Schule, Kinder, Reisernte, Madagaskar halt…

Kinder, Kinder, Kinder… Schule!

Vorne weg: meine Arbeit macht mir mehr denn je Spaß. Die Schüler und ich haben einen guten Umgang miteinander gefunden, ich kann mittlerweile ganz gut abschätzen, was ich meinen Schülern zutrauen kann und mit welchen Unterrichtsmethoden ich sie am besten erreiche und sie mit Spaß dennoch gut etwas lernen. Ich bin einfach happy über die Kinder und soviel mit ihnen (auf viele verschiedene Arten) arbeiten zu könnnen und gehe nach wie vor jeden Tag voller Freude zur Schule, keinen Tag will ich missen.

Doch leider gibt es auch eine unschöne Seite, die mich mehr und mehr belastet. Wie soll ich anfangen? Meine Kollegen sind privat wirklich super nett und ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen, doch als Lehrer und Pädagogen sind sie für mich unerträglich. Es ist für mich schwer mit anzusehen mit welcher Lustlosigkeit sie an die Arbeit gehen und mit den Kindern umgehen, solch Unmotiviertheit, so viel Unverständnis, keine Einfühlsamkeit (vorallem nicht für geistig behinderte Kinder, die hier in den normalen Klassen mitlaufen), solch eine Lieblosigkeit! Die meiste Zeit sehe ich die Lehrer mit wutverzerrten Gesichtern die Kinder anschreien und im Normalfall und was noch schlimmer ist: SCHLAGEN. Körperliche Strafen sind an der Tagesordnung, die Lehrer geben selbst zu, dass sie nicht anders mit den Kindern umgehen können. (Seit diesem Jahr ist Schlagen verboten und ein Lehrer sagte im Ernst zu Sr. Alice, der Direktorin, dass er, wenn er nicht eh bald in Rente gehen würde, den Lehrerberuf aufgeben würde, da er es nicht aushält/erträgt, die Kinder nicht zu schlagen, da sie ihm sonst auf der Nase rumtanzen würden. Übrigens schlägt dieser Lehrer trotz Verbot fleißig weiter, wie die meisten Lehrer.) Die Lehrer, die sich etwas an das Verbot zu schlagen halten, sind jetzt dazu übergegangen an Ohren zu ziehen, zu kneifen oder die Kinder in der Sonne im Schulhof knien zu lassen.

Ich habe lange nicht darüber geschrieben, weil ich mir immer eingeredet habe, dass das bald schon aufhören wird, schließlich ist Schlagen seit DIESEM Jahr (jaja, Madagaskar hängt in der Entwicklung etwas hinterher) vom Staat und konkret in Ambanja vom Bischof verboten und steht auch in der Schulordnung. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich das Thema bei Tisch angesprochen habe, wie oft ich gehofft habe, dass die Direktorin mit den Lehrern spricht, wie oft ich zu hören bekommen habe, wie schlimm das sei und mit Schlagen endlich aufgehört werden müsse und wie oft ich wieder an Klassen vorbei kam, aus denen man schon von weitem das Pfeifen des Rohrstocks und das Aufprallen auf der Haut der Kinder gehört hat. Wie oft musste ich sehen, wie Kinder auf Finger, Oberarme und Waden geschlagen wurden, selbst die Kleinen werden mit Rohrstock zur Toilette begleitet und selbst in der Kirche wird ausgeteilt. Und das an einer katholischen Missionsschule der Gemeinde!!!

Lange Zeit habe ich immer wieder Entschuldigungen gesucht und gefunden, warum die Direktorin nicht stärker dagegen vorgeht (schließlich habe wir wirklich viel darüber gesprochen und sie stimmt mir völlig zu), ich weiß, dass sie viel zu tun hat und sie es bei Konferenzen immer wieder anspricht, doch langsam kann ich ihre Passivität nicht mehr ertragen. Seit über einem halben Jahr besteht das Verbot offiziell, doch es hat sich kaum etwas geändert. Meine absolute Horrorerfahrung machte ich im Sportunterricht mit den Kleinen (6-jährigen), wo mir dann auch der Kragen platze und ich für mich beschlossen habe, dass es so nicht mehr weiter gehen kann:

Es war Sportunterricht, die Kinder sollten rumtoben können und einfach Spaß haben, doch die Lehrerin (die mich begleitet hatte), war die ganze Zeit damit beschäftigt die Kinder anzubrüllen und da sie ihren Stock im Klassenraum vergessen hatte, suchte sie sich schnell Ersatz und fing an die Kinder wegen jedem verpassten Einsatz, was zum Spiel dazugehört und das Spiel spannend und ausmacht, oder wenn sich die Kinder zu sehr und zu laut über einen gewonnen Punkt freuten, zu schlagen. Dazu verstand ich und die Kinder mein eigenes Wort nicht mehr und ich musste gegen das wütende Gebrüll der Lehrerin regelrecht anschreien, davon merkte sie aber nichts. Sie tobte weiter zwischen den Kleinen. Was sollte ich tun? Äußerlich versuchte ich das Spiel normal weiter zu führen und mich mit den Kinder zu freuen, schließlich sollten sie nicht noch zusätzlich durch mich bestraft werden, dadurch dass sie merken wie sauer ich war. Ich machte Wort wörtlich „Gute Miene zum bösen Spiel“ und noch nie hat die Aussage so sehr zugetroffen. Innerlich kämpfte ich sehr mit mir, dagegen in Tränen auszubrechen und dagegen die Lehrerin zurrecht zu weisen (die Worte lagen mir auf französisch und madagassisch schon auf der Zunge, was in meinem wütenden Zustand aber eine absolute unangemessene und unkontrollierte Auseinandersetzung mit der Lehrerin bedeutet hätte und zudem vor den Kindern einfach unangebracht). Körperlich nahm mich das ganze Theater auch ziemlich mit, als ein kleiner Junge mal wieder häftige Schläge kassierte (der dazu gestig behindert ist), wich mir anscheinend die Farbe aus dem Gesicht, es fühlte sich zumindest so an und auch die Kinder guckten mich völlig entgeistert an, bis ich mich wieder gefangen hatte.

Nach dem Sportunterricht hatte ich mich dann zum Glück wieder soweit beruhigt, dass ich die Lehrerin ruhig fragen konnte, warum sie die Kinder schlage und wies sie freundlich darauf hin, dass es doch jetzt auch nach den Regeln offiziell verboten sein. Außer einem Schulterzucken bekam ich aber keine Antwort von ihr.

Das ganze ist jetzt schon fast 2 Wochen her, aber beim Schreiben merkt man wahrscheinlich (und ich selber auch wieder) wie sehr mich das doch mitgenommen hat. Es war auf jeden Fall schwer den Unterricht der anderen Klassen an diesem Nachmittag normal weiter zu führen. Auch hatte ich Angst vor der nächsten Sportstunde, würde sie wieder schlagen? Ich wollte auf keinen Fall zulassen, dass in meinem Unterricht die Kinder geschlagen werden und hatte schon überlegt sie zu bitten, mich nicht zu begleiten. Zum Glück schlug sie nicht, wir konnten uns sogar nett unterhalten, sie lachte sogar mit den Kindern (und nicht über sie) und am Ende der Stunde konnte ich mich bei ihr bedanken, dass sie nicht geschlagen hatte, mehr kann ich nicht tun.

Ich weiß nicht, übertreibe ich in meiner Reaktion? Zumindest komme ich mir hier so vor. Die Kinder erleben schon zu Hause so viel Leid, die familiären Situationen sind wirklich mehr als schwierig, die Hälfte der an der SEVEMA lernenden Kinder leben bei ihrer Großmutter, da sie von ihrer Familie nach einer Trennung der Eltern einfach „abgeschoben“ wurden. Kinder werden wie Sand am Meer gezeugt, doch Zuneigung und wirkliche Elternliebe erfahren nur die wenigsten, doch dazu (die Mentalität der Menschen in Ambanja) später einmal mehr. Sollten die Kinder nicht wenigstens in der Schule etwas Zuneigung erfahren können? Schließlich verbringen sie ihre Zeit von morgens um 7.30 Uhr bis 16.30 (oder sogar von 7.00 Uhr bis 17.30 Uhr für die Großen) an der Schule.

Es ist aber sehr schwer als (noch dazu sehr junge) Freiwillige (im Vergleich zum Alter von meine Kollegen), die zudem aus Europa kommt, also von Außerhalb, die also die Lebensrealität hier nicht kennt und sich anmaßt sich einzumischen, etwas dazu zu sagen. Zum Glück habe ich ein wirklich gutes und freundschaftliches Verhältnis zu den Lehrern, so kann ich sie freundlich darauf ansprechen, warum sie schlagen, sonst würde die Situation vermutlich schlechter für mich ausgehen. Wie gesagt, mit der Direktorin spreche ich öfters darüber, sie ermutigt mich weiter dazu die Lehrer darauf aufmerksam zu machen, aber es ist sehr schwer, da ich offiziell keinen Rückhalt habe, da die Direktorin offizielle nicht so sehr das große Thema daraus macht, dass Schlagen verboten ist. Ich komme mir dabei also völlig so vor, als wenn ich als Einzelgänger gegen eine Wand rennen würde und ich muss aufpassen, dass die Wand nicht irgendwann zurück schlägt. Wie gesagt, von den Schwestern und vom Bischof (der Salesianer Don Boscos ist und somit mit den Schwestern sehr eng) habe ich volle Rückendeckung, doch was bringt mir das, wenn das keiner weiß? Für meine Kollegen muss es momentan so aussehen, als wenn die junge weiße Freiwillige aus Europa, die gerade einmal ein Jahr auf Madagaskar verbringt und dann in ihr altes „schönes“ Leben zurück kehrt, ein bisschen rebelliert. Ich muss das richtige Maß finden und halten und mit den Lehrern reden, sonst bringt das den Kinder (vorallem auf Dauer) auch nichts.

Es ist leider nicht nur das Schlagen, was mich an der Schule so den Kopf schütteln lässt. Es ist wie gesagt die gesamte Haltung der Lehrer. Die Lehrer krümmen keinen Finger zu viel, selbst das Nötigste erledigen sie nur mit Murren. Was sind das für Vorbilder als gute Christen, die sich untereinander vor den Kindern über Kleinigkeiten zerfleischen (die Lehrer stritten so heftig miteinander, dass eine Lehrerin in Ohnmacht fiel)? Was sind das für Vorbilder als gute Christen, die in der Messe, die dienstagsmorgens immer mit der ganzen Schule gehalten wird, nicht der Lithurgie und den Lieder folgen, sondern schlafen oder einfach mehrmals die Messe verlassen?!

Wie kann es sein, dass die Eltern extra bezahlen müssen, damit die Großen Unterricht ab 7 Uhr haben, ich aber um 7.30 Uhr den Klassenraum betrete und der Lehrer erst über eine Stunde später eingetrudelt kommt? Wie kann es sein, dass sich die Lehrer beschweren, dass die Zeit nicht reicht, die Kinder auf die Abschlussprüfung der Grundschule vorzubereiten, sie aber nicht pünktlich zum Unterricht erscheinen, nach Schulgong, wenn die Schüler schon längst im Klassenraum sind, gemütlich über den Schulhof schlendern (oder auch mal während der Unterrichtszeit) oder sich quatschend vor den Klassenräumen treffen. Gerade einmal 34% der Schüler haben den Probelauf dieser Abschlussprüfung bestanden und meiner Meinung nach liegt das nicht an den Schülern. Bei der Korrektur des Tests ging zudem auch einiges Schief. Allein beim bloßen Drüberlesen der korregierten Tests fallen grobe Korrektionsfehler auf, die den Kinder schlicht ganze Notenpunkte kosten und die korregierten Tests will man den Schülern vorenthalten, weil sich die Kinder dann beschweren könnten (ein Mädchen beschwerte sich, dass im Zeugnis 0 Punkte eingetragen waren, obwohl sie 7 geschafft hatte).

Was ist das für ein Umgang mit den Kindern, ihnen ins Gesicht zu sagen, dass sie dumm sind. Was ist das für ein Umgang, ein Kind zu sich zu rufen und mir als „verrückt“ vorzustellen, was ist das für ein Umgang mit der ganzen Klasse über ein Kind zu lachen? Was das alles in den Kindern kaputt machen muss…

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich völlig wütend, enttäuscht und völlig entgeistert, den Tränen nahe, von der Schule nach Hause kam. Was mir dann immer etwas hilft ist, mich bei den Schwestern „ausheulen“ zu können. Sie sehen die Dinge und die Situation an der Schule zum Glück genauso wie ich, doch hilft das den Kindern leider auch nicht viel, weil sich nicht viel ändert…

Ich will trotzdem dazu sagen, dass der Staat einen großen Teil dazu beiträgt, dass die Situation an den Schulen so ist, wie sie ist. Es ist keine Ausbildung notwendig, um Grundschullehrerin zu werden. Wenn man sein Abi bestanden hat, kann man sofort als Grundschullehrer anfangen, eine pädagogische Ausbildung kann man also nicht vorraussetzen, doch mit Motivation und Erfahrung könnte man soviel wett machen. Leider arbeiten die Lehrer so motiviert und gerne mit Kindern zusammen, wie sie am Markt Gemüse verkaufen würden. Lehrer sein ist für sie nur ein Job, ein Job, um Geld zu verdienen und man muss die Zeit eben irgendwie rumkriegen.

Was mich dennoch motiviert weiter machen lässt, sind einfach die Kinder. Sie sind unglaublich, trotz alle dem, was sie aushalten müssen!

Aufs Schulgelände zu kommen und von unzähligen strahlenden Kindern begrüßt zu werden ist das größte Geschenk, was mir die Kinder machen können. Und das täglich!

Es ist immer wieder ein wunderbarer und rührender Augenblick, wenn mich die Kleinsten der maternelle erblicken, auf mich zugerannt kommen, mich umringen und jeder einzeln mir die Hand geben will, um mir „Bonjour Mademoiselle!“ zu sagen.

Es ist ein motivierender Augenblick, wenn ich an den Klassenräumen vorbeigehe und mir Kinder freudig entgegenstrahlen und winken.

Es ist ein erstaunlicher Augenblick, wenn ich zum Englischunterricht voller Freude begrüßt werde und die Kinder so motiviert sind mitzuarbeiten und etwas an die Tafel schreiben zu dürfen, dass sie sich nicht auf ihren Plätzen halten können und mir, mit zur Meldung in die Luft gestreckten wedelnden Händen, entgegen kommen. Nicht wenig Zeit meines Unterrichts bin ich damit beschäftigt die Kinder auf ihre Plätze zurück zu weisen und daran zu erinnern, dass sie sich sitzend melden sollen (die Kinder sind nicht gewöhnt sich melden zu müssen, da sie durch den Frontalunterricht nur sehr selten die Chance bekommen überhaupts mündlich mitzuarbeiten), doch sobald ich mich wieder zur Tafel drehe, um etwas anzuschreiben und mich wieder der Klasse zuwende steht schon wieder der größte Teil der Klasse weit entfernt von ihren Sitzplätzen in den Gängen und ich kann mir ein Lachen einfach nicht verkneifen.

Es ist ein bestätigender Augenblick, wenn selbst die Kleinsten in den Pausen oder nach Schulschluss zu mir kommen, um versichert zu bekommen, dass wir auch die nächste Woche wieder zusammen Sport machen werden und die Großen anfangen nach Stundenende weitere Minuten rauszuhandeln.

Es ist ein rührender Augenblick, die Freude der Kinder zu erleben, wenn ich mit ihnen madagassisch rede.

Es ist ein Augenblick purer Freude, wenn man den Kindern beim Seilspringen (beim großen Springseilschwingen) zuschaut und sieht, wie sie alles um sich herum zu vergessen scheinen und einfach Spaß haben.

Es ist ein aufmunternder Augenblick, wenn ich durch Ambanjas laufe oder mit dem Rad fahre, mich Kinder erkennnen, auf mich zukommen und lachend begrüßen.

Täglich fühle ich mich an den Satz einer ehemaligen Freiwilligen erinnert, die wir auf einem Vorbereitungsseminar in Deutschland trafen: „Gib viel, dann bekommst du viel, viel, viel mehr zurück.“

Was man von den Kindern zurück bekommt ist einfach unglaublich und eigentlich nicht in Worte zu fassen, obwohl sich mein Bericht schon furchtbar schnulzig anhört, es ist noch mehr. Dieses Lachen der madagassischen Kinder, das einfach das ganze Gesicht erreicht, so offen, so ehrlich, so pure, unbetrübte Freude trotz des harten Lebens, was sie hier leben. Trotz Hunger und dem ständigen Bangen, ob die Schulgebühren für den nächsten Monat bezahlt werden können, trotz der sehr schwierigen familiären Situationen, trotz der Armut. Wenn die Kinder lachen, scheinen sie alles Leid zu vergessen und strahlen pure Freude aus.

Mitsongo vary, Reisernte!

Zwei wundervolle Tage an denen ich Madagaskar pur erleben konnte, verbrachte ich mit „meiner“ madagassischen „Familie“ auf dem Land beim Reisernten. In meine madagassische „Familie“ bin ich mit der Zeit, man könnte sagen, irgendwie „reingewachsen“. Vom ersten Tag an arbeitete ich mit Mme Irène zusammen und wir verstanden uns super, unser Verhältnis wurde immer vertrauter, ich war öfters bei ihr zu Hause, wurde von ihr besucht, wenn ich krank war, fuhr bei ihr vorbei, sobald ich wusste, dass sie krank ist, startete meine ersten Madagassisch-Sprachversuche mit ihr und spielte oft mit ihren Kindern Justicia und Justicio. Die Familie „adoptierte“ mich nach und nach als große weiße Tochter und große Schwester, bis ich auf dem Land auch in die Verwandtschaft eingeführt wurde und Mutter, Vater und Geschwistern vorgestellt wurde.

So ging es also einen Samstagmorgen um 7 Uhr mit dem Rad zum Familienausflug „à la campagne“. Vor mir Irène mit Justicio (4 Jahre), ich, der „vazaha be“ (große Weiße), mit Justicia (7 Jahre) auf dem Gepäckträger und abschließend Justin mit all dem restlichen Gepäck, was man halt alles so für die Reisernte braucht.

Eine Stunde dauerte die Fahrt und ging zunächst noch die Straße entlang, doch schon bald bogen wir auf einen Feldweg und das letzte Stück legten wir über Stöcke und durch Löcher holpernd und Schlammlöcher ausweichend durch einen Kakaowald zurück. Obwohl soweit abgelegen von Ambanja, dem nächst größeren Städtchen mit Schulen, kamen wir durch Siedlungen aus kleinen Hütten, in denen es nur so vor Kindern wimmelte. Vermutlich verbringen diese Kinder ihr Leben lang auf dem Land, wo die Erde ihnen alles gibt, was man zum Leben braucht und werden nie auch nur ein Wort lesen geschweige denn schreiben können. Von wem sollten sie es dort denn auch lernen? (Übringens kommt es auch immer wieder vor, dass Kinder die Grundschule abbrechen, um arbeiten zu gehen. So zog es ein Junge und seine Familie aus einer meiner Klassen vor, Rinder zu hüten. Junge Mädchen werden oft in Haushalte geschickt, wo sie von früh morgens bis spät in die Nacht für ein Monatsgehalt von etwas mehr als 10 Euro arbeitet. Kinderarbeit ist ein großes Thema auf Madagaskar!)

Nach also etwa einer Stunde, weit abseits der nächsten Siedlung, kamen wir beim Haus von Justins Vater an, wo er sein ganzes Leben verbringt. Keine Elektrizität, kein fließend Wasser, nur ein Brunnen im Garten, keine Sanitären Anlagen (nur ein mit einem Sichtschutz abgetrenntes Stück Erde hinter dem Haus), mehrere kleine Holzhütten, gedeckt mit Blätterdächern, die als Küche, Wohnung und Gästehütte dienen, rumlaufende Hühner und Gänse, ein Reisfeld, das genug Reis fürs ganze Jahr liefert und ein Garten mit Mandarinen, Orangen, Pampelmusen, Papaya, Bananen, Mangos, Fines (eine Riesenfrucht, bis zu 20 kg schwer und zuckersüß), Kakaofrüchte, Kaffee, Vanille und vermutliche noch viel mehr Früchten, die ich noch nicht entdeckt habe und Gemüse.

Es wurde sich umgezogen (selbst die Madagassen trugen langärmlig, als Schutz gegen die Sonne), mir wurde ein Strohhut mit einer sehr breiten Krempe geliehen und schon ging es aufs Feld. Am ersten Tag hatten wir Glück, da noch Wasser auf dem Feld stand und so immerhin die Füße etwas Abkühlung hatten, während die Sonne erbarmungslos vom strahlend blauen Himmel knallte. (Bezahlen musste ich jedoch dafür mit einer unschönen Entzündung eines Moskitostichs am Fuß, das Wasser war wohl nicht ganz so keimfrei…).

Justin erklärte mir beim Ernten, wie der Reisanbau funktioniert und selbst die Kleinen ernteten mit, während im Feldradio Musik lief, die zum arbeiten motivierte.

Nach nicht einmal einer Stunde fühlte ich mich von der Sonne völlig gegrillt, trotz ständigem eincremen mit Sonnencreme brannte meine Haut und ich kehrte mit den Kindern und Irène zum Haus zurück. Während die Kinder und ich rumtobten und spielten, sie mir beim Haare flechten fast die Haar ausrissen (ich sag euch, sich die Haare von Madagassen flechten lassen ist kein Zuckerschlecken und endet oftmals mit üblen Kopfschmerzen) und die Großmutter im Schatten döste (wie den ganzen Tag lang und die meisten Menschen hier), bereitete Irène das Essen (Reis, wie drei Mal am Tag) für die hungrigen Feldarbeiter vor. Gekocht wurde draußen, über offenem Feuer und mit der Zeit verschwand eine Ente hinter dem Haus, großes Gequaken, dann Stille und Irène kam mit einer kopflosen Ente zurück, die dann gerupft und gekocht wurde. Auf dem Land hat man eben alles, was man zum Leben braucht.

Gegessen wurde kurze Zeit darauf gemeinsam aus einer großen Reisschüssel, drumherum auf dem Boden sitzend und getrunken wurde Reiswasser, was mit Reisresten im Reistopf abgekocht wurde. In dem Augenblick gab es nichts besseres, als den Reis, der vom Feld kommt, auf dem man gerade gearbeitet hat, auch wenn es dazu nur eine magere Ente gab, die wir uns mit 10 Leuten teilten, mehr können sich die Leute hier nicht leisten. (Übrigens habe ich in der Tat noch nie so guten Reis hier gegessen, da der madagassische Reis, der wirklich gute Qualität hat, ins Ausland verkauft wird, um dann mehr qualitätsminderen Reis aus Asien einkaufen zu können, auch bei den Schwestern essen wir so Reis aus Asien, obwohl es auf Madagaskar überall Reisfelder gibt. Die Madagassen sind übrigens führend, was den Reisverzehr pro Kopf angeht. Kein Wunder, wenn ich mir die Berge Reis anschaue, die die Madagassen morgens, mittags und abends in sich reinschaufeln.)

Zum Nachtisch wurde ich dann mit Mandarinen und Kakaofrüchten verwöhnt, von denen man das süß-saure Fruchtfleisch ist, was man um die Kakaobohnen findet.

Nach einem kurzen Mittagsschlaf ging es dann wieder zurück aufs Feld, um noch ein bisschen gegrillt zu werden, den Reis einzusammeln und gegen 15.30 Uhr anzufangen die Sachen zusammen zu packen, um noch vor Sonnenuntergang in Ambanja anzukommen. Doch vor unserer Abfahrt versuchte ich mich noch am Reisschälen, was eine Gruppe junge madagassischen Frauen anzog, die gerade bei uns vorbei liefen. Als ich also aufblickte, waren die Frauen in einigem Abstand stehen geblieben, um mir fasziniert bei meiner Arbeit zuzuschauen. So was sieht man ja auch nicht alle Tage! =) (Reisschälen funktioniert übrigens so, dass der getrocknete Reis, der schon von den abgeschnittenen Halmen gelöst wurde in einer „Holzschüssel“, ein besseres Wort finde ich gerade nicht, und einem langen Holzstampfer gestampft wird, dabei löst sich die Hülle vom Reiskorn und anschließend trennt man diese voneinander durch eine besondere Methode, den Reis auf einer aus Stroh geflochtenen, gebogenen Platte, zu werfen. Das mit dem Reiswerfen muss wohl im Blut der Madagassen liegen, selbst die Kinder beherschen das mühelos, während ich mich hoffnungslos abmühe und es dennoch nicht hinbekomme.)

Es ging also den Weg wieder zurück, dieses Mal noch zusätzlich mit Reis beladen. Es dämmerte schon, die Kakaopflanzen, an denen vorbei wir uns unseren Weg bahnten, warfen schon lange Schatten, die Luft war geschwängert vom wunderbaren Ylang-Ylangduft (der ist wirklich einzigartig und sehr intensiv), Frauen wuschen sich und ihre Kinder am Fluss, die jungen Männer kamen uns auf Fahrrädern entgegen, auf dem Weg zu einem traditionellen madagassischen Kampf „Morengy“ genannt (bei dem mit bloßen Händen erbarmungslos gekämpft wird) und vor den Hütten hockten Frauen in bunten Lambas (Tüchern) gekleidet, gelben Masken im Gesicht, die vor der Hitze des Feuers schützen, den Reis fürs Abendessen „putzend“ bzw. werfend.

Müde, aber vollkommen glücklich kam ich von diesen Tagen auf dem Land zurück, die ich einfach mal zu einem Tag zusammen geschrieben habe. Ich bin so dankbar für die Herzlichkeit, die mir von Irènes Familie entgegengebracht wird, es tut gut von Zeit zu Zeit einfach mal in den Arm genommen zu werden, von den Kindern gekuschelt zu werden und liebevoll angelächelt zu werden. Ich danke Gott dafür!

Was ich besonders auf dem Land genieße ist die Ruhe. Weit und breit keine Nachbarn, überhaupt keine Geräusche außer der Natur, ein Erlebnis, was in Deutschland im Trubel des Lebens schwer zu finden ist.

Auch musste ich sehr viel darüber nachdenken, wie man auf dem Land wohl die Zeit verbringt, als ich so der Großmutter beim Dösen zusah. Zeit nach Uhrzeiten gerichtet gibt es nicht, am Stand der Sonne wird sich orientiert, wie es auch noch die meisten, gerade älterern Menschen, in Ambanja (also auch in der Stadt) tun. Fragt man nach der Uhrzeit, wenden sich die Menschen der Sonne zu und als Antwort bekommt man: „Fünf, fünf Uhr.“ (das doppelt genannte „fünf“ bedeutet „etwa fünf Uhr“). Zurück zum Land: Tagtäglich nur mit Schlafen, Essen und Feldarbeit? Sein Leben lang? Ohne Strom und ohne Lesen zu können bleibt nur ein rauschendes Radio, da der Empfang schlecht ist und die Batterien geben auch mal wieder den Geist auf…

Das Leben auf dem Land Madagaskars unterscheidet sich so stark von dem Leben in Deutschland, wie man es sich nur vorstellen kann. Aber auch dort sind die Leute glücklich, zufrieden mit dem was sie haben. Justin sagte zu mir: „Ich bin stolz ich zu sein. Ich bin stolz auf mein Leben.“ Von dieser Einstellung kann man sich in Deutschland gut eine dicke Scheibe abschneiden.

Was gibt es sonst noch so?

Erstkommunion! Bei der Erstkommunion von 200 Kindern und Jugendlichen (die Erstkommunion kann man in Ambanja nur ab 12 Jahren und 3 Jahre Kommunionsunterricht empfangen) bewies sich mal wieder der madagassische Geschmack: Kitsch, viel und pompös. Die Mädchen waren wie kleine Bräute, samt Schleier, gekleidet, die Jungs waren die passenden Bräutigame, ganz nach der madagassischen Mode, mit weißen Handschuhen.

Leider blieben sich die Eltern dem treu, was man hier in Ambanja von ihnen erwartet: sie zeigen ihren Kindern gegenüber wenig Interesse. Passende Anziehsachen für die Kindern gibt es immer, schließlich will man die Ehre der Familie nicht verlieren, aber zur Kommunion des Kindes zum Gottesdienst erscheinen? Nein, warum auch? Leider war es in der Tat so, dass nur sehr wenige Eltern überhaupt zum Gottesdienst erschienen sind. Das ist mir leider nichts neues, selbst beim Weihnachtsfest waren max. 10 % der Eltern erschienen, obwohl die Kinder Vorführungen vorbereitet hatten. Dass sie sich jedoch auch bei der Kommunion nur so sperrlich blicken ließen fand ich dann doch noch schockierender. Kinder gibt es hier eben wie Sand am Meer…

Manchmal ist das Leben bei den Schwestern anstrengend. Ein strikt an Zeiten gebundener, immer gleicher Tagesablauf. Zeiten für Essen, Beten, Spielen (ja selbst dafür gibt es Zeiten und wird von den Schwestern auch eingefordert) und Schlafen. Um 16.30 Uhr habe ich Unterrichtsende, um 18 Uhr ist der Tag (auf jeden Fall meine Freizeit) praktisch schon vorbei: es ist dunkel, das Gebet beginnt, danach Essen und Haushalt, um 21 Uhr endet die Zeit in der Gemeinschaft, die Schwestern gehen schlafen und auch ich falle müde ins Bett. Jeder Tag ist Arbeitstag und trotz Erschöpfung gibt es keine Ruhepausen (ich brauche dennoch meine Auszeiten und nehme sie mir auch). Mit den Schwestern habe ich ein Verhältnis, was nicht enger sein könnte. Über alle meine Gedanken und Sorgen kann ich mich mit ihnen austauschen, ich bin als vollständiges Mitglied der Gemeinschaft, oder besser gesagt der „Schwesternfamilie“, akzeptiert und integriert, was aber auch bedeutet, dass ich als „future soeur Louisa“ („zukünftige Schwester Louisa“, wie mich die Schwestern aus Spaß oft nennen) auch voll in das Leben der Religiösen Ambanjas integriert bin. Wie oft sah ich mich (als einzige Weiße und ohne Schleier) zwischen all den madagassischen Schwestern und Priestern (plus Bischof) Ambanjas für irgendein Fest sitzen (Weihnachten, Neujahr, Ostern, Feier von Marie Domenique, die Gründerin der Ordensgemeinschaft). Gerade gestern Abend stand ein Essen mit allen Religiösen, dem Bischof und dem Vertreter des Papstes (der gerade alle Gemeinden Madagaskars besucht) an. Heute Abend werden sie bei uns essen und die Schwestern erwarten natürlich, dass ich auch anwesend bin. Jedes Mal ein anstrengender Abend mit Smaltalk und Reden und einfach die Zeit absitzen (wenn ich weniger Glück habe sprechen alle am Tisch auch noch ausschließlich madagassisch oder italienisch, da die meisten Besucher aus Italien kommen und alle Schwestern und Brüder Don Boscos italienisch sprechen, da die Gründung in Italien statt fand).

Was also mein Leben bei den Schwestern angeht hatte ich meinen ersten aber zum Glück bisher einzigen Krisentag vor genau 3 Wochen, was damit endete, dass ich mit 2 Italienern, 2 Madagassen und einer Amerikanerin für ein langes Wochenende auf die Nachbarinsel Nosy Be, zu einem Musikfestival, fuhr. Keine geregelten Zeiten, essen und schlafen wann und solange ich will, Pizza (und nicht drei mal täglich Reis), Zeit für mich, ohne ständig irgendwo eingespannt zu sein, Strand und die lauwarme Nacht bei madagassischen Konzerten durchtanzen. Ein Wochenende, was ich bitter nötig hatte, um einfach mal aufzutanken.

Zurück fuhr ich dann wirklich gut gelaunt, freute mich „meine“ Schwestern wieder zu sehen (auch wenn ich nur für 3 Tage weg war) und mit ihnen das Wochenende zu bequatschen, hielt abends ohne mich groß zu ärgern aus, dass das Tischgespräch mal wieder größtenteils auf madagassisch stattfand (ich weiß nicht mehr, wie oft ich die Schwestern schon gebeten habe beim Essen mehr auf französisch zu reden, sie vergessen es aber anscheinend immer wieder… muss man sich eben mit abfinden, auch wenn es manchmal nicht ganz leicht auszuhalten ist) und auch die Waschmaschine, die am nächsten Morgen um 4.30 Uhr direkt neben meinem Zimmer (dessen Wände so dünn sind, dass die Reiszweckenspitzen auf der anderen Seite wieder rauskommen, wenn ich etwas an meine Zimmerwand pinne) angeschmissen wurde, nahm ich ohne Murren hin. Der Schwesternalltag hatte mich wieder.

Was macht Madagaskar so?

Langsam ist es etwas schwer den Überblick zu behalten, wer streikt, oder besser gesagt, wer nicht streikt. 12 Streiks sollen es jetzt schon in 2 Monaten sein. Seit 3 Monaten sind nun schon die Lehrer der öffentlichen Schulen im Streik, da sie seit längerer Zeit vom Staat nicht ihre Gehälter erhielten. Die Schüler in der Hauptstadt reagieren mit einem täglichen Protestmarsch in der Hauptstadt, um die Lehrer aufzufordern ihre Arbeit wieder aufzunehmen und für die Privatschulen geht das Bangen weiter, ob die Abschlussprüfung statt finden werden, oder nicht.

Weitere Streikende waren die Verwaltungsangestellten der Uni und medizinische Angestellte der staatlichen Kliniken, auch ihnen wurden Versprechen zu Gehaltserhöhungen vom Staat gemacht, die bis heute nicht eingehalten wurden (nicht einmal ihr Gehalt wurde ihnen ausgezahlt).

Endlich gingen auch die Buschtaxifahrer gegen die Korruption der Polizisten in Streik. Täglich werden sie abgezockt und zur Kasse gebeten, damit sie ihre Papiere behalten dürfen. 100 Buschtaxifahrer legten also ihre Arbeit solange nieder und blockierten damit die Hauptzugangsstrasse der Hauptstadt, bis ein Kollege die eingezogenen Papiere zurück erhielt.

Seit einiger Zeit gibt es jetzt nun schon mehrere Versuche von friedlichen Kundgebungen gegen die Diktatur und für die Freiheit des Landes in der Hauptstadt. Doch Vorsicht! Solche Kundgebungen sind seit dem Putsch von 2009 strengstens verboten. Die Demokratie lässt grüßen! Die neuen Machthaber haben halt das Gesetz auf ihrer Seite und legalisieren ganz einfach ihre Verbrechen. Genauso wenig macht das Putschistenregime Anstalten seine Repressalien gegen Andersdenkende einzustellen. So wurde bei einer dieser Kundgebungen ein Regimegegner aus dem Kongress der Übergangsregierung (seit 2009) aus fadenscheinigen Gründen verhaftet.

Apropos verhaftet: da man nicht so einfach die Betreiber zwei privater Radiosender (die gegen das Regime sind) verhaften konnte, da die Menschen sonst auf die Barikaden gegangen wären, hat man einfach ihr Equipment eingezogen. Das zum Thema Pressefreiheit der madagassischen „Demokratie“.

Einen neuen Namen erhielt auch der „Platz der Demokratie“, der nun im Volksmund „Platz des Tränengases“ genannt wird, da dort mehrere Kundgebungen von der Polizei mit Tränengas gesprengt wurden.

Auch Demonstrationen der Opposition gibt es jetzt immer öfters in der Hauptstadt. Doch sind das Problem nicht in erster Linie die Demonstranten, sondern eher das Putschistenmilitär, da man nie weiß, wie es reagiert und ob erneut bezahlte Steinwerfer (junge Leute, die einen Lohn von 2 bis 4 Euro erhalten, um Unruhe zu stiften) aktiv werden. Danach kann man die Anhänger der Opposition ja auch „begründet“ festnehmen. Wenn bei dem ganzen Durcheinander nicht das Wort „Polizeistaat“ zutrifft…

Hier ein Bericht eines Bekannten aus der Hauptstadt:

„„Die gestrige Demonstration (…)gegen die seit über drei Jahren herrschende Diktatur eines Ex-DJ in Madagaskar, die Einschränkungen der fundamentalen Menschenrechte und der Pressefreiheit, der Manipulation der Justiz, das Monopol einer kleinen Schicht Reicher im Lande, die politischen Manöver, um die Madagassen zu entzweien, die Repressalien der Armee gegen Andersdenkende, die Ausbeutung der Ressourcen durch das illegale Regime und die rasante Zunahme der Kriminalität hätte eigentlich ganz friedlich ablaufen können.

Einmal mehr trieben die so genannten Ordnungskräfte am Samstag Nachmittag die mehreren Tausend Regimegegner mit Tränengassalven auseinander. Mehr als ein Dutzend Pickups sowie etliche Lastwagen mit schwer bewaffneten und teils vermummten „Gestalten“ machten dem bis dahin friedlichen Szenario ein Ende. Straßensperren, Zerstörungen, Steinwürfe der wegen der vehementen Brutalität des Militärs aufgebrachten Demonstranten waren die Folge.

Das Militär löst ganz bewusst Frust aus, damit Schäden angerichtet werden und die Organisatoren der Opposition „legal“ verhaftet und damit ausgeschaltet werden können“, ist ein Zeitzeuge, der anonym bleiben will, überzeugt. Die Ereignisse von gestern scheinen ihm Recht zu geben. Gut zehn Personen sind nach einer ersten Bilanz verhaftet worden, durch die willkürlich in die Menge gefeuerten Tränengasgranaten wurden einige Menschen verletzt.

Putschpräsident Andry Rajoelina hatte am 17. Januar 2009 den „Platz der Demokratie“ im innerstädtischen Park von Ambohijatovo medienwirksam eingeweiht und mit Beschlag belegt. Nachdem er durch einen verfassungswidrigen Umsturz am 17. März 2009 an die Macht kam, war es mit den vollmundigen Demokratiezusagen ganz schnell vorbei. „

Auch Amnesty international hat jetzt die zahreichen Verstöße der Ordungskräfte im Visier: Morde, Misshandlungen, willkürlich Verhaftungen, Bedrohungen von Regimegegnern, Repressalien gegen Rechtsanwälte, manipulierte Justiz etc. werden dem Militär und der Staatsführung vorgeworfen.

Eigentlich ging man davon aus, dass die Krise Madagaskars 2009 seinen Höhepunkt erreicht habe, doch mitlerweile hat sich die Meinung der Bevölkerung geändert: es geht noch schlimmer!
Für viele Madagassen ist es eine große Schande einen weiteren Unabhängigkeitstag (26. Juni) unter der Leitung eines nicht legal gewählten Staatschefes „feiern“ zu müssen. Wörtliches Zitat: „Noch nie war Madagaskar so abhängig (von kriminellen Elementen) wie seit dem Umsturz von März 2009.“

Mal wieder viel Lesestoff von mir und hoffentlich wieder neue Eindrücke von diesem wunderbaren Land, was in einer solch tiefen Krise steckt. Es bleibt nur zu hoffen, dass es bald mal wieder etwas bergauf geht, tiefer runter geht es langsam nicht mehr.

Mir geht es weiterhin sehr gut, auch wenn sich mittlerweile ein großer Zwiespalt in mir auftut. Einerseits ein leicht panisches Gefühl, wenn ich daran denke schon in 64 Tagen dieses Leben hier, indem ich mich sehr wohl fühle und täglich so viel Freude erlebe und entgegengebracht bekomme, verlassen zu müssen und andererseits habe ich große Wehmut nach Freunden und Familie. Danke, dass soviele an mich denken, das ist mir immer eine große Stütze.

Samy tsara und Gottes Segen,

Louisa

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