40 Tage Madagaskar

Meine Aufgaben, Erschreckendes, Berührendes, auch ohne Worte und die Schule…

Jetzt sind schon 3 Wochen seit dem letzten Eintrag von mir vergangen. Ich bin selbst überrascht, wie schnell die Zeit hier vergeht. Schwupps ist schon wieder Wochenende und wir starten in die 4. Schulwoche. Ich habe mal wieder so viele neue Eindrücke gewonnen und jeder Tag bringt Überraschungen mit sich.

Mein Einsatzort ist jetzt die Schule SE.VE.MA., die von den Schwestern Don Boscos geleitet wird und somit viele, viele Kinder den ganzen Tag lang für mich =). Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß und ich freue mich jeden Tag in die Schule zu fahren. Ansich war ich anfangs etwas enttäuscht über meine Aufgaben hier. Mir wurde in Deutschland immer geraten, mit keinen Erwartungen nach Madagaskar zu reisen. Ich dachte, ich hätte keine, doch als ich hier war stellte sich heraus, dass ich viele Erwartungen hatte, die sich hier nicht erfüllten (was meine Arbeit betrifft). Ich musste erst einmal lernen, dass hier alles viel, viel langsamer und unorganisierter abläuft, also auch was meine Aufgaben betrifft. Als ich das akzeptiert hatte konnte ich mich etwas mehr auf meine Arbeit hier einlassen und jetzt mache ich das beste daraus, suche mir selber Aufgaben und mir geht es sehr gut damit. Um ein bisschen zu erklären: gesagt wurde mir, dass es hier ein Waisenhaus, ein Oratorium, ein Frauenbildungszentrum UND eine Schule gäbe. Ich startete also voller Motivation in Deutschland und dachte, ich könnte mich sofort mit meinen ganzen Ideen und Engagement einbringen. Doch: Pustekuchen! Erst einmal verbrachte ich eine Woche mit nichts tun in der Hauptstadt, anschließend 5 Tage Ferienbetreuung (endlich Kinder!), anschließend wieder eine Woche nichts tun, dann endlich der Schulanfang, doch auch die erste Schulwoche gab es noch keine Aufgaben für mich. Ich putze Klassenräume, bastelte Schlüsselanhänger, spielte in der Pause ein bisschen mit den Kindern und das war auch schon mein Tag. Zudem stellte sich heraus, dass es hier gar kein Frauenbildungszentrum gibt, das Sonntagsoratorium erst am 6.November anläuft und das Waisenhaus von einem „père“ weit weg von der Schule geleitet wird, sodass ich es bisher neben meiner Arbeit an der Schule noch nicht geschafft habe, dorthin zu gehen, was ich sehr enttäuschend finde. Zudem war mit den Schwestern abgesprochen, dass ich Englisch-, Bastel-, Informatikunterricht und Mathenachhilfe geben sollte. Doch die einzige offizielle Aufgabe, die ich bisher habe ist der Sportunterricht. Doch auch mit dem Englischunterricht soll ich bald starten. Was die anderen Fächer betrifft, werde ich sehen, was die Zeit mit sich bringt. Hier läuft eben alles ein bisschen langsamer an. Was mir bis jetzt aber noch Schwierigkeiten bereitet ist, dass ich eigentlich keine festen Zeiten haben (außer die Zeiten, in denen ich Sport mit den Schülern mache), wann ich an der Schule sein soll. Die Schwestern lassen mir allen Freiraum der Welt, wenn ich will, könnte ich so den ganzen Tag zu Hause verbringen und nur kurz am Nachmittag zum Unterricht antanzen. Doch das will ich natürlich nicht! Zu einem guten Anhaltspunkt ist die Schulpause geworden. Was sich hier nämlich durch die mitgebrachten Spiele wie Gummitwist und Springseile (vielen, vielen Dank Julia!) verändert hat, ist die große Pause. So ist es irgendwie automatisch zu meiner Aufgabe geworden, die Spielsachen auszuteilen, das große Springseil zu schwingen oder Hüpfekästchen aufzumalen und die Verantwortung für die „Pausenbespaßung“ (und leider auch die einzige Aufsicht für alle Klassen während der Pause) zu übernehmen. Das ist jede Pause ein riesen Tumult und man verliert schnell den Überblick, doch nach der Pause bekomme ich alle Spielsachen ohne Probleme zurück und am nächsten Tag kann es weiter gehen. Aber wehe ich komme zu spät! =) So bin ich also spätestens um 9.30 Uhr in der Schule, doch meistens fange ich um 7.30 Uhr in der „maternelle“ an.

 Zum Sportunterricht: Ich „unterrichte“ alle Klassen der „école primaire“ (20 Klassen, ca. 750 Kinder), also Kinder im Alter von 3 bis 10 Jahren, jeden Tag mindestens 3 Klassen für 2 Stunden und das in der prallen Hitze. Das fordert ganz schön meine Kondition. Um kurz die Schule zu erklären: die „école primaire“ ist vergleichbar mit Grundschule und Kindergarten zusammen. Es gibt die Klasse „maternelle“ (ca. 2-4 Jahre alt), 12ième (12. Klasse, ca. 4/5 Jahre alt), 11ième (11. Klasse, ca. 5/6 Jahre alt), 10ième (10. Klasse, ca. 6/7 jahre alt) und immer so weiter bis zur 7ième (7. Klasse, ca. 9/10 Jahre alt). Schon die Kleinsten in der „maternelle“ haben Unterricht von 7.30 Uhr bis 16.15 Uhr (mit einer Pause von 11.30 Uhr bis 14.30 Uhr). Die 7ième hat sogar Unterricht von 7 Uhr bis 17.30 Uhr (mit einer Pause von 11.30 Uhr bis 14 Uhr). Zudem gibt es noch das „collège“ und das „lycée“, was auch von den Schwestern geleitet wird. So können die Kinder im Alter von 2/3 Jahren an der Schule beginnen und bis zum Abitur an der Schule bleiben. Die Schule aus all den Stufen umfasst über 2000 Schüler und heißt „SE.VE.MA.“. Meine erste „Unterrichtstunde“ war in der 11ième. 48 Kinder im Alter von ca. 6 Jahren standen erwartungsvoll vor mir und ich hatte eine ¾ Stunde Zeit. Was in Deutschland die Kinder schon von klein auf kennen (aus dem Kindergarten oder Kinderturnen) haben hier selbst die 10-jährigen noch nie gemacht und so beginne und beende ich meine Stunden immer mit einer kleinen „Kombi“ aus klatschen, stampfen, drehen und springen. Gerade beim Springen lachen sich die Kinder kaputt. Was für mich eine sehr große Herausforderung darstellt ist, dass die Kinder kein französisch oder wirklich nur sehr wenig französisch sprechen (wie die Großen in der 8ième und 7ième), ich für den Sportunterricht auf mich alleine gestellt bin und in manchen Klassen gibt es wie überall auf der Welt wirkliche Rabauken. Die Gruppengrößen sind auch nicht ohne und leider gibt es außer einem Ball keine Utensilien für den Sportunterricht, doch mittlerweile werde ich immer kreativer im Spiele ausdenken mit einem Ball, 2 Springseilen und ein paar Steinen und viel zu vielen Kindern. Zudem muss ich mich jeden Tag in Gelassenheit üben, wenn ich alles 1000 mal erklärt und die Kinder sagen, dass sie es verstanden haben und dann doch das Gegenteil oder gar nichts machen. Mittlerweile kenne ich die Klassen aber schon besser, ich kann abschätzen auf welche Spaßvögel ich besonders Acht geben muss und die bekommen dann immer ein schönes Plätzchen neben mir =) und ich kann auch schon besser abschätzen welche Spiele nicht zu anspruchsvoll für die Kinder sind (in der Tat wird hier das Spiel „Fangen“ selbst von den 7- und 8- jährigen Kindern nicht verstanden).

Was hier, wie schon angesprochen, wirklich ein Problem ist, ist französisch. Eigentlich sollten die Kinder mindestens ab der 8ième komplett auf französisch unterrichtet werden und die Kleinen auch schon ein paar Sprachkenntnisse angeeignet bekommen, doch in der Realität sieht das ganze anders aus. Das ist leider fatal, denn die „Oberstufe“, das Abitur, offizielle Formulare und die Uni sind hier in/auf französisch. Schnell habe ich gemerkt, dass die meisten Lehrer selber sehr ungern und schlecht französisch sprechen. Anfangs dachte ich, dass es an mir und an meinem Französisch liegt, dass ich so schlecht verstanden werde, doch als mir selbst auf die leichtesten Fragen völlig am Thema vorbei geantwortet wurde, wurde mir bewusst, dass es zum Glück nicht an mir liegt. Die Lehrer geben leider nicht zu, dass sie nicht gut französisch sprechen und fragen so auch nicht nach, wenn sie etwas nicht verstehen, sie sagen immer „oui, oui“, lächeln und nicken dabei.(Die Kinder machen das gleiche, wenn ich ihnen Fragen stelle, wie z.B. wie alt sie sind oder in welcher Klasse sie sind. Die Antwort ist immer „oui, oui“, aber immerhin weiß ich jetzt, wo sie das gelernt haben). So bat ich eine Lehrerin, mich in den Sportunterricht zu begleiten. Ich wollte gerne Spiele spielen, wusste aber schon, dass bei den 30 Jungs der Klasse große Unruhe aufkommen würde, wenn ich keinen Fußball rausrückte und wollte zumindest für den Anfang gerne etwas Unterstützung haben. Sie antwortete mir also mit einem „oui, oui“ und nickte. Ich lief also mit den Kindern los. Am Sportfeld angekommen, drehte ich mich um und sie war nicht mehr da. Im Klassenraum fand ich sie auch nicht, sie hatte wohl anderes zu tun. Nach der Aussage der Schwestern spricht nur einer der 21 Grundschullehrer wirklich gut französisch. Und genau dieser Lehrer (der französisch spricht) stellte mir gegenüber fest, dass es dieses Jahr das erste Mal mit den Schwestern eine Schulleitung gäbe, die französisch sprechen kann. Neben den Schwestern gibt es noch einen Schuldirektor. Dieser hielt bei einer Lehrerkonferenz des „collège“ und des „lycées“ (vergleichbar mit weiterführende Schule und anschließend Gymnasium) eine Rede darüber, wie wichtig eine gute Bildung für die Schüler und für das Land sei. Natürlich hielt er die Rede in madagassisch, damit auch alle Lehrer ohne Probleme folgen können. Für mich passt das nicht zusammen. Wie sollen die Kinder bitte gutes französisch lernen, was doch so wichtig für die Bildung ist, wenn nicht einmal die Lehrer in der Lage dazu sind fehlerfrei (selbst leichtes) französisch zu sprechen? Ich bemühe mich zwar weiterhin „malgache“ zu lernen und habe jetzt nach einigem Suchen einen Lehrer an der Schule gefunden, der bereit ist, mir „malgache“ Unterricht zu geben (im Gegenzug bringe ich ihm Deutsch bei), doch ich werde weiterhin mit den Kinder viel französisch sprechen, vielleicht lernen sie dadurch ein bisschen mehr mit der Sprache umzugehen. Zurück zum Sport: nachdem ich dann die eine Klasse der 11ième unterrichtet hatte, folgten noch einmal 50 kleine Kinder für das gleiche Programm. Ich unterrichte nämlich jeden Tag eine Stufe mit 3-4 Klassen, mit einer Klassengröße von 35 bis 50 Kindern. Donnerstag habe ich vormittags die „maternelle“ unterrichtet (2-4 Jahre alt), das ist dann immer ein bisschen wie Kinderturnen, aber eine wahre Freude! Nachmittags wurde ich etwas überrumpelt: plötzlich sah ich mich vor über 70 Kindern der 8ième stehen (2 Klassen zusammen) und der Sportplatz, auf dem ich eigentlich Sport mit ihnen machen sollte, war von einer Klasse der Oberstufe belegt. Natürlich war kein Lehrer da, den ich hätte um Rat fragen können und so hieß es: improvisieren! Schnell war der erste Schreck überwunden und ich denke es wurde für alle (auch für mich) eine gute Sportstunde. Danach folgte noch einmal das gleiche Programm mit den übrigen 70 Kindern der beiden anderen Klassen der 8ième. Freitag sollte ich erfahren, dass ich mich auf diese große Gruppengröße einstellen muss: eine Gruppe von 80 Kinder warteten auf meinen Sportunterricht. Abends bin ich zwar immer ziemlich kaputt vom Sport bei diesen Temperaturen (mittlerweile ist es hier einfach unglaublich heiß, sobald die Sonne morgens um 6 Uhr aufgegangen ist) und Kinder sind überall gleich und quatschen und albern gerne rum. So ist es manchmal wirklich anstrengend etwas zu erklären, oder zu warten, bis alle Kinder leise sind. Doch ich kann sagen, dass es mir viel Spaß macht hier den Sportunterricht zu übernehmen. So habe ich die Möglichkeit alle Kinder der primaire „kennen“ zu lernen, naja zumindest kennen sie mich jetzt, die Namen der ganzen Kinder werde ich wohl leider nie lernen. Für mich ist es zudem eine riesen Chance, mit Kinder in jedem Alter von 2 bis 10 Jahren arbeiten. Zudem sind die Kinder leicht zu begeistern, da für sie meine „deutsche“ Art von Sportunterricht (mit Spielen, Dehnübungen und einer Art Gymnastik zum Aufwärmen) völlig neu ist und so machen immer alle ohne zu nörgeln und mit viel Freude mit. Der Sportlehrer des letzten Jahres ließ die Kinder einfach die ganze Zeit Fußball spielen, wurde mir empört von den anderen Lehrern berichtet. So zog ich gestern erneut (wie jeden Donnerstag) mit der 8ième Richtung Sportplatz los. 76 Kinder in zweier Reihen hinter mir her, was ein Anblick! In der Mitte fingen ein paar Kinder an in die Hände zu klatschen : „Un, deux, un, deux!“ und anschließend mit den Füßen zu stampfen: „un, deux, trois, un deux, trois!“. Das rhymtische Klatschen und Stampfen verbreitete sich über die ganzen Kinder. Das war der Anfang der „Kombi“, mir der ich letzte Woche die Stunde begonnen hatte und die Kinder erinnerten sich noch. Da ging mir das Herz auf! Ich hoffe einfach, dass ich die Begeisterung über das Jahr aufrecht erhalten kann, so macht es für alle mehr Spass. Nach dem Sportunterricht kommen die Kinder zu mir, um sich bei mir zu bedanken. So etwas habe ich in Deutschland noch nie erlebt.

 Sonst verbringe ich hier viel Zeit in der „maternelle“. Mittlerweile kennen mich die Kinder auch gut und freuen sich mich zu sehen. Anfangs sah das ganz anders aus, da einige Kinder vor der „vazaha“ („Weisse“) Angst hatten und anfingen zu weinen, als ich in den Klassenraum kam. Doch ich konnte sie überzeugen, dass ich nicht zu fürchten bin =). In der „maternelle“ ist die Situation wirklich erbärmlich. 40 Kinder, die das erste Mal von ihren Eltern für längere Zeit getrennt sind haben Unterricht von 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr, haben nur einen kleinen kahlen Raum und keine Spiel- oder Bastelsachen zur Verfügung. Die ersten Tage waren wirklich herzzerreißend, wie die Kleinen da in den Bänken saßen und weinten. Meine Aufgabe war also vorallem Kinder in den Arm zu nehmen und zu trösten. Ein kleiner Junge war so erschöpft, dass er auf meinem Bein liegend einschlief. Nachmittags habe ich Bilder für die Wände gemalt, damit die Kinder etwas zum Angucken haben. Die Lehrerin schien das jedoch nicht so wichtig zu finden, denn als ich am nächsten Tag in die Klasse kam, waren die Bilder noch nicht aufgehängt und als ich danach fragte, lagen sie zerknittert in einer Schublade. Das fand ich ganz schön enttäuschend. Doch ich habe mich nicht beirren lassen und bin mit Tesafilm und Schere angerückt, um die Bilder aufzuhängen. Die Kinder betrachteten staunend die Bilder und somit war die Mühe nicht vergebens. Sonst singe ich mit den Kinder Lieder, auch wenn sie „hopp, hopp, hopp Pferdchen lauf Galopp“ natürlich nicht verstehen, finden sie es interessant und bei „frère Jaque“ („Bruder Jakob“) summen sie mit und machen die Bewegungen nach.

Erschreckendes… Was mir in der „maternelle“ gar nicht gefällt ist der Umgang der einen der zwei Lehrerinnen mit den Kinder. Madame Ivette (Name geändert) ist wie eine Mama für die Kinder und kümmert sich rührend, doch die andere Lehrerin sitz die ganze Zeit nur in der Ecke herum und schimpft die Kinder aus. Manchmal droht sie den Kleinen, weil sie weinen!! Schläge an und haut mit einem Stock auf die Tische. (Leider sind hier Schläge keine Seltenheit, wie ich feststellen musste und in der 12ième kriegen die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern versohlt)Das ist immer schwer aushaltbar für mich und natürlich verschreckt das die Kleinen sehr. Aber mit Madame Ivette komme ich sehr gut aus, sie erklärt mir ihre Arbeit, wie sie sich vorbereitet und überträgt mir kleine Aufgaben. Sie hat mir auch schon ganz stolz ihre Kinder und ihren Mann vorgestellt und mich zu ihr nach Hause eingeladen. Heute war ich jedoch auch über Madame Ivettes Ansichten schockiert. In einer ruhigen Minute kam sie zu mir und sagte mir, dass es für die Lehrer seit dem Ende der französischen Kolonialzeit schwierig geworden sei zu unterrichten. Zu den Kolonialzeiten hätte noch Zucht und Ordnung geherrscht, aber heute dürfte man die Kinder nicht mehr anrühren (sprich schlagen) und das laissezfaire würde ihr auch nicht gefallen. Was mich hier im Moment sehr beschäftigt und schockiert ist, dass die Kinder hier noch sehr oft geschlagen werden. Eines Tages kam ich gerade in eine Klasse, als ein kleiner Junge aufstehen musste und mit einem Rohrstock auf die Finger geschlagen bekam. Ich war so entsetzt, dass ich umkehrte, und die Klasse wieder verließ. Gestern ging ich zur 8ième, um die Kinder zum Sport abzuholen. Schon draußen hörte ich komische Geräusche, wie ein Stock, der durch die Luft saust. Und in der Tat: als ich eintrat, wurde einem Jungen gerade mit einem Rohrstock auf die bloßen Waden geschlagen. Als die Lehrerin fertig war, humpelte er auf seinen Platz zurück. Und die Lehrer hier können wirklich doll zuschlagen! Sobald die Lehrerin mich entdeckte, hörte sie auf und kam mit einem freundlichen Lächeln auf mich zu. Ich bin einfach jedes Mal total überrumpelt und zutiefst schockiert, wenn ich mitbekomme, dass irgendwo Kinder geschlagen werden und das die Lehrer es gar nicht als schlimm empfinden. Ohne daran zu denken, dass so etwas schlimmes hier noch praktiziert wird, trete ich in eine Klasse ein und bin wie erstarrt, wenn ich so eine „Erziehungsmethode“ mitbekomme. Mir fehlen einfach die Worte! Als ich abends mit den Schwestern darüber sprach, erfuhr ich, dass auch in den anderen Klassen noch geschlagen würde, gerade in den Klassen mit den kleineren Kinder, aber selbst an der weiterführenden Schule, bis hin zum Abi noch. Und dass, „obwohl seit DIESEM Jahr in den Schulregeln stehe, dass nicht mehr geschlagen werden dürfe“ (sagte eine Schwestern aus der Gemeinschaft hier). Die Schwestern sind natürlich auch dagegen, dass geschlagen wird, doch da die Lehrer einfach daran gewöhnt sein und es nicht als schlimm ansehen würden, wäre es schwer sie von ihren Gewohnheiten abzubringen.

 Berührendes… In „meiner“ Klasse (maternelle), gibt es zwei Schicksale, die mich besonders berühren. Zum einen ist das ein kleiner Junge, gerade einmal 2 ½ Jahre alt. Seine Mutter starb an einer OP, als er gerade einmal 3 Monate alt war und von seinem Vater sagt man, dass er „verrückt“ sei, aber vorallem ist er so arm, dass er sich nicht um seine Söhne (der Kleine hat noch einen 5-jährigen Bruder) kümmern kann. Seine Anziehsachen sind abgenutzt, löchrig und immer schmutzig und er kommt meist barfuss und ohne etwas zu Essen für die Pause in die Schule. Wenn er auf meinem Schoss sitzt, merke ich, wie sein Magen knurrt. Zusammen mit seinem Bruder wächst er bei einer „Madame“ auf, die selber jedoch viele Kinder hat und nicht viel Geld verdient (sie wäscht die Wäsche für die Klinik und kranke Menschen, die nicht selber waschen können). Für die Pflege der beiden Kinder bekommt sie im Monat einen Sack Reis und etwas Geld von Père Stephano (der das Waisenhaus leitet). In der (Missions-) Klinik werden oft Waisenkinder abgebeben, oder Kinder, um die sich keiner kümmert. Père Stephano versucht dann, vorallem für die Kleinen, unter den Klinikangestellten eine Art „Pflegefamilie“ zu finden. Die Kinder aus den Pflegefamilien gehen einmal täglich zum sogenannten „foyer“, um dort etwas zu essen zu bekommen. In dem Haus, indem das „foyer“ ist, leben auch die restlichen Waisenkinder, für die keine Familien gefunden wurden. So werden alle Waisenkinder in Ambanja „enfants de la klinic“ („Klinikkinder“) genannt, da die Missionsklinik die erste Anlaufstelle für solche Kinder ist und es gibt leider sehr viele Waisenkinder in Ambanja! In der Klasse fühlt sich der Kleine nicht wohl, ich glaube, dass es ihm zu laut ist mit so vielen Kindern, so hockt er meistens mit dem Daumen im Mund auf dem Boden und weint vor sich hin oder flüchtet sich auf meinen Schoss. Er strahlt leider schon mit seinen nicht einmal 3 Jahren eine große Traurigkeit aus und braucht viel Zuwendung und das Gefühl von Geborgenheit. Anfangs war es aber etwas schwer, mit ihn in Kontakt zu treten, da er sehr schüchtern und zurückhaltend ist, und außer morgens, wenn er mir die Hand gab und „Bonjour madame“ sagte, hörte ich ihn nie sprechen. Doch letzte Woche konnte ich zum Glück irgendwie sein Vertrauen gewinnen. Seitdem verfolgt er mich auf Schritt und Tritt und sobald ich mich irgendwohin setzte hat er auch schon einen Weg gefunden, auf meinen Schoss zu gelangen und sich in meine Arme zu kuscheln. Manche Tage will er einfach auf meinem Arm verbringen und so schleppe ich ihn die ganze Zeit durch die Gegend und er beobachtet einfach ganz ruhig, was ich mache. Im Eröffnungsgottesdienst mit allen Kindern der Schule wollte er mich nicht einmal alleine zur Kommunion gehen lassen und verfolgte mich heimlich. Da hatten die anderen Kinder und die Lehrer, die das beobachten natürlich ihren Spaß =). Die Schwestern freuen sich, dass er eine Bezugsperson gefunden hat, besonders, weil er jetzt angefangen hat, mit mir zusammen Lieder zu singen, oder mir französische Wörter nach zu plappern. Mir macht aber jetzt schon meine Abreise Sorgen, weil ich befürchte, dass er sich zu sehr an mich gewöhnt. Zu einer Lehrerin meinte er neulich: „Sie ist meine Mama!“ Er trägt einen madagassischen Name, Fanomezana, der übersetzt „Geschenk“ bedeutet. Er ist eben ein Geschenk Gottes!

Ein anderes Schicksal ist ein anderer kleiner Waisenjunge. Auch er ist ein „enfant de la klinic“ von Père Stephano und auch gerade einmal 3 Jahre alt, aber das absolute Gegenteil von meinem kleinen „Geschenk“. Er ist so ein Strahlemann und beeindruckt mich sehr. Immer wenn ich ihn sehe ist er fröhlich, strahlt Zufriedenheit aus, ist am Lachen und sucht ohne Zögern Kontakt, kann sich aber auch ohne Probleme alleine beschäftigen und ist für sein Alter sehr selbstständig. Und er spricht und versteht sogar ein bisschen französisch. Mit ihm kann man wunderbar rumalbern und er ist ein wahrer Meister im Grimassen schneiden. Aber vorallem sein Aussehen ist sehr drollig: sein Kopf mit den groooßen Augen und den kurzen schwarzen Strubbelhaaren scheint viel zu groß für seinen zierlichen Körper. So ein ausgeglichenes und liebes Kind habe ich lange nicht gesehen.

So also bin ich an der Schule das „Mädchen für alles“ geworden: ich bin „Assistenzlehrerin“ in der „maternelle“, Sportlehrerin, (hoffentlich) bald Englischlehrerin, Verantwortliche für die Pausen, Spiel und Spaß, Zuständige für das Büro von Sr. Alice (Schulleitung), wenn sie gerade keine Zeit hat, manchmal auch Vertretungslehrerin (an einem Tag sollte ich einen Klassenlehrer für den ganzen Tag in seiner Klasse vertreten, ganz ohne Vorbereitung. Zu meinem Glück hat man mich morgens aber nicht finden können und so wurde die zweite Lehrerin der „maternelle“ geschickt und ich übernahm später ihren Platz in der „maternelle“), ab nächster Woche werde ich den Klassenraum der maternelle mit weiteren Basteleien verzieren, dieses Mal aber auf Bitte der Lehrerin, spontan werde ich auf eine „Fortbildung“ für die Klassen der maternelle von Ambanja und Umgebung geschickt und mein „Vollzeitjob“ in der Schule und ständiger Begleiter ist mein kleines „Geschenk“ Fanomezana.

Auch ohne Worte… Eine unerhoffte und schöne Begegnung hatte ich mit Kindern, als ich ein neues Projekt hier in Ambanja besuchte. Eines Tages erfuhr ich, dass es hier italienische Voluntärinnen gibt, also ging ich sie besuchen. Sie wohnen direkt auf dem Missionsgelände. Die Schule SE.VE.MA. befindet sich nämlich zusammen mit der Missionsklinik und einem christlichen Radiosender einiger Brüder (Mitbrüder von Père Stephano), auf dem sogenannten „Missionsgelände“. Alle vier Voluntärinnen haben schon ihr Studium abgeschlossen und eine von ihnen arbeitet als Ärztin in der Klinik, eine andere hat die Redaktion einer AG des lycées (Gymnasiums) übernommen und veröffentlicht mit den Schülern eine Zeitung und die anderen kümmern sich um ein neues Projekt, das noch im Bau ist. Es soll in 2 Wochen fertig gestellt werden und dann soll es dort 2 Klassenräume und eine Kantine geben, für Kinder, die nicht in die Schule gehen. Also ein Alphabetisierungsprogramm und dann hoffentlich Eingliederung in die Schule. Kinder, die nicht in die Schule gehen, gibt es hier leider zahlreich. Da es keine Schulpflicht gibt und die Schule kostenpflichtig ist, gehen wirklich viele Kinder nicht zur Schule. Die Schule der Schwestern (SE.VE.MA.) erlässt zwar den armen Familien die Schulegebühren (so zahlen über die Hälfte der Schüler keine Schulgebühren), doch viele Familien sehen die Schule nicht als wichtig an. So fuhr ich also mit der Voluntärin zu dem Bau des Projekts „Begafo“, um es mir anzuschauen. Es liegt in einem sehr kinderreichen Viertel aus einfachen Hütten und kaum waren wir im „poussepousse“ (eine von einem Fahrrad gezogene Rikscha) angekommen, kamen schon die ersten Kinder schüchtern auf uns zu. Wie zu erwarten sprachen sie kein Wort französisch und ich kann bisher nur ein paar Wörter wie „hallo“ und „tschüss“ etc… auf madagassisch sagen. Doch als immer mehr Kinder ankamen, malte ich ein Hüpfekästchen auf den staubigen Boden und so hatten die Kinder und ich für ein paar Stunden viel Spaß zusammen, auch ohne Sprachkenntnisse! Die Kinder sind hier einfach sehr zutraulich und kommen schnell auf einen zu. Woran man sich jedoch auch als „Weiße“ gewöhnen muss und ich erst einmal lernen musste, damit umzugehen, sind Kinder, die einen verfolgen und sagen „Gib mir dein Geld!“. Das ist oft der einzige Satz, den sie auf französisch sagen können. Als wir zurück zum „pousse-pousse“ liefen, kam ein kleines Mädchen hinter mir her gelaufen, es nahm mich an die Hand und begleitete mich ein Stück auf meinem Weg.

Durch den Kontakt mit den italienischen Voluntärinnen haben sich noch zwei mögliche neue Aufgaben für mich ergeben. Zum einen wird am „collège“ und am „lycée“ ein Informatiklehrer gesucht („Informatik“ heißt hier zu lernen, den Computer hoch und runter zu fahren, einen Text zu schreiben und zu speichern oder Textteile auszuschneiden, zu kopieren und einzufügen) und zum anderen bieten die Voluntärinnen abends Sprachkurse für die Jugendlichen an und es besteht Interesse an einem Deutschkurs. Doch ich werde mir beides gut überlegen und erste einmal abwarten, wie es mit dem Englischunterricht und dem Sonntagsoratorium läuft, bevor ich zusage, da ich zunächst den Englischunterricht gut gestalten will und wenn mir noch Zeit bleibt würde ich gerne im Waisenhaus aushelfen (viele Kinder des Waisenhauses kenne ich schon aus meinem Sportunterricht) und dabei muss ich mir unbedingt den Samstag freihalten, da sonntags das Sonntagsoratorium sein wird und ohne einen freien Tag in der Woche, werde ich hier kein Jahr durchhalten, egal wie bereichernd die Arbeit mit den Kindern für mich ist. Wie gesagt fühlte ich mich anfangs ziemlich ausgebremst.

Ich war/bin so motiviert hier angereist, doch außer dem Sportunterricht schien es keine Aufgaben für mich zu geben. Doch wie man merkt haben sich für mich zum Glück viele Möglichkeiten für neue Aufgaben ergeben, wie ich mich hier einbringen kann. Ich werde jetzt noch ein bisschen abwarten (die Ferien beginnen in einer Woche) und nach den Ferien werde ich dann beschließen, welche Aufgaben ich übernehmen werden. Und bis dahin bleibt ja auch noch etwas Zeit in der sich neue Aufgaben ergeben könnten. Ich sage dazu: wer sucht, der findet! =)

Die Schule… Gestern die Nachricht: in der 11ième ist die Decke eingestürzt! Und in der Tat lagen riesige Steinbrocken auf dem Boden und den Bänken verstreut im Klassenraum. Zum Glück befanden sich die Kinder zu dieser Zeit im Eröffnungsgottesdienst der Schule. Praise the lord! Das Gebäude soll jetzt geräumt werden und so müssen 4 Klassen umziehen. Da jedoch Raummangel herrscht, werden promt 2 Klassen zusammen gelegt. Wie jedoch zwei Klassen in einen Raum passen sollen, werde ich mir dann mal ansehen. Mein Eindruck, als ich das Schulgelände das erste Mal betrat: das soll eine Schule sein? In diesen „Gebäuden“ soll unterrichtet werden? Ich konnte es nicht glauben. Überall blätterte der Putz ab, manche Räume hatten keine Türen und waren total zugemüllt. Die Situation ist nämlich die, dass die Schule erst dieses Jahr von den Schwestern übernommen wurde. So war die ersten Tage nach Schulanfang vorallem putzen angesagt. Jeder Lehrer putze selber seinen Klassenraum und Sr. Alice und ich machten uns an das Ausrümpeln, Abstauben und Umräumen ihres Büros. Was da alles von den Vorgängern zum Vorschein kam! Das neu entstandene Lehrerzimmer“ ist jetzt ungefähr 10 Quadratmeter groß und in der Mitte steht ein Tisch, vielleicht so groß wie ein größerer Esstisch. Und das für 21 Lehrer. Die Klassenräume sind jedoch in einem wirklich schlechteren Zustand: der Putz bröckelt von den Wänden und die Wände sind unglaublich schmutzig, es gibt keine Fensterscheiben oder sonstiges und so weht den ganzen Tag Staub in die Klassenräume. Es fehlt an Tischen und dennoch scheinen die Klassen völlig überfüllt zu sein von Schülern und Tischen. Die Blechdächer knacken in der Hitze vor sich hin und in der Regenzeit bieten sie kein Schutz und es regnet gnadenlos in die Klassenräume, während der Unterricht fortgesetzt wird. Die meisten Schüler wissen vermutlich nicht einmal, dass es so etwas wie Schulbücher gibt. Wenn überhaupt, dann habe ich einmal ein Schulbuch im Besitz eines Lehrers gesehen doch das war dann so vergilbt, veraltert und zerfiel fast, dass ich bezweifle, dass man damit noch etwas anfangen kann. So sieht hier eine christliche Privatschule aus. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie die staatlichen Schulen aussehen, es fehlt einfach an allem, vorallem an Geld.

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