bei einer madagassischen Familie und Geburtstag

Zu Besuch bei einer madagassischen Familie (mit vielen Abschweifungen)

Hallo liebe Leser, mal wieder habe ich mich an einem Blogeintrag versucht, aber mir gelingt es einfach nicht, bei einem Thema zu bleiben, aber das werdet/werden ihr/Sie noch früh genug merken=).

Eines Tages fragte mich Mme Irène (Lehrerin der maternelle), wann ich sie endlich mal zu Hause besuchen kommen würde. Sonntag war es dann soweit, wir wollten uns um 15 Uhr an der Kirche treffen, doch schon bevor ich hier losfahren konnte, stand sie mit dem Fahrrad vor der Tür, um mich abzuholen. Von der Hauptstraße aus bogen wir ab auf eine holprigen Sandpiste, es ging vorbei an vielen kleinen Holzhütten, Brunnen und vorallem spielenden Kindern, bis sie irgendwann in einen schmalen Spalt in einem „Zaun“ abbog. Wir waren angkommen. Vor mir ein kleines, aus Stein gebautes Haus, doch hier gab es nicht einmal Fliegengitter vor den Fenstern. Eine einfache Holztür und als Fenster Löcher in der Wand. Madame Irènes Mann erzählte mir, dass sie mit drei Familien das Haus gemietet hätten. Draußen hat jede Familie eine Kochstelle über offenem Feuer, es gibt eine „Gemeinschaftstoilette“ und eine Waschstelle. Kein fließendes Wasser, doch Strom und einen Fernseher. Das „zu Hause“ von Madame Irène, ihrem Mann Justian und zwei Kindern (6 und 4 Jahre alt) ist ein Raum, ungefähr 4m x 8m groß, ein Teil ist mit einem Vorhang abgetrennt (Lagerraum und Elternschlafzimmer) der andere Teil ist Kinderschlafzimmer, Wohnzimmer (mit Komode, Fernseher, Couchtisch und vier Stühlen), Gästezimmer (es gab in der Tat ein Gästebett), Küche (ein Tisch mit Wassereimern, Töpfen und Kannen) und Esszimmer (ein kleiner Tisch mit zwei Bänken) in einem. Und bald sollte ich begreifen, wie wichtig der Fernseher ist: da sich das Haus 3 Familien teilen, hat jede Familie einen Raum, doch es gibt eine Holztür, durch die man in den Nachbarraum gelangen kann. Die Nachbarfamilie mag es anscheinend sehr laut Musik zu hören und da man alles durch die dünne Tür hört, drehte Madame Irènes Mann den Fernseher noch lauter, um die Nachbarn zu übertönen. Zudem ist der Fernseher die einzige Beschäftigungsmöglichkeit, es gibt kein einziges Spiel für die Kinder, keine Bücher, einfach nur das Nötigste. So sieht hier also das Leben von einer Familie mit zwei vollzeit arbeitenden Erwachsenen aus. Madame Irène ist jeden Schultag von 7.30 Uhr bis 11.30 Uhr und nachmittags von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr in der maternelle und „unterrichtet“ 42 kleine Schüler, dazu kommt dann noch die Vorbereitungszeit zu Hause für den Unterricht. Jeden Tag hat sie in einem Heft das Programm für den ganzen Tag vorbereitet. Dafür verdient sie im Monat 100.000 Ariary, was 35 Euro entspricht und das ist noch ein „guter“ Verdienst für eine Lehrerin hier. An einer anderen Privatschule verdient eine Lehrerin des Gymnasiums gerade einmal 45.000 Ariary (ca.15,75 Euro) und das mit einem Vollzeitjob. Das ist gerade einmal das Geld für eine Fahrt im Buschtaxi in die 900km entfernte Hauptstadt! So verstand ich auch, warum manche Großeltern in einer anderen Stadt noch nie ihre Enkel gesehen haben: Reisen ist einfach zu teuer für die Gehaltsverhältnisse hier. Zurück zur Familie von Madame Irène: Ihr Mann Justian arbeitet in einer Druckerei. Der Verdienst ist wirklich gering und dass sich die Familie ein Zimmer in einem aus Stein gebautem Haus leisten kann und es dazu noch Strom und einen Fernseher gibt ist schon regelrecht „Luxus“ und so ein Leben können sich hier nicht viele leisten. Auf dem Land hat die Familie noch ein kleines Grundstück, wo sie Mango-, Bananen- und Finessebäume stehen haben und in ihrem Garten Gemüse anbauen. Gemüse wie Kartoffeln sind hier verhältnismäßig teuer. Für ein kg Kartoffeln zahlt man 2000 Ariary (70 Eurocent), für ein Kilo Reis jedoch nur 300 Ariary (10,5 Eurocent). Zum Glück gibt es den Reis so günstig.

Die Meistverdienenden auf Madagaskar sind die Professoren der Uni und die Industriemanager mit einem Gehalt von ca. 100 Euro monatlich, 150 Euro ist schon ein wirklich hohes Gehalt. Dennoch sieht man ab und zu große, schicke Autos und diese Autos sind wirklich groß, ich denke selbst in Deutschland würde man da verblüfft hinterher schauen. Da fragt man sich schon, wie das möglich ist. Die Antwort ist leider meistens nicht so schön: Korruption. Ich will nicht behaupten, dass alle Madagassen, die viel Geld haben korrupt sind, doch bei wirkich vielen ist es der „Nebenverdienst“, der erst ein solches Leben möglich macht. Wirklich für alle offensichtlich und erschreckend ist die Korruption, die in den Gefängnissen statt findet. Wer viel Geld hat, bezahlt und kann weiter seinen Verbrechen nachgehen, wer kein Geld hat bleibt eben eine kleine Ewigkeit dort. So ging die letzte Woche die Nachricht umher, dass ein Mann seit mehreren Jahren Menschen entführt, getötet und in seinem Garten vergraben hat, um ihre Organe zu verkaufen. Diese Woche ist dieser Mann schon wieder auf freiem Fuß und alle wissen warum. Stiehlt jedoch ein Hungriger ein Huhn, weil er kein Geld hat, kann man sich vorstellen, dass er dafür teilweise Jahrzehnte im Gefängnis sitzen kann.

Generell ist es sehr schwierig Arbeit zu finden und so nimmt man jeden nur möglichen Job an (wie zum Beispiel die Gymnasiallehrerin für 17,75 Euro monatlich). Fast jede Woche kommt jemand zu den Schwestern, um nach Arbeit zu fragen, wie eine junge Frau mit 3 Kindern, die gerade einmal 22 Jahre alt und schon verwitwet war. Hier gibt es jedoch schon einen Gärtner und diesen Job eigentlich auch nur aus Mitleid. Sein Gehalt ist genauso „hoch“ wie das für die Gymnasiallehrerin, nur, dass er dafür nichts macht. Meistens sieht man ihn im Garten umherspazieren oder irgendwo rumsitzen, obwohl bei diesem großen Garten wirklich genug zu tun wäre! Ständig muss man ihm jede Aufgabe einzelnd auftragen und dann noch hinterher sein, weil er sie sonst nicht erledigt. Die Schwestern vermuten, dass er ein Alkoholproblem hat, doch wollen sie ihm nicht kündigen, da er mehrere Kinder zu versorgen hat und sie sonst nicht wissen, wie die Familie überleben soll. Der Alkoholismus ist hier leider sehr verbreitet und überall anzutreffen: in der Hauptstadt, im Busch und in den Städten wie Ambanja. Ein „Shot“ Hochprozentiges kostet hier nicht einmal 4 Cent. Günstiger als Wasser! Und bei den Lebensverhältnissen hier kann man sich vorstellen, was man lieber trinkt: Wasser oder Alkohol?

 Jetzt bin ich mal wieder vom Thema abgekommen: Ich wurde sehr herzlich von der Familie empfangen und bekam gleich als Gastgeschenk drei riesige Mangos geschenkt (die besten, die ich hier je gegessen habe). Schon am Tag zuvor schenkte mir Madama Irène eine Kakaoschote =). Und ich bekam den besten Platz vor dem Fernseher angeboten. Madame Irène spricht leider nicht sehr gut französisch, aber sie ist eine sehr, sehr liebe Frau und wir können uns auch so gut verständigen. Ihr Mann Justian spricht jedoch sehr gut französisch und so unterhielten wir uns einige Zeit. Obwohl er „nur“ in einer Druckerei arbeitet schien er mir sehr gebildet, er spricht fließend französisch, was hier wirklich selten ist! und ihm sind die Probleme seines Landes durch aus bewusst. So fragte er mich auch, was mich dazu bewegt hat, ein Jahr in einem Entwicklungsland verbringen zu wollen. Was mir aber etwas realitätsfern erschien war, als er mich fragte, ob ich im Deutschunterricht geben könnte, da er eines Tages nach Deutschland reisen wird, um dort zu arbeiten und dann ohne Probleme sprechen können möchte. Viele denken hier so, dass sie mal schnell in ein anderes Land reisen können, dort ein paar Jahre arbeiten und dann in Reichtum auf Madagaskar leben können. Generell ist hier das Interesse an Sprachen sehr hoch. Ich habe schon etliche Anfragen von Lehrern, Schwestern, Brüdern und jetzt ja auch noch von Justian bekommen. Die meisten SchülerInnen an der SE.VE.MA., die ihr Abi machen wollen sind im litherarischen „Zweig“ „A“. So kommt es, dass über 80 Schüler in einer Klasse sind. Die Antwort, warum sie in „A“ sind ist oft: ich mag Sprachen. In der Tat ist der Unterricht in „A“ komplett auf französisch und neben dem Fach französisch wird auch noch englisch und madagassisch unterrichtet. Als ich jedoch einen Versuch starten wollte, mit einer Schülerin englisch zu sprechen scheiterte ich kläglich. Sie wollte nicht ein Wort auf englisch sagen und als ich nachharkte: „du bist du in „A“ oder? Und ihr lernt auch englisch, oder?“ sagte sie: „Ja, aber ich kann kein englisch SPRECHEN“. Durch den Frontalunterricht sprechen die Schüler einfach nie englisch oder französisch. An einem anderen Tag machte ich gerade Sport mit den Kindern, als zwei Jungs aus der Abschlussklasse zu mir kamen. Wie ich erfuhr auch Schüler aus „A“. Sie drückten mir einen Zettel in die Hand, auf dem erläutert war, wie man einen Text schreibt. Über welches Thema und in welcher Form versuchte ich von den Jungs zu erfahren, aber das einzige, was sie mir sagen konnten war, dass ich einen Text mit 600 Wörtern schreiben solle. Irgendwie konnte ich von ihnen erfahren, dass sie für die Zeitung mit den italienischen Freiwilligen arbeiten, aber bis zum Ende unserer Unterhaltung (die damit endete, dass ich nach meinem Namen und meiner Handynummer gefragt wurde, wie so oft bei madagassichen Jugendlichen, da es ja „cool“ ist, die Handynummer einer Weißen zu haben) konnte ich nicht herausfinden, worüber ich denn schreiben sollte. Immer die gleiche Antwort: „600 Wörter“. So hoch ist also das Französischniveau in der Abschlussklasse eines madagassischen Gymnasiums. An einem anderen Tag (während der Ferien) kam ein 18-jähriges Mädchen zu mir, da ich ihr beim französisch sprechen helfen sollte. Auch sie ist in „A“ und wird in einem Jahr ihr Abi machen. Ich wollte erst einmal gucken, auf welchen Sprachniveau sie ist und so habe ich ein bisschen „Smaltalk“ gehalten und gefragt, was ihr Lieblingsfach sei, was sie gerne in ihrer Freizeit mache und was sie später mal machen möchte. Erschreckend: sie konnte nicht auf eine Frage antworten! Ich war wirklich ein bisschen am Verzweifeln, denn selbst die Frage „Qu´est-ce que tu aimes?“ („Was magst du?“) verstand sie nicht. Ich weiß nicht, wie sie dem Unterricht folgen kann. Im Gespräch mit einem französischen Voluntär (William), der in 29 km Entfernung im Busch (Bemaneviky) für ein Jahr seinen Freiwilligendienst leistet und dort die drei Klassen des Gymnasiums (vergleichbar mit der Oberstufe) von „A“ auf das Abitur vorbereitet erfuhr ich, dass er seit einem Monat daran verzweifelt den Schülern die französische Grammatik näher zu bringen. Das Problem: nicht einmal die Erklärungen für die Grammatik verstehen die Schüler und noch nicht einmal die Verben „sein“ und „haben“ können im Präsens konjugiert werden. Da der Unterricht zwar auf französisch gehalten wird, aber ein absoluter Frontalunterricht ist, müssen die Schüler einfach stumpfsinnig von der Tafel abschreiben und das Abgeschriebene dann auswendig lernen, auch wenn die komplizierten Sätze nicht einmal im Ansatz verstanden werden. Doch William und ich fragen uns wirklich, wie man es schafft, Schüler 13 Jahre lang zu unterrichten und davon 7 Jahre (angeblich) komplett auf französisch, ohne dass die Schüler französisch lernen. Es wird ein Rätsel bleiben! Dennoch besteht etwa die Hälfte das Abitur an der SE.VE.MA., was schon eine sehr hohe Quote ist. Ich vermute aber größtenteils Schüler des Zweigs „D“, mit dem Schwerpunkt Mathematik und Naturwissenschaften.

Der Nachmittag verlief dann weiterhin so, dass ich gefragt wurde, was mein Lieblingsgetränk sei. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, da ich ahnte, dass extra Getränke gekauft werden würden, sodass ich „Wasser“ antwortete. Anscheinend wurde mir das nicht abgenommen, denn Justian kam kurze Zeit später mit einer Flasche „Bonbon Anglais“ (unglaublich süß!) und Fanta zurück und einem Päckchen Kekse. Insgesamt wird ihn das ungefähr 3000 Ariary (ca 1 Euro) gekostet haben, dafür würde er 10 kg Reis bekommen! Ich hatte schon ein sehr schlechtes Gewissen, doch die Familie bestand darauf mir etwas Gutes anbieten zu können (zuvor hatte sich Madame Irène bei mir entschuldigt, dass sie mich nicht zum Essen eingeladen hatte). Den restlichen Nachmittag verbrachten wir damit „Mensch ärgere dich nicht!“ zu spielen, was ich aus Deutschland mitgebracht hatte und von Kinder wie von Erwachsenen hier mit großer Begeisterung gespielt wird. Madame Irène und Justin haben noch nie zuvor ein Spiel gesehen und so brachte es einige Zeit, bis sie das Spiel verstanden hatte. Bis zum Ende fanden sie nicht den Ausgangspunkt für die Figur, wenn man eine 6 gewürfelt hat und wollten ständig in die falsche Richtung mit den Figuren laufen, trotz Pfeilen! Das Spiel zog sich endlos hin, jeder Spielzug wurde mit Interesse beobachtet und ich war sehr froh, als die ersten 4 Figuren das Ziel erreicht hatten. Als ich meinte, dass das Spiel jetzt (endlich^^) zu Ende sei, war die Enttäuschung groß und so wurde bis zum Ende gespielt, bis wirklich jede Figur im Ziel war. Es wurde langsam dunkel und so musste ich mich schläunigst auf den Weg nach Hause machen. Doch zunächst wurde ich gefragt, ob ich jetzt jeden Sonntag kommen könnte und mir wurde eine riesige (und vorallem schwere!) Bananenstaude überreicht. Die Familie bedankte sich bei mir, obwohl ich doch zu danken hatte!! und Madame Irène begleitet mich ein Stück nach Hause. Jetzt bin ich eingeladen, sie aufs Land zu begleiten. Mal gucken, wann sich eine Gelegenheit ergibt. Vielleicht in den Weihnachtsferien?

Kurzupdate mein Geburtstag:

Mein Geburtstag war am ersten Ferientag und wirklich sehr schön. Morgens erwartete mich ein gedeckter Tisch mit Blümchen, Mokary (Reisküchlein) und kleinen Geschenken. Vormittags traf ich den französischen Freiwilligen, der für einen Tag nach Ambanja gekommen war, ich zeigte ihm ein bisschen Ambanja, wir tauschten uns über unsere Erfahrungen aus und reservierten ein Platz im „Buschtaxi“, da wir Mittwoch zusammen für ein paar Tage Urlaub machen wollten. Zum Mittagessen wurde die „Festtagstischdecke“ aufgelegt, Sr. Jeanette verbrachte Stunden für ein wunderbares Mittagessen in der Küche, Sr. Fara ging gekühlte Getränke wie Cola, Fanta und „Bonbon Anglais“ kaufen, es wurde gesungen und zum Nachtisch gab es einen Kuchen mit Crème! Da es hier keinen Ofen gibt wird ein Topf mit Sand auf den Herd gestellt und darin dann der Kuchen gebacken. Natürlich habe ich mitbekommen, wie Sr. Jeantte den Kuchen am Tag zuvor gebacken hat, aber irgendwie habe ich nicht geschnallt, dass er für meinen Geburtstag sein wird und so war die Überraschung (und Freude) groß, als Sr. Florette und Sr. Jeanette mein (madagassisches) Lieblingslied sangen und tanzend mit dem Kuchen in die Küche einzogen. Nachmittags eine Messen draußen unter Zitronenbäumen im Garten einer Familie hier im Viertel. Abends einige (genau 20, warum bloß?!) wie immer unglaublich lustige Runde LIGRETTO mit den Schwestern. Die Schwestern haben wirklich keine Mühe gescheut, mir einen schönen Tag zu bereiten. Aber besonders gefreut habe ich mich über die zahlreichen Anrufe und Nachrichten von überall aus der Welt =) Ihr seid sooooooooo lieb und ich habe mich unglaublich gefreut, dass soviele hier in der Ferne an mich gedacht haben.

 MISAUTRA BÉ! (VIELEN DANK!)

Ihr seit unglaublich und ich bin so dankbar euch alle kennen zu dürfen!   Eure Lulu

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