Liebe Freunde zu Hause,
ich bin wieder da! Seit sechs Wochen erblicke ich nun das deutsche Tageslicht und mit ihm viel Heimisches aus einer ehemals entfernten Welt. Ebenso viel Neues stürmt auf mich ein. Am meisten jedoch entdecke ich gewöhnliche Gegenstände oder Situationen, die ich plötzlich neu zu schätzen lerne oder gar nicht verstehe. Da ist zum Einen das Wasser aus der Leitung, das für mich in den ersten Stunden und Tagen in Deutschland spannender war als jeder Fernseher. Ist so etwas möglich! Rund um die Uhr Wasser aus der Leitung! Alle zehn Minuten checke ich erneut die Wasserlage im Hause Winkler. Tatsächlich, immer noch kein Wasserausfall! Obendrein kann man sogar noch wählen, ob man heißes oder kaltes Wasser möchte (obwohl das für mich in Chennai niemals relevant war!). Das Saubermachen ist hier allerdings umständlicher. In Indien nimmt man einfach einen Eimer mit Wasser und klatscht ihn gegen die Wand oder auf den Boden und schrubbt ein Bisschen hinterher. Danach ist zwar das ganze Bad überschwemmt, aber das trocknet ja schnell.
Meine erste Einkaufstour im Supermarkt war genauso imposant. Es gab Wurst in rauen Mengen und Käse! Es gab Tiefkühlpizzas und Brötchen! Eine gigantische Auswahl an Produkten verschlug mir die Sprache und ließ mich inne halten. So viele Süßigkeiten!!!
Alles ist so geordnet. Die Straßenführung (Rechtsverkehr!), es gibt Bürgersteige, die Wege sind sauber, gepflastert und gerade. Nirgendwo schleicht ein desorientierter Hund, Katze, Huhn, Kuh, Rabe oder Büffel herum. Es gibt funktionierende Ampeln und Verkehrsordnungen und dafür keine herum pfeifenden Verkehrspolizisten. Kein Ochsenkarren rammt mich mehr, kein Eierverkäufer mit 200 rohen Eiern vorne auf dem Fahrrad schlägt sich mutig durch die chaotische Kreuzung. Man begegnet nirgends einer Großfamilie auf einem Motorrad fahrend….
Viele Leute in der Bahn, im Bus, auf der Straße oder im täglichen Leben wirken auf mich unheimlich verschlossen. Es gibt so wenig Leute, die zurücklächeln oder gar Kinder die mir die Hand schütteln wollen. Man ist nicht mehr der weiße „Superstar“ aus dem Westen, sondern wieder einer unter vielen gleichen. Ebenso die Türen der Häuser sind verschlossen. Das Leben findet wieder hinter den eigenen vier Wänden statt, ohne dass ein Fremder Anteil haben darf. Niemand liest, spielt, redet oder schläft vor der Haustür. Falls ich dies machen würde, würde ich prompt darauf angesprochen werden, ob ich meinen Haustürschlüssel vergessen habe oder ob ich traurig bin. Warum?
Zur Mühlhäuser Stadtkirmes, die wohlgemerkt die Größte von ganz Deutschland ist, und die mich unmittelbar nach meiner Ankunft empfing, fiel es mir sehr schwer, zu feiern. Ich sah so viele biertrinkende Erwachsene und Jugendliche, die enormes Geld für Alkohol ausgegeben haben. Ein armes indisches Kind würde sich über eine Rupie (ca. 1,5 ct.) freuen, damit es sich zwei Bonbons kaufen kann. Ich sah meine indischen Kinder vor mir und ich sah mich, mitten in dieser übermütigen, trinkenden, sorglosen Feiergemeinde. Ein schlechtes Gewissen überkam mich, denn ich wusste, ich war vor gut einem Jahr kaum anders und ich werde mich in Zukunft wieder langsam dorthin bewegen. Wenn man gerade erst so viel Armut gesehen hat, kann man nur schwer so viel Übermut verkraften.
An dieser Stelle möchte ich noch kurz über meine letzte Zeit in Indien berichten. Das Projekt bekam im Mai zum Brudertausch drei neue Brothers, im Gegenzug verließen uns unsere drei alten Brother. Zusätzlich bekamen wir noch zwei Father, obwohl ich den einen bis zu meinem Abflugdatum nicht zu Gesicht bekommen habe. Er sollte erst im August kommen. Den gesamten Monat Mai gab es schulfrei, da die Temperaturen auf unerträgliche Maße anstiegen. Zur Tageszeit war kein Inder mehr im Freien. Alle verkrochen sich im Haus. Nur zur Dämmerungsstunde war es einigermaßen erträglich und das Leben erwachte auf den Straßen. Die Kinder, die keine Eltern hatten oder nicht nach Hause wollten, blieben im Projekt. Dort gab es ein Sommerprogramm, das von den Brüdern veranstaltet wurde. Die Kinder kamen bei täglichen Ballspielen, Brettspielen, Kartenspielen, Lernspielen und kleinen Snacks voll auf ihre Kosten. Besonders genossen sie Höhepunkte wie z.B. ein riesiges Lagerfeuer auf dem Spielhof, bei dem sich alle als Kannibalen oder Indianer verkleideten; ein Ausflug ins Grüne oder Wettbewerbe.
Während der heißen Zeit starteten wir unsere Streichaktion. Wir beiden Volontäre bemalten mit den Kindern eine großflächige Wand. Die Kinder waren begeistert von der orange-gelben Grundfarbe. Sie ist zufällig die Farbe der Kricketmannschaft von Chennai, die gerade ins Indienfinale gekommen war. Das Logo der Mannschaft, ein Löwe, musste auf jeden Fall auf die Wand. In die Mitte platzierten wir ein Bild von Don Bosco, das von Munna gemalt wurde. Um den Don Bosco herum gaben die Kinder ihre farbigen Handabdrücke. Links neben dem Don Bosco malte Bhovanesh den Taj Mahal. Rechts neben dem Don Bosco durfte Ravi ein romantisches Bild zeichnen. Neben dem Basketballkorb sprang eine gemalte Mickey Mouse mit ihrem Basketball zum Korb. Auf der rechten Seite platzierten wir das Logo von den Salesianern Don Boscos und den von den Kindern erwarteten Löwen, das Maskottchen von Chennai Super Kings, der exzellent von Saddique gemalt wurde. Die Wand ist wunderschön geworden und bringt enorm Farbe und Freude ins Projekt.
Außerdem haben wir den Kindern Sandalen gesponsert. Zuerst fuhr ich mit dem Bruder auf dem Moped zum Schuhladen, um ordentliche Modelle auszusuchen, zwischen denen die Kinder anschließend wählen konnten. Auf dem Weg kauften wir noch 60 Orangen, denn die Kinder bekamen in letzter Zeit so wenig Vitamine. Mit 12 Schuhen und 60 Orangen auf dem Moped ging es wieder zurück ins Projekt. Dort wählten die Kinder ihre Lieblingssandalen aus und nach einiger Zeit und wenigen kleinen Umständen bekamen die Kinder ihre Sandalen in der passenden Größe. Die darauffolgenden Schultage waren ein Genuss für uns. Keiner beschwerte sich mehr über drückende Schuhe oder Wunden an den Füßen während des Schulwegs. Die Kinder waren überglücklich und stolz auf die neuen Schuhe. Einige putzten sie nach jedem Gebrauch und kümmerten sich um sie, wie um ein lebendiges Wesen.
Zu unserem Abschied gingen wir mit allen Kindern ins Schwimmbad. Am Samstag waren die Mädchen an der Reihe, am Sonntag die Jungs. Während die Mädchen schüchtern das Schwimmen lernten und sich nur langsam in größere Tiefen trauten, sprangen die Jungs mutig vom Beckenrand hinein, führten Wasserkunststücke auf und machten sich über eventuelle Gefahren keine Gedanken. Schließlich waren ja über 100 Leute im Schwimmbecken. Man konnte ja gar nicht ertrinken. Alle hatten riesigen Spaß. Oft nahm ich ein Kind Huckepack ins tiefere Gewässer oder lehrte den Größeren das Schwimmen.
Vom restlichen Bargeld der Spendenaktion kaufte ich ein paar Musikinstrumente. Wir haben bereits eine Band im Boys Home, die aber fast nur aus Trommeln und ein paar Trompeten besteht. Einer der Brüder ist sehr musikalisch und äußerst interessiert, diese Band auszubauen. Und so kaufte ich Klarinetten, Rasseln, zwei Keyboards, eine Mundharmonika, Flöten und Bongos. Und wieder einmal waren der Bruder und ich nur mit dem Moped unterwegs. Drei Klarinetten, drei Bongos, zwei Rasseln, drei Flöten und viel Kleinkram transportierten wir bei irrem, chaotischem Straßenverkehr auf einem kleinen Moped, aber irgendwie passte es! Bis uns ein Rikschafahrer verspottete, als wir drauf und dran waren, die zwei Keyboards im nächsten Laden auch noch aufzuladen. Nunja, der Rikschafahrer hat sein Geschäft gemacht, indem er uns zur Einsicht brachte.
Ein Keyboard und die Flöten gingen ins Girls Home, da die Mädchen dort sehr musikalisch sind, viel Zeit und wenig Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Außerdem bekamen die Mädchen eine Musikanlage, damit sie nicht mehr beim Nachbarn nach der guten Musik lauschen müssen, sondern selber die Boxen aufdrehen können. Damit können sie ihre wunderschönen Tänze noch präziser einstudieren.
Vielen Dank an alle fleißigen Spender und tatkräftigen Unterstützer meiner Spendenaktion. Ihr habt den Kindern sehr viel Gutes getan, ohne Euch hätte ich nicht so viele Projekte verwirklichen können!! Romba Nandri! நன்றி, நன்றி, நன்றி!!!
Im Gegensatz zu Indien läuft in Deutschland alles geplant ab. Wenn die High-Tech-Anzeige am Bahnhof kurz nicht funktioniert, wird sich aufgeregt. In Indien würde gerade mal ein Mann mit Pappschild stehen. Ob man sich in den richtigen Zug gesetzt hat, kann man anhand von riesig langen Listen am Wagon erkennen, auf denen der Name geschrieben steht. Überall in Deutschland muss man pünktlich erscheinen, ein Treffen wird exakt vereinbart. Bis heute habe ich Schwierigkeiten, den exakten Zeitpunkt einzuhalten. Indien ist so ungeplant und spontan. Entweder man kommt heute oder morgen oder man kommt halt nicht. Wenn es Termine gibt, sind die Inder grundsätzlich zu spät, es sei denn, man rechnet schon damit und ist selber zu spät. Dann sind die Inder zu früh!
Das indische Leben ist sehr farbenfroh. Allein die Saris der Frauen, die Kollams auf den Straßen, die angemalten Autos, die selbstgemalten Reklamen und Bilder an den Wänden sind herrlich bunt. Das Land sprüht nur so vor Farbe. In Deutschland sind schlichte Töne eher beliebt.
Indien ist ein Land voller Kontraste. Ich habe vor allem das einfache, bunte Leben kennen gelernt, das wirklich zum Schwärmen Anlass gibt. Sobald man allerdings in die höheren Instanzen gelangt und sobald man es mit machtgierigen Indern zu tun hat, wird das Land unausstehlich. Man erfährt Ungerechtigkeit, absolute Willkür, Korruption und Umständlichkeit. Als Weißer versteht man nicht ganz, wie es läuft und was von einem erwartet wird. Mit einem kleinen Scheinchen hätte man mein Registrierungsverfahren von 3 Monaten Laufzeit sicherlich beschleunigen können. Das Geld, das wir für 14 rund einstündige Rikschafahrten ausgegeben haben, hätte man genauso gut einem Beamten zahlen können und damit unzählige Nervenzellen retten können. Aber man will so ein System ja nicht unterstützen!
Indien braucht jemanden, der Ordnung in das Land bringt. Mit diesen Verhältnissen kommt es nicht weiter und die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Kontraste steigern sich. Hotels stehen neben den Slums. Es werden teure Whiskys getrunken und nebenan könnte sich die Großfamilie für diese Summe an Geld eine ganze Woche lang ernähren. Solche Zustände existieren schon. Es ist ein großes Geheimnis, warum die Situation nicht eskaliert.
Wer nach Indien kommt, sieht Reichtum, Elend, offene Herzen und Ungerechtigkeit. Zusätzlich kämpft man noch mit eigenen Gewissensbissen.
Ich bin froh, wieder zurück zu sein und mein altes Leben wieder zu haben. Ich bin froh, so frei wie vor dem Volontariat leben zu können und meine alten Freunde wiederzusehen. Ich merke nur dabei, dass ich nicht mehr die alte Magdalena bin, sondern dass ich mich verändert habe. Ich freue mich, materielle Güter wieder genießen zu können und im Gegensatz zu vorher lerne ich sie nun wirklich zu schätzen. Andererseits trauere ich den immateriellen Gütern, die mir in Indien geschenkt wurden, nach. Ich vermisse meine kleinen indischen Geschwister, die Lebensfreude, die in ihnen steckt. Die natürliche Kindlichkeit und die vielen tollen Talente, die sie mir tagtäglich gezeigt haben…









































