Kurzurlaub im Paradis?!

 

KURZURLAUB IM PARADIS !?

Mittwoch ging es los: den Rucksack geschultert und ab für 6 Tage nach Nosy Bé, eine Insel, die ingerade einmal nur 20 km Entfernung vor der Küste Ambanjas liegt. Meine Reisebegleitung, 3 französische Don Bosco Freiwillige: William (Freiwilliger in Bemaneviky), Francois und Florian (beide Freiwillge in der Hauptstadt Antananarivo). William war schon morgens in einem völlig überfüllten Buschtaxi (25 Leute in einem Minitransporter mit 8 Plätzen) in Ambanja angekommen. In Ambanja nahmen wir dann das Buschtaxi, um zum Fährhafen Ankify zu gelangen. Sobald man Ambanja verlässt, befindet man in tropischen Wald, in dem gerade die Kakaoernte statt findet. Der Urlaub konnte beginnen! Von Ankify mit dem Motorboot nach Hell-Ville (die Hauptstadt von Nosy Bé). Gerade einmal eine Stunde Fahrt und wir waren im Urlaub angekommen. Ein unglaublich gutes Gefühl einfach mal rauszukommen und ein bisschen frische Luft zu schnappen.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnte: dieser Urlaub sollte der beeindruckendste Urlaub werden, was Landschaft und Tiere angeht, doch auch der emotional anstrengendste. Eigentlich wollte ich ein bisschen Abstand gewinnen und frische Luft schnappen, doch sah ich mich plötzlich umso mehr mit den Problemen Madagaskars konfrontiert. Und so schwebte ich die meiste Zeit zwischen Begeisterung und völliger Erschütterung. So ist mein heutiger Blogeintrag eine Mischung aus Reisebericht im Paradies und erschütternden Berichten.

Durch die Bekanntschaft meiner Mitreisender (Europäer) bleiben natülich lange Gespräche, Diskussionen und Reflektionen über Land, Leute und unser Leben hier und in Deutschland/Frankreich nicht aus, doch so konnte man natürlich nicht wirklich „abschalten“ und Abstand gewinnen, unsere Gespräche haben eher das Gegenteil bewirkt, sodass ich noch mehr mit dem Leben hier beschäftigt war. Besonders Florian und Francois merkte man an, dass sie den Urlaub wirklich brauchten um ihre harten Erfahrungen und Erlebnisse hier verarbeiten zu können. Sie erzählten fast die ganze Zeit von ihrer Arbeit, von ihrem Leben in Antananarivo und von ihren Gedanken, die sie sich über Land und Leute gemacht haben. Alleine ihre Berichte nehmen mich ganz schön mit und ich bewunder einfach, wie sie täglich die Energie aufbringen, ihrer Arbeit nachzugehen.

Doch von vorne: Francois und Florian sind zwar Don Bosco Voluntäre, doch wohnen sie nicht bei den Salesianern Don Boscos, da sie mit einer anderen Organisation zusammen arbeiten. Die erste Herausforderung, der sie sich täglich stellen müssen ist ihre Unterkunft: sie wohnen in der Hauptstadt zur Untermiete bei einer Madagassin in einem madagassischen Viertel. Das Zimmer, dass sie sich teilen ist gerade einmal 14qm groß, demnächst werden sie dort sogar zu dritt wohnen müssen. Wie so oft hier auf Madagaskar gibt es nur kaltes Wasser, und oft Stromausfall. Ihre Vermieterin spricht so gut wie kein französisch und ist Alkoholikerin, sodass sie sich um alle Reperaturen im Haus kümmern müssen. Das Dach ist undicht und so werden sie bei jedem Regen nass und da es wie in Tana üblich keine Mülleimer gibt befindet sich eine „Mülldeponie“ der Nachbarn direkt unter ihrem Fenster. Den Gestank bei Hitze, will man sich nicht vorstellen. Zu dem Viertel, indem sie wohnen sagte Florian, dass man so etwas schon einmal im Fernsehen gesehen hätte, doch wenn man so ein Leben wirklich sieht, ist es kaum zu ertragen: die meisten Menschen leben zwischen Müll in kleinen Papp- oder Wellblechhütten. In den meisten Hütten soll es wie eine Müllhalde aussehen, da alles voller Plastiktüten vollgestopft sei. Oft der einzige Besitz der Menschen. Wer sich hier besonders wohlfühlt ist natürlich Ungeziefer und Ratten. Nach diesem Bericht ist es für mich nicht mehr so verwunderlich, dass es immer noch die Pest in der Hauptstadt gibt!

Doch das schlimmste kommt noch: ihre Arbeitsplätze sind die zwei Jugendgefängnisse in Antananarivo. Ihre Arbeit beginnen sie morgens um 8 Uhr und Feierabend haben sie meist gegen 19 Uhr und das 7 Tage die Woche. Sie haben nicht einen freien Tag und um zur Arbeit zu gelangen brauchen sie mindesten eine Stunde mit dem Motorroller. Im Gefängnis kümmern sie sich um 100 Jungs im Alter von 10 bis 18 Jahren. Sie machen die Pausenaufsicht, machen mit den Jungs Sport, Basteln, Malen oder gucken Filme. Bevor Francois und Florian (F&F) ihre Arbeit dort begonnen haben gab es keine Beschäftigung für die Jungs und sie waren 17 Stunden in ihren Zellen, ohne Aufsicht, eingesperrt. Einzig zum Unterricht durften sie ihre Zellen verlassen. Das ist auch der Grund, warum F&F 7 Tage die Woche arbeiten. Es gibt einfach niemand, der die Betreuung der Jungs am Wochenende übernehmen würde und so wären die Jungs einfach den ganzen Tag und die ganze Nacht lang eingesperrt. Da es kein Jugendstrafrecht in Madagaskar gibt sitzten selbst die Kleinsten wie Erwachsene ein und das nach den gleichen korrupten Regeln: wer bezahlt, der kann gehen, wer nicht bezahlen kann bleibt eben, bis er (bzw. die Familien) bezahlen kann. Manche Jungs sind im Gefängnis, obwohl sie wirklich nichts gemacht haben. Einfach, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren, oder, weil ihre Eltern ihren Lebensunterhalt nicht bezahlen können und so werden sie im Gefängnis „abgegeben“. Ein Junge sitzt schon seit 5 Jahren im Gefängnis, obwohl er nichts gemacht hat, doch seine Eltern wissen nicht einmal, dass er noch am Leben und im Gefängnis ist und so können sie nicht bezahlen und er muss eben im Gefängnis bleiben. Ein anderer Junge (16 Jahre) ist im Gefängnis, da er mit seiner Freundin (15 Jahre alt) geschlafen hat und seine Eltern das nicht gut fanden. Zur Bestrafung wurde er von seinen eigenen Eltern ins Gefängnis geschickt! Andere haben eine Banane geklaut, doch natürlich gibt es auch schwerere Delikte wie Einbruch und Diebstahl, Körperverletzung oder auch Morde, doch alle haben die gleiche Behandlung. Es werden keine Unterschiede, weder im Alter noch im Verbrechen, gemacht. Die Lebensumstände im Gefängnis sind besonders grausam: keine Betten, noch nicht einmal Matten auf dem Boden, keine Toiletten, keine Duschen und es gibt auch keine Wechselkleidung. Der Hof für alle Jungs ist gerade einmal 20 x 20 Meter groß, Müll bedeckt den Boden und Ratten sind überall. Es gibt keine medizinische Versorgung und zum Essen wir abends einfach ein Sack Maniok in den Hof gekippt. Die Jungs essen dann von Ratten und Moskitos umringt und im Dunkeln im Dreck hocken. Jeden Tag immer nur Maniok!! Es ist mir ein Rätsel wie man mit so einer Ernährung überleben kann.

Dieser Bericht von Florian und Francois ist dermaßen grausam, dass ich fast nicht glauben kann, dass es so etwas in Wirklichkeit gibt. Menschen kann man wohl kaum schlimmer behandeln und dass die Jungs nach ihrer (eventuellen) Entlassung jemals ein auch nur annäherungsweise normales Leben führen können ist wohl unmöglich nach solch einer Erfahrung. Vermutlich werden einige Jungs erst durch den Aufenhalt im Gefängnis zu Verbrechern. Wie schon gesagt finde ich den Einsatz von F&F einfach unglaublich bemerkenswert. Trotz der langen Fahrt, ihren Wohnverhältnissen (was wirklich an den Nerven zährend ist, wenn man nicht einmal einen schönen Ort zum Entspannen hat) und dem Elend, der sie im Gefängnis erwartet, finden sie jeden Tag die Energie, um zu den Jungs im Gefängnis zu fahren und sich den ganzen Tag lang um sie kümmern. Aber mir ist wirklich schleierhaft und unbegreiflich, WIE sie das schaffen. Ich bin beeindruckt und sie haben meine volle Hochachtung!

URLAUB

Tag 1 (Mittwoch):

Nach unserer Anreise mit Buschtaxi und Boot oder Flugzeug treffen wir uns endlich in Hell-Ville. Kaum Land unter den Füßen wird William ein Mädchen „angeboten“, es soll nicht die einzige bleiben. Nach einigen Stunden Wartezeit („mora mora“, „immer mit der Ruhe“) für ein Mietauto geht es gegen Mittag endlich los und wir starten Richtung Nordwesten. Durch Ylang-Ylang Plantagen gelangen wir zum Strand Andilana. Was gleich auffällt ist der um einiges höhere Lebensstandart der Menschen, als z.B. in Ambanja. Die Hütten sind um einiges größer, die Menschen tragen Anziehsachen in sehr gutem Zustand, ohne Löcher und sauber und manchmal sieht man sogar Schmuck. Wir gelangen an einen wunderschönen Strand mit Palmen und türkisem Wasser. Im Restaurant direkt am Strand, mit Blick aufs Meer und mit den Füßen im Sand gibt es den ersten kalten frisch gepressten Ananassaft (Ananas gibt es einfach im Moment an jeder Ecke in Massen). Sehr lecker! Um uns herum: alles Europäer! und auch die Preise entsprechen den europäischen Preisen. Ein „normal“ verdienender Madagasse könnte niemals für 45.000 Ariary (Gehalt einer Gymnasiallehrerin, 15,75 Euro) Mittagessen gehen. Nach einem schönen Tag am Strand (leider war das Wasser vieeeeel zu warm, um erfrischen zu sein) fahren wir zum höchsten „Berg“ Mont Passot (329 m) an heiligen Kraterseen vorbei führt ein Weg zum Gipfel. Von dort aus hat man einen unglaublich schönen Rundumblick über die Insel. Abends geht’s zurück in die Hauptstadt Hell-Ville, um dort für die Nacht zu bleiben. In einem Restaurant essen wir Pizza!! und trinken einen sehr leckeren Caipirinhia (mit Rhum, Zitronen und Rohrzucker direkt von der Insel Nosy Bé). Was schon in Hell-Ville auffällt: es gibt sehr viele „Paare“ von jungen Madagassinen und viel älteren „vazaha“.

Tag 2 (Donnerstag) :

Am nächsten Tag steht ein Tagesausflug ins Naturreservat Lokobe an. Wir verlassen Hell-Ville und geraten in eine der zahlreichen Polizeikontrollen. Unsere Papiere sind in Ordnung, doch dennoch werden wir gefragt, ob wir ein „bisschen“ hätten. Korruptionsversucht auf offener Straße! Wir riskieren ein „nein“ und fahren weiter, zum Glück ohne ein weiteres Mal angehalten zu werden. Um 9 Uhr sind wir für die Tour mit unserem Guide Armand im kleinen Fischerdorf Ambatozavavy verabredet. Doch wie das madagassische „mora mora“ so ist werden wohl noch 2 Stunden am Strand vergehen, bis wir endlich aufbrechen werden. Von Ambatozavavy aus werden wir mit der Holzpiorge an der Küste Madagaskars bis zum noch kleineren Fischerdörfchen Ampasipohy paddeln. Dieses kleine Dörfchen liegt völlig abgeschieden und nur mit den Piorgen erreichbar mitten in der Natur zwischen Meer und Regenwald. Gelebt wird von dem, was die Natur zu bieten hat und das ist allerhand! Gegen Mittag brechen wir in den Regenwald auf und schon am Rande entdecken wir die erste kleine Schlange im Unterholz. Es geht immer tiefer in den Wald, es ist sehr warm und es wimmelt nur so von Mokitos. Vanille und Finessebäume sind überall zu sehen. Nach einiger Zeit hält Armand an und deutet in die Baumwipfel: dort sitzten zwei Mohrenmakis (Lemuren) mit einem kleinen Baby. Der Papa liegt relaxend nicht weit entfernt auf einem Ast und döst vor sich hin. Unsere Tour geht weiter, wir entdecken einen Paradiesvogel, noch weitere Mohren- aber auch Wieselmakis (die Mohrenmakiweibchen sind beige gefärbt, die Männchen sind dunkelbraun gefärbt, die Wieselmakis sind eigentlich nachtaktiv und viel kleiner als die Mohrenmakis) und winzig kleine Chamäleons. Als wir weiter den Regenwald durchstreifen entdecken wir eine riesige Madagaskar-Boar, die es sich in einem Baum gemütlich gemacht hat. Die Madagaskar-Boar ist eine Würgeschlange, doch für Menschen ungefährlich. Auch als wir um sie herum (und unter ihr hindurch) liefen, ließ sie sich nicht stören. Eine unglaubliche Begegnung! Auf dem Weg zurück kreuzte dann noch ein buntes Pantherchamälion unsere Wege. Zurück am Strand hatte Armands Frau schon alles für das Mittagessen vorbereitet: es gab Cocosreis (natürlich aus frischer Cocosnussmilch), Kartoffelsalat?!, ein großes gebratenes Stück Fisch, gekochte Krabben, Garnelen- und Tintenfischspieße, madagassische Fleischspieße (Brouchette) und zum Nachtisch frische saftige Ananas und Mangos. Dazu gekühlte! Getränke. Das Essen war einfach unglaublich gut, dazu saßen wir direkt am Strand mit den Füßen im Sand und hatten sehr gute Gespräche mit einem französischen Paar, die gerade auf Madagaskar Urlaub machten. Gegen späten Nachmittag ging es mit der Piorge zurück nach Ambatozavavy. Ein sehr schöner Tag ging zu Ende. (Fotos unter „Fotos“ zu sehen)

Abends fuhren wir nach Ambatoloaka, der schlimmste Ort, den ich je gesehen habe. Als wir ankamen schien alles wie ein schönes (touristisches) Örtchen, wunderbar an einer schönen Bucht gelegen. Es gab viele Bars, Restaurants und viele Angebote für Ausflüge, so konnte man für eine Tagestour mit Boot auf die kleinen Nachbarinseln fahren, fischen, schnorcheln oder tauchen gehen. Da wir nichts anderes mehr zum Schlafen fanden, mieteten wir ein Appartement in der oberen Etage eines Hotels, in der zweiten Reihe gelegen hatten wir einen wunderbaren Blick aufs Meer. Doch was gleich in diesem Örtchen auffiel: sehr viele ältere Europäer und viele junge nur leicht bekleidetet madagassische Mädchen. Nach dem Essen gingen wir in eine Bar nebenan, ins „Taxi-Bé“, die 

Hölle im Paradis!!! In der Bar befanden sich nur ältere, schleimige Europäer (vazaha), die gräulichen Haare nach hinten gekämmt, oftmals nur in Boxershort mit offenem Hemd den Bierbauch präsentierend und mit Goldketten behangen. Die restlichen Besucher waren junge madagassische Mädchen, in kurzen Kleidchen und aufgebrezelt bis zum geht nicht mehr. Ich war weit und breit die einzige Weiße dort und die Jungs die einzigen Besucher unter geschätzt 55 Jahre. Jeder vazaha war von mehrern Mädchen umringt, sobald ein Mädchen ankam wurde es auch schon begrabscht und in den Arm genommen oder man unterhielt sich kurz und verschwand dann zu zweit. Ich konnte einfach nicht glauben, was ich da sah und das es so etwas wirklich gibt! In dieser Bar (in dieser Stadt!) ging es NUR um käufliche Liebe und das so offensichtlich, ungeniert und ohne Scham! Im Reiseführer wurde zwar kurz erwähnt, dass Ambatoloaka zum Ort des schnellen Geldes durch Prostitution geworden ist, doch ich dachte weniger offensichtlich. Ich hätte mir vorgestellt, dass es vielleicht ein Bordel gibt und gut, aber das die ganze Stadt ein Bordel ist hätte ich mir nie vorstellen können. Ich fühlte mich wie in einem schrecklichen Albtraum, aus dem ich aber leider nicht erwachte und musste mich wirklich zusammen reißen um nicht beim Anblick dieser armen Mädchen (die meisten Minderjährig) anzufangen zu weinen.Tag 3 (Freitag) :

Als ich am nächsten Morgen um 5.30 Uhr zum Strand aufbrach musste ich den nächsten schlimmenAnblick ertragen: die Mädchen verließen Scharenweise die Strandhotels der „vazaha“ oder frühstückten mit den nur in Boxershorts bekleideten „vazaha“ in den Strandrestaurants. Ungelogen haben ich nur Europäer mit Madagassinen frühstücken sehen! Doch nach dem Frühstück wurden die Madagassinen schnell abserviert und die Männer rauften sich zu Rudeln zusammen, um am Strand zu brutzeln oder zum Fischen aufzubrechen. Und manche liefen noch den ganzen Tag nur in Boxershorts und Unterhemd bekleidet durch den Ort. Ein Mädchen saß Kaffée trinkend in einem Café, der „vazaha“ lief zu ihr und fasste ihr ohne Umschweife an den Po. Das Mädchen wehrte sich nicht. Als er jedoch so weiter machte (es war 9 Uhr morgens!) wurde es dem Mädchen zu bunt, sie verließ das Café, doch der „vazaha“ folgte ihr und fasste sie ständig an. Als eine Freundin dem Mädchen zur Hilfe kam wurde der Mann sauer und fing an die Mädchen zu beschimpfen. Endlich ließ er das Mädchen in Ruhe und lief weiter: er hatte ein anderes Mädchen gesichtet, dass er an den Po fassen konnte. So etwas passierte auf offener Straße, alle haben diese Aktion gesehen, keinen der Umstehenden hat es gestört (außer uns, William, Francois, Florian und ich konnten kaum glauben, was wir da sehen!) und am wenigsten Scham empfand der „vazaha“ der ungeniert weitermachte. Da die Jungs am Abend zuvor zuviel getrunken hatten (als ich morgens das Haus verließ kamen sie mir entgegen ^^) blieb uns nichts anderes übrig, als noch ein Tag in diesem Höllenort zu verbringen.

Für mich die Chance ein bisschen mit den Einheimischen zu reden. Schon morgens hatte ich Didisy am Strand getroffen. Anfangs war es eine komische Begegnung, ohne Umschweife redete er von Heiraten und dass er mich besuchen kommen würde in Ambanja. Als er einfach nicht aufhören wollte mich zu bequatschen (auch nachdem ich ihm sagte, dass ich nicht wolle, dass er mich besuchen kommt und ich ihm auch nicht meine Handynummer geben würde) erzählte ich ihm (ein bisschen übertrieben, ich gebs ja zu) von meinem Leben bei den Schwestern. Immerhin wollte er danach nicht mehr heiraten, sondern nur noch befreundet sein =) Zum Umziehen ging ich zurück ins Hotelzimmer und als ich erneut zum Strand aufbrach wartete er immer noch auf mich. Also warum nicht eine kleine Tour mit einem Einheimischen? Als ich erzählte, dass ich an einer madagassischen Schule unterrichte zeigte er mir die Schule in Ambatoloaka. Ich wurde vom Schulleiter persönlich begrüßt und durch die Gegend geführt. Es gab sogar einen Computerraum mit vielen modernen Computern! Ein unglaublicher Anblick und mal wieder ein Zeugnis, dass der Lebensstandart auf Nosy Bé um einiges höher, als auf dem Festland ist. An der Schule in Ambanja gibt es nicht einmal einen Computer für die ganze Schule zusammen! Schnell bekam ich die Anfrage, ob ich nicht zum Mathe und Französisch unterrichten (am Gymnasium) auf die Insel kommen wolle. Einfach unglaublich wie hier die Schulbildung abläuft, sogar ohne ausreichende Kenntisse würde ich für die Abiturklasse eingesetzt werden! Weiter ging meine Tour mit Didisy in ein benachbartes Dorf, indem die madagassische Bevölkerung wohnt. Endlich ein bisschen „normales“ madagassisches Leben und endlich keine „vazaha“ (außer mir natürlich) mehr. Wir frühstückten an einem Stand verschiedene Sorten „Mokary“ (madagassische Reisküchlein), in Teig gebackene Bananen und dazu einen leckeren madagassischen Café mit Rohrzucker (von Nosy Bé). (Für das Frühstück für zwei Personen bezahlte ich gerade einmal 35 Cent.) Jetzt, wo die Heiratsfrage geklärt war, konnte ich mich wirklich gut mit Didisy unterhalten und er war endlich mal ein Madagasse, mit dem man sich einfach auf französisch unterhalten kann! Das liegt wohl auch daran, dass er Reiseveranstalter ist. Er erzählte mir, dass es jeden Tag für die Mädchen hier beten würde und jeden Sonntag in die Kirche gehe (was ich ihm auch glaube, da die meisten Madagassen sehr gläubig sind). Zurück am Strand erzählte er mir von den „fady“, die es auf Madagaskar gibt. „Fady“ kann man wohl näherungsweise mit „tabu“ übersetzten. Auf Madagaskar gibt es viele Orte oder auch Verhalten, die „fady“ sind, oftmals von den Vorfahren übernommen. „Fadys“ gelten nicht generell, sondern können von Ort zu Ort und von Familie zu Familie unterschiedlich sein. So ist es z.B. in manchen Regionen „fady“ Schildkröten zu essen, in manchen Regionen sind Schildkröten jedoch eine wahre Delikatesse für die Einheimischen. „Fady“ kann zum Beispiel auch ein See sein, man darf darin nicht baden aber genauso kann es „fady“ für schwangere Frauen sein auf dem Feld zu arbeiten. Viele Orte sind „fady“, weil sich dort nach dem madagassischen Glauben die Seelen der Toten aufhalten und dürfen von Ausländern nicht betreten werden. Am Strand an dem wir saßen befand sich hinter uns ein Baum, der von einem hohen Zaun umgeben war. Warum aber genau dieser Baum „fady“ sein solle konnte auch Didisy mir nicht erklären. Es gesellten sich einige Freunde Didisys zu uns und anscheinend machten sie blöde Witze über mich, da ich immerhin das Wort „vazaha“ verstehe. Didisy regte sich darüber ziemlich auf, woraufhin seine Kumpel aufhörten auf madagassisch zu reden und wir unterhielten uns auf französisch. Didisy ist halt doch ein guter Kerl. Am Strand feilschte ich dann noch um eine Ananas. Die Preise betragen oft das 10-fache für „vazaha“, doch mittlerweile kenne ich mich in den Preisverhältnissen ganz gut aus. So bezahlte ich 1500 Ariary ( etwas mehr als 50 Cent) für eine große super saftige und leckere Ananas, anstatt der 5000 Ariary „Preis vazaha“. Das beste Erlebnis, was ich bisher hatte, weil ich „vazaha“ bin war in Ambanja und ich muss bis heute da noch drüber schmunzeln. Die Menschen hier versuchen leider ständig Profit zu schlagen (irgendwie verständlich). Eines Tages nahm ich das „pousse-pousse“, was pro Person in Ambanja 500 Ariary kostet. Als ich dem Fahrer 1000 Ariary gab und auf mein Rückgeld wartete guckte er mich grinsend an und meinte „no, no 5000 Ariary!“. 500 Ariary entsprechen ungefähr 18 Cent, 5000 Ariary sind dementsprechend jedoch ca. 1,80 Euro. Ein erheblicher Unterschied. Als ich ihm dann aber erklärte, dass ich die Preise kenne und weiß, dass die Fahrt nur 500 Ariary koste, gab er mir ziemlich überrascht, aber ohne Zögern mein Restgeld. Mittlerweile ist es schon 1 Uhr mittags, ich gönne mir eine Mittagspause im Schatten und esse meine Ananas und beobachte schön bunte Geckos, die auf der Jagd nach Fliegen sind. Die Jungs schlafen immer noch, also gehe ich erneut an den Strand und geselle mich zu den Madagassen an den Strand. Ich unterhalte mich mit einem jungen Mädchen, sie spricht leider nur sehr schlecht französisch, aber was ich unmissverständlich verstehe ist, dass sie erst 17 Jahre alt ist und seit 2 Monaten hier in Ambatoloaka arbeitet. Als ich sie frage, was sie arbeitet, antwortet sie nicht mehr. Ein Madagasse gesellt sich zu uns.  Da auch er Reiseführer ist, können wir uns gut auf französisch unterhalten. Er ist genauso erschüttert über die Situation in Ambatoloaka, wie ich. Für ihn ist es die reinste Schande, die Mädchen mit den „vazaha“ zu sehen. „Die „vazaha“ haben keine Ehre!“ sagte er. Er erzählte mir, dass die Männer meist über 70 Jahre alt sind und die Mädchen gerade einmal 17 Jahre alt sind, weil sie so noch nicht volljährig sind. Das Gehalt der Mädchen beträgt gerade einmal 10.000 Ariary (3,50 Euro) pro Nacht. Eine normale kleine Cola kostet in Ambatoloaka 5000 Ariary!! Ich fragte ihn, warum die Mädchen diesen Preis akzeptieren und er sagte mir: „Ganz einfach! Weil sie weder französisch noch italienisch sprechen und so nicht verhandeln können. So nehmen sie lieber die 10.000 Ariary an, bevor sie gar nichts bekommen.“ (Fast alle vazaha hier sind Franzosen und Italiener, was wohl auch daran liegt, dass es Charterflüge direkt von Mailand und Paris nach Nosy Bé gibt.) Anschließend erzählte er mir, dass er ein Mädchen getroffen habe, die 3 Wochen lang bei einem vazaha gelebt hat und das nur, um Essen zu bekommen und einen Platzt zum Schlafen zu haben! Weiter erzählte er mir, dass sich Madagaskar und vorallem Nosy Bé in den letzten 20 Jahren stark verändert habe. Erst mit den Reisenden kam die Prostitution nach Nosy Bé. Noch vor 20 Jahren war Nosy Bé touristisch wenig erschlossen. Es gab einige kleine Pensionen mitten in den Fischerdörfern, die Anreise war schwierig, da es noch keine Flughafen gab (mit dem Flugzeug nach Antananarivo, von dort aus mit dem taxi-brousse in das 900 km entfernte Ambanja (16 Stunden Fahrt), dann mit dem taxi-brousse und kleinen Fischerbooten nach Nosy Bé), also eigentlich eher ein Abenteuer, als Urlaub. Doch durch die Flüge kamen viele Europäer nach Nosy Bé (zuerst die Deutschen, dann die Franzosen und jetzt die Italiener) und die Prostituion habe sich etabliert. Er sagte mir, dass er diese Entwicklung besonders bedauerlich fände, weil so das Image von Madagaskar so schlecht geworden ist. Die Landschaft, Natur und Menschen sind so wunderbar, doch bei vielen ist das Bild von Nosy Bé einfach die schnelle und billige Liebe. Wo wir gemeinsam feststellten: vermutlich haben die meisten Europäer, die nach Ambatoloaka kommen (in Männergruppen oder alleine) ihre Frauen zu Hause sitzen und erzählen, dass sie für ein paar Tage einen Männerausflug machen. Zu Hause spielen manche wahrscheinlich sogar die Moralapostel, doch auf Nosy Bé führen sie sich wie die größten Schweine auf! Alleine wie sie über den Strand (auf Beutezug) stolzieren ist ein unglaublich wiederlicher Anblick (entschuldigung für die Ausdrucksweise!).

Endlich war der letzte Abend in diesem Ort angebrochen. Die Jungs waren wieder einigermaßen zu gebrauchen und sie gingen wir in ein schönes Lokal (geführt von einem Franzose, der mit einer Madagassin verheiratet war). Um uns herum der gewohnte Anblicke: vazaha, die mit jungen Madagassinen aßen. Das Essen war sehr gut (Cocosreis, mit Hühnchen und sauce à la vanille (Vanille direkt von der Insel)) und ich war erleichtert, als wir noch vor Beginn des eigentlich schlimmen Spektakels der Partnersuche (da es noch früher Abend war) ins Appartement zurückkehrten.

Tag 4 (Samstag):

Endlich konnten wir diesem Höllenort entkommen! Um 8.30 Uhr brachen wir endlich Richtung Hell-Ville auf, suchten im Hafen nach einer Mitfahrgelegenheit, um nach Nosy Komba (Lemureninsel) zu gelangen und starteten um 10 Uhr endlich in See. Nach 30 Minuten Fahrt erreichten wir den schönsten Fleckchen Erde, den ich kenne. Willkommen im Paradis! Uns erwartete eine kleine wunderschöne Bucht, weitab der Touristenströme. Die Jungs hatten eine Hütte am Strand und ich eine niedliche Hütte mitten im Fischerdorf gelegen. Insgesamt gab es nur vier Gästezimmer und ein schönes Restaurant direkt am Strand. Mal wieder muss ich vom Essen schwärmen: Mittags bestellten wir Krabben mit Pommes und Mayonnaise. Und wir bekamen Krabben, aber was für welche!! Der Körper war mindestens 15 cm groß und sie waren so lecker! Dazu frische Säfte aus Guaven, Ananas oder Banane, die besten Säfte, die ich je getrunken habe! Und anschließen sehr leckeren Café. Uns ging es wirklich sehr gut. Den ganzen Tag verbrachten wir am Strand und ich bummelte ein bisschen durchs Dörfchen. Nachmittags kamen die Fischer mit ihrem Fang zurück. Ein Fisch 2m groß! (Bild unter „Fotos“). Abends ließen wir den Tag mal wieder mit einem herrlichen Essen am Strand ausklingen und gingen früh schlafen. So ein Tag macht ja auch müde!

Tag 5 (Sonntag):

Ein wunderschöner Morgen am Strand, doch irgendwie haben wir alle nicht gut geschlafen und sotraf ich auch schon die Jungs morgens um 6 Uhr am Strand. Leckeres Frühstück: endlich mal wieder getostetes Baguette und Konfitüre!!!, Honig, Ananas und Kaffée mit richtiger Milch (seit ich hier bin habe ich bisher nur „Milch“ aus Milchpulver zu Gesicht bekommen). Auf dem Tagesplan: ein Tauchausflug. So fanden wir uns um 7.45 Uhr bei der Tauschbasis ein und stachen sofort in See (französische Pünktlichkeit). Schon bei unserer Überfahrt nach Nosy Tanikely sahen wir eine grüne Meeresschildkröte in den Wellen treiben. Vom Tauchgang des vorherigen Tages wurde uns berichtet, dass sie Wale, Walhaie, Leopardenhaie und Meeresschildkröten gesehen haben. Angekommen auf der Insel: weißer Strand, türkises Wasser, Palmen. Florian und William brachen zu ihrem Tauchgang auf, ich sollte noch eine Stunde am Strand warten. So nutze ich die Zeit um ein bisschen unweit der Strandes schnorcheln zu gehen. Schon was ich da sah war beeindruckend: wenige Meter vom Strand entfernt wimmelte es nur so vor bunter Fische, Korallen und Muscheln. Mir begnete fast die ganze „findet Nemo“ Familie (außer Dori). Nach einer Stunde war es endlich soweit: die Jungs kehrten zurück und ich konnte aufbrechen. Sie hatten mehrere Meeresschildkröten gesehen, doch so ein Glück würde ich leider nicht haben =( Dennoch war ich unglaublich von der Unterwasserwelt beeindruckt: in wenigen Minuten (wir tauchten in 6 Meter Tiefe), waren wir von bunten Fischschwärmen umringt. Vor uns eine großer Schwarm Baraccudas, der wie eine Wand im Wasser stand. Man konnte sich bis auf wenige Meter nähern, ohne, dass sie sich gestört fühlten. Fische, mindestens 40 cm groß und in allen mögliche Farben, schwammen an mir vorbei. Am Boden große Korallenriffe, in denen sich Fische versteckten. Und dann das Highlight: ein Leopardenhai, der am Grund dümpelte. Nach 35 Minuten war dieser Tauchgang leider beendet und wir kehrten mit dem Boot nach Nosy Komba zurück. Ein letztes Mal Krabben am Strand essen und zum Nachtisch gönnen wir uns ein Crêpe mit Banane und Schokosoße, wer weiß, wann wir das nächste Mal so eine Chance bekommen? Gegen 16 Uhr werden wir zurück nach Nosy Bé gebracht. Die Nacht verbringen wir in einem weniger guten Hotel in Hell-Ville und am nächsten Tag machen wir uns auf die Rückreise: 30 Minuten im Boot und 30 Minuten (plus Wartezeit von 2 Stunden vor und zwischen den Transporten) im Buschtaxi für William und mich und schon bin ich wieder in Ambanja angekommen. Francois und Florian nehmen das Flugzeug, am Dienstag geht’s wieder zurück ins Gefängnis.

Im ganzen war der Urlaub sehr, sehr schön, trotz der wirklich schlimmen Erfahrung, die wir in Ambatoloaka machen mussten. Über die Jungs, mit denen ich gereist bin kann ich nur sagen, dass sie echt klasse sind! Wir konnten super Gespräche führen. (Vor der Anreise auf Nosy Bé hatte ich mich gerade einmal mit William für 15 Minuten unterhalten, die anderen beiden kannte ich noch gar nicht.) Auch wenn es komisch klingt und unfair ist: es tat gut, der Armut Ambanjas wenigstens für ein paar Tage zu entkommen. Hier (in Ambanja) wird man schon komisch angeguckt, wenn man für „nur“ umgerechnet 3,50 Euro Handyguthaben kauft und ich fühle mich jedes Mal schlecht deswegen. Auf Nosy Bé geht es der Bevölkerung um einiges besser und es tat gut Madagassen zu sehen, die genauso wie wir ein Bier trinken gegangen sind und im gleichen Restaurant gegegessen haben. So fühlte man sich nicht mehr so sehr als „reicher“ Europäer. Zudem ist es wegen dem Wind auf Nosy Bé um einige Grad kälter und eine wahre Wohltat für mich. Während Francois und Florian vor sich hinschwitzen (sie arbeiten in der Hauptstadt und nicht wie William und ich im heißen Norden) merkten William und ich, dass wir uns schon an die Hitze im Norden gewöhnt haben und fanden die Temperaturen angenehm, teilweise sogar „kühl“ (bei ungefähr 30 Grad). Doch jetzt bin ich wieder in Ambanja und die Hitze macht mir wieder ganz schön zu schaffen, ich weiß nicht, wie viel Grad es sind (vermutlich um die 40 Grad), aber auf jeden Fall warm genug, dass man selbst beim Nichtstun im Schatten wie nach einer Joggingtour schwitzt. Ich vermisse die kühle Jahreszeit (die Jahreszeiten generell)! Zurück „zu Hause“ in Ambanja wurde ich sehr herzlich empfangen und ich war glücklich wieder zurück zu sein. Auch wenn es wirklich ein sehr komisches Gefühl war, innerhalb von nur einer Stunde aus dem schönsten Urlaubsparadis mit nahezu europäischen Essen (Nosy Komba) in das „alte“ Leben zurück kehren zu können. Morgen geht es wieder in Schule: vormittags mit den Kleinen in der maternelle, sich um Fanomezana kümmern, Pausenbesrassung  und nachmittags Sportunterricht mit den größeren. Vergangenen Sonntag ist auch endlich das Sonntagsoratorium angelaufen und es wurde wohl sehr gut von den Kindern angenommen und es war sehr spaßig. Sogar Franco und Fanomezana waren dort. Ich freue mich auf nächsten Sonntag, wenn ich auch dabei sein kann!

Vielen Dank fürs fleißige Lesen,

alles Liebe,

Louisa

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One Response to “Kurzurlaub im Paradis?!”

  1. Saskia sagt:

    Hallo louisa,

    stark, wie du das alles durchhälst und weiter energie für deinen alltag aufbringst! gib nicht auf und denk immer an die kinder, für die bist du ja schließlich gekommen.
    Ich war 2010/2011 in fianarantsoa, ich weiß nicht ob du schon so weit unten warst, ist aber nochmal eine ganz andere welt! ich kenne super nette leute und hab tausend tipps und vllt komm ich im sommer nochmal auf die schönste insel der welt. schreib mir ne email wenn du magst: saskia.hirtz@gmx.de

    viele liebe grüße. mirary soa

    Saskia

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