Aus dem indischen Traum erwacht…

Liebe Freunde zu Hause,

ich bin wieder da! Seit sechs Wochen erblicke ich nun das deutsche Tageslicht und mit ihm viel Heimisches aus einer ehemals entfernten Welt. Ebenso viel Neues stürmt auf mich ein. Am meisten jedoch entdecke ich gewöhnliche Gegenstände oder Situationen, die ich plötzlich neu zu schätzen lerne oder gar nicht verstehe. Da ist zum Einen das Wasser aus der Leitung, das für mich in den ersten Stunden und Tagen in Deutschland spannender war als jeder Fernseher. Ist so etwas möglich! Rund um die Uhr Wasser aus der Leitung! Alle zehn Minuten checke ich erneut die Wasserlage im Hause Winkler. Tatsächlich, immer noch kein Wasserausfall! Obendrein kann man sogar noch wählen, ob man heißes oder kaltes Wasser möchte (obwohl das für mich in Chennai niemals relevant war!). Das Saubermachen ist hier allerdings umständlicher. In Indien nimmt man einfach einen Eimer mit Wasser und klatscht ihn gegen die Wand oder auf den Boden und schrubbt ein Bisschen hinterher. Danach ist zwar das ganze Bad überschwemmt, aber das trocknet ja schnell.

Meine erste Einkaufstour im Supermarkt war genauso imposant. Es gab Wurst in rauen Mengen und Käse! Es gab Tiefkühlpizzas und Brötchen! Eine gigantische Auswahl an Produkten verschlug mir die Sprache und ließ mich inne halten. So viele Süßigkeiten!!!

Alles ist so geordnet. Die Straßenführung (Rechtsverkehr!), es gibt Bürgersteige, die Wege sind sauber, gepflastert und gerade. Nirgendwo schleicht ein desorientierter Hund, Katze, Huhn, Kuh, Rabe oder Büffel herum. Es gibt funktionierende Ampeln und Verkehrsordnungen und dafür keine herum pfeifenden Verkehrspolizisten. Kein Ochsenkarren rammt mich mehr, kein Eierverkäufer mit 200 rohen Eiern vorne auf dem Fahrrad schlägt sich mutig durch die chaotische Kreuzung. Man begegnet nirgends einer Großfamilie auf einem Motorrad fahrend….

Viele Leute in der Bahn, im Bus, auf der Straße oder im täglichen Leben wirken auf mich unheimlich verschlossen. Es gibt so wenig Leute, die zurücklächeln oder gar Kinder die mir die Hand schütteln wollen. Man ist nicht mehr der weiße „Superstar“ aus dem Westen, sondern wieder einer unter vielen gleichen. Ebenso die Türen der Häuser sind verschlossen. Das Leben findet wieder hinter den eigenen vier Wänden statt, ohne dass ein Fremder Anteil haben darf. Niemand liest, spielt, redet oder schläft vor der Haustür. Falls ich dies machen würde, würde ich prompt darauf angesprochen werden, ob ich meinen Haustürschlüssel vergessen habe oder ob ich traurig bin. Warum?

Zur Mühlhäuser Stadtkirmes, die wohlgemerkt die Größte von ganz Deutschland ist, und die mich unmittelbar nach meiner Ankunft empfing, fiel es mir sehr schwer, zu feiern. Ich sah so viele biertrinkende Erwachsene und Jugendliche, die enormes Geld für Alkohol ausgegeben haben. Ein armes indisches Kind würde sich über eine Rupie (ca. 1,5 ct.) freuen, damit es sich zwei Bonbons kaufen kann. Ich sah meine indischen Kinder vor mir und ich sah mich, mitten in dieser übermütigen, trinkenden, sorglosen Feiergemeinde. Ein schlechtes Gewissen überkam mich, denn ich wusste, ich war vor gut einem Jahr kaum anders und ich werde mich in Zukunft wieder langsam dorthin bewegen. Wenn man gerade erst so viel Armut gesehen hat, kann man nur schwer so viel Übermut verkraften.

An dieser Stelle möchte ich noch kurz über meine letzte Zeit in Indien berichten. Das Projekt bekam im Mai zum Brudertausch drei neue Brothers, im Gegenzug verließen uns unsere drei alten Brother. Zusätzlich bekamen wir noch zwei Father, obwohl ich den einen bis zu meinem Abflugdatum nicht zu Gesicht bekommen habe. Er sollte erst im August kommen. Den gesamten Monat Mai gab es schulfrei, da die Temperaturen auf unerträgliche Maße anstiegen. Zur Tageszeit war kein Inder mehr im Freien. Alle verkrochen sich im Haus. Nur zur Dämmerungsstunde war es einigermaßen erträglich und das Leben erwachte auf den Straßen. Die Kinder, die keine Eltern hatten oder nicht nach Hause wollten, blieben im Projekt. Dort gab es ein Sommerprogramm, das von den Brüdern veranstaltet wurde. Die Kinder kamen bei täglichen Ballspielen, Brettspielen, Kartenspielen, Lernspielen und kleinen Snacks voll auf ihre Kosten. Besonders genossen sie Höhepunkte wie z.B. ein riesiges Lagerfeuer auf dem Spielhof, bei dem sich alle als Kannibalen oder Indianer verkleideten; ein Ausflug ins Grüne oder Wettbewerbe.

Während der heißen Zeit starteten wir unsere Streichaktion. Wir beiden Volontäre bemalten mit den Kindern eine großflächige Wand. Die Kinder waren begeistert von der orange-gelben Grundfarbe. Sie ist zufällig die Farbe der Kricketmannschaft von Chennai, die gerade ins Indienfinale gekommen war. Das Logo der Mannschaft, ein Löwe, musste auf jeden Fall auf die Wand. In die Mitte platzierten wir ein Bild von Don Bosco, das von Munna gemalt wurde. Um den Don Bosco herum gaben die Kinder ihre farbigen Handabdrücke. Links neben dem Don Bosco malte Bhovanesh den Taj Mahal. Rechts neben dem Don Bosco durfte Ravi ein romantisches Bild zeichnen. Neben dem Basketballkorb sprang eine gemalte Mickey Mouse mit ihrem Basketball zum Korb. Auf der rechten Seite platzierten wir das Logo von den Salesianern Don Boscos und den von den Kindern erwarteten Löwen, das Maskottchen von Chennai Super Kings, der exzellent von Saddique gemalt wurde. Die Wand ist wunderschön geworden und bringt enorm Farbe und Freude ins Projekt.

Außerdem haben wir den Kindern Sandalen gesponsert. Zuerst fuhr ich mit dem Bruder auf dem Moped zum Schuhladen, um ordentliche Modelle auszusuchen, zwischen denen die Kinder anschließend wählen konnten. Auf dem Weg kauften wir noch 60 Orangen, denn die Kinder bekamen in letzter Zeit so wenig Vitamine. Mit 12 Schuhen und 60 Orangen auf dem Moped ging es wieder zurück ins Projekt. Dort wählten die Kinder ihre Lieblingssandalen aus und nach einiger Zeit und wenigen kleinen Umständen bekamen die Kinder ihre Sandalen in der passenden Größe. Die darauffolgenden Schultage waren ein Genuss für uns. Keiner beschwerte sich mehr über drückende Schuhe oder Wunden an den Füßen während des Schulwegs. Die Kinder waren überglücklich und stolz auf die neuen Schuhe. Einige putzten sie nach jedem Gebrauch und kümmerten sich um sie, wie um ein lebendiges Wesen.

Zu unserem Abschied gingen wir mit allen Kindern ins Schwimmbad. Am Samstag waren die Mädchen an der Reihe, am Sonntag die Jungs. Während die Mädchen schüchtern das Schwimmen lernten und sich nur langsam in größere Tiefen trauten, sprangen die Jungs mutig vom Beckenrand hinein, führten Wasserkunststücke auf und machten sich über eventuelle Gefahren keine Gedanken. Schließlich waren ja über 100 Leute im Schwimmbecken. Man konnte ja gar nicht ertrinken. Alle hatten riesigen Spaß. Oft nahm ich ein Kind Huckepack ins tiefere Gewässer oder lehrte den Größeren das Schwimmen.

Vom restlichen Bargeld der Spendenaktion kaufte ich ein paar Musikinstrumente. Wir haben bereits eine Band im Boys Home, die aber fast nur aus Trommeln und ein paar Trompeten besteht. Einer der Brüder ist sehr musikalisch und äußerst interessiert, diese Band auszubauen. Und so kaufte ich Klarinetten, Rasseln, zwei Keyboards, eine Mundharmonika, Flöten und Bongos. Und wieder einmal waren der Bruder und ich nur mit dem Moped unterwegs. Drei Klarinetten, drei Bongos, zwei Rasseln, drei Flöten und viel Kleinkram transportierten wir bei irrem, chaotischem Straßenverkehr auf einem kleinen Moped, aber irgendwie passte es! Bis uns ein Rikschafahrer verspottete, als wir drauf und dran waren, die zwei Keyboards im nächsten Laden auch noch aufzuladen. Nunja, der Rikschafahrer hat sein Geschäft gemacht, indem er uns zur Einsicht brachte.

Ein Keyboard und die Flöten gingen ins Girls Home, da die Mädchen dort sehr musikalisch sind, viel Zeit und wenig Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Außerdem bekamen die Mädchen eine Musikanlage, damit sie nicht mehr beim Nachbarn nach der guten Musik lauschen müssen, sondern selber die Boxen aufdrehen können. Damit können sie ihre wunderschönen Tänze noch präziser einstudieren.

Vielen Dank an alle fleißigen Spender und tatkräftigen Unterstützer meiner Spendenaktion. Ihr habt den Kindern sehr viel Gutes getan, ohne Euch hätte ich nicht so viele Projekte verwirklichen können!! Romba Nandri! நன்றி, நன்றி, நன்றி!!!

Im Gegensatz zu Indien läuft in Deutschland alles geplant ab. Wenn die High-Tech-Anzeige am Bahnhof kurz nicht funktioniert, wird sich aufgeregt. In Indien würde gerade mal ein Mann mit Pappschild stehen. Ob man sich in den richtigen Zug gesetzt hat, kann man anhand von riesig langen Listen am Wagon erkennen, auf denen der Name geschrieben steht. Überall in Deutschland  muss man pünktlich erscheinen, ein Treffen wird exakt vereinbart. Bis heute habe ich Schwierigkeiten, den exakten Zeitpunkt einzuhalten. Indien ist so ungeplant und spontan. Entweder man kommt heute oder morgen oder man kommt halt nicht. Wenn es Termine gibt, sind die Inder grundsätzlich zu spät, es sei denn, man rechnet schon damit und ist selber zu spät. Dann sind die Inder zu früh!

Das indische Leben ist sehr farbenfroh. Allein die Saris der Frauen, die Kollams auf den Straßen, die angemalten Autos, die selbstgemalten Reklamen und Bilder an den Wänden sind herrlich bunt. Das Land sprüht nur so vor Farbe. In Deutschland sind schlichte Töne eher beliebt.

Indien ist ein Land voller Kontraste. Ich habe vor allem das einfache, bunte Leben kennen gelernt, das wirklich zum Schwärmen Anlass gibt. Sobald man allerdings in die höheren Instanzen gelangt und sobald man es mit machtgierigen Indern zu tun hat, wird das Land unausstehlich. Man erfährt Ungerechtigkeit, absolute Willkür, Korruption und Umständlichkeit. Als Weißer versteht man nicht ganz, wie es läuft und was von einem erwartet wird. Mit einem kleinen Scheinchen hätte man mein Registrierungsverfahren von 3 Monaten Laufzeit sicherlich beschleunigen können. Das Geld, das wir für 14  rund einstündige Rikschafahrten ausgegeben haben, hätte man genauso gut einem Beamten zahlen können und damit unzählige Nervenzellen retten können. Aber man will so ein System ja nicht unterstützen!

Indien braucht jemanden, der Ordnung in das Land bringt. Mit diesen Verhältnissen kommt es nicht weiter und die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Kontraste steigern sich. Hotels stehen neben den Slums. Es werden teure Whiskys getrunken und nebenan könnte sich die Großfamilie für diese Summe an Geld eine ganze Woche lang ernähren. Solche Zustände existieren schon. Es ist ein großes Geheimnis, warum die Situation nicht eskaliert.

Wer nach Indien kommt, sieht Reichtum, Elend, offene Herzen und Ungerechtigkeit. Zusätzlich kämpft man noch mit eigenen Gewissensbissen.

Ich bin froh, wieder zurück zu sein und mein altes Leben wieder zu haben. Ich bin froh, so frei wie vor dem Volontariat leben zu können und meine alten Freunde wiederzusehen. Ich merke nur dabei, dass ich nicht mehr die alte Magdalena bin, sondern dass ich mich verändert habe. Ich freue mich, materielle Güter wieder genießen zu können und im Gegensatz zu vorher lerne ich sie nun wirklich zu schätzen. Andererseits trauere ich den immateriellen Gütern, die mir in Indien geschenkt wurden, nach. Ich vermisse meine kleinen indischen Geschwister, die Lebensfreude, die in ihnen steckt. Die natürliche Kindlichkeit und die vielen tollen Talente, die sie mir tagtäglich gezeigt haben…

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Ein Osternest in Chennai

Liebe interessierte Freunde in der Heimat,

eine ganze Weile habe ich mich nicht mehr gemeldet und natürlich habe ich wieder unglaublich viel zu berichten.

Viktoria und ich haben inzwischen unseren wohl verdienten Urlaub genommen und sind durch Indien gereist. Wir haben viele verschiedene Seiten von diesem unglaublich großen und vielseitigen Land kennengelernt. Als Land kann man Indien schon gar nicht mehr bezeichnen. Jeder Bundesstaat hat seine eigene Sprache, eigene Rituale und Tänze, teils sogar einen eigenen Kleidungsstil und schließlich eine eigene Lebensweise, so dass man, wenn man von Indien spricht, eigentlich von einem ganzen Kontinent sprechen müsse. Wenn jemand glaubt, er kenne Indien, weil er den „Taj Mahal“ in Agra besichtigt hat, täuscht er sich. Oder kennt ein Inder gleich jede Ecke  Europas, weil er den Eiffelturm gesehen hatte? Indien hat viele Gesichter, viele davon haben wir auf unserer Reise gesehen. Manche Seiten Indiens  waren schockierend, manche unglaublich schön, manche atemberaubend, und manchmal war ich den Tränen nahe.

Zurück in meiner (zweiten) Heimatstadt in Chennai sah ich das größte Elend, das ich bisher in Indien erlebt hatte. Wir waren am Broadway, einem großen Busbahnhof in Chennai und stiegen in einen Bus um. Vom Bus aus sahen wir am Bordstein eine jüngere Frau hocken. Sie schrie herum in eigenartigen Lauten und machte komische Bewegungen. Sie besaß weder Sari-Bluse noch Sari-Unterrock. Den Sari hatte sie sehr schludrig gebunden, sodass man sie eher nackt als bekleidet sah. Oftmals warf sie den Sari voller Wut weg, sie wollte ihn schon gar nicht mehr anziehen. Alle Inder versuchten, gleichgültig zu tun. Mit ihren Bewegungen und dem Geschrei konnte man sie aber nicht so leicht ignorieren. Die Inderinnen waren eher schockiert, machten einen großen Bogen und wollten mit diesem Abschaum ja nichts zu tun haben. Wir beobachteten diese Szene aus dem Bus. Ich wäre am liebsten aufgesprungen und hätte dieser Frau geholfen. Meine Sari-binde-künste halten sich zwar auch in Grenzen, aber besser als ihre wären sie allemal. Durch diese lange Reise hatte ich nur so viel Gepäck und Geld bei mir, dass ich hätte mitnehmen müssen oder unbeaufsichtigt im Bus zurücklassen müssen. Beides ist gefährlich. Mir tat das Herz weh und ich hätte so gerne etwas unternommen. Ich bin zwar keine Psychologin, die der Frau hätte helfen können. Die Sprache beherrsche ich auch nicht. Aber ich hätte die Inder, die dieses Geschehen durch wegschauende Augen ja doch irgendwie beobachteten, wachrütteln können. Wenn eine weiße Frau so einer irren Unberührbaren hilft, das hätte schon für Aufmerksamkeit gesorgt. Im Nachhinein ärgerte ich mich, dass ich nur geglotzt habe. Schließlich schritten zwei Frauen ein, die bestimmt auch nur in einer der unteren Kasten waren. Sie halfen der Frau, ihren Sari provisorisch so zu binden, dass zumindest die wichtigsten Zonen bedeckt waren. Die Frau war bockig und wehrte sich bei jedem Griff. Selbst der Polizist konnte nichts tun, schließlich war er ein Mann. Als die Frau einigermaßen angezogen war, verscheuchte sie der Polizist, der ihr nun etwas näher kommen durfte, mit einer großen Knüppel. Unser Bus fuhr los, einige Meter vom Bahnhof entfernt sahen wir die Frau wieder, völlig unbekleidet mit wirren Lauten und Bewegungen auf sich aufmerksam machend auf der Straße hocken. Und wieder schien es allen egal. Mich schockierte diese Szene sehr. Gerade in Indien, wo jede Frau aufpassen muss, dass sie möglichst viele Körperpartien und  weibliche Rundungen bedeckt, damit die indischen Männer ja nicht auf dumme Gedanken kommen, läuft so eine Frau nackt herum und es scheint keinen zu interessieren. Wer weiß, was dieser armen Frau zugestoßen sein mag!

Als wir wieder im Projekt ankamen, begrüßten uns die Kinder sehr herzlich, rannten auf uns los, bzw. uns um und fragten, ob wir denn noch ihren Namen kennen. – Klar kenn ich euch noch, Gowtam, Kamelesh, T. Suresh, Vijay, Pingoli und Chindrasu. Ich werde diese Kinder niemals vergessen. Nach und nach rückte das Osterfest näher. Ich bekam kräftig Verstärkung von drei Osterhasen aus Deutschland, meiner Familie. Über Ostern beschlossen meine Mutter, mein Vater und mein großer Bruder, mich zu besuchen. Es war ein unvergesslicher Moment, als ich sie nach sechs Monaten am Flughafen in Chennai wieder in den Arm nehmen konnte. Viktoria, meine Familie und ich bastelten mit den Kindern kleine Osternester aus Papier. Jedes Kind sollte eines basteln, bemalen und seinen Namen darauf schreiben.

Die Kinder waren ganz gespannt, was wohl nun damit passieren mag. Am Ostersonntag wurde das Rätsel gelöst. Wir versteckten über dreißig Osternester auf dem Spielhof für die größeren Kinder. Die Kleineren suchten im Atrium des Hauses. Es war ein großer Spaß, die Kinder feuerten ihre Freunde bei der Suche an, sie freuten sich und suchten fleißig. Der Inhalt wurde sofort zum Spielen oder für den Magen verwendet. Auf bemalte Eier sollten die Kinder auch nicht verzichten. Fünf fleißige Osterhasen bemalten am Sonntagmorgen über siebzig Eier und teilten sie zum Frühstück aus. Die Tradition des Eierbemalens sei hier bekannt, meinte der Father. Die Suchaktion war für die Inder allerdings neu.

In der vorletzten Woche waren wir bei einer Verlobung eingeladen. Auf dem Schulweg laufen wir jedes Mal (viermal pro Tag) an dem Haus einer Familie vorbei. Inzwischen haben wir uns angefreundet. Sie haben uns zum Essen eingeladen und wir sind gerne bei ihnen. Sie haben zwei Kinder, ein achtzehnjähriges Mädchen, mit der ich mich sehr gut verstehe und einen sechszehnjährigen Jungen. Die Schwester wurde vorletzte Woche verlobt und kurzfristig wurden wir zur Verlobung eingeladen. Wir hatten noch ein paar deutsche Gummibärchen und Centmünzen übrig, die uns als Geschenk dienten. Die Verlobte war prächtig gekleidet. Sie trug einen wunderschönen Sari, unglaublich viel Goldschmuck und ihre Haare mit ihrem langen, schwarzen, geflochtenen Zopf waren verziert, bzw. beladen mit Blumenketten in alle Farben. Das Haus war voller Menschen, es gab keine fünf Quadratmeter, in dem man keinen Menschen sah. Wir lernten vier ganz liebe Mädchen kennen. Sie waren irgendwelche Schwestern oder Cousinen oder Cousinen von Cousinen oder andere Verwandte von der Tochter der Familie. Die Verlobung fand auf der Dachterrasse statt. In der Mitte waren Teller mit Früchten, Kleider und anderen Geschenken für das Paar. Darum saß ein Kreis voller Männer. Der Vater des zukünftigen Ehemannes diskutierte nun mit dem Vater der zukünftigen Braut über das Hochzeitsdatum. Alle Gäste mussten dabei anwesend sein. Sie diskutierten heftig. Bestimmt fließt die Stellung der Sterne in diese Entscheidung mit ein. Vielleicht diskutierten sie auch über die Mitgift, dies haben uns unsere Freudinnen aber nicht übersetzt. Durch die Menge der Gäste ging ein Tablett mit grobkörnigem Zucker und mit Kumkum und Sandalpulver herum. Mit dem Pulver macht man sich einen Punkt auf die Stirn. Das ist üblich, wenn man bei Festlichkeiten oder im Tempel war. Den Zucker isst man. Die genaue Bedeutung kenne ich nicht. Es ist womöglich ein Zeichen des Segens. Dies wird ebenso im Tempel praktiziert. Nachdem das Hochzeitsdatum endlich festgelegt war, trat das zukünftige  Brautpaar in die Runde und wurde von der engeren Familie mit Kumkum- und Sandalpulver gesegnet und mit einer gigantischen Blumenkette verziert.

Danach wurde gegessen. Während wir auf das Essen warteten, bekamen wir mit, wie die Braut weinte. Dies sei normal, meinten unsere Freundinnen. Die Frau wird bei der Hochzeit ihre Familie verlassen und zum Mann ziehen. Deshalb weint sie. Ich habe schon von Hochzeiten gehört, bei der die Frau ihre Familie zum letzten Mal sah. Der Mann verbot ihr nach der Hochzeit, die Familie wieder zu sehen. Die Frau muss ihrem Mann gegenüber Gehorsam zeigen. Auf unserer Indienreise haben wir in Varanasi zufällig drei Hochzeitszüge gesehen. Der Mann schritt vorweg, stolz und gerade mit einem kunstvollen Turban auf dem Kopf und einem Tuch in der Hand. An dem Tuch war der wunderschöne Sari der Frau geknotet. Sie schritt hinterher, gebückt und den Sari tief über das Gesicht gezogen. Die Haltung machte auf mich den Eindruck, als ob ein Bauer seine blinde Kuh hinterherzieht. Längst nicht jede Beziehung wird so dominiert von dem Mann. Ab und zu begegnet man aber solch einer. Im Zug haben wir zum Beispiel zwei junge Frauen mit zwei alten Männern gesehen. Die Frauen waren verheiratet. Nach einer Weile begriff ich, dass es diese beiden alten Herren waren, mit denen sie ihr Leben teilen. Sie sahen beide sehr traurig aus und lachten nie. Der Ekel erfüllte mich. Wie kann man eine so junge Frau an einen 30 bis 40 Jahre älteren Mann verheiraten? Ich fragte meine indische Freundin, ob sie ihren Mann aussuchen werde oder ob das ihre Eltern tun. Sie schmunzelte und meinte scherzhaft: „Oh, meine Eltern würden mich umbringen, wenn ich mir einfach einen Mann aussuche!“ Sicherlich hat sie Mitentscheidungsrecht, aber die Wahl bleibt bei vielen, vielen Hochzeiten immer noch bei den Eltern. Für deutsche Frauen ist dies unvorstellbar. Da ich diese Lebensweise kennen gelernt habe, werde ich immer dankbarer, in was für einer Welt ich groß geworden bin und welch große Entscheidungsfreiheit ich doch habe. Die Verlobung war ein echt schönes Ereignis, auch wenn es nicht aus Liebe geschah. Die Begegnungen mit den vier Mädchen habe ich sehr genossen. Sie waren nicht so schüchtern, wie all die anderen Inderinnen, die nur still und heimlich kichern, wenn sie den beiden Weißen begegnen. Sie waren keck und das hat mir gefallen!

Die Wochen vergehen, unsere Tage sind gezählt. Abschließend wollen wir unseren kleinen Brüdern noch etwas Gutes tun. Die Wände des Projektgeländes sind einfarbig in einem hellen beige bemalt. Die Farbe bröckelt. Wir wollen das Projekt farbiger gestalten.

Freundlich farbige Wände mit bunten Motiven sollen das Gelände für Kinder einladender machen. Dafür benötigen wir viel Farbe! Fleißige kleine Helfer und Künstler haben wir genügend!

Jeden Tag haben wir angesehen, wie die Kinder barfuß zur Schule gehen. Sie besitzen keine Schuhe. Die Regierung wollte welche sponsern, doch das ist ewig her! Wir können es nicht länger mit ansehen, wir wollen den Kindern, die keine Schuhe haben, welche kaufen.

In der Studytime/Lernzeit ist uns aufgefallen, dass viele Kinder die Wörter buchstabieren können, aber nicht sagen können, wie das Wort ausgesprochen wird oder was es bedeutet. Darum möchten wir die bereits bestehende Bibliothek ausbauen und mit Büchern und Lesehilfen ausstatten.

Momentan findet ein  Sommercamp im Projekt statt. Die Kinder haben gerade Sommerferien und somit machen die Brother und Father des „Anbu Illam“ eine Freizeitgestaltung. Dies ist die beste Gelegenheit für unsere Pläne, die wir so schnell wie möglich in die Tat umsetzen möchten.

Für unsere Vorhaben sind nun auch Sie gefragt! Im Laufe meiner vielen Artikel haben sie das Projekt und die Kinder kennen gelernt und sie sind Ihnen bestimmt auch etwas ans Herz gewachsen. Ich würde mich sehr über eine finanzielle Unterstützung von Ihnen freuen. Es muss nicht viel sein, auch kleinere Beträge sind sehr erwünscht!

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Vielen Dank und viele liebe Grüße aus dem schwülen, 41°C heißen Chennai,

Eure Magdalena

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Das Tamilische Neujahr

Nachdem wir am 09./10. Februar unser Bergfest hatten, versuche ich nun  zu beschreiben, wie ich Indien, bzw. Tamil Nadu, bzw. Chennai bisher erlebt habe. Es ist ein Land, in dem eine fünfköpfige Familie auf ein Motorrad passt und völlig legal an den Polizisten vorbeifährt. Es ist ein Ort, in dem das Hakenkreuz als Glückssymbol gilt und häufig an Häusern, an Tempeln, auf Postkarten, an Geländern, in Verzierungen in allerlei Hinsichten und sogar auf demokratischen Wahlplakaten zu sehen ist. Auf Indiens Straßen fahren schöne, kunterbunt bemalte LKWs, auf denen Slogans wie „Eine Familie, ein Kind!“ oder „Spart Öl!“ zu sehen ist. Zum Teil sind sogar die Nummernschilder nur angemalt. Hier gibt es grundsätzlich mehr Schalter an den Wänden als es einen Verwendungszweck gibt und je geben wird. Der Kostenumfang eines ganz normalen Großeinkaufes im Supermarkt beträgt ungefähr  4,50€. Die exakte Uhrzeit eines Treffpunktes wird mit einer einstündigen Zeitdifferenz angegeben, die oft ausgeschöpft wird. „Kein Problem“ wird 100mal häufiger gesagt als „Nicht möglich!“ (Obwohl einige diese beiden Aussagen gelegentlich vertauschen). Die Hupe eines Autos wird  nahezu häufiger genutzt als die Bremse. Es gibt kaum Plakate, Coca Cola- und Vodafone-Werbungen werden mit Farbe an die Wände gemalt. Die Luft steckt voller angenehmen, unangenehmen und unbekannten Gerüchen, bei rund jedem dritten Schritt steigt mir ein anderer Duft in die Nase. Und schließlich ist es ein Land, in dem es fast mehr Feiertage als Alltage gibt. Nachdem ich vom Zwischenseminar aus Goa zurückgekehrt war, empfing mich der Partymonat Januar.

Am 15. Januar wurde dieses Jahr das tamilische Neujahr gefeiert. Die Tamilen haben einen eigenen Kalender mit ebenfalls zwölf Monaten, der sich nach dem Mond richtet. Das Neujahresfest nennt sich „Pongal“, ist benannt nach einem typischen süßen oder herzhaften Reis-Milch-Linsen-Brei und entspricht ungefähr unserem Erntedankfest. Überall auf der Straße vor den Häusern waren prächtige Kollams zu sehen. Ein Kollam ist eine Art Mandala, das jede Hausfrau vor der Haustür mit einem Kreidepulver zeichnet. Je größer das Fest ist, das in diesem Haus gefeiert wird, desto größer und farbenfroher ist auch das Kollam. Es gibt Duzend von Büchern, in denen Muster erklärt werden. Einige Hausfrauen kreieren dennoch ihr eigenes Kollam. Zu Pongal waren sie so groß und kunstvoll, sodass wir mit den Kindern auf der Straße im Slalom um die Kollams zur Kirche liefen, um die Schönheiten nicht zu verwischen. In der Messe wurde auch Pongal gefeiert. Viele Gaben wurden vor den Altar gebracht: Zuckerrohr, Kokosnüsse, Bananen, Granatäpfel, Ananas und unzählige Töpfe mit süßem Pongal-Brei. Nach der Messe wurde am Ausgang der süße Pongal auf Papptellern ausgeteilt. Jedes Gemeindemitglied bekam etwas. Anschließend wurde im Projekt Pongal gefeiert. Zur Feier des Tages zogen wir unseren Sari an, und banden ihn zum ersten Mal alleine und erfolgreich ohne indische Hilfe. Ein buntbemalter Tontopf mit dem Reis-Milch-Linsen-Brei brodelte über einem kleinen Feuer. Davor saßen die Kinder und schauten gespannt zu. Als der Topf zum ersten Mal überquoll, applaudierten und jubelten die Kinder. Das gesamte Haus war wundervoll dekoriert mit „Happy Pongal“-Tafeln, mit Zuckerrohrstangen, einem gigantischen Kollam in Form eines Pongaltopfes im  Atrium und Girlanden.  An diesem Tag wurden alle 5 Volontäre, die in einer Don Bosco Einrichtung in Chennai tätig sind, ins Provincial House eingeladen. Dort tranken wir Tee und aßen Plätzchen mit dem Father Johnson, quatschten und lernten eine deutsche und eine französische Volontärin in der Nähe unseres Projekts kennen. Wir hatten sogar die Gelegenheit, unseren Provinzial zu sprechen, uns kurz vorzustellen und Lobe und Wünsche zu äußern. Spontan lud er uns zu einer Veranstaltung auf dem Gelände einer Don Bosco Schule ein, bei der sich alle Salesianer Don Boscos am folgenden Tag trafen.

Einen Tag später trafen wir die neu kennengelernten Volontäre, frühstückten gemeinsam und feierten mit vielen Priestern und Brüdern die heilige Messe. Anschließend gab es ein Programm, bei dem zu Beginn getanzt wurde, ein neues Projekt vorgestellt wurde und zahlreiche Leute geehrt wurden. Sogar wir Volontäre wurden auf die Bühne gerufen, bekamen ein Tuch (diesmal kein Handtuch!) um die Schulter gehangen und ein Geschenk überreicht. Nun folgte eine Power-Point-Lobhymnen-Präsentation über den Provinzial. „Father Provincial, du bist unser Superstar“ erschien u.a. in leuchtend knallbunten, blinkenden Buchstaben und über dem Kopf des Provinzials schwebte eine funkelnde Diskokugel. Es war ein sehr humorvolles Programm, wobei man sagen muss, dass der indische Humor und der indische Geschmack sehr speziell sind. Nach einem gemeinsamen Mittagessen war das Programm zu Ende und wir fuhren zurück ins Projekt. An diesem Tag war noch ein Ausflug geplant. Ich spazierte mit den Seniors auf einer schmalen Straße zwischen Palmenbäumen, tropischen Pflanzen und kleinen Müllflecken vorbei und beobachtete kleine, kunterbunte Papageien, wie sie von Palme zu Palme flogen. Der Spaziergang endete in einem Altenheim-Projekt. Das Projekt war sehr großflächig und grün. Wir besuchten die Alten, für die unsere Jungs sogar ein kleines Programm zur Unterhaltung vorführten und anschließend gingen wir herum und wünschten jedem ein fröhliches Pongalfest. Viele der Senioren hatten verkrüppelte Beine oder gar Hände, so dass es nicht immer möglich war, die volle Hand zu schütteln. Eine Verbeugung tat es oft auch. Das Leid dieser Leute war sehr groß und dennoch war die Freude über unseren Besuch so deutlich in ihnen zu spüren. Ich war so unglaublich stolz auf unsere Jungs, dass sie die älteren Inderinnen und Inder mit einem so süßen Programm unterhielten und so anständig und zuvorkommend waren. Deutsche Kinder und Jugendliche hätten sich im Großteil anders verhalten. Der Father hatte ein kleines Spieleprogramm für die Kinder vorbereitet, bei dem die Senioren auch gerne zusahen. Erfüllt und zufrieden verabschiedeten wir uns und gingen in der Dämmerung nach Hause.

Am 20. Januar hatte unser lieber Bruder Arun seinen 25. Geburtstag. Die Kinder und Mitarbeiter gaben sich große Mühe in der Vorbereitung. Neue Dekoration wurde gemalt und gebastelt und Tänze, Lieder und Sketsche wurden einstudiert. Zwei ganze Tage und eine Nacht wurde durchgearbeitet. Pünktlich um 12 waren wir mit dem Wesentlichen fertig, weckten ihn, gratulierten und aßen Kuchen. Kurze Zeit später verschwanden wir wieder im Bastelraum und werkelten weiter an der Dekoration für das Abendprogramm. Zum Programm wurde ihm ein Cowboyhut aufgesetzt und ein Umhang umgehängt. Er hatte einen wunderschönen Geburtstag und ein tolles Programm, das die Kinder nur für ihn eingeübt hatten.

Am 26. Januar feierte Indien einen seiner beiden Nationalfeiertage. Unsere Grundschüler hatten schulfrei, die anderen gingen zu einem Programm in die Schule. Wir begleiteten sie. Auf der Bühne vor der Schule sang und tanzte eine Gruppe von Mädchen. Vor der Bühne marschierte eine „Armee“ von jugendlichen, in Uniformen gekleideten Schülern im Gleichschritt und gehorchte den Kommandos des jugendlichen, herumbrüllenden „Offiziers“. Die indische Fahne wurde gehisst und von allen Indern gegrüßt. Anschließend wurde die indische Nationalhymne gesungen. Die „Armee“ marschierte noch ein bis zwei Runden auf dem Schulhof, bis sie zum Stehen kam. Etwas ähnlich wurde auch die Fahne in unserem Projekt gehisst, jedoch war die Prozedur nicht ganz so militärisch. Es ist erstaunlich, wie stolz diese Inder auf ihr Land sind. Wenn man den deutschen Nationalfeiertag in dieser Form in Deutschland feiern würde, so würde man sofort als Nazi bezeichnet werden. Es war ein beeindruckendes Programm, doch das militärische Gehabe dieser Kinder hatte mich etwas abgestoßen.

Das größte aller Feste wurde am 31. Januar gefeiert: Es war Don Boscos Namenstag. Am Vormittag, als die Kinder in der Schule waren, veranstaltete der Father ein Programm für das gesamte Personal aus dem Office, Girls Home, Royapuram und Boys Home. Zuerst wurde eine gemeinsame Messe gefeiert. Es folgte ein Spieleprogramm, das mich etwas an einen Kindergeburtstag erinnerte. Wir spielten Basketball, oder eher Bucketball, Ball über die Schnur, das vielmehr Ball über das Handtuch war, Wasserbombenzuwerfen, ein Schlangenspiel und vieles mehr. Die erwachsenen Mitarbeiter hatten großen Spaß bei den Spielen und alberten herum. Es war ein lustiger Vormittag. Am Abend fand das Programm statt, das mit den Kindern lange Zeit zuvor hart einstudiert wurde. Alles musste perfekt sitzen. Die Mädchen im Girls Home und die Jungs im Royapuram und im Boys Home bereiteten jeweils etwas vor. Auch das Personal, das im Office arbeitet, hatte einen Tanz dargeboten. Es war ein außergewöhnlich gutes und vielseitiges Programm.

Kurze Zeit später feierten wir 3 Tage „Community Days“, von dem der letzte Tag der Geburtstag von unserem Direktor war. An diesem Tag wurde wieder ein neues Programm aufgeführt. An dem ersten Community Day wurde für die Jungs ein traumhaftes Mondlicht-Abendessen auf der Dachterrasse des Hauses veranstaltet. Unter freiem Sternenhimmel im Mondesglanz aßen wir Reis und Sambar. Nach dem Essen wurde die tamilische Musik aufgedreht und getanzt.

Zu Guter Letzt kam der Provincial am 09. Februar zu Besuch und wieder gab es gutes Essen und ein tolles Programm.

Von diesen vielen Feiern bin ich wirklich kaputt und werde sicherlich unseren kommenden einmonatigen Indienurlaub genießen. Wir werden einzelne Städte und besondere Tempelanlagen im Norden Indiens besuchen und durch die Backwaters in Kerala rudern. Am 20. Februar geht es endlich los, ich bin wahnsinnig gespannt.

Liebe Grüße aus dem immer heißer werdenden, 50°C wärmeren Chennai,

Eure

P.S.: Ich bin gerade dabei, das Lesen und Schreiben der tamilischen Schrift zu lernen. Im Schneckentempo kann ich schon die tamilische Zeitung und Aufschriften an Häusern lesen, aber trotzdem nicht verstehen.

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Christstollen unter Palmen- mein indisches Weihnachtsfest

Ich melde mich zurück in die virtuelle Welt, allerdings nur kurz, denn das Internet funktioniert im Projekt seit meinem Geburtstag nicht mehr ordentlich. Somit kann ich euch nach einer großen Schreibepause viiiiieeel berichten: Kurz nachdem ich die letzte Rundmail abgeschickt hatte, überschlugen sich die Ereignisse. Über einhundert Kinder aus dem Don Bosco AnbuIllam hatten Geburtstag. Da einige Kinder Waisen sind und zum Teil nicht ihren Geburtstag kennen, wurde der Geburtstag aller Kinder auf einen Tag gelegt. Am 11. November wurde im Girls‘ Home gefeiert, am 12. November im Short Stay Home und am 14. November in unserem Projekt, im Boys Home. Das Geburtstagsprogramm am Abend wurde mit einer feierlichen Messe eingeleitet. Anschließend tanzten unsere Geburtstagskinder, führten Sketsche auf und sangen Lieder. Ich bin jedes Mal erstaunt darüber, wie talentiert und fröhlich diese Kinder sind. Und endlich kam der große Moment, auf den die Kinder so lange gewartet hatten: Die Geburtstagstorte wurde angeschnitten. Unser Rektor schnitt den Kuchen an und schob den Geburtstagskindern ein kleines Stück in den Mund, so wie es hier üblich ist und auch ich es schon erfahren durfte. Danach gab es Geschenke: Jedes Kind bekam Süßigkeiten, eine Geburtstagskarte und einen neuen Schulranzen. Darüber freute ich mich besonders, da ich des Öfteren die kaputten Schulränzen der Kleinen auf dem Schulweg tragen sollte. Ein indischer Festschmaus wurde von allen genossen, besonders das Eis als Nachspeise kam bei den Kindern gut an. Wir schlossen uns mit den Kindern zu einem Verdauungstanz (bzw. wildes, musikunterlegtes Durcheinanderhüpfen) zusammen und genossen am Abend ein Feuerwerk zur Krönung des Tages. Jedes Kind durfte je nach Alter einen kleineren oder größeren Feuerfunken in die schwarze Nacht jagen. Die kreativen Köpfe unter ihnen malten mit Feuerschnüren Muster in die Dunkelheit und tanzten dazu. Die Kinder waren erfüllt und fröhlich, es war ein wunderschöner Kindergeburtstag! Nun zu der Frage, die ich schon oft vernommen habe und auf die alle fleißigen Leser sicherlich gespannt warten: Wie feiert man Weihnachten unter Palmen? In der Tat war dieses Weihnachten ein ganz besonderes, exotisches Weihnachten. Es gab keine Tannenbäume (abgesehen von den kitschig dekorierten Plastikgerippen), keine Plätzchen, keinen Schnee, keine Kälte, keine deutschen Weihnachtslieder, kein Glockengeläut und so vieles mehr, was man mit Weihnachten in der Heimat verbindet. Es gab aber einen Adventskranz. Er bestand aus schmalen grünen Laubblättern, die zu einem Kranz gebunden waren. Er wurde an einem pink-silbernen Glitzerband im Speisesaal der Kinder aufgehängt und mit gelben Kerzen versehen. An jedem Adventssonntag versammelten sich die Jungs vor dem Kranz und beteten ihren allabendlichen Rosenkranz, lasen aus der Bibel vor, zündeten die Kerzen an und sangen ein Lied. Da es in Indien auch keine Adventskalender gibt, bastelten Viktoria und ich für die Kinder einen großen Tannenbaum aus grünem Tonpapier. An jedem Morgen vom 1. bis zum 24. Dezember durfte jeweils ein anderes Kind einen Anhänger an den Baum hängen. Das Los entschied, wer die Ehre hatte. Am 24. Dezember war unser Papiertannenbaum geschmückt mit 4 Kugeln und einer Weltkugel, 6 Kerzen, einem Schaukelpferd, einem Lebkuchen, einem Schneemann, einem Nikolausstiefel, 2 Engeln, einem Hampelmann, einer Schleife, einem Stern und vielem mehr. Jeden Morgen kamen uns schon die Kinder auf dem Weg zum Speisesaal entgegengelaufen, was denn diesmal für ein Anhänger an der Reihe sei und wer das Los ziehen darf. Unser deutscher Adventskalender kam sehr gut an bei den Kindern. Auf eine Krippe mussten wir auch nicht verzichten. Kurz vor Weihnachten baute der Bruder mit ein paar Seniors eine gigantische Krippe auf. Sie war so groß wie zwei indische Betten aneinandergestellt. Die Jungs gaben sich große Mühe in der Gestaltung, bauten eine Vulkanlandschaft aus Erde und Ton, Häuser, zwei Helikopter, und zwei Ochsenkarren aus Styropor und malten den Himmel blau an und verzierten ihn mit bunten, blinkenden Sternen. Aus dem einen Vulkan floss sogar Wasser in ein Flussbett hinein und verschwand unterirdisch, wo es anschließend wieder hinaufgepumpt wurde. Ein Helikopter konnte seinen Propeller bewegen. Eine Eisenbahn fuhr durch die mit Mehl gepuderte Schneelandschaft. Eine blinkende Lichterkette gab dem Ganzen den indischen Kitsch. Und das Polizeiauto, das Motorrad und das Feuerwehrauto durften natürlich auch nicht fehlen. Eine ganze Woche lang bastelten die Kinder an der Krippe und vollendeten sie letztendlich einen Tag vor Heilig Abend. Es ist eine der schönsten Krippen, die ich je gesehen habe. Es steckte so viel Mühe und Liebe in dieser Krippe, so viel Kreativität und Schaffenskraft, so dass es mir bei deren Anblick fast die Tränen in die Augen treibt. In unserem Volontärszimmer wurde es auch allmählich weihnachtlich. Wir bastelten Sterne und hingen sie an unsere Fenster. Wir bastelten einen Adventskranz aus den gleichen schmalen Laubblättern wie der Adventskranz aus dem Speisesaal. Allerdings sah der Kranz bereits nach einem Tag völlig verwelkt und hässlich aus. Am Heilig Abend wollten wir nicht auf einen Tannenbaum verzichten und so bastelten wir am 23. Dezember einen Baum aus grünem Papier und malten Christbaumanhänger, die unsere größten Weihnachtssehnsüchte darstellten. Nebenbei hörten wir Weihnachtslieder, die uns per Post aus der Heimat geschickt wurden und zündeten unseren „Adventskranz“ an. Basteln, Weihnachtslieder und Kerzenlicht; ein kleines bisschen Weihnachtsstimmung kam tatsächlich auf. Und schließlich stand der Heilige Abend vor der Tür. Um Zehn Uhr am Heiligen Morgen gab es schon ein Weihnachtsprogramm. Alle Kinder aus dem Girls Home und aus dem Short Stay Home kamen im Boys Home zusammen, einige trafen ihre Geschwister und feierten zusammen. Das Programm bestand wieder aus Tänzen, Gesängen, Sketschen und zwei deutschen Weihnachtsliedern. Viktoria und ich wollten auch zum Programm beitragen und trällerten „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ (Was für eine Ironie!) und „Fröhliche Weihnacht überall“. Dann gab es Besuch vom Weihnachtsmann. Unser Rot-weiß gekleideteRikschafahrer mit einer kitschigen, auf mich eher gruselig wirkenden Weihnachtsmannmaske kam in den Raum gestapft, tanzte und hüpfte herum. Die Kinder freuten sich riesig auf sein Kommen. Danach verteilte unser Rektor die Geschenke. Jedes Kind bekam einen riesigen Plastikbeutel mit allerhand schönen Dingen darin. Die Mädchen bekamen u.a. Haarspangen, Bindis/ Buuthe (Klebepunkte für die Stirn), Ohrringe, eine Kette, Haargummis, ein kleines Schminkset, einen Haarreifen und viele Süßigkeiten. Die kleineren Jungs bekamen Sonnenbrillen in den Textmarkerfarben, Lufballons/Wasserbomben, einen Plastikball, Süßigkeiten und vieles mehr. Am Ende wurden wir aufgerufen. Völlig überrascht holte ich einen ebenfalls großen Plastikbeutel mit der Aufschrift „Magthalin“ (sollte wahrscheinlich mein Name sein) beim Rektor ab. Nach dem Programm gab es Mittagessen. Mit gesättigtem Magen verabschiedeten sich die Mädchen und Jungs aus dem Girls‘ Home und aus dem Royapuram von uns. Unsere Jungs, Brothers und Fathers gingen schlafen, um fit zu sein für die Nachtmesse. Wir legten uns auch eine Weile hin, mussten aber bei Zeiten wieder aufstehen, um nicht zu verpassen, wann unsere Malur, die Küchengehilfin und einzige indische Frau im Haus nach Hause geht. Wir wollten nämlich zur Feier des Tages unseren Sari anziehen. Da ich von meinem Sommerurlaub von vor drei Jahren nur noch bruchstückartig weiß, wie der Sari gebunden wird, wollten wir uns lieber einer Inderin anvertrauen. Festlich gekleidet im Sari aßen wir Abendbrot. Den Kindern fielen die Augen aus, als sie uns sahen. Ein dreijähriger Junge sprang im Kreis vor Freude, ein vierjähriges Kind schrie vor Glück und unsere großen Jungs staunten bei dem Anblick. Auch von dem Personal bekamen wir nur Komplimente. Festlich im Sari gekleidet machten wir in unserem Zimmer unsere eigene kleine multi-kulti Bescherung. Wir legten die Geschenke unter unseren Papierbaum, zündeten den Adventskranz an und sangen, begleitet von ein paar Gitarrenakkorden, Weihnachtslieder. Dann kam der große Augenblick und ich durfte endlich das große Päckchen von meiner Familie, das schon so lange unter meinem Bett gewartet hatte, auspacken. Ein paar selbstgebackene Plätzchen und einige Christstollenstücke fanden sofort einen Platz in meinem Magen. Als ich die Augen schloss, befand ich mich in Gedanken in unserem Wohnzimmer mit meiner Familie unter dem Tannenbaum sitzend. Ich empfand doch ein Stück deutsche Weihnacht.

Ein lautes Klopfen erweckte mich aus meiner Fantasie, der Bruder meinte, wir sollen uns beeilen, wir gehen nun zur Messe. Leuchtende Inderinnenaugen empfingen uns, als wir im Sari in die Kirche schritten. Unsere stolzen Jungs begleiteten uns. Die Messe ging bis in die Nacht. 3 Uhr nachts waren wir zurück im Boys Home, wo wir mit einem heißen Schwarztee empfangen wurden. Dann wurde noch ein Film geschaut, bis wir um 4 Uhr endlich im Bett lagen. Am 25. Dezember wurde ausgeschlafen, so lange wie wir wollten. Wir machten uns unser eigenes Weihnachtsfrühstück mit Stollen, Plätzchen und Lebkuchen. Am Abend des Tages übergaben wir unsere Geschenke an die Kinder. Lerntafeln für die Subjuniors, eine weiche Frisbee für die Juniors, eine Frisbee für die Seniors und einen Kricketball für die Superseniors. Nach dem Essen bekamen alle Kinder ein Knicklicht. Sie spielten damit auf dem Playground des Projektes. Der ganze Patz leuchtete. Die strahlenden Kinder rannten umher, warfen die Leuchtstäbchen in die Luft und fingen sie wieder auf. Es war ein wunderschöner Anblick. Der 26. Dezember wurde von einem Kinderprogramm geprägt. Eine Band spielte für die Kinder indische Songs. Zu einem anderen Song tanzte ein Weihnachtsmann, der Kinder auf dem Arm nahm, sie schaukelte und Bonbons verteilte. Anschließend kam King Kong, ein großer gruseliger Gorilla, herein. Auch er tanzte und jagte einigen Kindern einen Schrecken ein. Eine lustige Puppe tanzte zum nächsten Song und machte akrobatische Verrenkungen. Die Kinder wurden aufgefordert mit dem Sänger zu tanzen. Das ließen die sich nicht zweimal sagen und so wurde die Bühne von unseren tanzlustigen Kindern gestürmt. Es war ein wunderschönes, lustiges Kinderprogramm. Nun habt ihr einen kleinen Einblick, wie zwei Deutsche Weihnachten in Indien gefeiert haben. Ich wünsche Euch allen noch eine frohe Weihnachtszeit und alles Gute für das kommende Jahr 2012. Liebe Grüße auch vom indischen Weihnachtsmann, Eure Magthalin ;)

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„Happy Birthday!“, „Happy Deepavali!“

Nach mehr als einem Monat ohne richtig funktionierendes Internet, melde ich mich wieder in die virtuelle Welt zurück. In der Zwischenzeit ist natürlich einiges passiert, von dem ich euch gerne berichten würde:

Am 9. Oktober feierte ich meinen 19. Geburtstag im fernen Indien. Da am 2. Oktober die Ohrlochstechzeremonie war, am 1. Oktober der Geburtstag von Sister Petrose und am 5. Oktober Brother Regan seinen Geburtstag hatte, kamen wir gar nicht mehr heraus aus dem Feiern. Einen Tag vor meinem Geburtstag ging ich mit Brother Arun in eine nahegelegene, wohl klimatisierte Konditorei, um für alle 71 Kinder und die Angestellten des Boys Home Kuchen zu kaufen. 71 Stück Kuchen gab es natürlich nicht auf Vorrat und so erklärte sich der Brother bereit, den Kuchen am Nachmittag abzuholen. Eine Schokocremetorte mit der Aufschrift „Happy Birthday Magdalena, 9-10-11, DBAI“ (DBAI=Don Bosco Anbu Illam) für das Personal nahm ich allerdings sofort mit.

Da die Creme aus „Hard Creme“ bestand und nicht aus Sahne, sollte ich die Torte nicht in den Kühlschrank stellen, sondern in meinem Zimmer bei einer Temperatur von 33°C aufbewahren. So ganz wohl war mir dabei nicht…

Mein Geburtstag kam und mit ihm die Erlaubnis, das zweite Geburtstagspäckchen aus der Heimat zu öffnen. Nach einem wunderbaren Geburtstagsmorgen, ging es in die Kirche, denn schließlich war Sonntag. Gott sei Dank konnte ich dem Bruder noch ausreden, meinen Geburtstag nicht in der Messe erwähnen zu lassen. Das Resultat wäre gewesen, dass die indische Gemeinde nach der Messe meine Hand schütteln würde, um mir ihre Glückwünsch zu übermitteln. Aber so blieb es eine schöne normale Messe und dies war mir auch sehr recht.

Zurück im Boys Home holte ich die Torte aus meinem Zimmer in den Essenssaal und schnitt sie an, während die Jungs  „Happy-Birthday“ sangen, sprachen und klatschten.

Das erste Stück wurde mir von Viktoria in den Mund geschoben. Die Zucker-Schoko-Creme klebte an den Fingern. Damit sollte sie einen Kleks auf  meine Nase schmieren, so sei es hier der Brauch. Die Kinder strahlten und bedankten sich, als ich ihnen ein Stück Geburtstagskuchen auf ihren Teller stellte. Der Schokokuchen schmeckte eher nach Zuckercreme als nach Schokolade, war indisch-süß und doch ziemlich lecker. Am Nachmittag baute ich zum letzten Mal bis zum heutigen Tag eine Verbindung per Skype zu meinen Eltern und Großeltern auf, die gerade am Mittagstisch saßen, einen Geburtstagbraten aßen und meinen Geburtstag feierten. Ich hätte ja so gerne ein deutsches Mittagsessen gegessen.

Am Abend veranstalteten die Jungs für mich ein Geburtstagsprogramm.

Sie tanzten (ich liebe die indischen Tänze!), führten einen tamilischen Sketsch auf und sangen ein Lied. Dann sollte ich unerwartet eine Rede halten. Ich bedankte mich für das wundervolle Programm und sagte, dass ich sehr gespannt bin auf mein überwiegend indisches 19. Lebensjahr. Nach dem Programm verteilte ich German Chocolate (Chocolate nennen die Kinder jegliche Art von Süßigkeiten).

Die deutschen Kaubonbonstreifen haben den indischen Temperaturen nicht Stand gehalten und sind zu meiner Überraschung völlig verlaufen. Aber wenn es um Süßigkeiten geht, kennen die Kinder keine Hindernisse und so erfand jedes Kind seine ganz eigene Methode, die klebrige Masse von dem Papier zu lösen. Mit der Frage, ob ich morgen wieder Geburtstag habe und wann es wieder Chocolate geben wird, gingen die Kinder ins Bett.

Etwa eine Woche vor Deepavali (in Hindi nennt sich das Fest Diwali) waren die Kinder vor dem Schlafengehen ganz aufgeregt. Die Vorfreude hielt einige vom Schlafen ab. Nicht nur die Kinder, auch ich war total gespannt, was mich an diesem Fest wohl erwarten wird. Deepavali ist das Fest der Lichter, das in Indien sehr groß gefeiert wird. Am Sonntag vor Deepavali veranstalteten einige Sponsoren für die Kinder aus dem Boys Home, aus dem Girls Home Saranalaya und aus dem Short Stay Home Rayapuram ein Feuerwerksprogramm und gaben somit einen Vorgeschmack auf das große Fest am Mittwoch. Mit drei Kleinbussen vollgequetscht mit insgesamt 175 Kinder, drei Brother und zwei Volontärinnen kamen wir an einem von ruinenartigen Gemäuern umgebenen Platz an und wurden von einem indischen Snack begrüßt. Nach einiger Zeit begann das Feuerwerksprogramm. Am Anfang knallten kleine und etwas größere Knaller auf dem Platz. Die großen Feuerwerksraketen bildeten den Höhepunkt des Programms.

Besonders zum Schluss, als jedes Kind eine Wunderkerze bekam, glänzten die Augen der Kinder. Wir malten mit ihnen Feuerbilder an den bereits dunklen Himmel. Nach einem schmackhaften Abendessen (mein erstes indisches Essen, das ich mit einem Löffel/Besteck aß) und einem Abschiedssnackbeutel quetschten wir uns wieder in den Bus und sangen indische Lieder.

Mindestens drei Tage vor Deepavali gab es zahlreiche ungeduldige Inder, die ihre Raketen schon vor dem Fest präsentierten, und so vergingen keine 5 Minuten, in der keine Rakete am Himmel zu bewundern war. Am Mittwoch, den 26.10.11 war nun endlich der große Tag gekommen. Es war Deepavali. Die Kinder stürmten auf uns ein und wünschten uns ein „Happy Deepavali!“. Mehrere Sponsoren besuchten an diesem Tag das Boys Home, um einige Snacks zu verteilen. Am Nachmittag kam eine Tanzgruppe mit vielen westlich gekleideten, indischen Jugendlichen und wollte ein Tanzprogramm mit den Kindern aufführen. Sie führten weder einen Tanz auf, noch das sie den Kindern das Tanzen beibrachten. Es war eine wilde Gruppe aus für sich selbst Stimmung machenden Jugendlichen, die bei lauter Musik wild durcheinander tanzten. Ich kam mir vor wie in einer deutschen Disko.

Allerdings verschaffte mir dies die Zwickmühle: Natürlich wurde ich von den Kindern aufgefordert, zu tanzen. Allerdings kann ich in diesem Land nicht wie in einer deutschen Disko tanzen, da ein Hüftschwung schnell als „Bad Dance“ abgestempelt wird. Andererseits tanzte die wilde Gruppe solche Tänze vor. Um aus dieser Situation zu entkommen, wärmte ich meinen Tanzkurs auf und tanzte mit Viktoria „Chachacha“, was sehr gut ankam und uns bald in der Mitte eines mit Inder tanzenden Kreises landen ließ.

Nach der „Disko“ startete das Feuerwerkprogramm auf dem Playground des Boys Homes. Jedes Kind bekam je nach Alter einen Beutel mit Wunderkerzen, kleinen und größeren Knallern. Die Kinder hatten sichtlich Spaß mit den Feuerfunken und tanzten und malten vor einer wunderschönen Feuerwerkskulisse der Nachbarhäuser funkelnde Muster in die Nacht. Der  gesamte Playground tobte und feierte ausgelassen Deepavali.

Den Schluss krönten einige Raketen. Hätte ich nicht im Vorhinein einiges über das Fest erfahren, so hätte ich gedacht, in Chennai feiert man früher Silvester. Da Viktoria das Gleiche dachte, wünschten wir uns schon einmal „Frohes Neues!“. Nach dem Feuerwerk sah es auf dem Playground in der Tat so aus, wie die Straßen in Deutschland am Neujahrestag. Überall lagen Knallerfetzen und Überbleibsel von Wunderkerzen. Die Jungs räumten noch in dieser Nacht im Stockdunkeln den Platz auf. Sie hoben jede einzelne abgebrannte Wunderkerze und jegliche Knallerreste auf. Als die Kinder ins Bett gegangen waren, gingen Viktoria und ich auf die Dachterrasse des Hauses, auf dem wir einen tollen Überblick über die Umgebung des Projekts hatten. Wir genossen die Raketen über der Silhouette der Müllhalde, des Krematoriums, der Verkehrsteilnehmer und der indischen Häuser in der Nachbarschaft. Deepavali werde ich nächstes Jahr in Deutschland sicherlich vermissen!

Der letzte Monat wurde von noch einem Großereignis geprägt. Die Reliquien des Don Boscos touren gerade durch Indien und am 29.10. kamen sie ins Short Stay Home Rayapuram und am 02.11. ins Boys Home in Chennai. Don Boscos Hand (bzw. ein Teil davon) ist im Bauch einer riesigen Don Bosco Figur eingefasst, die in einem Sarg liegend zahlreiche Don Bosco Einrichtungen in der Welt bis zu seinem 200. Todestag im Jahre 2015 besucht.

Ins Rayapuram fuhren wir wieder mit einem Kleinbus und wieder quetschte sich mehr als die dreifache Zahl der eigentlich für den Bus vorgesehenen Menge hinein. Da Don Bosco ins Rayapuram zum Mittag kam, gab es einen riesigen Ansturm. Eine gigantische Masse von Indern strömte auf das für diese Verhältnisse doch relativ kleine Gelände des Rayapurams, um Don Bosco zu sehen. Unsere Kinder, die brav auf dem Boden vor der Don Bosco Figur saßen, wurden fast von einer drängelnden Menschenmenge überrannt.

Um unsere Kinder zu schützen, bildeten wir mit einigen Mädchen aus dem Girls Home eine Menschenkette, die die Kinder von den Dränglern trennte und stießen alle trampelnden Inder rücksichtslos zurück. Eine sehr gebrechlich aussehende Oma zwang ich dazu, unter ein Seil zu krabbeln und trampelte ihr dabei versehentlich noch auf den Fuß, was mir im Nachhinein echt Leid tat. Es war ein großes Chaos und ehrlich gesagt, war ich froh, als Don Bosco und mit ihm die Menschenmasse das Gelände wieder verließen und Ruhe einkehrte. Anschließend gab es Mittagessen: In Zeitungspapier und Folie eingepackter Reis, in Plastiktüten eingepackte Soße und ein Ei und Wassertüten. Als das für diesen Anlass aufgebaute Festzelt und das aus Holzbalken bestehende Geländer abgebaut waren und wir uns wieder in den Bus quetschen wollten, brach der Monsun über uns ein und überschwemmte den gesamten Platz, auf dem vor einer Stunde noch Don Bosco stand. Nach einer Stunde fuhren wir über „Wasserstraßen“ wieder zum Boys Home zurück.

Als Don Bosco einige Tage später in Boys Home kam, ahnte ich noch einen größeren Ansturm. Allerdings wurde meine Vorahnung nicht bestätigt, denn Don Bosco kam bereits 6:30 Uhr morgens. Der Ansturm hielt sich also in Grenzen und diesmal konnte ich das Ereignis genießen. Da der Monsun nun stärker über uns wütet, waren der ganze Platz des Boys Homes und die Einfahrt, zu der Don Bosco kommen sollte überschwemmt. Einen Tag zuvor füllten unsere Jungs das Wasser der Pfützen in Eimer ab und schütteten die Pfützen mit Sand zu. Doch alles war fast um sonst. In der Nacht und am kommenden Morgen schüttete es wieder. Don Bosco fand trotzdem einen Weg zu uns und wurde würdig begrüßt. Unsere Blaskapelle, bestehend aus den Jungs aus dem Boys Home, spielte zur Begrüßung mit Trompeten, Tenorhorn und vor allem Schlaginstrumenten Don Bosco Lieder. Dann sah ich zwei Mädchen aus dem Girls Home mit ihren wunderschönen Kleidern und ihrem mit weißen Blumen geschmückten, langen Zopf vor der Statue tanzen. Jeder konnte in Ruhe die Figur berühren, ohne dass es Gedrängel gab.

Es war ein überschaubares, schönes Ereignis. Nur ein schmächtiger Opa hatte das Talent, sich immer in den Weg zu knien, um seinen Rosenkranz zu beten. Um Acht verließ Don Bosco unser Projekt und die Kinder gingen wieder zur üblichen Tagesordnung über. Sie zogen ihre Schuluniform an, frühstückten und gingen zur Schule.

Drei Tage zuvor gab es wegen eines Motordefekts kein fließendes Wasser mehr in der Leitung im Boys Home. Ein Gartenschlauch auf dem Playground war die einzige Wasserquelle für 71 Kinder, 2 Brother, 2 Father, 2 Köche, einem Rikschafahrer und zwei deutschen Volontärinnen. Für uns hieß das: Eimer schleppen. Wir holten unseren Eimer aus dem Bad, trugen ihn zum Playground und schleppten den vollen Eimer in unser Zimmer im zweiten Stock zurück. Wir gingen sehr sparsam mit dem Wasser um, während der Monsun draußen alles andere tat, als Wasser zu sparen.

Zum ersten Mal wurde mir wirklich klar, wie wichtig doch Wasser aus der Leitung ist. Ich würde lieber auf Strom verzichten, als auf Wasser. Ganze drei Tage lebten wir mit Wasser aus Eimern. Ich fühlte mich wahnsinnig eingeschränkt, die Anzahl an sauberen Kleidern im Schrank sank rapide und der nächste Waschtag war hinfällig. Nur ohne Wasser?! Ich zögerte den Waschtag hinaus und pünktlich zur Don Bosco Reliquie kehrte auch das Wasser zurück in die Leitungen. Ihr Lieben zu Hause, wenn ihr das nächste Mal den Wasserhahn aufdreht und dort völlig selbstverständlich und in reichlichen Mengen Wasser strömt, so denkt bitte an mich, seid dankbar und macht euch klar, dass so etwas nicht überall selbstverständlich ist!

Der Monsun bringt nicht nur Wasserstop, sondern auch eine gemeine feuchte Kälte mit sich. Ich kann euch im noch kälteren Deutschland mit den Temperaturen hier wahrscheinlich nicht beeindrucken, aber auch für mich sind die 28°C verdammt kalt. Ich habe des Öfteren kalte Füße und bin bisher immer knapp einer Erkältung entkommen. Auch die Kinder werden geplagt von Husten, Schnupfen und Fieber. Manche von ihnen laufen herum mit dicken Pullover, gefütterter Jacke und Wollmütze. Meine Wäsche trocknet auch nicht mehr. Ich hatte sie mehr als zwei Tage an der frischen Luft hängen und sie war immer noch feucht. Hoffentlich wird es nicht noch feuchter und kälter!

Liebe Grüße an das frostige Deutschland, ich friere auch!

Eure Magdalena

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Ohrlochstechen

Nun bin ich schon mehr als 6 Wochen in Indien, und langsam beginne ich, das Land auf der einen Seite zu verfluchen, auf der anderen Seite aber schätzen zu lernen. Ich denke oft an Deutschland und stelle mir vor, wie man dort die Probleme lösen würde.

Besonders beim Essen kommen mir die heimischen Gerichte in den Sinn. Schlichtes, mildes, leckeres, frisches, knackiges Essen, bei dem die Zähne auch ein Bisschen Widerstand spüren. Nach 6 Wochen Reisgefuttere fangen nun die ersten Essensgelüste an: Ein Wiener Schnitzel mit einem frischen, saftigen Salat; Bratkartoffeln; unser hausgemachter Kartoffelsalat und eine echte Thüringer Bratwurst dazu; … . Tapfer schaufele ich mir die nächste Hand Reis mit wässriger, scharfer Soße in den Mund. Einmal fuhren wir schon zum „Pizza Hut“ und kauften uns eine wahnsinnig leckere, westliche Pizza.

Die deutsche Pünktlichkeit lernt man in Indien auch sehr zu schätzen. Wir waren am Donnerstag (22.09.11) zu der Hochzeit von der Tochter unseres Bandmasters aus dem Projekt (ich gebe zu, ihn bisher noch nie gesehen zu haben) eingeladen. Die Einladung dazu bekamen wir zwei Tage zuvor. Das sei hier ganz normal, meinte Hannah. Schließlich verteilen die Inder stets viel zu viele Einladungen. Denn sie rechnen schon im Voraus damit, dass nicht alle Gäste kommen werden. Dies bekamen wir zu spüren. Uns wurde zugesichert, uns werde jemand abholen. Wir warteten und warteten, und keiner kam. Die Inder sind nicht nur unpünktlich, manchmal kommen sie auch einfach gar nicht.

Inzwischen habe ich mich an die hohen Temperaturen gewöhnt, aber manchmal nervt es noch, wenn man versuchen muss, bei der Hitze einzuschlafen. Selbst unser Fieberthermometer springt bei unserer nächtlichen Zimmertemperatur an und zeigt rund 33°C an. Wie gerne würde ich mich in ein Federbett kuscheln, während es draußen unter 5°C sind. Das ganze Jahr über soll es hier in etwa 36°C sein, mal ist es etwas feuchter, mal etwas trockener. Ich bin mir sicher, die Jahreszeiten werde ich auch vermissen.

Ich habe nun schon achtmal meine Wäsche mit der Hand gewaschen. Mir fehlt unsere Waschmaschine! Es ist wirklich eine große Kraftanstrengung, die Wäsche mit der Waschbürste bei einer Badezimmertemperatur von über 37°C auszubürsten, mehrfach zu spülen und auszuringen. Danach ist man vor lauter Anstrengung genauso nass wie die Wäsche.

Auf Sicherheit wird in diesem Land nicht sonderlich geachtet. Ein Mädchen aus dem Girls Home hat mir letzte Woche von einer Klassenkameradin erzählt, die bei einem Gasunfall  ums Leben kam.  „Sie war 17 Jahre alt und ein gutes Mädchen“, sagte sie. Ich gehe mal nicht davon aus, dass es ein Anschlag auf sie war. Denn auch so etwas kommt vor.  Wenn das Mädchen zum Beispiel nicht ihren vorgeschriebenen Ehemann heiraten will, sich vielleicht sogar in einen anderen verliebt hat, sind auch einige Väter bereit, ihre eigene Tochter bei einem scheinbaren „Unfall“ zu töten. Da ich hier aber des Öfteren freiliegende, große Gasflaschen direkt unter dem Herd in der Küche gesehen habe, ist ein Unfall doch wahrscheinlicher. In der letzten Woche ist auch ein kleiner Junge im Alter von ca. 10 Jahren umgekommen. Er sei vom dritten Stockwerk eines Hauses auf den Boden gefallen, beschrieb ein tamilisches Plakat an der Mauer der Grundschule unserer Kids. Alle Eltern, die ihre Kinder in die Schule gebracht hatten, hielten an dem Plakat kurz inne und konnten es nicht fassen. Dem Foto und den Eltern nach zu urteilen, sei dies ein netter, hübscher Junge gewesen. Als ich letzte Woche zum Supermarkt in der Nähe des Projekts gelaufen bin, sah ich einen Stromkasten, der über einem mit Wasser gefüllten Baugraben hing. Es sah aus, als würde er bald in den Wassergraben stürzen. Dennoch hantierten zwei Elektriker daran herum, als wäre keine Gefahr vorhanden.

Bei den Indern wird nicht auf Sicherheit geachtet, die Sicherheit der Weißen ist ihnen aber wichtig. Sobald eine von uns nur ein Bisschen Kopfschmerzen hat, werden wir gleich von den Fathers und Brothers des Projekts gefragt, ob wir ins Krankenhaus möchten. Ich habe auch keine Angst, beklaut zu werden. Ich fühle mich hier doch relativ sicher.

Auch Ruhe und Sauberkeit sind so Dinge, die man erst jetzt an Deutschland richtig zu schätzen lernt. Dennoch gewöhnt man sich an alles und lebt sich mit der Zeit in den seltsamen Lebensstil ein. Denn Indien hat auch Seiten, von denen sich Deutschland noch etwas abgucken könnte. Zum Beispiel die Süßigkeitenläden, die hier an jeder Straßenecke  mehrfach stehen. Diese Läden sind vollgestopft mit den notwendigsten Sachen, die man zum Leben braucht (nicht nur Süßigkeiten), falls einmal der Weg zum nächsten Supermarkt zu weit ist. Genauso gute Erfindungen sind die Rikschas, die überall herumkurven und –hupen. Man steigt einfach ein und ist schnell am gewünschten Ort, ohne ein Vermögen dafür auszugeben. Total praktisch, diese Fahrzeuge! Die Offenheit der Inder ist auch lobenswert. Besonders die Kinder kommen uns häufig entgegengerannt, schütteln uns die Hand und fragen uns aus. Wenn wir ein Problem haben, dann wird uns schnell geholfen. Denn in Indien ist alles „No problem!“ Denn der eine Inder kennt einen anderen, der einen Sohn hat, und der Freund vom Vater seines Onkels kann uns helfen. Und dann wird losgerannt und gesucht. In kürzester Zeit ist das Problem gelöst und alle sind zufrieden.

Die Examen unserer Jungs sind nun beendet und alle atmen auf, außer wir Volontäre. Denn die Kinder, Lehrer und vor allem wir haben erst am Freitag erfahren, dass die Kinder die kommenden 9 Tage zu Hause bleiben, da Ferien sind. In Deutschland weiß man seine Ferien mindestens 5 Jahre im Voraus. Hier bekommt man es einen Tag vorher gesagt. Nun sind die Kinder den ganzen Tag im Projekt. Das indische Schulsystem ist sowieso etwas seltsam. Nur eine Englischlehrerin aus der Grundschule ist fähig, sich mit uns zu unterhalten, die anderen können das nicht oder trauen sich nicht. Für die Examen lernten die Kinder fast alles auswendig, und es wird auch so verlangt. Bei Wahrheitssätzen wird nur die Reihenfolge  von richtig oder falsch auswendig gelernt, sobald man aber die Sätze vertauscht, gerät alles durcheinander. Eine andere Aufgabenstellung hieß  „Diskutiere mit deinen Freunden!“. Die gesamte Diskussion war vorgedruckt und die Kinder lernten Wort für Wort auswendig. Es fiel mir sehr schwer, die Kinder stur abzufragen und dieses Auswendiglernen zu unterstützen. Denn ich wusste ganz genau, dass sie nicht viel von dem verstehen, was sie mir aufsagten. Nach den Sommerferien fing die Schule zwei Wochen später als geplant an, weil die Schulbücher noch nicht gedruckt waren. So ein lockeres Denken im Schulsystem wäre in Deutschland undenkbar.

Am 1. Oktober verließ nun die Hannah das Projekt, denn ihr Besuch als ehemalige Volontärin war beendet. Sie fuhr zurück nach Deutschland, um das nächste Semester an der Universität anzutreten. Sie war uns allzeit eine tolle Begleiterin und Ratgeberin. Sie war immer für uns da und hatte auch immer eine Antwort auf unsere Fragen. Nun sind wir auf uns allein gestellt, übernehmen vollständig den „Sick Room“ und die Nachhilfestunden. Für Hannah veranstalteten die Kinder ein tolles Programm. Sie sangen, tanzten und sagten etwas auf.

 

Hannah wurde würdig verabschiedet und bekam sogar einen Schal über die Schultern gehangen (diesmal kein Handtuch). Viktoria und ich beschlossen, sie mit der Rikscha zum Flughafen zu begleiten. Schließlich hat sie uns vor 6 Wochen dort abgeholt. Zum Zeitpunkt ihres Abfluges schauten wir mit den Kindern am Himmel nach Flugzeugen und winkten der Hannah zu.

Am Sonntag (02.10.) sind wir ins Girls Home gefahren. Dort bekamen einige der Mädchen, die noch keine Ohrlöcher hatten, die Ohren durchgestochen.  Jede indische Frau hat Ohrlöcher.  Als wir dort ankamen, war das Haus geschmückt mit knallbunten Girlanden. Viele Leute waren zu Gast.  Die Ohrringe mussten nämlich aus Gold sein, damit sich das Ohr nicht entzündet. Das Gold bezahlten einige Sponsoren, die natürlich zu dieser Feierlichkeit eingeladen waren. Zuerst hielt unser Rector Father Johnson eine kleine Andacht, danach ging es los. In Indien gibt es keine Maschine zum Ohrlochstechen. Sie benutzen einen goldenen Ohrstecker, der mit einer Nadel versehen wurde und diese wird mit der Hand durchs Ohr gedrückt. Einige Kinder haben geweint und geschrien, andere haben keinen Laut von sich gegeben.

 

Die Nadel wurde nicht heiß gemacht. Ebenso wenig wurde ein Eiswürfel hinter das Ohrläppchen gehalten. Die leidenden Mädchen bekamen aber einen Obstteller mit Bananen, Äpfeln und Kokosnüssen. Die Kinder aßen eine Banane und beim Unterschlucken wurde das Ohr durchstochen, da sei der Schmerz am geringsten. Ich fühlte mit den Kindern. Nach dem Stechen gab es noch etwas Programm. Die Mädchen tanzten wunderschöne indische Tänze. Anschließend gab es leckeres, selbstgekochtes Essen: Chicken Bryani (explodiertes Hühnchen im gewürzten Reis) mit Zwiebelsalat und Kartoffelchips (die Inder essen die für uns üblichen Kartoffelchips zu ihrem Mittagessen als Beilage). Als auch der letzte Sponsor gegangen war, schauten die Mädels mit uns Fernsehen bis es fast dunkel war.

Am „Tag Der Deutschen Einheit“ hatte ich zwei Päckchen von zu Hause bekommen. Sie kamen unversehrt und vollständig an. Das eine war schon 13 Tage unterwegs, das andere gerade erst 6 Tage. Das letztere wird aber erst am Geburtstag geöffnet! Ein Strahlen ging in mir auf, als ich ein Bisschen Heimat (3 Gummibärchentüten, 2 Milkaschokoladen, deutsche Tütensuppen, das Papstwallfahrtstuch, …) in den Arm schließen konnte. Ein großes Lob an die zuverlässige Post!

Meine Rundmails sind noch nicht kürzer geworden, was ich eigentlich vermutet hatte. Man erlebt in diesem Land ständig etwas Neues. An einem gewöhnlichen Tag kann stets ein unvorhergesehenes Ereignis passieren. Es gibt Tage, an denen ich so viel erlebe, wie ich in Deutschland in einer ganzen Woche nicht erleben würde…

Liebe Grüße aus dem Land der Überraschungen,

eure Magdalena

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Regenfrei

„Vanakkam“ liebe Freunde im fernen zu Hause. Mit „Vanakkam“ begrüßt man sich hier in Tamil Nadu, dem Bundesstaat von Chennai. Je nachdem ob es morgens, abends oder nachts ist, setzt man diesem Wort ein „kalei“, „malei“ oder „iere“ noch davor. Von den Kindern, von denen ich inzwischen fast alle Namen kenne, lernt man schnell einzelne Wörter in Tamil. Das, was es auf dem Schulweg am häufigsten zu sehen gibt, kann ich schon kommentieren: „Kaka!“,  „Galitsch!“, „Madama!“. „Rabe!“, „Schlamm!“, „Marienstatue!“.

Auf dem Schulweg muss man oft auf den Verkehr, der anscheinend keine Regeln besitzt, außer meistens links fahren, höllisch aufpassen. Mit zwei kleinen Kindern an der Hand schlängelt man  sich zwischen den Motorrädern und Rikschas auf die andere Straßenseite. Dann führt der Schulweg an einem Fluss entlang. Genau genommen könnte man dieses Gewässer nicht mehr als Fluss bezeichnen, denn da fließt eigentlich gar nichts mehr. Überall schwimmt Müll und Dreck, darüber kreisen zahlreiche schwarze Krähen.

Auch am Ufer befindet sich ein gigantischer Müllberg, der nicht zu verschwinden scheint und somit ein schönes Zuhause für sämtliche Moskitolarven ist. Manchmal ernährt sich auch die ein oder andere Kuh davon. Ab und zu sieht man neben den schwimmenden schwarzen Büffeln im Wasser auch Menschen. Für einen Hungerlohn erklären sich diese mutigen Männer bereit, den Müll aus dem „Fluss“ zu fischen. Von oben bis unten voll mit schwarzer Brühe beschmiert steigen sie nach getaner Arbeit wieder aus dem Gewässer. Wir überqueren den Fluss über eine Brücke, auf der ein kleiner Fischmarkt aufgestellt ist. Es stinkt stark nach dem von Fliegen umschwirrten, nicht unbedingt appetitlich aussehenden Fisch.

Danach landen wir in einem dörflich aussehenden Stadtviertel. Dort befindet sich die Grundschule unserer Juniors und der 2 km lange Schulweg ist hier beendet.

Der Verkehr in Indien ist sehr chaotisch. Wer in Deutschland seinen BMW oder Mercedes liebt und über jeden Kratzer erbost ist, würde hier in Ohnmacht fallen. Es wird links und rechts überholt, dabei wird jedes Mal mehrmals gehupt. Starker Gegenverkehr ist kein Grund auf sein Wendemanöver zu verzichten. Auf Kreuzungen fahren grundsätzlich erst einmal alle Verkehrsteilnehmer bis zur Kreuzungsmitte, bis nichts mehr geht und der Klügere nachgibt. Die Fahrradfahrer werden kaum ernst genommen. Mir ist es in dem einen Monat, den ich nun hier bin, schon zwei Mal vorgekommen, dass unser Rikschafahrer einen Fahrradfahrer angefahren hat. Es wird kurz gewinkt, sich entschuldigt und weitergefahren. Besonders betroffen wären die Fahrradfahrer, die die kuriosesten Gegenstände auf ihrem dafür doch verhältnismäßig kleinen Gepäckträger transportieren. Vor kurzem hatte ich einen Fahrradfahrer mit rund 50 offenen Schachteln voller rohen Eiern auf dem Highway gesehen. Oder ein anderes Mal sah ich einen Eimerverkäufer, dessen Fahrrad rundum mit Eimern, Krügen und Schalen behangen war. Manche transportieren auch fünf Meter lange Stangen auf ihrem Fahrrad und müssen bei jeder Kurve Acht geben. Der Verkehr besteht hauptsächlich aus Motorrädern und Rikschas. Autos können sich nicht so gut durch den Verkehr schlängeln und kommen so nicht schnell voran.  Am amüsantesten sind die Motorradfahrer, die uns weiße Fußgänger in der Kürze der Zeit, in der sie an uns vorbeifahren, Fragen stellen. „What ist your n…?“, „Where are you fr…?“. Während sie nicht einmal ihre Frage ausgesprochen haben, und erst recht nicht unsere Antwort abgewartet haben, sind sie schon vorbeigefahren. Also ein völlig sinnloses Gespräch, aber dennoch kommende mehrere Inder auf so eine Idee. Zu dem 3 km entfernten  Girls Home fahren wir immer mit einem Share Auto. Ein Share Auto ist eine etwas größere Rikscha, die man sich mir mehreren Personen teilt. Nicht selten erleben wir es, dass in diesem winzigen Auto neun Inder und wir beiden eingequetschten Deutschen hocken. Dafür bezahlen wir nur ein Sechstel des günstigsten Rikschapreises.

Als wir von dem Einkauf der letzten Woche mit der Rikscha zurück ins Projekt fuhren, wurden wir von einer dichten Nebelwolke, die sich über den gesamten Highway, später auch über das gesamte Stadtviertel erstreckte und einem fürchterlichen Gestank empfangen. Es war Verbrennungstag. Die nicht allzu weit von unserem Projekt entfernte Müllkippe wurde an diesem Tag in Brand gesetzt. Einige Bewohner des Umkreises machten mit ihrem Privatmüll mit. Dabei war es allen egal, ob sie Plastik verbrennen oder nur Holz oder Papier. Müll ist Müll, der wird so angezündet, wie er ist. Zur Krönung machte das ebenfalls nicht weit entfernte Krematorium auch noch mit. Dies war allerdings ein noch üblerer Geruch, vor allem bei der Vorstellung, was dort gerade verbrannt wird. Die Verbrennungswochen in Deutschland können da gar nicht mithalten. Ich hingegen bin eher mal gespannt, wie oft die Müllkippe in Brand steht und wir den Geruch ertragen müssen.

Am Sonntag beschloss ich, mich nun einmal dem indischen Fernsehen hinzugeben. Gemeinsam mit den Kindern schalteten wir durch die Kanäle. Dort kam unter anderem gerade „Indien sucht den Superstar“, allerdings mit eher orientalisch klingenden Gesangsbeiträgen. Dann kam eine ganz spannende Serie, bei der zwei seltsam aussehende Männer, beide mit einem mit Haaren zugewachsenen Gesicht in einem Tunnel gefangen waren, der dem Inneren eines riesigen Darmes glich. Das Green Screen sprang mir förmlich ins Auge. Die Kinder waren mit ihren Augen an den Fernseher gefesselt, während ich einem Lachanfall sehr nahe stand. Nachdem weitergeschaltet wurde, fragte ich das Kind neben mir „Super Film?“. Das Kind antwortete mit leuchtenden Augen “Suuuper Film!“ 

Vorgestern (Montag, 19.09.11) hatten unsere Seniors aus dem Projekt ihr Schulsportfest. Eine Woche zuvor wurden wir schon von ihnen dazu eingeladen. Als wir unsere Juniors in die Schule gebracht hatten, fuhren wir mit der Rikscha zum Gymnasium der Seniors. Dort war ein Durcheinander. Überall liefen Kinder mit Schuluniform, mit normaler Kleidung und mit Fußballkleidung herum. Es schien so, als sei nichts organisiert. Wir suchten uns ein schattiges Plätzchen und warteten auf das Fußballspiel. Wir warteten noch 20 Minuten, bis endlich das Fußballspiel nach einer Verspätung von ca. 50 Minuten begann. Doch unsere Don Bosco Jungs spielten gar nicht. Es war erst einmal die andere Schule an der Reihe. Wir begegneten einem unserer großen Seniors, der meinte, sie spielen erst am Nachmittag. Die Uhr zeigte halb elf. Aber die kleinen Seniors müssten bald spielen. Inzwischen nahmen wir auch die Plastikstühle, die uns mehrmals angeboten wurden, an und warteten. Zwischendurch wurden wir oft von den Schülern angesprochen, wer wir sind, wo wir her kommen und ob und was wir zum Frühstück gegessen haben. Im Nu versammelte sich eine kleine Schülertraube um uns. Ein Schüler hatte sein Schulheft und einen Stift dabei. Wir sollten unsere Namen schreiben. Nun liefen mehrere Kinder nach ihren Heften und organisierten sich einen Stift. Die Autogrammstunde war perfekt. Glücklicherweise hatte ein Großteil der Kinder wegen dem Sportfest keine Hefte dabei und somit blieb der Ansturm im überschaubaren Maße. Bis ein Kind seine Hand hinstreckte und mich nach einem Kuli fragte. Ich bereue es immer noch, dass ich ihn daraufhin ausgepackt hatte. Ich unterschrieb und urplötzlich tauchten ca.30 Kinderhände vor meinen Augen auf, alle quatschten durcheinander, ich solle doch unterschreiben. Ich weiß bis heute nicht, woher diese Masse an Kindern kam, sie war plötzlich einfach da. Ich steckte schnell den Stift weg und sagte „finished!“. Dies akzeptierten sie zu meiner Überraschung. Unser Kommen hatte sich letztendlich gelohnt: Unsere kleinen Seniors gewannen das Fußballspiel nach einem spannenden Elf-Meter-Schießen.

Gestern (Dienstag, 20.09.11) war auch am Vormittag im Boys Home „Anbu Illam“ Tumult zu hören. Gestern war nicht etwa einer der vielen hinduistischen, muslimischen oder christlichen Feiertage, die fast jede Woche einmal stattfinden und für die Kinder meistens gleich zwei Tage schulfrei bedeuten. Gestern war regenfrei. Es hat die ganze Nacht und den ganzen Morgen geregnet und fast den gesamten Hof des Projekts überschwemmt. Dies ist ein Grund, schulfrei zu geben. Ich weiß nicht, wie die Seniors heute ihre Examen meistern sollen, wenn sie vorgestern Sportfest und gestern regenfrei hatten, aber in Indien ist ja eh alles „No Problem!“

Viele regenreiche Grüße aus Chennai,

eure Magdalena

 

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Ein umständliches Land

Ich melde mich wieder aus dem Land, das ich in letzter Zeit als unheimlich umständlich erfahren musste. Ich glaube, es geht zu weit, euch noch von unserer Registration Teil 3 bis 6 zu erzählen. Ich kann nur so viel sagen, dass es uns  6 Besuche beim Immigration Office, 8 Besuche beim Don Bosco Office, 17 Seiten Papier, ungefähr 23 Rikscha Fahrten zu einem Preis von rund 2200 Rupien (entspricht ca. 33€), etwa 17 Stunden Wartezeit (allein für nur eine einzige Unterschrift und einen Stempel warteten wir eine ganze Stunde) und in etwa 35876 Nervenzellen gekostet haben muss. Erschwerend kommt noch hinzu, dass hier öfters der Strom für eine Stunde wegfällt und dummerweise auch immer dann, wenn man das ungesicherte Dokument gerade fertig getippt hat und es sich kurz vor dem Drucken befindet.

Heutiger Standpunkt: Wir haben nun alle Dokumente vollständig abgegeben, dennoch müssen wir nun auf einen Brief warten, der uns dazu einlädt, unseren Stempel im Immigration Office abzuholen.

Einen Vorteil hatte allerdings diese Herumkurverei. Dadurch konnten Viktoria und ich unseren Rector Johnson im Office antreffen und ihn bei einem Kaffee und ein paar Keksen darum bitten, uns nicht zu trennen, bzw. einen von uns ins Girls Home zu stecken. Tatsächlich hat es geklappt, dass wir auch weiterhin zusammen in unserem Zimmer im Boys Home wohnen dürfen. Wir haben den Kompromiss gefunden, die Mädchen im Girls Home zwei Mal in der Woche zu besuchen.

Das Girls Home ist sehr klein und erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Ein Stockwerk besteht ausmaximal zwei Zimmern. Ein kleiner Spiel- und Duschplatz ohne Möglichkeit, Volleyball oder Völkerball spielen zu können, existiert hinter dem Haus. Ich fühltemich etwas eingeengt mit den rund 25 Mädchen. Die Vorstellung, dass eine von uns hier das ganze Jahr hätte wohnen müssen, erschreckte mich ein wenig. Aber die Mädchen in diesem Projekt sind genauso klasse, wie unsere Jungs im Boys Home. Allerdings sprechen die Mädchen viel besser Englisch (es ist erstaunlich, wie gut man sich dort mit einem 10jährigen Mädchen unterhalten kann) und sind sowieso viel selbstständiger. Von nun an werden Viktoria und ich diese Mädchen an jedem Samstag und an jedem Mittwoch in der Woche besuchen.

Am Sonntag erlebte ich meine erste Messe auf Tamil. Dafür mussten wir allerdings schon 6:15 Uhr aufstehen, denn das Hochamt beginnt hier schon um 7:30 Uhr. Mit unseren 67 Kindern, den beiden Brothers und einem Erzieher machten wir uns auf den Weg in die ca. 1,5 km entfernte Kirche. Die Kirche sah für indische Verhältnisse noch relativ schlicht aus. Ein bescheidenes, unbemaltes Holzkreuz hing im Altarraum und wurde von einer roten Lichterkette umrandet. Auch die Marienstatue war mit einer blauen, die Jesusstatue mit einer gelben Lichterkette versehen. Die Bänke fehlten, denn hier wird im Schneidersitz gesessen (das ist nach 90 Minuten verdammt unbequem!!). Man konnte der Messe Dank der Weltkirche und ihrer Einheitsliturgie ganz gut folgen und meistens auf Deutsch mitbeten.

Das Essen hier ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Ich habe jetzt einen Plan: Wenn es schmeckt, esse ich so viel, wie ich kann. Wenn es nicht schmeckt, lasse ich die Mahlzeit ausfallen, denn ich habemeistens noch Reserven vom letzten schmackhaften Essen im Magen. Ansonsten muss der Vorrat an Süßigkeiten in unserem Schrank herhalten. Am Sonntagabend gab es gesponsertes Essen.  Zur Nachspeise ließ sich die Familie etwas ganz Besonderes einfallen: Es sah aus wie Froschlaich, oder wie die Zeichnungen des Inneren einer Zelle aus meinem Biologiebuch. Es schmeckte erst verdammt süß, im Nachgeschmack aber richtig fies und langanhaltend nach Medizin. Aber die Inder fanden es natürlich toll. Ich hingegen warte darauf, dass eine Familie mal Pizza sponsert, aber ich befürchte, darauf kann ich lange warten.

Vorletzten Montag sind wir nichtsahnend mit den Kindern in die Grundschule gegangen. Auf halben Rückweg wurden Hannah, Viktoria und ich von dem kleinen Siva angehalten, wir sollen wieder zurückkommen wegen irgendeiner Veranstaltung. Als wir wieder den Schulhof erreichten, hatten sich dort inzwischen 250 Eltern versammelt. Wir sollten an allen vorbei zum Schulleiter gehen, denn er wolle uns begrüßen. Als wir eine Weile in seinem Büro saßen, forderte er uns auf, uns auf fünf „weiße“ Plastikstühle direkt vor die Elternmenge zu setzen. Dann folgten mehrere Reden vom Schulleiter, von einer pensionierten Grundschullehrerin und von unserem Brother, der erst 15 Minuten zuvor erfahren hatte, diese Rede halten zu müssen. Unsicher saßen wir vor den glotzenden indischen Eltern. 500 große, erwartungsvolle Augen starrten uns an. Nachdem jeder Redner einige Worte verloren hatte, wurde die indische Nationalhymne gesungen und anschließend kam der Schulleiter mit einem Stapel von knallpinken und –orangenen Handtücher auf uns zu und hing uns jeweils eins um die Schulter zur Ehrung. Wir wussten nicht genau, wofür wir nun solche Anerkennung bekamen.

Letzen Donnerstag ging es mir nicht so gut. Dieses stressige, umständliche, chaotische Land hat mir einen mächtig dicken Kopf in Kombination mit Kopfschmerzen, fast tauben Ohren und kleinen Augen verschafft. Ich schlief den ganzen Tag und zwei Nächte lang. Aber am nächsten Tag war alles wieder in Ordnung. Als wir zum Frühstück gingen, erwarteten uns vier deutsche Volontäre ausBenediktbeuern, dem zweiten Aussendungsort für Don Bosco Volontäre in Deutschland. Diese vier Mädchen befanden sich allerdings nur auf der Durchreise. Sie warteten auf ihr Flugzeug, bzw. auf ihren Autofahrer, der sie dann an ihren Einsatzort als Volontäre bringt. Wir verstanden uns super, erzählten ihnen schon von unseren Erlebnissen und gaben schon einige Tipps. Inzwischen sind sie sicherlich schon im Projekt angekommen und stellen sich ihren neuen Herausforderungen.

Am Dienstag(06.09.) war  in Indien „Teachers Day“ (Lehrertag). Wir sollten deshalb eineinhalb Stunden eher zu einem Programm auf dem Schulgelände der „Don Bosco Matriculation School“ kommen. Dort versammelten sich alle Schüler der umliegenden Schulen, also auch unsere Don Bosco Kids. Als wir den Schulhof betraten, waren dort bereits rund 3000 Kinder versammelt. Die Köpfe der indischen Kinder um uns herum drehten sich in unsere Richtung. Wir wurden von einer Lehrerin gebeten, uns vorne neben die Bühne zu platzieren. Auf der großen, viel zu kitschig geschmückten Bühne standen drei ganz besonders auffällige Stühle für drei besondere Lehrer. In Deutschland würde man so einen Stuhl seinem  dreijährigen Kind zum Kindergeburtstag gestalten –wenn überhaupt! Diese drei Stühle waren mitglitzernd bunten Girlanden und anderen Schnick Schnack umwickelt. Aber die Inder haben einen Sinn für Kitsch und so waren diese Stühle völlig ernst gemeinte Huldigungen für drei erwachsene Lehrer.

Die Kinder gaben sich sehr viel Mühe für ihre Lehrer. Zwei Stunden lang tanzten die Kinder, sangen und führten Sketsche auf. Besonders beliebt war der indische Tanz zu „WakaWaka“, der natürlich überhaupt nicht zur Originalversion passte. Zum Schluss wurde jeder Lehrer auf die Bühne gebeten, um sich einen Umschlag und ein Geschenk abzuholen, während die 3000 Schüler applaudierten und jubelten. Die bedrückende Hitze wandelte sich nun langsam in eine regenvoraussagende Schwüle um, doch das Programm ging weiter, zur Ehre der Lehrer.

Als es nun aller höchste Zeit war, endlich nach Hause zu flüchten, hörte auch das Programm auf. Der Schulleiter lud uns und seine Lehrer dennoch zu einem Kaffee und einem Baduscha (indische SÜSSigkeit) ein, während es draußen tröpfelte. Dann fuhren wir mit einem Kleinbus zur Grundschule, an der wir unsere Kids abholen sollten. Als wir ausstiegen, regnete es. Im strömenden Regen liefen wir die 2 km zurück ins Don Bosco Boys Home. Wir waren durchgeweicht bis auf die Knochen, zur Ehre der Lehrer!

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Willkommen im fremden Land

Nach etwa neun Stunden Flug mit zwei Stunden Aufenthalt in Dubai sind wir am Sonntagmorgen völlig übermüdet in Chennai angekommen. Eine schwüle Hitze empfing uns am Flughafen. Außerdem wartete dort ein uns bereits bekanntes Gesicht: Hannah. Hannah war vor zwei Jahren Volontärin in unserem Projekt und war nun zu Besuch. Wir kannten sie von der Aussendungsfeier und waren sehr erleichtert sie zu sehen. Sie führte uns zur Privatrikscha des Projekts (hört sich größer an, als sie letzendlich war). In dieses Mini Auto packten wir unsere drei großen Gepäckstücke, meine Gitarre samt Laptop, zwei Handtaschen, einen Rucksack und schließlich uns selbst. Nach 45 Minuten erreichten wir völlig zusammengequetscht unser Don Bosco Projekt „Anbu Illam“(„Haus der Liebe“). Eine Horde indischer Kinder stürmte auf uns ein, reichte uns die Hand und fragte „Whatisyourname?“. Auf unsere Gegenfrage hin antworteten diese Kinder die für uns eigenartigsten Namen:“Santosch, Bangid, Kischore, Guru, Parkasch,…“. Dann nahmen sie uns unser Gepäck ab und trugen es in unser Zimmer. Meinen 30kg-schweren Koffer schleppten drei kleine Kinder (eines davon war erst drei Jahre) ins zweite Stockwerk.

Viktoria und ich entschlossen uns, vorerst nicht zu schlafen, schließlich hatten wir noch einen ganzen Tag vor uns und wenn wir uns jetzt schlafen legen, würde unser Tagesrhythmus völlig durcheinander geraten. Wir richteten unser Zimmer etwas wohnlicher ein, wischten den Dreck von Tischen und Schränken und hingen Bilder auf und montierten das Moskitonetz über unserem Bett. Dann gingen wir zu unserem ersten indischen Mittagessen. Es war scharf und nicht besonders abwechslungsreich.

Dann spielten wir mit den Kindern Carambul (Carombord). Am Nachmittag zur Snacktime sind Viktoria und ich fast eingeschlafen. Also kamen wir zu dem Entschluss, uns lieber doch hinzulegen. Als wir nach zwei Stunden aufwachten, hörten wir schon etwas Tumult. Die Kinder veranstalteten ein Willkommens-und Abschiedsprogramm (Abschied wegen einer Französin, die wie Hannah vor zwei Jahren als Volontärin hier tätig war und deren erneuter Besuch an diesem Tag zu Ende ging). Die Kinder tanzten selbst ausgedachte indische Tänze, sie sangen, führten Sketsche auf und für uns bauten sie eine Menschenpyramide und schrien „Welcome!“. Dieses Programm haben sich die Kinder erst wenige Stunden vorher ausgedacht. Die Talente dieser indischen Straßenkinder sind wirklich beachtlich!

Beim schmackhafteren Abendbrot (das Abend-“brot“/-reis sei hier immer gut, meinte Hannah) lernten wir Rector Johnson kennen, der uns in einem anschließenden Gespräch mitteilte, dass er Viktoria und mich in unterschiedliche Projekte stecken möchte. Eine von uns solle ins drei Kilometer entfernte „Girls Home“ gehen. Dies war ein Schock für uns, denn wir wollten das bizarre Land doch gemeinsam erleben. Besorgt gingen wir schlafen.

Am nächsten Morgen haben Viktoria, Hannah und ich die Kinder in die zwei Kilometer entfernte Schule gebracht. Dabei haben wir die arme und sehr indische Umgebung des Projekts kennengelernt. Unzählige indische Kinder mit ihrer Schuluniform stürmten auf uns ein und wollten den weißen Volontärinnen die Hand schütteln.

Am nächsten Tag wollten wir mit Hannah indische Kleidung kaufen und Geld wechseln gehen. Wir fuhren mit ihr in ein sehr westliches und wohl klimatisiertes Kaufhaus im Zentrum der Stadt. Mit drei neuen Kleidern kamen wir zurück ins Projekt. Durch die neuen Flip Flops hatte ich mir zwei Blasen in den Zehzwischenräumen beiden Füße gerieben. Diese musste ich erst einmal verarzten. Dafür kam mir mein Krankenhauspraktikum, und die Flasche Desinfektionsmittel sehr gelegen.  Mit den neuen Kleidern und dicken, festen Schuhen (einer andere Alternative für meine Füße gab es nicht) holten wir die Kids von der Schule ab. Dann spielten wir mit den Kindern auf dem Playground des Projekts Volleyball, Fußball, Zweifelderball und andere lustige Spiele.

Am Abend gab es ein heftiges Gewitter. Zum ersten Mal erlebte ich einen echten Monsun. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, sah ich, dass der gesamte Playground des Projekts überschwemmt war. Meine Füße waren gerade am verheilen, doch meine Flip Flops würden die Wunden wieder aufreißen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit den festen Schuhen durch das Wasser zu laufen, um die Kinder in die Schule zu bringen. Ein Blick auf die angrenzende Straße verschlimmerte die Situation. Auf der Straße ging mir das Wasser schon bis zur Wade. Die Kinder freuten sich über diese Abkühlung, ich hingegen war sehr besorgt über meine beiden halb offenen Wunden, die nun in einer „Suppe“ voller Schlamm, Benzin, Müll, Mist und ähnlichen in Berührung kamen.

Als ich mit klitschnassen Schuhen und Strümpfen im Projekt ankamen, machten Hannah, Viktoria und ich uns auch schon auf den Weg zum Office in der Stadtmitte, um Rector Johnson wegen unserer Registration zu sprechen. Diese Registration ist notwendig für alle Volontäre, die länger als sechs Monate im Land bleiben. Blöde Erfindung!!

Wir nahmen also eine Rikscha, die uns allerdings nur fünf Minuten fuhr. Dann meinte der Fahrer, dass das Wasser in  der einzigen, zur Stadtmitte führenden Straße schultertief stehen würde. Wir mussten wohl oder übel aussteigen. Da wir ihm nicht glaubten, liefen wir nun auf der Straße Richtung Stadtzentrum. Das Wasser  ging uns gerade mal bis zur Wade. Doch meine gerade desinfizierten Füße freuten sich darüber gar nicht. Nachdem die Straße trockener wurde, nahmen wir erneut eine Rikscha. Diese ging dummerwiese nach wenigen Metern schon kaputt, so dass wir die dritte Rikscha aufsuchten. Diese fuhr uns nun endlich zum Office. Alles in Allem haben wir doch weniger Geld bezahlt, als wir mit dem ersten Rikschafahrer für die gesamte Strecke vereinbart hatten. Der Rector im Office schickte uns mit einer Angestellten zu einer Polizeistation. Als wir dort ewig gewartet hatten, die Angestellte noch Kopien von unseren Pässen im nahegelegenen Geschäft anfertigen musste, wurde uns mitgeteilt, dass wir auf der falschen Polizeistation seien. Die Kopien wollten sie dennoch behalten. Wir fuhren mit der Rikscha zur nächsten Station. Diese war auch die Falsche. Die richtige Station war nicht auffindbar, wir sollen morgen wieder kommen, meinteRector Johnson. Unser schöner freie Vormittag, sieben Rikschafahrten, 60 Minuten Wartezeit und zwei Passkopien waren umsonst!

Am nächsten Tag sollten wir schon 10 Uhr ins Office kommen wegen der Registration Teil 2. Wir waren leicht unpünktlich, aber nach indischen  Verhältnissen noch überpünktlich. Dann warteten wir zwei Stunden, bis die richtige Polizeistation ausfindig gemacht wurde. Dort wurde uns gesagt, wir sollen zum Immigration Office gehen. Also sind wir wieder per Rikscha zum Immigration Office gefahren. Dort bekamen wir einige Formulare in die Hand gedrückt mit den Worten: „Wir sollen Montag wieder kommen!“ Die indische Bürokratie kann einen echt wahnsinnig machen! Aber ein indischer Spruch lautet: “Be cool!“ Also befolgten wir das.

Der heutige Tag war schon lange vorher gefürchtet, denn heute ist  bei uns Waschtag. Die deutschen T-shirts sind hier sehr schnell durchgeschwitzt und so kam es, dass unser Wäschebeutel voll war. Zum ersten Mal mussten wir Wäsche waschen- natürlich mit der Hand! Drei Stunden schruppten Viktoria und ich die Wäsche auf dem Badezimmerboden. Nun hängt sie auf dem Geländer im Flur an der frischen Luft zum Trocken.


Heute ist Samstag. Der Samstag ist in Indien ein schulfreier Tag, also sind die Kinder diesmal auch am Vormittag im Projekt. Aus dem Flur ertönen laute Trompeten- und Paukenklänge. Ich geh gleich mal nachschauen, wer die indischen Musikanten sind…

Liebe Grüße aus einer anderen Welt an die Heimat,

eure Magdalena

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Ich packe meinen Koffer…

Zwei Zahnbürsten, Drei Rollen Klopapier (müssten reichen für den Anfang), unzählige Ü-Ei-Figuren für die indischen Kids, eine elektrische Fliegenklatsche, eine Taschenlampe, Läusemittel und vieles mehr… . Ich hätte mir niemals erahnt, dass man an so viele Sachen denken muss, wenn man ein ganzes Jahr in Chennai/Indien leben möchte. Nebenbei warte ich ungeduldig auf mein Visum, das bisher aus irgendeinem Grund nicht ausgestellt werden konnte, obwohl ich doch mehr als genügend Bescheinigungen und anderen Papierkram dem Antrag beigefügt habe.

Da ich ursprünglich am Montag (15.08.) fliegen sollte und mein Visum bis zum heutigen Tag (Freitag, 12.08.) immer noch nicht im Briefkasten gelandet ist, sondern immer noch in der indischen Botschaft in Berlin schlummert, haben wir den Flug nun auf den 20.08. umgebucht. Ich bin wahnsinnig erleichtert über diese Entscheidung und noch viel mehr darüber, dass der Flug meiner Mitvolontärin auch umgebucht wurde, schließlich hatte sie ihr Visum rechtzeitig. Dies hat mir den alleinigen Flug nach Chennai mit Umsteigen in Dubai erspart. Gott sei Dank!

Dennoch sind es nicht nur die materiellen Dinge, an die man denken muss. Zur Vorbereitung lerne ich gerade ein Bisschen Tamil, dies ist die einheimische Sprache, die man in dem Bundesstaat Tamil Nadu, in dem Chennai liegt, spricht. Das Wichtigste kann ich schon: Wanakkam, Appuram und Nanri: Hallo, Tschüß und Danke. Für meine indischen Kids suche ich englische Bewegungslieder und –spiele heraus, durchblättere alte Englisch-Arbeitshefte aus der Grundschule und überlege mir nette Mitbringsel und Preise.

Allen meinen Freunden habe ich nun auch für ein ganzes Jahr „Auf Wiedersehen“ gesagt und mehrere kleine Abschiedsrunden geschmissen. Ich bin gespannt und zugleich macht es mir etwas Angst, was sich im kommenden Jahr in meiner Heimat wohl verändern wird.

Noch viel mehr schwelge ich aber in Vorstellungen über mein zukünftiges indisches Projekt. Langsam male ich mir aus, wie es dort wohl aussehen mag, wo meine Aufgaben liegen werden und wie die Kinder so sind. Auch wenn ich bis vor wenigen Tagen noch nicht realisieren konnte, was auf mich zukommt, so denke ich, beginnt langsam der Prozess der Wahrnehmung in mir. Langsam, sehr langsam werde ich mir bewusst, was dieses kommende Jahr mir wohl bedeuten wird…

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