Liebe Leser,
im Dezember war die Zeit für den ersten Zwischenbericht gekommen und somit Anlass über die ersten Erlebnisse und Eindrücke in der neuen Kultur zu resümieren und erste Fazits seiner neuen und einzigartigen Erfahrungen zu ziehen.
Lange habe ich überlegt, ob ich den Bericht überhaupt auf meinen Blog stelle, vieles wird schon bekannt sein, aber davon könnt ihr/können Sie euch/sich ja selber ein Bild machen.
Hier also eine gekürzte und teilweise veränderte oder schon ergänzte Version meines Berichts.
1. Zwischenbericht (02.01.2012)
(…)
Beschreibung des Projektes: Die SE.VE.MA. ist eine katholische Privatschule* der Gemeinde auf dem Gelände der katholischen Mission mit über 2000 SchülerInnen und umfasst die drei Stufen des französischen Schulsystems „école primaire“ (Grundschule mit Vorschule), „collège“ (Mittelstufe) und „lycée“ (Oberstufe, Gymnasium). Erst seit dem letzten Jahr sind die Schwestern in Ambanja und arbeiten an der Schule. (…) Mein Arbeitsplatz ist die „école primaire“ (vergleichbar mit Vorschule und Grundschule zusammen) mit 860 Kindern in 25 Klassen. Im Alter von 3 Jahren können die Kinder in die Vorschule („maternelle“) eingeschult werden und durchlaufen im Normalfall die 7 Klassenstufen der „école primaire“ bis sie aufs „collège“, auf dem gleichen Gelände, wechseln.
(*Privatschule: die meisten Schulen auf Madagaskar sind Privatschulen, in Ambanja macht die staatliche Schule nur einen winzigen Anteil der Schulen aus (die staatlichen Schulen sind sehr schlecht, teilweise erhalten die Schüler nur 2 Stunden Unterricht pro Tag statt der üblichen 8 oder mehr (Zeit-)Stunden und kosten trotzdem Gebühren, um sich einschreiben zu können), je nach Stufe kostet der Unterrichtsbesuch an der SEVEMA 3 bis 3, 50 Euro pro Monat, doch über die Hälfte der Schüler muss keine Schulgebühren zahlen , da sie zu arm sind. Die SEVEMA kostet für eine Privatschule sehr wenig, gerade genug, um den Lehrern ein „angemessenes“ Gehalt von 35 Euro zu zahlen.)
Meine Aufgaben könnte man als „Mädchen für alles“ beschreiben: Ich arbeite eng mit Sr. Alice, der Direktorin, zusammen, und so helfe ich ihr bei Aufgaben die anfallen und übernehme auch schon einmal die Vertretung in ihrem Büro, wenn sie anders beschäftigt ist, male und bastel für die „maternelle“, um den Klassenraum bunter zu gestalten, gebe Englisch- und Sportunterricht, plane und gestalte Schulfeste und Auftritte der Kinder, gebe Vertretungsunterricht, bin „Spielzeugwart“, bin Spielgefährte in den Pausen und mache die Pausenaufsicht. Meist vormittags helfe ich dann in der „maternelle“ (Vorschule) bei den 3-jährigen aus. Da gibt es immer jede Menge zu tun und sobald ein Kind besondere Aufmerksamkeit braucht (Toilettengang, Verletzung) übernehme ich öfters den Unterricht, mache Singspiele mit den Kleinen oder führe den Unterricht an der Tafel fort.
Da es an der SE.VE.MA. keinen Sportlehrer gab habe ich diese Aufgabe übernommen. So unterrichte ich über die Woche verteilt über 650 Schüler in 17 Klassen. Anfangs eine ganz schöne Herausforderung, denn ich fand mich nur mit einem Ball als Utensilie vor einer Gruppengröße von fast 80 Kinder wieder und das ohne Unterstützung von anderen Lehrern (die plötzlich „verschwunden“ waren) und ohne ausreichende Sprachkenntnisse, da die Kinder so gut wie kein Französisch sprechen (nicht einmal die leichtesten Anweisungen verstehen sie auf Französisch). Noch dazu kam, dass der Platz auf dem ich Sport machen sollte vom Gymnasium belegt war. Es hieß improvisieren! Mittlerweile habe ich die Gruppen geteilt, sodass ich „nur noch“ um die 40 Kinder pro Unterrichtseinheit habe. Das Platzproblem blieb bis jetzt bestehen, oft muss ich mir ein bisschen Platz am Rand des Sportplatzes für die Kleinen „erkämpfen“, während die Großen des Gymnasiums Fußball über das ganze Feld spielen. Das Problem der nicht vorhandenen Utensilien bleibt auch weithin bestehen. Ich bin froh, dass ich Springseile aus Deutschland mitgebracht habe und viel Erfahrung in Kinderspielen in meiner Zeit als Betreuerin während den Ferienspielen in meiner Heimatstadt sammeln konnte. Sonst wäre ich echt verloren! Mit Steinen, einem Tuch und Springseilen lassen sich erstaunlich viele Spiele improvisieren. Die Jungs haben wie überall immer sehr viel Spaß an Fußball und so profitieren die Mädchen davon, dass wir in einer kleineren Gruppe Spiele spielen können. Und wenn mal alles aus dem Ruder läuft haben die Kinder immer Spaß an einer Bewegungskombi oder einem Sprint zum Auspowern =)
Mittwochnachmittag ist kein Unterricht an der Grundschule und so kommen Kinder zu uns (den Schwestern und mir) nach Hause (wir wohnen etwa 15 Minuten zu Fuß von der Schule entfernt). Die Kinder helfen den Schwestern meist im Garten oder/und ich spiele und male mit ihnen.
Sonntagnachmittag findet das Sonntagsoratorium der Schwestern statt, wo ich auch mithelfe. Dort beten, tanzen, singen und spielen wir mit den Kindern der Umgebung.
Eine Aufgabe, die ich mir zusätzlich gesucht habe und nichts mit den Schwestern zu tun hat, ist meine Arbeit einmal in der Woche im Waisenhaus von Ambanja. Samstagmorgen geht es dann mit rund 40 Kindern in Kleintransportern zum Strand. Die Größeren toben wild im Wasser, während die Kleinen im Sand buddeln. Ich glaube, das tut den Kindern immer sehr gut. Gegen Mittag geht es dann zum Essen zurück zum Waisenhaus und nachmittags starte ich „mein“ Programm. Das erste Mal, als ich ins Waisenhaus kam war ich nämlich sehr geschockt: den ganzen Tag lang lief der Fernseher und die Kinder (selbst die Kleinen) saßen davor. Zudem waren die Filme oft Kampffilme mit brutalen Szenen, die die Kleinen dann nach spielten. Im Waisenhaus gibt es viele Frauen, die für den Haushalt zuständig sind (kochen, putzen, Wäsche waschen), doch nur einen Pater und eine „Großmutter“, wie die Kinder sie nennen, die sich um die Kinder kümmern. Und das sind immerhin über 45 Kinder! Leider saßen der Pater und die Großmutter auch vor dem Fernseher, keiner spielte mit den Kinder und ich ließ mir sagen, dass das die ganze Woche lang so sei. Ich setzte mir also in den Kopf den Kinder zumindest samstags ein Alternativprogramm zu bieten. So bringe ich jetzt samstags immer verschiedene Sachen wie Bälle, Puzzle, Buntstifte und Papier, UNO, Springseile etc. mit (die ich zum Glück aus Deutschland mitgenommen hatte) um mit den Kindern am Nachmittag zu Spielen. Die Kleinen sind einfach so schnell zufrieden zu stellen und glücklich, wenn sie nur ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen.
Leider fehlt mir so oft die Zeit für Dinge, die ich während der Woche nicht schaffe (das Samstag mein einziger freier Tag ist).Dennoch würde ich meine Besuche am Samstag bei den Kinder für nichts aufgeben, die Kleinen liegen mir einfach zu sehr am Herzen und es ist sehr schön zu merken, wie die Kinder nach und nach ein vertrauensvolles Verhältnis zu mir aufbauen. Die ganze Woche freue ich mich darauf Samstag die vielen kleinen strahlenden Gesichter zu sehen.
Zusammengefasst sieht meine Woche also so aus, dass ich von Montag bis Freitag während der Schulzeit (von 7.30 Uhr bis 11.30 Uhr und 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr für die Großen) in der „maternelle“ aushelfe, Sr. Alice bei kleineren Aufgaben helfe, einspringe wo ich gebraucht werde und nachmittags (außer Mittwoch, da findet der Sportunterricht morgens statt) Sportunterricht gebe. Mittwochnachmittag habe ich Kinder zum Spielen und Malen zu Hause, Samstag bin ich im Waisenhaus und Sonntagnachmittag beim Sonntagsoratorium.
Ergänzung vom 14.01.2012: Mittlerweile habe ich den Englichunterricht von 14 Klassen, an zwei Schulen, mit jeweils einer Zeitstunde wöchentlich übernommen.
Was meine Unterkunft betrifft bin ich sehr glücklich und zufrieden. Ich lebe bei vier madagassischen Don Bosco Schwestern „Filles de Marie Auxiliatrice“ (FMA), etwa 15 Minuten Fußweg von der Schule entfernt. Da die Schwestern erst seit etwas mehr als einem Jahr in Ambanja sind (zur Feier des 25. jährigen Bestehens der FMA auf Madagaskar), ist hier noch alles etwas im Aufbau: Wir wohnen in zwei kleinen Gebäuden eines ehemaligen Hotels, die Schwestern teilen sich momentan ein Zimmer zu zweit und ich habe glücklicherweise ein eigenes kleines Zimmer im Haupthaus. Seit meiner Ankunft ist ein großes neues Haus in Bau, in das ich (wenn alles nach Plan läuft) wohl auch noch mit umziehen werde. Zudem wird im Moment ein „Hanger“ gebaut, um die Kinder und Jugendliche der Umgebung auch auf dem Geländer der Schwestern empfangen zu können. Dies wird auch der zukünftige Ort für das Oratorium sein. Im Moment findet das Oratorium immer sonntags auf dem Schulgelände statt, doch sobald alles fertig ist, wird Mittwoch, Samstag und Sonntag das Oratorium auf dem Gelände der FMA statt finden. Das Gelände der FMA ist sehr groß, mit einem großen Garten, indem Mango-, Orangen-, Zitronen-, Granatäpfel-, Pampelmusen-,Guaven- und Papayabäume stehen. Zudem gibt es Ananaspflanzen und Palmen mit Cocosnüssen und so manches wunderbar buntes Chamäleon kreuzt meine Wege (um ein Einblick in meine neue Umgebung zu geben). Im Garten bauen die Schwestern Gemüse an und wir können reichlich Früchte ernten.
Sonst sieht mein Leben in der Gemeinschaft so aus, dass ich viele Freiheiten habe. Ich kann selber entscheiden, wann und ob ich zur Messe gehen will (die Schwestern gehen täglich um 6 Uhr in die Messe). So nehme ich montagmorgens an der Hausmesse um 6 Uhr teil, dienstagmorgens gibt es eine Messe für die Kinder der Grundschule an der ich auch teilnehme und Samstagabend gehe ich in die französische Messe. In der Gemeinschaft bete ich täglich abends den Rosenkranz und das Abendgebet mit den Schwestern. Diese Zeit ist immer ein guter Moment und für mich ein wichtiger Augenblick, um zur Ruhe zu kommen und über den vergangenen Tag nach zu denken.
Generell habe ich ziemlich Glück gehabt mit den Schwestern, bei denen ich lebe und ich fühle mich sehr wohl. Ich komme mit allen super klar, wir haben viel Spaß zusammen aber ich kann mich auch über meine Eindrücke über Land und Leute mit ihnen austauschen und wir führen so manche kulturell-sozial-pädagogisch-katholische Gespräche (katholische Gespräche soll heißen, die Sicht der Schwestern auf die Dinge).
Mittlerweile bin ich schon über 3 Monate hier und ich bin überrascht, wie schnell und wie sehr man sich an eine so fremde Kultur und entbehrungsreiches Leben gewöhnen kann (man beginnt sich über Strom und fliessendes (wenn auch nur kaltes) Wasser zu freuen). Die ersten Tage auf Madagaskar in der Hauptstadt waren schon ein großer Schock für mich, auf den Anblick von offensichtlicher Armut (Kinder und Erwachsene barfuß und in Lumpen) kann man sich einfach nicht vorbereiten und die Realität traf mich hart. Antananarivo kam mir wie das reinste Chaos vor, alles schien kaputt (Häuser, Autos, Straßen), staubig und schmutzig zu sein. Müll war allgegenwärtig und Menschen wuschen in der Brühe der Abwasserkanäle der Stadt sich und ihre Wäsche.
Nachdem ich jetzt schon das dritte Mal in der Hauptstadt war, kommen mir die überfüllten und fast auseinanderfallenden „taxi-bé“ völlig normal vor, man quetscht sich rein, zahlt etwa 10 Cent, hofft, dass der Fahrer das Zeichen, dass man wieder aussteigen will versteht und steigt mit Rückenschmerzen von den viel zu engen Sitzen wieder aus (die Madagassen, selbst die Männer sind größtenteils mehr als einen Kopf kleiner als ich). Einen TÜV in Deutschland hätten diese Autos schon seit Jahren nicht mehr überstanden, was wohl auch der Grund ist, warum sie jetzt auf madagassischen Straßen fahren.
Staub, Chaos, Abgase, Armut und Müll sind immer noch allgegenwärtig, geben aber ein Gesamtbild der Stadt ab es sind nicht mehr die Details, die so ins Auge springen, wie schlimm das auch ist. Mittlerweile konnte ich sogar die Schönheit der Stadt entdecken. Bei meinem ersten Besuch schien mir das unmöglich.
Umso mehr ich die Madagassen und die madagassische Kultur kennen lerne, umso selbstverständlicher bewege ich mich jetzt in diesem Land. Anfangs hatte ich doch eine gewisse Scheu, was die Menschen von mir erwarten und was mein „vazaha-Status“ („Weißer-Status“) mit sich bringt. Aber die (meisten) Menschen hier sind einfach sehr freundlich, herzlich und offen und freuen sich, wenn man sich mit ihnen unterhält.
Auch in Ambanja hat sich für mich eine Selbsverständlichkeit und ein gewisser Alltag entwickelt. Die staubigen Straßen, die Frauen in bunten Tüchern gekleidet, Kinder ebenfalls in Tüchern auf dem Rücken tragend, alles mögliche auf dem Kopf tragend, der ständige Markt, die Zebus überall am Straßenrand oder Karren ziehend, die lebenden Hühner, die von den Frauen zum Mittagessen nach Hause getragen werden, die überquellenden Buschtaxis vor Menschen und Gepäck (auf dem Dach) und die von Fahrrädern gezogenen “pousse-pousse” geben für mich schon ein alltägliches Bild ab. Das hätte ich einfach nie gedacht.
Woran ich mich jedoch wohl nie gewöhnen werde und was manchmal wirklich anstrengend ist, ist, dass man als Weiße einfach nie unbeobachtet ist. Egal wo ich langlaufe oder mit dem Fahrrad langfahre werde ich freundlich mit „Bonjour/Salut vazaha!“ gegrüßt oder ich schnappe zumindest das Wort „vazaha“ beim vorbeilaufen/fahren auf. Die Leute auf der Straße drehen sich nach mir um oder bleiben sogar stehen und starren mich an. An manchen Tagen ist es schön, so oft, so freundlich gegrüßt zu werden, doch an manchen Tagen, wenn ich total müde von der Schule komme oder mich eh schon unwohl fühle, würde ich mich am liebsten nach Hause „beamen“, ohne dass mich die ganzen Menschen anstarren, an denen ich vorbei komme. Natürlich kann ich das den Menschen nicht übel nehmen, viele kommen ihr Leben lang nicht aus Ambanja raus, da ist es schon was besonderes, wenn plötzlich ein “vazaha be” (grosse Weisse) mit dem Fahrrad täglich durch die Gegend radelt.
Was ich anfangs als sehr schwierig empfand, aber mittlerweile sehr genieße ist, dass ich sehr große Freiräume habe. Von den Schwestern wird von mir nichts erwartet, alle Aufgaben, die ich habe, habe ich aus Eigeniniative und frei gewählt.
Doch wie gesagt, anfangs hatte ich große Schwierigkeiten damit. Ich kam hier an und hatte einfach keine Aufgaben, ich war enttäuscht, das soll alles sein? Wem soll ich nützen?
So musste ich mich gleich zu Anfang mit der Frage auseinander setzten: „Was bedeutet es Voluntär zu sein? Was ist meine Rolle?“ Man muss sich als Freiwilliger in erster Linie bewusst sein, dass man nichts verändern kann. Man ist kein „Entwicklungshelfer“. Man übernimmt keine Aufgabe, die unbedingt notwendig ist. Man bekommt Aufgaben aufgetragen, für die auch jeder beliebige andere geeignet wäre. Dafür muss man nicht extra aus Europa kommen. Man taucht in eine völlig fremde Welt ein und man muss sie einfach so akzeptieren, wie sie ist. Auch den schlimmen Anblick von Kindern in zerschlissenen Sachen und Armut. Man wird daran nichts ändern können! Anfangs überkam mich wirklich ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit beim Anblick diesen Lebens hier. Alles scheint kaputt zu sein und aus dem letzten Loch zu pfeiffen. Viele Menschen besitzen nur das Nötigste (oder noch nicht einmal das). Wie sollte man jemals diesem Land helfen können? Und wer? Wo anfangen? Doch wie schlimm das auch sein mag, man darf sich davon nicht entmutigen lassen. Das Motto „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeiffen lassen“ von Don Bosco, was uns Don Bosco Freiwillige bei unseren Vorbereitungen begleitet hat, ist auch weiterhin mein ständiger Begleiter. Was bringt es trübsal zu blasen? Man muss das beste daraus machen!
Ich kam also zu dem Schluss, dass meine Aufgabe hier als Freiwillige einfach ist, für die Kinder da zu sein und ihnen Freude und Spaß zu bereiten. Mehr würde ich nicht leisten können, das ist die Realität, auch wenn unser Freiwilligeneinsatz das hochtrabende Wort „entwicklungspolitisch“ enthält.
Umso mehr freute ich mich, dass ich den Sportunterricht übernehmen konnte. Wann haben Kinder schon mehr Spaß in der Schule, als beim Sportunterricht? Und in der Tat, meine Bemühungen lohnen sich, wenn ich eine Klasse zum Sport abhole werde ich von begeisterten und strahlenden Kindern empfangen, hochmotiviert geht es zum Sportplatz und die Enttäuschung ist jedes Mal groß, wenn die Zeit schon um ist, manche Kinder versuchen dann noch ein paar Minuten rauszuhandeln doch mit schlechtem Gewissen muss ich dann trotzdem leider die Klasse zurück bringen, da die nächste schon wartet. Schön ist auch, wenn die Lehrer mir erzählen, dass die Kinder schon Tage zuvor fragen, wann denn wieder der Sportunterricht sei und Kinder in den Pausen zu mir kommen, um mir stolz mitzuteilen, dass wir später zusammen Sportunterricht haben werden oder zu mir kommen, um sich für den schon beendeten Sportunterricht zu bedanken. Die Kinder geben einem so viel zurück!
Was hier leider ein großes Problem ist, ist die Sprache und ich bedaure sehr, dass ich nicht schaffe, sie besser zu lernen. Die Kinder sprechen einfach so gut wie kein französisch, ja selbst mit den Lehrern ist die Kommunikation meist sehr schwierig, teilweise sogar unmöglich. Das Hauptproblem, das ich mit der Sprache habe ist, dass die Kinder den Dialekt des Nordens und die Schwestern zu Hause das offizielle Madagassisch sprechen. Der Dialekt und das offizielle Madagassisch unterscheiden sich voneinander wie zwei verschiedene Sprachen. Selbst die Schwestern verstehen den Dialekt nicht sehr gut und die Kinder verstehen die Schwestern nur sehr schwer. Wie man sich vorstellen kann, gibt es keine Lehrbücher für den Dialekt. Zwar schnappe ich ein paar madagassische Wörter im Dialekt auf, doch für eine wirkliche Konversation wird mein Madagassisch wohl nie reichen und sobald ich ein paar Wörter Madagassich mit den Schwestern lerne, hilft mir das mit den Kindern auch nicht weiter. Wie gesagt, ich bedauere das sehr, es wäre so schön von den Kindern mehr zu erfahren und sich mit ihnen austauschen zu können, aber ich werde einfach weiterhin versuchen das beste daraus zu machen.
Ich hatte schon die Freiräume, die ich hier genießen kann, erwähnt. So habe ich die Chance meine Ideen und Engagemente voll einzubringen, jedoch muss ich sagen, dass ich so momentan ein bisschen in den Konflikt mit mir selber gerate. Ich habe so viele Ideen, die ich gerne umsetzen würde, doch was ich alleine nie schaffen kann.
Was meine Arbeit betrifft, kann ich sagen, dass die Schwestern zwar nichts von mir erwarten, doch dennoch sehe ich mich in dem Konflikt, was ich als Freiwillige leisten kann, soll und muss und was ich von mir erwarte und erwarten kann. Im Moment habe ich keinen ganzen Tag frei und ich merke, dass ich so an meine Grenzen stoße und das auf Dauer kein Zustand ist. Zudem habe ich mich angeboten nach den Ferien den Englischunterricht zu übernehmen. Das das jedoch so viele Stunden mehr sein würden, hatte mir keiner gesagt, bis ich vor den Ferien den Stundenplan sah: 18 Klassen mit jeweils einer Stunde Englischunterricht ist zu übernehmen. Zudem wurde die eine von den zwei Lehrerinnen der „maternelle“ (Vorschule) in der ich täglich aushelfe in eine andere Klasse versetzt, da 3 Lehrer (die zwei Lehrerinnen und ich) nicht für nötig gehalten werden. Ich habe jetzt also theoretisch eine volle Lehrerstelle in der maternelle zu besetzten, das neben den 18 Stunden Englischunterricht, plus Vorbereitungszeit und den 17 Sportklassen, die ich auch noch habe und das Sonntagsoratorium. Der Englischunterricht ist zwar für die Grundschule nicht sehr anspruchsvoll, dennoch sind 18 Stunden Unterricht zu geben und pro Trimester werden zwei Examen geschrieben, was 2 mal über 650 Korrekturen für mich bedeuten würde. Ich spreche von würde! Natürlich werde ich nicht alle Klassen und Aufgaben übernehmen können, das ist unmöglich und kann meiner Meinung nach von keinem Freiwilligen geleistet werden (und selbst ein Stundenplan indem alle Stunden gefüllt sind, würden nicht ausreichen). Mein Konflikt bleibt aber nach wie vor, wie viel ich davon übernehmen kann und nach meinem Gewissen übernehmen „muss“, wieviel kann ich mir zumuten und wieviel muss ich mir als Freiwillige zumuten?
(…)
Nach den ersten genau 111 Tagen auf Madagaskar kann ich jedoch sagen, dass ich hier sehr glücklich bin und Madagaskar das beste ist, was mir passieren konnte. Bis jetzt habe ich schon so viele bereichernde Erfahrungen machen können und täglich lerne ich Neues dazu oder ändere Ansichten. Auch dass ich hier „alleine“ bin bereitet mir keine Probleme. Vor meiner Abreise befürchtete ich, dass mir jemand fehlen würde, mit dem ich mich mal austauschen könnte und ich mich allein fühlen könnte, doch das ist nicht eingetroffen. Ganz im Gegenteil: ich genieße die Freiheiten und die Ungebundenheit, die ich dadurch habe hier „alleine“ zu sein.
Die madagassischen Kinder sind mir jetzt schon ans Herz gewachsen und mit ihnen täglich arbeiten zu können bereiten mir sehr große Freude. Ich bin sehr dankbar die Zeit hier auf der schönsten Insel der Welt verbringen zu dürfen und das doch so andere madagassische Leben so hautnah erleben zu können.




Hallo Louisa,
super super Zwischenbericht!! Ich kann dir in allem zustimmen und hab erstaunlich ähnliche Erfahrungen gemacht!
Versuch doch mal, an der Alliance francaise einen madegassischkurs zu finden, das müsste doch dann auch der passende Dialekt sein oder (den verstehe ich übrigens auch überhaupt nicht) ?
Genieß deine Zeit, ich beneide dich und würde am Liebsten auch wieder auf die Nosy sambatra kommen!
Liebste Grüße
Saskia