Im Moment machen die Schwestern eine Ferienbetreuung für ca. 100 Kinder (plus manchmal 150 Kinder des Waisenhauses) in der Schule. Die Schule beginnt erst wieder am 4. Oktober. Am Anfang waren die Kinder noch etwas zurück haltend und der erste Schritt war etwas schwer, weil die meisten Kinder nur madagassisch sprechen, aber schon am zweiten Tag war die ganze Schüchternheit vergessen und seitdem kann ich mich kaum vor Kindern retten.
Ich muss jedoch auch sagen, dass es für mich anfangs ein bisschen gewöhnungsbedürftig war, die Kinder anzufassen, weil die meisten Kinder mit löchrigen und verschmutzten und meistens zu großen oder zu kleinen Anziehsachen umherlaufen, ihre Hände sind schmutzig und klebrig, wegen der Hitze und meistens riechen sie etwas unanagenehm und was wirklich schlimm ist, viele haben richtig schwarze Zähne. Ein kleiner Junge, hatte gar keine Zähne mehr, nur noch schwarze Stümpfe und das mit geschätzt maximal 6 Jahren. Was natürlich für die Kinder faszinierend ist, ist meine Haut (-farbe). Anfangs wurde meine Haut ständig gestreichelt, es wurde daran gezupft und reingezwickt. Ein Mädchen in meinem Alter („Animateurin“) fragte mich, warum meine Haut nicht funktioniert (also keine dunkle Farbe hat). Andere Frage: Wie erklärt man Kindern blaue Flecke, oder Sonnenbrand? So habe ich egal wo ich stehe oder sitzte immer einen Haufen Kinder um mich herum, die halb auf mir liegen, auf meinem Schoß sitzten, mich umarmen, meine Hand halten oder sich an mir festklammern. Bei den Temperaturen durchaus sehr warm und unangenehm, aber im Moment lasse ich es noch zu. Von weitem werde ich angestarrt, aber auch angestrahlt. Die Kinder sind insgesamt sehr fröhlich und am Strahlen. Was sie absolut gerne machen ist tanzen.
Es gibt hier ungefährt 10 „Animateure“, die den Kindern Tänze beibringen. Selbst die Kleinsten und die Jungs tanzen mit und es ist beeindruckend was für ein Taktgefühl die Kinder haben. Ein weiterer Renner ist das mitgebrachte UNO-Spiel. Die Kinder haben zuvor noch nie ein Kartenspiel gesehen und sobald ich das UNO-Spiel aus der Tasche hole, rennen die Kinder los und holen Strohmatten und eine Horde Kinder versammelt sich. Gespielt wird dann in 15 Gruppen (mehr geht dann wirklich nicht mehr auf Grund der Kartenkapazität) und trotzdem wird es über Stunden keinem langweilig. Das Spiel ist wirklich ideal für den ersten Kontakt, weil es leicht verständlich ist, auch ohne Sprachkenntnisse und für jedes Alter geeignet.
Das Animateurteam und ich
Gestern war dann eine große Feier (wie die beiden Tage davor auch), die Kinder führten Tänze auf oder sangen, an einem Stand wurden gebastelte Sachen verkauft und die Kinder trugen selbgebastelte Papierkronen.
Sehr gerührt hat mich der Umgang der Kinder miteinander. Bei den Feiern gab es für die Kinder immer eine Kleinigkeit zu essen und Limonade, dazu saßen wir auf Strohmatten auf dem Boden. Sobald ein Kind aufgegessen hatte, bekam es etwas von den anderen Kindern ab und sobald die Limo leer war, wurde von den anderen Kindern in die Flasche nachgegossen, sodass immer alle etwas hatten. Selbst mir wollten sie etwas abgeben, wobei sie es ja wirklich viel nötiger haben. Vorallem ist der Umgang miteinander sehr fürsorglich. Streiten sich zwei Kinder (was meist mit Schlägen und Tritten verbunden ist), geht ein drittes Kind dazwischen, egal welches Alter und schlichtet und tröstet.
Oft kümmern sich kaum ältere Geschwister um ihre kleineren Geschwister. Ein vielleicht gerade mal 7-jähriges Mädchen schleppte jeden Tag ihren kleinen Bruder in einem Tuch auf dem Rücken umher und kümmerte sich um ihn. Wie schön das auch alles klingen mag, emotional liegt hier meine Freude und meine Traurigkeit oft nah beieinander. Es sind alles so liebe Kinder und die meisten sind so arm und chancenlos. Eine Jugendliche, mit der ich hier gesprochen habe, erzählte mir, dass sie die Schule früh abgebrochen hat, weil es nur 5 Unis in ganz Madagaskar gibt (Madagaskar ist 1 ½ mal so groß wie Deutschland und es gibt dennoch landesweit! Nur 50000 Studenten) und so verkauft sie heute selbstgebastelte Sachen den ganzen Tag lang. Besonders gerührt war ich von der Gruppe Kinder aus dem Waisenhaus. Sie waren so fröhlich und anhänglich. Aber es wird sich wirklich sehr liebevoll von einem „père“ mit seinen Novizen um sie gekümmert. Generell gibt es keine staatliche Förderung für benachteiligte Kinder, wie in Deutschland. Es sind immer Geistliche oder Ordensgemeinschaften, die sich um diese Kinder kümmern. 
Was mich schockiert hat: im Süden Madagaskars gibt es einen Brauch, nachdem Zwillinge nach der Geburt getötet werden und das UNGESTRAFT! (Hier oben im Norden jedoch ist der Schulbesuch für ein Zwillingskind umsonst. Solche Gegensätze findet man in EINEM LAND.) Generell ist Madagaskar sehr von Gegensätzen geprägt. Karge Landschaft gegenüber üppig grüne Gegenden. Extreme Armut und extremer Reichtum. Kalte Regionen (vorallem im Hochland, in Antananarivo bin ich noch in Pullover plus Fließjacke rumgelaufen und habe Tee getrunken, weil mir dort so kalt war) gegen Hitze (hier ist man selbst nachts draußen am Schwitzen).
Noch ein befremdliches Ereignis: Gestern wurde einfach auf einer Bare, nur von einem dünnen Tuch abgedeckt, was dazu auch noch ab und zu verrutschte, ein toter Mann durchs Dorf getragen. Es war wohl eher ein „Transport“ durchs Dorf, denn die Männer, die die Bare trugen, schlängelten sich in Eiltempo durch die Menschenmenge.
Was schön ist? Die Menschen hier sind sehr freundlich, ich werde zwar nicht nur von Kinder angestarrt und so manchmal scheint es, als würden sich manche Bewohner über mein Aussehen lustig machen (vorallem die Jugendlichen), aber auf meinem Weg mit dem Fahrrad durchs Dorf, werde ich immer fröhlich gegrüßt und „vazaha!“ („Weisser/Ausländer“) Rufe ertönen. Besonders goldig ist das „Bonjour, vazaha!“ der kleinen Kinder, die mit ihren Eltern an den Marktständen sitzten und mich dabei mit großen, strahlenden Augen anlächeln.
Viele, viele Eindrücke von mir und ich wünsche euch/Ihnen alles Gute, bis hoffentlich bald, Louisa
Ps.: Schon jetzt habe ich die zuverlässige Internetverbindung in Deutschland schätzen gelernt. Diese Blogeinträge habe ich vor ungefähr 2 Wochen geschrieben und seitdem gebraucht, um einen Internetzugang zu bekommen. Doch ich habe den Blogeintrag jetzt einfach so gelassen, wie er ist, auch wenn die Zeitangaben nicht mehr ganz stimmen. Wenn das hier endlich online ist, werde ich heil froh sein, dass das endlich geschafft ist, denn im Moment (am 1.Oktober) sieht es danach aus, als würde ich hier nie Internet haben. Wenn ich dann endlich Internet haben sollte, wird es sehr langsam, teuer und unzuverlässig sein, aber besser als nichts, das weiß ich jetzt schon =)



