestern. Soviele Abschiede auf unbestimmt lange Zeit. Zuvor hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es mir so schwer fallen würde Madagaskar zu verlassen. Ich wäre gerne noch bei euch geblieben!!!

Als das Flugzeug am 20.08.2012 gegen 2 Uhr nachts von Madagaskar abhob, kullterten mir die letzten Tränen die Wange runter. JETZT hatte ich endgültig den madagassischen Boden verlassen, auf dem ich so ein tolles und glückliches Jahr verbracht hatte, mit so vielen tollen Begegnungen, so vielen tollen Menschen, diesen wunderbaren Kinder, wo ich gelernt hatte die Einfachheit des Lebens zu genießen, wo Lebensfreude, Fröhlichkeit, Gemeinschaft und Herzlichkeit das Leben bestimmt. Als ich so an mein verlebtes Jahr zurück dachte, breitete sich ein Lächeln in meinem Gesicht aus. Ich kann nur unglaublich dankbar sein, dass ich das erleben durfte.
Von der Hauptstadt Antananarivo bis Ambanja fährt man 20 Stunden im Buschtaxi und hat so gerade einmal 900 km zurück gelegt. Von der Hauptstadt Tana nach Paris fliegt man 11 Stunden, lässt über 8600 km hinter sich und kommt in eine völlig andere Realität. Die Zeit zum „Umgewöhnen“ fehlt irgendwie. Plötzlich sind fast alle wieder weiß, ganz viele „vazaha“ auf einem Haufen, die letzten madagassischen Worte habe ich im Flugzeug gehört. Keiner starrt einem mehr hinterher, grüßt einem einfach aus einer Laune heraus oder wirft einem ein Lächeln zu. Jeder geht schnell seines Weges. Doch immerhin muss man vor der dunkelhäutigen, französisch sprechenden Polizei keine Angst mehr haben, sie werden einen schon nicht beklauen (man nimmt sich halt, was gefällt) und auch nicht irgendwelche Erpressungsgelder fordern (z.B. damit sie einem die Papiere wieder geben…). Wir sind wieder in Europa! Ein beruhigendes Gefühl.
Dann ging mein Flug von Paris nach Frankfurt und ich war wieder zu Hause.
Die ersten Tage waren leicht, man merkt, dass sich nichts verändert hat, man freut sich, seine Freunde und Familie wieder zu sehen, verbringt wunderschöne Abende im Freundeskreis und genießt das Zusammensein, auf das man ein Jahr lang verzichten musste.
Doch dann kommt die Zeit, wo man merkt, dass man sich verändert hat. Die Erfahrungen, die ich in Madagaskar gemacht habe, lassen sich so schwer mit der deutschen Realität zusammen bringen. Ich möchte wieder im deutschen Leben ankommen, was bringt es dem Vergangenen nachzutrauern, doch das madagassische Lebensgefühl fehlt und hinterlässt eine große Leere. Probleme und Sorgen die einen ein Jahr lang nicht beschäftigt hatten (und nichtig waren) prasseln auf einen ein und nehmen einen ein, obwohl man weiß, dass es wirklich größere Probleme gibt und auch das nimmt einen dann mit.
Ein ehemaliger Freiwilliger sagte bei einem Vorbereitungsseminar: “Nicht das Eingewöhnen im anderen Land ist schwierig, sondern das Zurückkommen und Wiedereingewöhnen in Deutschland.”
Damals merkte ich mir die Worte, weil ich mir noch lange Gedanken darüber machte, was er wohl damit meinte, wie das möglich sein könnte, damals verstand ich es nicht…
Was fehlt? Alles. Zum Glück sind Madagaskar und Deutschland so unterschiedlich, wie zwei Länder es nur sein können, so kommt man gar nicht erst auf die Idee direkt Vergleiche anzustellen und fühlt sich nicht durch erlebte Situationen an Madagaskar erinnert. Das Bild eines Vorhangs, der diese zwei völlig verschiedenen Welten voneinander trennt gefällt mir.
Ich möchte das madagassische Lebensgefühl wahren, doch in einer so völlig anderen Realität mit so anderen Werten, Zielen und Vorstellungen ist das unmöglich. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich das Kapitel Madagaskar beende, eine neue Seite aufschlage und das deutsche Leben, so wie es ist, wieder annehmen kann und mich wieder vollkommen wohl fühlen kann. Obwohl ich jetzt schon wieder über ein Monat zurück bin, fühle ich mich noch nicht wirklich angekommen. Das braucht eben noch seine Zeit.
Zum Schluss natürlich das wichtigste: der DANK.
Ich danke allen fleißigen Bloglesern, mit denen ich meine Erfahrungen teilen konnte.
Ich danke meiner Familie und Freunden, dass ihr mir das Jahr lang, auch auf die Entfernung und schwierigen Bedingungen, die Treue gehalten habt und mir immer eine Stütze wart (auch vielen Dank für die zahlreichen Briefe, Karten und Päckchen, die immer so unerwartet ein kleines Zeichen setzten). Ich weiß, dass es gerade für meine Familie nicht leicht war mich gehen zu lassen, gerade in ein so unsicheres Land wie Madagaskar und dennoch habt ihr mir diese Freiheit gelassen.
Ich danke besonders meinen Freunden, dass ihr mir das Zurückkommen so schön gestaltet habt und mich gleich wieder in eurer Mitte aufgenommen habt, als wäre kein Jahr vergangen.
Ich danke allen Madagassen, die mich so bereitwillig aufgenommen haben und mir ihr Land und Leben gezeigt haben, sei es in Ambanja oder auf Reisen in ganz Madagaskar, wo ich immer einen liebenswürdigen Begleiter gefunden habe, der mir von seiner Kultur erzählte.
Besonders danke ich natürlich „meinen“ lieben Schwestern, bei denen ich leben durfte. Wie viel Freude, Kummer, Leid und Spaß wir geteilt haben. Ich habe mich bei euch wirklich wie zu Hause gefühlt und danke für euer Vertrauen, was ihr täglich in mich gesetzt habt und wodurch ich mich in meinen Aufgaben so entfalten konnte.
Ich danke meinen lieben Italienern Caterina, Luca und Giuliana, meiner „zweiten“ Heimat, wo ich immer mein Zimmer beziehen durfte, um mich auszukurieren und Abstand von meiner Arbeit zu gewinnen.
Ich danke meiner madagassischen „Familie“, die mich so lieb in ihre
Familie integriert hat und mir Einblicke und Überlegungen ermöglicht hat, die ich sonst nicht gehabt hätte. Ich habe mich bei/ mit euch immer sehr wohl gefühlt!
Ich danke père Stefano und Dr. Felicité, mit denen ich zusammen meine Samstage bei den Kindern im Waisenhaus verbrachte.
Ich danke allen Animateuren der Ferienaktivitäten und des Oratoriums. Ihr seid einfach spitze und wir hatten soviele tolle Augenblicke zusammen!
Ich danke meinen Kollegen, die soviel Freude und Fröhlichkeit ausstrahlten, dass es direkt abfärbte.
Ein besonderer Dank geht natürlich an die Kinder, an meine lieben kleinen Schülerchen, an die Waisenkindern, an die Kinder des Oratoriums, an die Kinder, die an freien Tagen einfach bei mir vorbei kamen und an die Kinder, die mir auf der Straße begegneten, die mich ein Stück begleiteten, auch wenn wir uns nicht kannten. Ohne euch wäre dieses Jahr sinnlos gewesen. Eure kleinen Gesichter mit dem groooooßen strahlenden Lächeln werde ich nie vergessen, eure Zutraulichkeit und eure Freude an den kleinen Dingen. Es hat mir jeden Tag soviel Freude bereitet euch zu sehen und mit euch zu arbeiten.
Ich danke einfach allen Menschen, die mir gezeigt haben, wie sehr man sich über kleine Dinge freuen kann. Besonders auch den Menschen am Markt, die ich auf einen kleinen Plausch auf der Straße getroffen habe und die mir immer ein fröhliches „Bonjour“ oder „mbala tsara“ zuriefen.
Zuletzt noch ein großes Dankeschön an alle fleißigen Spender! Anfangs hatte ich über den katastrophalen Zustand der Schule geschrieben. Die Schule ist einfach vollkommen runtergekommen und nicht kindgerecht für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter ausgestattet. Jeder Cent wird zur Renovierung der Schule eingesetzt, damit endlich wieder ein bisschen Farbe reinkommt und ein kleiner Teil für Spielsachen für die Kleinsten.
Hier ein paar Bilder, wie die Räume momentan aussehen:



Zum Schluss natürlich ein großes Dankeschön an das Team von „Don Bosco Volunteers“ was uns so super vorbereitet und begleitet hat und besonders an Wolfgang, dessen Beruf seine Berufung ist. Mit Wolfgang im Rücken konnte nichts schief gehen, egal wie brenzlich die Situation war!
Ich danke und dankte Gott für jeden Tag, den er mich diese Erfahrung leben lassen hat, dass sein Plan für mich mich genau nach Madagaskar, nach Ambanja unter die Menschen, die ich kennen lernen durfte, geführt hat und das er mir so gezeigt hat, wo mich mein weiterer Weg hinführt. (Für mich geht es in Deutschland mit einem Studium fürs Grundschullehramt weiter.)
Misaotra betsaka jiaby! Tiko ianareo rehetra!
Louisa
Ps.:Die nächsten Don Bosco Freiwillige sind schon wieder in der Welt unterwegs. Wer spannende Berichte über ihre Einsätze lesen möchte: http://strassenkinder.de/
Pps:Wer weiterhin arme Straßenkindern im Sinne Don Boscos unterstützen möchte ist auf der Seite der Don Bosco Mission „für die Jugend dieser Welt“ genau richtig: http://www.donboscomission.de/