Lücke füllen, ausstehende Berichte 8.12.-22.01.2012

Hallo liebe Leser,

die Weihnachtszeit ist vorbei, Neujahr ebenso und die Schule hat für die Kinder nun schon wieder seit 2 Wochen angefangen und somit für mich auch.

Seit meinem letzten Blogeintrag Anfang Dezember (den Zwischenbericht nicht mitgezählt) ist, wie zu erwarten, mal wieder viel passiert. Vieles werde ich nicht mehr wiedergeben können, ohnehin kann ich in meinem Blog nur Bruchteile wiedergeben von all den vielen (schönen und oftmals erschreckenden) Erlebnissen, die ich täglich habe, doch ich hoffe euch/Sie dennoch ein wenig teilhaben lassen zu können.

Da sich meine Einträge jetzt schon seit einiger Zeit unveröffentlicht auf meinem Laptop häufen, hat sich eine ganz schöne Menge angesammelt. Um meinen Eintrag dennoch ein bisschen „lesbarer“ zu machen, habe ich alles „häppchenweise“ in mehrere Kapitel unterteilt:

Antananarivo – Das Elend des Volkes

Weihnachtszeit

Weihnachten

Zwischen den Jahren: Antananarivo & Neujahr

Ferien

Aktuelle hat die Schule jetzt wieder seit 2 Wochen angefangen. Ich habe mich so auf die Kinder gefreut! Und es war echt toll, alle Kinder wieder zu sehen. Nur zwei Wochen Ferien und die Kinder fehlten mir schon =) Sonst habe ich jetzt seit den Weihanchtsferien 14 Englischklassen (470 Schüler) mit je einer Stunde Unterricht pro Klasse und pro Woche übernommen. Die einzige Info, die ich dazu bekam war, dass ich jetzt den Unterricht übernehmen würde. Keinen Stundenplan, keinen Lehrplan und keine Bücher. So hieß es erst einmal einen neuen Stundenplan zusammen basteln. Für die Kleinen der maternelle, wo ich bis vor den Ferien vormittags täglich ausgeholfen habe, bleiben mir nur noch 3 Stunden die Woche. Die Kleinen fehlen mir jetzt (nach 2 Wochen) schon sehr.

Sonst ist mein Stundenplan jetzt komplett ausgefüllt, ich beginne morgens um 7.30 Uhr zu unterrichten und um 16.30 Uhr endet meine letzte Unterrichtsstunde. Wie das so mit dem Unterricht läuft schreibe ich dann das nächste Mal.

Für die nächste Zeit stehen jetzt erst einmal viele Feiern an, da der Gedenktag Don Boscos am 31.01.ist und noch das Neujahr nach gefeiert wird. So wird nächsten Sonntag im Oratorium das Don Bosco Fest sein, für das schon seit einiger Zeit Don Bosco Lieder und ein Theater geprobt werden, ich werde Kinderschminken machen und es gibt Kekse für alle. Am 31.01. wird dann mit einer Messe und einem Schulfest Neujahr und Don Bosco mit den Schülern gefeiert. Die Planung dafür wurde mir mehr oder weniger übertragen. Zunächst hieß es, ob ich Spiele für Klasse gegen Klasse wüsste, als ich sagte, dass ich einige Ideen hätte, wurde eine Lehrerversammlung einberufen und schwupps hieß es: „Louisa, wird uns jetzt die Planung für das Schulfest vorstellen.“ Ok, dass ich das ganze Schulfest planen sollte, war mir bis zu dem Augenblick noch nicht bewusst. Ich erklärte also die Spiele und dass ich mir gut vorstellen könnte die verschiedenen Spiele als routierenden Spieleparcours anzubieten. Da die Lehrer keine andere Idee hatten und auch keine Spielideen, werden wir wohl die verschiedenen Stationen machen. Sr. Alice ist zwar als Schulleitern die Verantwortliche für das Schulfest, doch wie es das Schicksal so will, wird sie fürs Schulfest nicht da sein, weil sie zu einer Versammlung in die Hauptstadt muss. Vermutlich wird jetzt die Durchführung und Hauptverantwortung auf mich fallen, da ich die einzige bin, die die Spiele kennt. Dann wird noch mit dem Bischhof zusammen bei uns der Gedenktag Don Boscos, Laura Vicunas und des heiligen François de Sales (Don Bosco Familie) und mit den Lehrern der ganzen Schule mit einer großen Feier Neujahr gefeiert.

Sonst stehen die ersten Examen vor der Tür, wie ich das anstellen soll weiß ich ehrlich gesagt noch nicht so ganz. Da es keinen Kopierer gibt, werden die Prüfungsaufgaben an die Tafel geschrieben, die die Kinder dann abschreiben und bearbeiten müssen. Das Problem ist nur, dass die Kinder beim Abschreiben sehr viele Fehler machen und den Sinn meistens nicht verstehen, von dem was sie da schreiben. So müsste ich theoretisch die abgeschriebenen Aufgaben zunächst korrigieren, bevor die Kinder an die Bearbeitung gehen, sonst wäre schon alles voller Fehler. Mal sehen, was für eine Lösung ich finden werde.

Vom 05. bis zum 10. Februar findet schon das Zwischenseminar in Johannesburg, Südafrika statt. Glücklicherweise wurde mir ein Flug von Nosy Be aus gebucht, so bleibt mir dieses Mal die Buschtaxifahrt nach Antananarivo erspart und ich fehle nicht so lange in der Schule. Ich freue mich schon sehr darauf die anderen Freiwilligen zu treffen, sich über seine bisherigen Erfahrungen austauschen zu können und vorallem mal wieder länger deutsch sprechen zu können.

So weit von mir über Aktuelles, jetzt geht es also mit den älteren noch ausstehenden Berichten los.

Sonst noch alles Gute fürs neue Jahr, wünscht

Louisa

Antananarivo – Das Elend des Volkes

…und das zum Thema manchmal kommt es anders und zweitens als man denkt… Antananarivo vom 8.12.-14.12.2011…

So entschied ich Mittwochmorgen (8.12.2011) relativ spontan in die Hauptstadt, Antananarivo (Tana), zu fahren. Zwei Stunden später saß ich schon mit Litschies für die Fahrt gewappnet eingezwängt im Buschtaxi, weitere 2 Stunden dauerte es, bis das ganze Gepäck auf dem Dach verstaut war und wir setzten uns in Bewegung.

Auch wenn diese Fahrten jedes Mal eine Tortur sind, genieße ich sie doch. Der Norden ist landschaftlich so anders, als das Hochland (in dem Tana liegt). Die Landschaft wird immer kahler, umso mehr man sich von Ambanja entfernt, die Palmenwälder verschwinden nach und nach, die Holzhütten werden von Lehmhütten abgelöst und vor allem wird es kühler. Was landesweit zu sehen und zu spüren ist: das Wasser wird knapp. Flüsse und Seen sind fast ausgetrocknet, wir befinden uns mitten im Hochsommer und warten auf die Regenzeit, für die Menschen eine weitere erschwerende Bedingung. Mit unserem Buschtaxi hatten wir dieses Mal wirklich Glück, die Sitze waren relativ bequem und es gab einen Fernseher von dem wir die ganze Nacht von schlechten kitschigen madagassischen Musikclips und noch schlechteren chinesischen Filmen beschallt wurden. Die ersten 8 Stunden wurden durchgefahren, bis wir in einem Städtchen ankamen, indem sich die Buschtaxis sammeln, um dann möglichst in Gruppen weiter zu fahren. Am Straßenrand türmten sich die angebotenen Mangos, Flaschen voll selbst gemachter Säfte, Flaschen mit einer Art Mangosalat zum Würzen und getrocknete Fische. Mangos bekommt man momentan überall für einen Spottpreis: 4 große Mangos für gerade einmal 3,5 Eurocent. Die Fahrt ging weiter, ohne Stopp in Richtung Hauptstadt. Um 3.30 Uhr (die Sonne würde erst in einer Stunde aufgehen) begegneten uns die ersten Menschen auf der Straße. Frauen, mit Kindern auf den Rücken gebunden, und Gepäck auf dem Kopf tragend, und Männer waren in dicke Winterjacken gehüllt, trugen Wollmützen und waren dennoch nur in den für Madagassen obligatorischen Flip-Flops (alle tragen hier immer Flip-Flops, von kleinen Kindern, über Priester, Schwestern, Lehrer, Arbeiter, Bauern, Messdiener, Ärzte bis hin zu alten Menschen) oder barfuß unterwegs. Mit schwerem Gepäck machten sie sich schon so früh Richtung Hauptstadt auf, um ihre Waren dort zu verkaufen. Um 4.30 Uhr kamen wir in Tana an, eine Stunde später und pünktlich zur Messe, zusammen mit dem Sonnenaufgang, waren wir endlich an unserem Reiseziel angekommen. Der Anlass, warum ich mich spontan auf die 20-stündige Reise in die Hauptstadt machen musste war, dass keiner in Ambanja eine Mittelohrentzündung diagnostizieren konnte. Trotz Antibiotikum und Schmerzmittel hatte ich nach 4 Tagen immer noch unheimlich dolle Schmerzen, weswegen ich zu einem Spezialisten in die Hauptstadt gehen wollte. Doch sobald ich in der Hauptstadt war (immerhin einen weiteren Tag später) ging es mir stetig besser, vielleicht wegen der „guten“ Hauptstadtluft. =)

Willkommen in der Hauptstadt! Chaos, Schmutz, Müll, dreckige Abwasserkanäle am Straßenrand, Staub, Abgase, arme Menschen, Straßenkinder, Verkehrschaos, Reiche, hartes Leben. All das prasselte auf mich ein, als wir in Tana ankamen. Tana ist bei weitem nicht das kleine Städtchen Ambanja im Norden Madagaskars. In der Hauptstadt standen wir schon morgens um 4 Uhr am Stadtrand im Stau. Schon im Dunkeln waren die Menschen in Scharen in die Stadt geströmt und so wimmelte es überall am Straßenrand vor Menschen, an ihren Ständen, die auf Kundschaft hofften, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auf der Straße kaufte ich einem Mann, in schmutziger Winterjacke (bei ca. 25°C im Schatten), Wollmütze, aber dennoch barfuß und in löchriger Jogginghose, Litschies ab. Davon kann er sich zwei Essen leisten und muss dann auf den nächsten Käufer hoffen. Was in der Hauptstadt besonders auffällt ist, dass es hier die beiden Extreme sehr arm und sehr reich gibt und beide Seite an Seite leben. So stand der Mann, der nichts besitzt, außer den Sachen, die er am Leib trägt, vor einem Supermarkt mit europäischen Standard, bewacht von 4 Parkplatzwächtern für 20 Parkplätzen (irgendjemand muss ja auf die riesigen und super teuren Autos aufpassen), 1 Wächter am Eingang, 2 an der Kasse und 3 im Laden verteilt. Versteht sich von selbst, dass alle Schlagstöcke und Pistolen getragen haben. Die Kundschaft war, wie zu erwarten, größtenteils weiß. Überwiegend schmierige, ältere Weiße, die gedankenverloren ihren Einkaufswagen voll packen und noch schnell Zigaretten und ein madagassisches Pornoheft mit einer lässigen Geste aufs Fließband werfen, um dann an den bitterarmen Menschen vorbei zu ihrem großen Auto zu stolzieren. Leider ist es auch in der Hauptstadt so, dass wenn man Weiße sieht, sie größtenteils älter sind und sich mit einer madagassischen jungen Frau „schmücken“. Bei dem Verhalten, die die meistens aus Italien oder Frankreich kommenden weißen Männer an den Tag legen und wie respektlos sie mit den madagassischen Frauen umgehen (die alles für Geld tun würden, um aus ihrem Leben zu entfliehen, selbst einen ekligen, schmierigen, alten „vazaha“ würden sie nie ablehnen) schämt man sich wirklich weiß zu sein. So oft sieht man alte „vazaha“, die sich nicht einmal bemühen madagassisch zu lernen, nein die Frauen müssen französisch oder italienisch lernen, und die die Frauen, selbst in der Öffentlichkeit, ohne Scham wo sie nur wollen anfassen. Man sieht den Frauen richtig an, wie sehr sie das quält, besonders da Madagassen in der Öffentlichkeit nie Zärtlichkeiten austauschen (nach über 4 Monaten hier sah ich den ersten Kuss zweier Madagassen und das war der Hochzeitskuss in der Kirche) und nicht einmal Händchen halten. Die Meinungen der Madagassen über solche Beziehungen gehen weit auseinander. So habe ich schon mit madagassischen Männern gesprochen, die sagten, dass die Frauen bei solch einer Beziehung (mit einem Weißen, der Geld hat und nicht aus Liebe) ihre Ehre verlieren. Die Frauen äußern sich nicht wirklich darüber, wie gesagt, für Geld und somit die Chance auf ein besseres Leben, tun die (meisten) Frauen hier alles. In der Region von Ambanja, im Norden, da wo ich lebe, gilt es jedoch als Ehre für die Frau, einen Weißen zu heiraten. Sogar der Pfarrer in der Kirche sprach davon, dass es die „Gnade Gottes“ wäre. Eine Schwester mit der ich über das Thema sprach, sagte frei heraus: „Das ist zum Kotzen!“ und ich finde sie hat es ganz treffend formuliert.

Am dritten Tag in Tana nahm mich eine Schwester bei ihrem Besuch unter den Ärmsten eines nahe gelegenen Viertels mit. Diese Begegnungen werden mir wohl immer in Erinnerung bleiben und immer vor Augen halten, wie gut es uns geht.

Der Nachmittag begann damit, dass wir aufbrachen, um die Schule der Schwestern zu besuchen, die mitten im Armenviertel liegt. Schon bald verließen wir die Hauptstraße und stiegen lehmige, enge Gassen einen Berg hoch. Die Häuser, von hohen Mauern umgeben, die am Straßenrand zu finden waren, ließen wir schnell zurück und wir sahen viele kleine Hütten, aus Holz, Lehm oder verrostetem Wellblech zusammengeschustert, die sich in jeden möglichen Winkel schmiegten. Nach einiger Zeit gelangten wir zur Kirche der Gemeinde, in deren Kellerräumen auch der Anfang der Schule der Schwestern war. Als wir ankamen, war gerade zahnärztliche „Sprechstunde“, ein grausiger Anblick, wie den Menschen ohne Betäubung die Weisheitszähne gezogen wurden und das in einem dunklen, ehemaligen Klassenzimmer, doch für die Leute natürlich eine große Bereicherung. Weiter ging unsere Tour, durch zugemüllte, enge Gassen, zu der Schule. Immer wieder liefen uns Kinder barfuß, in löchrigen Anziehsachen und mit schmutzigen Gesichtern, Händen und Haaren über den Weg. Die Schule ist wunderschön, ich muss wirklich sagen, dass ich noch nie eine Grundschule gesehen habe, in der in jedem Detail soviel liebe steckt und auch hier gilt, dass die Schulgebühren sehr gering sind und die Familien, die sich die Schulgebühren nicht leisten können, ihre Kinder umsonst in die Schule der Schwestern schicken können. Als wir die Schule wieder verließen begegneten wir den Kindern, die auf dem Foto (zum Vergrößern anklicken) zu sehen sind und einem jungen 25-jährigen behinderten Mann auf Krücken. Er „wohnt“ in einem zugemüllten, feucht-lehmigen Gang zwischen zwei Häusern, gerade einmal abgedeckt von Wellblechen, indem man nicht einmal aufrecht stehen kann. Drei Jahre lang hatte er in diesem Gang gesessen, ohne sich groß zu bewegen, da es seine deformierten Beine nicht zuließen. In diesem jämmerlichen Zustand fand die Schwester ihn eines Tages, ermöglichte ihm eine Operation und seitdem kann er mit Krücken laufen. Die Kinder auf dem Foto wohnen in der Wellblechhütte, die im Hintergrund zu sehen ist und in der kleinen Hütte aus Holz und Lehmziegeln vor dessen Tür die Kinder stehen. Den kleinen Jungen fand die Schwester als er 1 Jahr alt war und so unterernährt war, dass er nicht genug Kraft hatte, um sich zu bewegen. Er ist Waise und wie so oft nahm sich ihm eine Frau an, die aber selber nicht genug zum Leben hat. Die Schwester brachte ihm also über ein halbes Jahr lang täglich Milch, bis er eines Tages genug Kraft zum Laufen hatte und auf sie zugerannt kam. Das Mädchen auf dem Bild ist das älteste Kind der Familie. Ihr wurde angeboten umsonst auf die Schule der Schwestern zu gehen, doch lehnte dies der Vater ab, da sonst niemand mehr für den Lebensunterhalt der Familie sorgen würde. Seine Tochter könne nur in die Schule gehen, wenn die Schwestern den Lebensunterhalt der Familie übernehmen würden. Danach liefen wir noch weiter durch das Viertel und die Schwester stellte mich weiteren Schülern vor, bis wir auf den Schulhof der Schule, ein Stück entfernt kamen. Eigentlich, so verriet mir die Schwester, müsse sie den Platz am Wochenende abschließen (ein gepflasterter Platz mit Basketballkorb, Fußballtor und kleinem Klettergerüst) und die Kinder zum Oratorium der Schwestern schicken, doch da das Oratorium zu Fuß 20 Minuten entfernt sei, würden die Kinder nicht kommen und sich sonst wie die Zeit vertreiben, so sei es ihr lieber, wenn die Kinder auf diesem Platz spielen könnten, statt im Müll rumzugraben.

Auf dem Weg begegneten wir vielen Menschen, die mich sehr freundlich begrüßten und das Gespräch suchten. Die Menschen freuen sich einfach immer, wenn ein „vazaha“ ein paar Worte mit ihnen wechselt und so oft verirrt sich wohl kein Weißer in diese Gegend. Auf unserem Rückweg kamen wir an einer öffentlichen Waschstelle und 3 öffentlichen Toiletten und Duschen vorbei. Nicht viel für ein ganzes Viertel, doch für die Menschen die einzige Möglichkeit, um an Wasser zu kommen und für ein bisschen Hygiene. Auf dem weiteren Weg besuchten wir eine Familie, die die Schwester über 3 Jahre lang finanziell unterstützt und begleitet hatte, in einem Hinterhof. Doch die Familie sei nicht fähig gewesen die Hilfe anzunehmen, sagte die Schwester. Heute lebt die vierköpfige Familie wieder in einer kleinen Hütte mit Wellblechdach. Das Bett, das ihnen die Schwester gekauft hatte, Decke, Matratze und Kissen haben sie irgendwann verkauft oder zum Feuer machen verwendet. Jetzt schlafen sie wieder auf dem lehmigen Boden, auf alten Reissäcken. Das einzige, was sie gelassen haben ist ein Tisch (rechts im Bild), sonst besitzt die Familie nichts. Auch in dieser Familie bot die Schwester den kostenlosen Schulbesuch der Kinder an. Die Kinder erschienen jedoch immer seltener im Unterricht, viele Male ging die Schwester zu ihnen nach Hause, um zu erklären, wie wichtig Bildung für die Zukunft der Kinder sei, doch die Eltern bemühten sich auch in Zukunft nicht ihre Kinder regelmäßig zur Schule zu schicken, bis die Kinder gar nicht mehr in die Schule kamen. Statt dessen sah die Schwester die Kinder wieder im Müll graben. Auf dem Bild zu sehen, die Kinder mit Schwester Francesca und rechts im Hintergrund die Hütte, das zu Hause der Familie.

Antananarivo ist, was die Armut angeht, noch einmal eine ganz andere Sache, wie die Armut der Menschen in z.B. Ambanja. Während die Menschen wie in Ambanja einen Fluss haben, indem sie sich und die Wäsche wasche können und die Möglichkeit Früchte und Gemüse anzubauen und zu ernten und sogar Tiere, wie Hühner oder Zebus halten können, haben die Menschen in der Hauptstadt diese Möglichkeiten nicht. Während sich die Armen Ambanjas immerhin noch irgendwie ernähren könne, kämpfen viele Arme der Hauptstadt täglich damit genug zu Essen aufzutreiben und das direkt unter der Nase der Regierung, die von allen für diese Zustände im Land verantwortlich gemacht werden. Die Madagassen, mit denen ich gesprochen habe sind sich einig, dass sich der Staat immer mehr bereichert, während er das Volk verhungern lässt. Am 13.12.2011 wurde mit großem Feuerwerk das einjährige Bestehen der „vierten Republik“ Madagaskars gefeiert, doch geändert hatte sich bis jetzt wohl nichts. Seit dem Putsch 2009 ist nun schon Andry Rajoelina (ein Ex-DJ) als Präsident der Übergangsregierung an der Macht. Als er während seiner Rede davon sprach, dass man an der Volksarmut (56,5 % der Madagassen leben unterhalb der Armutsgrenze, d.h. unter 1 US-$ pro Tag,, Stand 2010), Korruption und Sicherheit arbeiten müsse, lachten die Schwestern nur. Für die Madagassen hat sich bisher nichts geändert, sie sind und bleiben wohl weiterhin arm und die Lebensmittelpreise steigen weiter.

Da es mir in der Hauptstadt von Tag zu Tag besser ging konnte ich noch ein paar Besorgungen machen, zudem tat der Klimawechsel, für ein paar Tage immerhin, unglaublich gut. Endlich mal nicht schwitzen, obwohl man sich nicht bewegt und nachts brauchte ich sogar eine dünne Decke! Da auf Madagaskar gerade Hochsommer ist, ist es überall heiß, doch die Temperaturen in Ambanja toppen alles. Tagsüber überschreiten die Temperaturen locker die 35°C im Schatten, die Regenzeit hat zwar noch nicht begonnen doch dennoch gibt es ab und zu kurze Schauer, die die Lage aber noch verschlimmern. Durch die heißen Sonnenstrahlen (mittags steht die Luft meisten und man fühlt sich, als würde man durch einen Ofen fahren) verdunstet das Wasser so schnell, dass man sich schon bald wie in einem Tropengewächshaus fühlt, der Regen also keines falls Abkühlung bringt. Die Zeit in Tana war also eine willkommene Abwechslung und am 13.12. ging es dann mit Luftballons, Weihnachtsmützen, Spielzeugautos und Anziehsachen für die Kinder im Gepäck zurück nach Ambanja. Da wir mit dem Gepäck auf dem Dach nah an die 2 m Grenze kamen, (die nicht überschritten werden darf) wurden wir genau 24 Mal von der Polizei kontrolliert und der Fahrer musste wohl nicht wenig Geld dafür lassen. Die Kontrollen laufen meist überall gleich ab: ein gut genährter, gut und ordentlich gekleideter Polizist kommt aufs Fahrzeug zugeschlendert, leuchtet mit einer Taschenlampe die Passagiere und das Gepäck ab, diskutiert ein bisschen mit dem Fahrer, macht dann eine Kopfbewegung, dass der Fahrer aussteigen solle und schlendert in der Zeit Richtung Kofferraum. Der Fahrer folgt also mit den Papieren, kehrt nach kurzer Zeit zurück und wir können ohne Probleme weiterfahren. Komischer Weise verschwindet bei dieser Prozedur immer Geld, was meist hinter der Sonnenklappe steckt. Zufall?! Besonders schön sind immer die Momente, wenn der Fahrer für eine kurze Pause anhält. Alle klettern dann so schnell wie möglich aus dem Auto, weil es im Moment selbst nachts im Norden so warm ist, dass es im stehenden Auto, ohne Fahrtwind schnell unangenehm warm wird. Der Sternenhimmel ist einfach wunderschön klar und strahlend und weit und breit ist kein Licht zu sehen, nur die Landschaft, der Mond und die Sterne. Als wir in dieser Nacht durch eine größere Ortschaft kamen, lagen die Menschen einfach so schlafend auf der Straße: auf Mauern, auf Karren, auf Brunnenränder oder einfach so auf der Erde am Straßenrand. Die Nacht war selbst so warm, dass die meisten Männer nicht einmal ein T-Shirt trugen und es schien als wären die Menschen wie im Dornröschenschlaf einfach an Ort und Stelle, mitten bei der Arbeit eingeschlafen. Nachdem dann noch ein Buschtaxi vor uns ein Reifen bei voller Fahrt verlor, wir einen Hund und ein Huhn tot gefahren hatten (was der Fahrer dann bezahlen musste), wir an einem LKW vorbei kamen, der in einer Kurve auf die Seite gekippt war (vermutlich wegen zu viel Ladung, wie immer) und einige Unfälle mit Zebus riskiert hatten, die im Morgengrauen durch die Gegend getrieben wurden (meist von Kindern), kamen wir endlich in Ambanja an.

(Weiter Bilder von der Hauptstadt unter “Fotos”)

Weihnachtszeit

Von der Weihnachtszeit merkte man sehr wenige. Keine Dekoration weit und breit und das sonstige „Weihnachtstamtam“ blieb natürlich auch komplett aus. An einem Stand in Ambanja entdeckte ich 2 Plastiktannenbäume, denen aber nicht viel Beachtung geschenkt wurde. Als ich am 13.12.2011 wieder im Buschtaxi in Antananarivo darauf wartet, bis wir endlich abfuhren, schlängelte sich ein paar Verkäufer mit Weihnachtsmütze durchs Gedränge, die sie zum Verkauf anboten, doch ich glaube die Sonnenbrillen beim Verkäufer nebenan erweckten größeres Interesse. Im Buschtaxi wurden wir dann von einem Musikclip von „Jingle Bells“, das kleine chinesische Mädchen (auf chinesisch) sangen und dazu tanzen, daran erinnert, dass in weniger als zwei Wochen Weihnachten sein soll. Doch das war das einzige, was ich hier von Weihnachten merkte. Besonders freute ich mich dennoch über das Päckchen mit Weihnachtsplätzchen von meiner Oma und ich glaube, dass mir Weihnachtsplätzchen noch nie so gut geschmeckt haben. Um die Waisenkindern ein bisschen auf Weihnachten vorzubereiten fing ich zwei Wochen vor Weihnachten an Weihnachtsmotive zum Ausmalen mit zubringen und mit ihnen auszumalen. Als am 16.12. endlich alle Examen für dieses Trimester geschrieben waren, kam ein bisschen Weihanchtsstimmung in die Schule, da nun jede Minute genutzt wurde, um fürs Weihnachtsfest am 22.12. zu proben, für das jede Klasse eine kleine Aufführung einstudieren sollte. Mit den Kleinen der maternelle übte ich einen Tanz auf „Jingle Bells“ ein, an dem anscheinend nicht nur die maternelle Spaß hatte, denn bei den Proben gesellten sich immer noch so einige andere Kinder dazu.

Für mich war die Weihnachtszeit wohl die arbeitsreichste Zeit bisher: tägliche Proben mit den Kleinen, Stirnbänder mit Sternchen für den Auftritt der Kinder basteln, Weihnachtsmotive malen und aufhängen, für 900 Kinder Bonbons abpacken, Deko fürs Weihnachtsfest basteln, nebenbei lief der Sportunterricht weiter und unzählige Weihnachtsmänner an Tafeln malen.

Für den Sportunterricht hatte ich Weihnachtsmützen für den „Weihnachtsmann-Staffellauf“ aus der Hauptstadt mitgebracht. Als ich die Mützen dann aus meiner Tasche holte, fingen die Kinder vor Freude an zu jubeln und bei der Vorfreude, dass sie bald dran sein, mit der Mütze auf dem Kopf um die Wette zu rennen, fingen sie an auf der Stelle in die Luft zu hüpfen. Das muss man sich mal vorstellen: solch eine Freude über zwei einfachen Weihnachtsmützen!

In der maternelle fing ich an einen großen Weihnachtsmann an die Tafel zu malen, ich ahnte jedoch nicht, dass ich erst wieder aufhören würde Weihnachtsmänner zu malen, wenn an jeder Tafel der Grundschule einer zu finden war. 20 Mal. Aber die Kinder haben sich so darüber gefreut! Teilweise saßen die Kinder ganz still auf ihren Plätzen und haben mit großen Augen jeden Strich beobachtet, den ich gemacht habe. Süß war, als ich bei den 5-jährigen zum Schluss das Gesicht des Weihnachtsmannes gemalt habe und die Klasse in Freudenschreie ausgebrochen ist =) Bei den Großen (10 jährigen) wurde ich sogar bejubelt, als ich in die Klasse zum Malen kam. So etwas werde ich wohl nie wieder erleben und Kinder, die sich so sehr über einen Weihnachtsmann aus Kreide freuen, wohl auch nicht. Bei den Größeren stand die ganze Zeit Donovan neben mir, ein total lieber Junge, der sehr gut französisch spricht und hat mit mir gefachsimpelt, welche Farbe wohl die Handschuhe von père Noel haben. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass père Noel dieses Jahr rote Handschuhe trägt, auch wenn auf seiner Abbildung von père Noel die Handschuhe grün waren. Andere Kinder zückten ganz eifrig ihre Hefte, um den Weihnachtsmann von der Tafel abzumalen. Um auch die restiche madagassische Bevölkerung Ambanjas zu belustigen ließ ich einfach die Weihnachtsmütze, die ich in der Schule trug (als ob es nicht schon heiß genug gewesen wäre) auf und radelte so nach Hause. Ich meine, angestarrt werde ich ja so oder so wegen meiner Hautfarbe, was macht da schon eine Weihnachtsmütze? =)

Die Weihnachtsfeier der Schule und somit der krönende Abschluss des ganzen Vorbereitungsstresses war dann am 22.12.. Neugierig schlinsten die Kinder durch einen Spalt in der Tür während wir drinnen eine Palme mit Glitter zur „Weihnachtspalme“ dekorierten, um das ganze noch kitschiger zu gestalten noch ein paar blinkende Lichterketten drum herum schlungen, das Jesus Kinder auf einem Strohbett aus, was wohl?, Glitter betteten, ein riesigen Plastikweihnachtsmann aufzupusteten und vorallem auf den Strom warten. Als der Strom endlich wieder da war, konnten die Kinder endlich in die Halle strömen und sogar der Weihnachtsmann kam auf seinen Stock gestützt vorbei gehumpelt, um den Kindern bei ihren Auftritten zu zuschauen und um Bonbons und Geschenke für die Kleinen zu verteilen (die die Eltern zuvor vorbei gebracht hatten).

Meine Kleinen waren gleich am Anfang mit dem Tanz dran und teilweise mehr damit beschäftigt, das Publikum anzugucken, als auf den Tanz zu achten, aber ich meine 900 Kinder, die einen angucken und dazu noch soooo viele Eltern ist ja auch eine komische Sache. Aber ich denke im Großen und Ganzen haben sie es dann doch ganz gut gemacht, nicht so gut wie bei den Proben, aber was soll man auch von 3-jährigen erwarten? Niedlich war es bestimmt und einen „vazaha“ mit Weihnachtsmannmütze auf Jingle Bells tanzen zu sehen hat ja auch was…. Nach noch endlos vielen anderen Auftritten aller Klassen, Fotos mit dem Weihnachtsmann und Bonbons war die Feier nach 3 Stunden zu Ende.

Am 23.12. wurden dann Zeugnisse verteilt, das erste Trimester war geschafft und die Ferien standen vor der Tür.

Weihnachten, 24.12.2011

Samstagmorgen, Zeit mit den Kinder zum Strand zu fahren.

So verließ ich wie immer um 7.30 Uhr das Haus, um das „pousse-pousse“ zur Missionsklinik zu nehmen, wo ich dann von den mit Kindern beladenen Autos eingesammelt werden würde. Von einem freudigen „Bonjour Mademoiselle Louisa!“ wurde ich von den Kleinen begrüßt, besser kann ein Weihnachtsmorgen ja wohl nicht beginnen!? Leider hatten wir mal wieder Pech und mussten ganz schön lange zum Wasser laufen und so sollte ich mir trotz langärmligen Shirt und einer dicken Schicht Sonnencreme an diesem Tag, an Weihanchten(!), einen saftigen Sonnenbrand holen. Wie immer wurde wild getobt, wir fanden wunderschöne Seesterne in knalligen Rottönen (und teilweise über 30 cm Durchmesser) für die wir die „Seestern-Rettungsaktion“ starteten und sie zurück ins Meer trugen und malten Weihnachtsengel in den Sandboden. Auch eine Alternative zu den Weihnachtsschneeengeln. Der absolute Renner, auch an diesem Tag, waren die Weihnachtsmannmützen. Ein wirklich ungewöhnlicher Anblick den Weihnachtsmann in Badehose am Strand anzutreffen und so richtig glauben konnte ich nicht, dass Weihnachten sein sollte. Mit den Kindern lag ich unter Cocospalmen am Strand, der Himmel war strahlend blau und das Thermometer sollte an diesem Tag auf 36° Celsius, im Schatten, klettern! (Am ersten Feiertag hatten wir sogar 37° C im Schatten.) Gegen Mittag fuhren wir wieder zurück, aßen wie immer Mangos und Ananas aus dem Garten zum Nachtisch und ich ging mit den Kindern spielen. Auch heute hieß es wieder Weihnachtsmotive ausmalen und als Weihnachtsgeschenk brachte ich Luftballons mit. Die Kinder hatten ihren Spaß und waren so den ganzen Nachmittag gut beschäftigt (und ich ebenso beim Aufpusten und Zuknoten von 100 Luftballons).

Gegen späten Nachmittag fuhr ich dann nach Hause, zog mich um und ging in die französische Weihnachtsmesse. Bis dahin konnte ich immer noch nicht so recht begreifen, dass Weihnachten sein soll und alleine in die Weihnachtsmesse zu gehen war auch echt seltsam. Auch hier war eine super kitschige Krippe mit blinkenden Lichterketten und Glittergirlanden aufgebaut. Als Überraschung gesellten sich ein paar Kinder aus dem Waisenhaus zu mir in die Bank, die von einer Schwester begleitet wurden. Die Messe dauerte zwei Stunden und es wurden ein paar Kinder getauft, doch im Großen und Ganzen war sie eigentlich genauso wie eine deutsche Messe, selbst das Abschlusslied war „Stille Nacht, heilige Nacht“. Jedoch interessant zu beobachten war wie dem Pfarrer ständig die Schweißperlen von der Nasenspitze tropften und sich die Menschen in ihren schicken Kleidern (überwiegend aus Polyester) Luft zu fächerten. Zudem hatten wir genau drei Mal Stromausfall, es dauerte immer seine Zeit bis der Generator mit lautem Geknatter angeschmissen wurde und die Messe fortgesetzt werden konnte. Nach der Messe entdeckte ich dann doch noch ein paar bekannte Gesichter und wir wünschten uns frohe Weihnachten, alleine war ich also doch irgendwie nicht.

Nach der Messe hieß es abwarten. Da es zu spät war, um alleine draußen rumzulaufen musste ich die zwei Stunden bis zur madagassischen Mitternachtsmesse einfach ausharren. Aber ich wollte mir natürlich die madagassische Weihnachtsmesse nicht entgehen lassen. Schon kurz nach der französischen Messe begann sich die Kirche zu füllen, bis wirklich jeder Platz ausgenutzt war (ich ließ mir sagen, dass die Weihnachtsmesse am 25.12. um 6 Uhr morgens so voll war, dass die Menschen noch im Kirchengang und bis vor der Kirche standen!) und zwei Stunden später begann die madagassische Messe. Diese war viel feierlicher aber auch bewegter als die französische Messe. 10 Messdiener und der Pfarrer, der das Jesuskind zur Krippe trug, zogen Weihrauch schwenkend im Mittelgang ein, während die Gemeinde aus vollem Herzen sang. Es ist immer wieder beeindruckend in eine madagassische Messe zu gehen: da die Menschen keine Gesangbücher besitzen (und es in der Kirche auch keine gibt) kennen die Leute alle Lieder auswendig. Die Lieder sind mehrstimmig und beschwingt und die Menschen singen aus voller Kehle und vollem Herzen. Zudem gibt es immer ein „Animationsteam“, die die Lieder auswählen und in Mikros singend begleiten. Ein bisschen Charm verliert das ganze, da die Lieder von einem Keyboard mit Orgelsound begleitet wird und die Qualität eher dürftig ist. Die madagassische Messe dauerte fast 3 Stunden, das letzte Lied wurde stehend und klatschend gesungen und es blieb die ganze Nacht lang so warm, dass den Menschen weiterhin der Schweiß nur so runter lief, aber das ist man hier ja gewöhnt, erschien mir zu Weihnachten aber besonders ungewöhnlich.

Ein deutlicher Unterschied war zwischen der französischen und der madagassischen Messe zu spüren. Französisch ist einfach die Sprache der gebildeteren Leute und damit verbunden ist auch meist, dass die Menschen, die französisch sprechen mehr Geld haben. Wer gut französische spricht, verdient gutes Geld und wer Geld hat kann sich gute Bildung leisten und sich so gutes französisch aneignen. So waren die Menschen in der französischen Messe mit allem möglichen Schmuck behangen (möglichst groß, auffällig und golden), meist völlig übertrieben geschminkt und trugen Kleider, die man auf einem Ball hätte tragen können. In der madagassischen Messe war hingegen das „einfache“ Volk vertreten: nur selten sah man Schmuck und wenn dann nur ein paar einfache Ohrringe. Die meisten Frauen kamen wie immer in bunten Tüchern gekleidet zur Messe oder trugen einfache T-Shirts und Röcke. Manch einer kam sogar barfuß… Nach der Messe wurden wir vom Pfarrer höchstpersönlich nach Hause gefahren, ich packte mein Weihnachtspäckchen aus Deutschland aus, freute mich über die Oberhessische Presse, obwohl die nur zum Lücken ausfüllen ins Päckchen gekneult war und hielt mein erstes deutsches Buch seit langer Zeit in Händen. An dieser Stelle übrigens noch einmal vielen Dank für die lieben Weihnachtspäckchen und -karten. Ich habe mich sehr gefreut!! (Oma Rosi & Alfred: euer Päckchen ist erst am 10.01.2012 angekommen, so habe ich immer noch ein bisschen Weihnachten in meinem Zimmer mit Engelchen und Krippe^^).

Die Weihnachtszeit war zwar irgendwie stressig (wenn auch auf eine andere Art als in Deutschland, schließlich hat man hier kein „Geschenkestress“) und vorallem sehr ungewöhnlich. Es fehlten irgendwie die besinnlichen und ruhigen Augenblicke, wie an den Weihnachtsfeiertage und ich glaube, ich bevorzuge und freue mich schon auf das „deutsche“ Weihnachten, aber dennoch war es eine wunderschöne und vorallem einzigartige Erfahrung.

Zwischen den Jahren: Antananarivo & Neujahr

Am 25.12. saßen die Schwestern und ich dann auch schon mittags im Buschtaxi in die Hauptstadt. Diese Mal war weit und breit keine Musikanlage zu sehen und ich hoffte auf eine ruhige Nacht in der ich ein bisschen Schlaf finden könnte, doch so kam es leider nicht. Da wir das einzige Buschtaxi auf der Strecke von Ambanja nach Tana waren, wollten das viele Menschen nutzen. Ständig wurden wir also angehalten, Menschen stiegen ein oder aus, wir hielten an um Bananenstauden, Ananas und Mangos zu kaufen und zu all dem wurden nach einiger Zeit noch ein Haufen (um die 20) lebende Gänse aufs Dach geladen. Das war ein Geschnatter! Überall am Straßenrand tobte die Feier und Kinder, Jugendliche und Erwachsene saßen überall in kleinen Gruppen am Straßenrand beisammen. Für mich manchmal leider echt unangenehm, wenn man gerade eingenickt war, das Buschtaxi anhält und eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher sich einen Spaß daraus macht an mein Fenster zu klopfen und lautstark Witze über „die Weiße“ zu machen.

Langsam wurde es ruhig im Buschtaxi, doch gegen 3 Uhr morgens rannten plötzlich Männer auf der Straße rum und „Marary! Marary!“ („Krank! Krank!“) – Rufe hörte man. Ein Mann, der sich aus eigener Kraft nicht auf den Beinen halten konnte, wurde ins Buschtaxi getragen. Wie ich ja leider schon am eigenen Leib erfahren musste ist die medizinische Versorgung meist sehr ungenügend oder gar nicht vorhanden, sodass die Menschen den Weg in die Hauptstadt antreten müssen, um einen fähigen Arzt aufzusuchen. Krankenwagen oder ähnliches gibt es auch nicht, also wird das Buschtaxi genommen. Irgendjemand nutzte die Chance und schob in der Zwischenzeit einen Korb mit Hühnern und einem Hahn zu uns ins Auto. Der Hahn schien den Sonnenaufgang nicht abwarten zu können und kräte die ganze Nacht durch, somit war dann auch die Nachtruhe zu Ende. Gegen 8.30 Uhr kamen wir in der Hauptstadt an.

Am zweiten Tag in der Hauptstadt begleitete ich Sr. Jeanette auf einen madagassischen Markt, um ein Geschenk für den Bischof zu kaufen. Als wir so durch die Gegend liefen kamen wir an einer Menschenansammlung vorbei. Sr. Jeanette näherte sich und ich folgte ihr, ohne etwas zu ahnen. Auf dem Boden lag ein Mann, es schien, als würde er schlafen, doch als die Leute ihn mit einem weißen Tuch zudeckten, wurde mir schlagartig klar, dass der Mann tot war. Selbst nach einer Stunde, als wir wieder zurück kehrten, lag er immer noch am Straßenrand in der Hitze, ich hoffe, dass man ihn kurz darauf an einen angemessenen Ort gebracht hat.

Die Chance in der Hauptstadt zu sein nutze ich dann auch dazu zur Post zu gehen und das ist auch ein kleinen Absatz wert und zeigt mal wieder zu gut, wie die Dinge auf Madagaskar laufen. Ich muss ja echt sagen, dass mich hier mittlerweile so gut wie nichts mehr erstaunt. Die Erwartungshaltung an Dienstleistungen, Behörden und eigentlich allgemein, die ich in Deutschland habe und was in Deutschland völlig normal ist, habe ich mittlerweile abgelegt und ich gerate nur noch in erstaunen, wenn etwas „normal“ und wie gewöhnlich läuft. So war ich wirklich erstaunt, als ein Auto am Zebrastreifen hielt, das erlebte ich das erste Mal, seit ich hier bin! Aber zurück zur Post: Ich wurde schon von einer Schwester gewarnt, dass die Leute bei der Post am Flughafen nicht sehr gut arbeiten. Es gäbe Gerüchte, dass sie die nicht abgestempelten Briefmarken wieder ablösen und neu verkaufen würden und erfahrungsgemäß kommen auch wirklich selten Briefe an, die dort am Flughafen abgeschickt würden. Es gäbe jedoch die Möglichkeit die Briefe einer anderen Schwester mitzugeben, die eine Bekannte bei der Post habe, die die Post dann auch ordnungsgemäß abstempeln würde, zurück in die Hauptstadt schicken würde und von da aus würde sie dann auch verschickt werden (da ja schon abgestempelt). Ich ging also zur Post, nur um die Briefmarken zu kaufen. Das ganze Theater begann dann schon damit, dass der Mann nicht verstand wohin ich die Post verschicken will, als das geklärt war schrieb er irgendwelche Zahlen auf die Briefe, überall die gleiche, obwohl die Briefe unterschiedlich schwer waren und in verschiedene Länder geschickt werden sollten. Ich musste ihn dann darauf hinweisen, dass man die Briefe doch fürs richtige Porto wiegen müsse. Tat er dann auch. Danach fragte ich ihn, ob das Porto für Europa und Kanada denn wirklich das selber wäre, er kam dann auf die Idee das mal nach zuschlagen und in der Tat gibt es da Unterschiede. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er dann das zu bezahlende Porto zusammen gerechnet, ich bezahlte und er hatte die Briefmarken rausgekramt. Es war schon eine halbe Stunde vergangen. Wir fingen also an die Briefmarken auf die Briefe zu kleben (da nicht genug Briefmarken mit großem Wert vorhanden war, mussten wir manchmal welchen nehmen mit einem Wert von 3,5 Cent (100 Ariary)). Da ich ja nur die Briefmarken kaufen wollte, hatte ich die noch offenen Briefumschläge und nur mit Empfängername beschrieben, noch ohne vollständige Adresse, mitgebracht. Der Mann von der Post brachte es nun in der Tat zu Stande die Briefmarken dorthin zu kleben, wo offensichtlich die Adresse hingehört. Da fing ich dann erst recht an zu zweifeln. Ich musste ihn also auch darauf hinweisen und er knibbelte die Briefmaken wieder ab, klebte aber darauf noch auf 3 weiter Briefe die Briefmarken dorthin, wo die Adresse gehörte. Jedes Mal musste ich ihn darauf hinweisen und verlor langsam die Geduld. Plötzlich fiel ihm auf, dass er auf einen Brief zu viel Porto geklebt hätte und ich jetzt mehr bezahlen müsste. Daraufhin erklärte ich ihm, dass ich das bestimmt nicht machen würde, da es ja sein Fehler war. Nun nahm ich die ganze Geschichte selber in die Hand, ließ mir alle Briefe geben und rechnete jedes Porto auf jeden Brief nach. Und oh Wunder! Kein Brief hatte das Porto drauf kleben, was er mir zuvor gesagt hatte, entweder war es zu viel oder zu wenig. Da dem guten Mann aber leider schon die kleinen Briefmarken ausgingen und er wie aus dem nichts dann doch Briefmarken mit größeren Beträgen fand, klebte er wenn z.B. nur 100 Ariary fehlten eine 400 Ariary Briefmarke mit den Worten „das macht nichts“ drauf. „Das macht nichts“ hieß für mich jedoch hinterher, dass ich trotzdem die 300 Ariary die zu viel und völlig unnötig waren, bezahlen musste. Am Ende machte er nämlich noch einmal eine Rechnung mit all den Briefmarken, die jetzt tatsächlich verbraucht worden waren (auch wenn es mehr als benötigt waren und sein Fehler) und ließ mich das bezahlen. Zunächst versuchte ich jetzt noch ihm zu erklären, dass ich das eigentlich nicht bezahlen will, weil er sich ja geirrt hat, doch nach 1 ½ Stunden am Schalter wollte ich die riesige Schlange hinter mir nicht noch länger warten lassen, auf Grund der Sprachprobleme verstand er eh nicht, was ich von ihm wollte und meine Geduld war jetzt wirklich am Ende. Noch dazu hatte ich ihm ja schon das Geld gegeben, er hatte mir aber noch nicht das Rückgeld gegeben und so blieb mir dann nichts anderes übrig, als das zu nehmen, was er mir zurück geben wollte. Der krönende Abschluss kam dann aber noch, als er die (ich betone noch einmal:) noch offensichtlich offenen und unadressierten Briefe nahm und in eine Kiste legen wollte. Wie sollen die Briefe denn bitte jemals ankommen? Aber wenn einen nur die Briefmarken interessieren, um sie später wieder abzulösen und neu zu verkaufen ist das natürlich uninteressant…

Am 30.12. fuhren wir dann wieder zurück nach Ambanja und wieder einmal ist etwas über die Fahrt zu berichten: nach bereits 12 Stunden Fahrt kamen wir plötzlich zum Stehen. Mitten in der Landschaft (um wirklich deutlich zu machen, wo wir waren: im Busch), weit und breit war nichts zu sehen. Also stiegen wir aus und sahen gleich das Problem: ein LKW war auf die Seite gekippt und blockierte die ganze Straße, nicht ein Meter war frei. Das Problem daran ist, dass man sich das Straßennetz Madagaskars so vorstellen muss, dass es jeweils eine geteerte Straße zu den größeren Städten gibt. Und das ist zugleich auch die einzige befahrbare Straße in die Städte. Man kann die geteerten Straßen ohne Probleme auf eine Landkarte Madagaskars einzeichnen, da es so wenige sind. Dennoch ist auf den Straßen erstaunlich wenig los, da Reisen für die hiesigen Gehaltverhältnisse sehr teuer ist (die Fahrt mit dem Buschtaxi von Ambanja nach Tana und wieder zurück kostet 90.000 Ariary (31,50 Euro) und braucht so fast ein ganzes Lehrergehalt von 100.000 Ariary, das entspricht 35 Euro (als gut verdienender Lehrer) auf. Selbst auf den wenigen geteerten Straßen, die die einzigen Verbindungsstraßen in die verschiedene Teile Madagaskars sind, trifft man nur ab und zu auf einen LKW oder ein anderes Buschtaxi, sehr selten auf Privatautos und ab und zu tauchen kleine Siedlungen aus Hütten am Straßenrand auf, doch die meiste Zeit ist man alleine in dieser endlos weit scheinenden Landschaft unterwegs. Ich bin mir sicher, dass einem mehr Autos begegnen, wenn man in Marburg auf der Autobahn von einer Ausfahrt zur anderen fährt, als wenn man auf Madagaskar 900 km von Ambanja in die Hauptstadt fährt (auf der einzigen befahrbaren Straße!). Dieses überschaubare Straßennetz macht natürlich zum einen die schlechte Infrastruktur deutlich, zum anderen ist klar, dass wenn die Straße blockiert ist, in unserem Fall von einem LKW, kein Durchkommen mehr möglich ist. Buschtaxistau im Busch! Die Straße in Richtung Norden ist einfach abgeschnitten, es gibt keinen Alternativweg. Da der LKW schon seit 16 Uhr am vorigen Nachmittag dort so lag, hatte man schon versucht eine neue Straße freizulegen. Da es jedoch in der Nacht geregnet hatte, steckten nun noch zudem einige Buschtaxis im Schlamm fest und kamen nicht mehr vorwärts. Wie der LKW in diese Lage kam, ließ ich mir von einem Freund von ihm erklären, der erzählte, dass der Fahrer ausgestiegen sei, um Benzin nachzufüllen. Er hatte jedoch den LKW an einem kleinen Hang abgestellt und wie hier üblich 20 Tonnen über dem Zulassungsgewicht geladen. Die Bremsen hielten also nicht mehr stand, der LKW geriet ins Rutschen und war nicht mehr aufzuhalten. Glücklicher Weise fanden wir auf der anderen Seite ein Buschtaxi, das bereit war uns mitzunehmen. Nach 2 weiteren Stunden und voll gequetscht, bis wirklich kein Platz mehr war (auf 14 Plätzen, 24 Leute) ging es dann weiter Richtung Ambanja. Über unseren Anblick schien sich besonders die Polizei zu freuen, die kräftig an uns kassierte.

Neujahr verlief dann ziemlich unspektakulär: wir kamen an und der Strom war mal wieder nicht da. Die Leiterin der Gemeinschaft fand dann raus, dass das schon seit einem Tag so sei und daran liegen würde, dass ein Kabel durchgeschmort sei, was aber noch nicht ersetzt worden sei und somit war unser ganzes Viertel Ankatafahely betroffen. Da wir von der schlaflosen Nacht unglaublich müde waren, hielten wir es gerade einmal bis 21 Uhr mit spielen im Kerzenschein durch (ab 18 Uhr ist es hier dunkel). Nicht einmal Musik hören konnten wir zum Neujahr! Wir gingen also schlafen und wurden um Mitternacht von den lauten Menschen auf der Straße geweckt, standen auf, dankten dem Herrn, wünschten uns ein frohes neues Jahr und gingen wieder schlafen. Ich freue mich jetzt schon darauf nächstes Jahr wieder „richtig“ Neujahr zu feiern! =)

Ferien-Mahajanga

Das spannendste, was ich in den Ferien erlebt habe war mal wieder die Buschtaxifahrt: Es scheint einfach, als würde keine Fahrt im Moment ohne Komplikationen verlaufen. Anmerkung: Wen das Thema schon langweilt, kann dieses Kaptil ja auch einfach überspringen =) Aber ich will es kurz machen: um 13 Uhr war ich beim Buschtaxi, wie vereinbart, um 16.15 Uhr fuhren wir endlich los. Nach kurzer Zeit: der erste (!) platte Reifen. Routiniert wurde der Reifen gewechselt und weiter ging die Fahrt. In der Abenddämmerung hielten wir in einem größeren Dorf, der platt gewordene Reifen wurde gepariert und wieder aufgezogen. Wir fuhren weiter, und ich sollte das erste Mal erleben, wie es sich anfühlt in einem Auto zu sitzen, dessen Autoreifen platz. Wieder wurde der Reifen gewechselt, die Fahrt ging weiter. Mittlerweile fing es an zu regnen oder besser gesagt zu schütten. Wir fuhren durch eine Wand aus Wasser und leider „regnete“ es auch im Buschtaxi, trotz geschlossener Fenster, sodass ich schon nach kurzer Zeit völlig durchnässt war. Weitere 2 Stunden später wieder ein ungeplanter Stop: der dritte Reifenwechsel und das im strömenden Regen. Die restliche Nacht sollten wir dann jedoch ohne weitere Panne durchkommen, doch die Straße wurde mit dem vielen Regen immer schlechter und teilweise fuhren wir durch überschwemmte Teile der Straße. Höher als 30 cm kann der Wasserstand jedoch nicht gewesen sein, da ich durch die Löcher, die im Boden klafften, die Wasseroberfläche sehen konnte und sonst wären unsere Füße ja auch schnell nass geworden. Um 5 Uhr morgens hielt das Auto an, ich war gerade eingenickt, der Fahrer öffnete die Tür, hielt mir meinen Rucksack entgegen und fuhr ohne ein Wort weiter (ich hatte mit ihm abgesprochen, dass er mich an dieser Straßenecke absetzten sollte, doch kam es dann doch ziemlich überraschend). In der Morgendämmerung stand ich dann also mit meinem Rucksack bepackt auf der Straße einer fremden Stadt: Mahajanga. Ich war endlich angekommen.

Da uns nun die Regenzeit voll erwischt hatte und es die ganze Woche regnete war mein Aufenthalt in Mahajanga nicht sehr interessant und aus Urlaub wurde die schwierigste Zeit, die ich bisher hier hatte. Einen geplanten Ausflug in einen nahe gelgenen Nationalpark, auf den ich mich schon sehr gefreut hatte und geplante Strandbesuche (da Mahajanga eine Hafenstadt ist) fiel wortwörtlich ins Wasser. Nur für ein paar Stunden konnte ich durch die Stadt schländern, doch bis zum Strand kam ich leider nie. Bei dem ganzen Tag drinne sitzen und wirklich nichts zu tun haben (ich hatte nur meinen mp3-player dabei, sonst nichts womit ich mich hätte beschäftigen können) kommt man dann doch ganz schön ins Grübeln und für zwei Tage packte mich das Heimweh. Umso erleichterter war ich dann, als ich wieder ins Buschtaxi Richtung Ambanja steigen konnte. Meine Reisegesellschaft war ganz schön lustig gestimmt, die ganze Zeit lief madagassische Musik, zu der eine Frau die ganze Fahrt über lautstark sang (sie kannte wirklich jeden Text, ich war erstaunt) und aus den hinteren Reihen erklang immer wieder lautes Gelächter. Schlafen mal wieder unmöglich =) Gegen Mitternacht hielten wir abrupt an. Vor uns tat sich ein See auf: vom starken andauernden Regen war die Straße komplette überschwemmt. Es hieß abwarten und schließlich wurde das Buschtaxis im Leerlauf durchgeschoben und wir liefen hinterher. Auch eine Erfahrung nachts unter Vollmond durch über kniehohes Wasser zu warten, zum Glück war es angenehm warm. Das ganze sollte sich noch zwei Mal wiederholen. Willkommen in der Regenzeit! Am Straßenrand standen einige LKWs neben denen sich die Fahrer in Gruppen zusammen gesetzt hatten, um gemeinsam auszuharren, bis die Fahrt weiter gehen konnte oder sie schliefen unter ihren LKWs. Immer, als ich an ihnen vorbei kam, brachen sie in Gelächter aus und auch die Menschen mit denen ich unterwegs war hatten anscheinend ihren Spaß. Ab und zu hörte ich das Wort „vazaha“ (Weiße) raus und da ich die einzige Weiße weit und breit war, mussten die Leute wohl mich meinen. Eine Frau (Ärtzin, also sprach sie gut französisch) schloss zu mir auf und übersetze mir: „Die Weiße leuchtet in der Nacht!“. Ich schaute an mir runter und in der Tat: mit dem Schein des Vollmondes war ich gut in der Nacht zu erkennen, während die Madagassen, auf Grund ihrer Hautfarbe, in der Nacht „verschwanden“. Die heitere Stimmung auf Grund der „leuchtenden Weißen“ (so etwas hatten sie anscheinend noch nie gesehen) hielt noch lange Zeit an und im Buschtaxi hieß es dann: „Le vazaha, notre guide!“ („Die Weiße, unser Wegführer!“). Um vier Uhr morgens musste ich das Buschtaxi in Antsohihy wechseln, noch 178 km Fahrt lagen vor mir und bis wir Antsohihy verlassen würden, vergingen noch 3 Stunden. Nach einem weiteren Reifenwechsel, nach kurzer Fahrt, waren wir endlich auf der Strecke und ich dachte, dass wir bald da sein würden, doch Pustekuchen! Die Buschtaxifahrt nach Norden ist wie eine Art Sammeltaxi. Da, wie gesagt, die Buschtaxis eine wichtige Verbindung auf den einzigen Verbindungsstraßen in alle Himmelrichtung darstellen, und für die meisten Menschen die einzige Möglichkeit ist von A nach B zu kommen. So standen immer wieder Menschen am Straßenrand, die dazu stiegen oder Leute stiegen aus. Die Fahrt schien immer mehr zu einem Versuch zu werden, ins Guinnesbuch der Rekorde zu kommen. Das Buschtaxi schien schon bis zum Rand voll, jeder Platz und jeder Schoss war besetzt, doch „einer geht noch!“ war wohl das richtige Motto. 5 Personen zusätzlich? Kein Problem, dann wird eben bei offener Tür, auf dem Trittbrett stehend und sich am Dach festhaltend mitgefahren. Wie zu erwarten gefiel den Polizisten dieser Anblick nicht, oder doch, eigentlich gefiel er ihnen sehr gut, denn so würde es ordentlich im Geldbeutel klingeln. Immer wenn wir eine Polizeikontrolle von weitem sahen, ging Unruhe durchs Buschtaxi, „tsys vola!“ („kein Geld!“). Soll heißen, dass sich kein Schmiergeld mehr in den Papieren befand. Hecktisch wurde Geld aufgetrieben und so unauffällig wie möglich, da wir schon fast an der Kontrollstelle waren, dem Fahrer zugeschoben, der es dann in die Papiere schob. Warum so eine Geheimnistuerei daraus gemacht wird, verstehe ich jedoch nicht. Vor wem soll der Schein gewahrt werden und wer soll von dieser Schmiergeldaktion nichts mitbekommen? Alle im Buschtaxi wussten bescheid und der Polizist wartete nur so auf das Geld. Übrigens sind die Polizisten meistens sehr freundlich (warum auch nicht, bei dem vielen Geld, was sie täglich machen) und an den Anblick von den großen Maschinengewehren, die sie immer lässig über die Schulter hängen haben, gewöhnt man sich auch irgendwann. Wobei ich leider nicht daran zweifel, dass sie auch funktionsfähig und nicht nur Attrappe sind. Wir schienen fast angkommen, nur noch 12 (!) km bis Ambanja, und noch befanden wir uns mitten im Busch, da erwartete uns eine neue Überraschung: das Benzin war ausgegangen! In der Mittagshitze (es hatte den ganzen Morgen lang nicht geregnet) hieß es dann so schnell wie möglich aus dem sich aufheizenden Auto steigen, sich einen Schattenplatz suchen und abwarten. Eine Stunde später brachte uns dann ein anderes Buschtaxi Benzin, die Fahrt konnte weiter gehen und nach 20 Stunden Fahrt und davon alleine 9 Stunden für die letzten 178 (!) km kam ich endlich wieder in Ambanja an. Ich wurde sehr herzlich von den Schwestern empfangen und froh nach dieser Reise und diesem „Urlaub“ wieder „zu Hause“ zu sei.

Was mir aber bei meinen BUSCHtaxifahrten nach Mahajanga und zurück besonders bewusst geworden ist, ist welche Bedeutung das Wort BUSCH hat. In der Tat fährt man die meiste Zeit einfach nur durch die weite Landschaft Madagaskars und außer Busch ist nichts zu sehen. Das bereitet natürlich besondere Probleme bei Pannen und wenn das Benzin knapp wird, vorallem, da das Handynetz im Busch sehr unzuverlässig ist. So gibt es von Antsohihy bis Ambanja keine einzige Tankstelle, die beiden Städte liegen zwar nur 178 km auseinander, doch wie ich erfahren musste, braucht man für diese Strecke ja dennoch 9 Stunden.

Übrigens hat jetzt die Regenzeit (im Hochsommer) begonnen, die Straßen sind überflutet und die Verbindung in manche Teile Madagaskars ist abgeschnitten. Auch wir (in Ambanja, im Norden) hatten für ein paar Tage keine Möglichkeit in die Hauptstadt zu kommen, bis Boote zu den überschwemmten Stellen gebracht wurden, um die Passagiere überzusetzten, während auf der anderen Seite andere Buschtaxis von der Hauptstadt kommend auf die Reisenden warteten. Wenn man Pech hat, und das Weiterfahren durch den Regen oder andere Umstände unmöglich ist, muss man dann schon mal ein oder zwei Nächte oder Tage im Busch ausharren, bis es weiter gehen kann. Die Natur hat hier ganz andere Kräfte, als wir in Deutschland kennen und die Leute sind dem einfach ausgeliefert.

(Ein paar Eindrücke Madagaskars unter “Fotos” “Ferien-Mahajanga”)

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