Christstollen unter Palmen- mein indisches Weihnachtsfest

Ich melde mich zurück in die virtuelle Welt, allerdings nur kurz, denn das Internet funktioniert im Projekt seit meinem Geburtstag nicht mehr ordentlich. Somit kann ich euch nach einer großen Schreibepause viiiiieeel berichten: Kurz nachdem ich die letzte Rundmail abgeschickt hatte, überschlugen sich die Ereignisse. Über einhundert Kinder aus dem Don Bosco AnbuIllam hatten Geburtstag. Da einige Kinder Waisen sind und zum Teil nicht ihren Geburtstag kennen, wurde der Geburtstag aller Kinder auf einen Tag gelegt. Am 11. November wurde im Girls‘ Home gefeiert, am 12. November im Short Stay Home und am 14. November in unserem Projekt, im Boys Home. Das Geburtstagsprogramm am Abend wurde mit einer feierlichen Messe eingeleitet. Anschließend tanzten unsere Geburtstagskinder, führten Sketsche auf und sangen Lieder. Ich bin jedes Mal erstaunt darüber, wie talentiert und fröhlich diese Kinder sind. Und endlich kam der große Moment, auf den die Kinder so lange gewartet hatten: Die Geburtstagstorte wurde angeschnitten. Unser Rektor schnitt den Kuchen an und schob den Geburtstagskindern ein kleines Stück in den Mund, so wie es hier üblich ist und auch ich es schon erfahren durfte. Danach gab es Geschenke: Jedes Kind bekam Süßigkeiten, eine Geburtstagskarte und einen neuen Schulranzen. Darüber freute ich mich besonders, da ich des Öfteren die kaputten Schulränzen der Kleinen auf dem Schulweg tragen sollte. Ein indischer Festschmaus wurde von allen genossen, besonders das Eis als Nachspeise kam bei den Kindern gut an. Wir schlossen uns mit den Kindern zu einem Verdauungstanz (bzw. wildes, musikunterlegtes Durcheinanderhüpfen) zusammen und genossen am Abend ein Feuerwerk zur Krönung des Tages. Jedes Kind durfte je nach Alter einen kleineren oder größeren Feuerfunken in die schwarze Nacht jagen. Die kreativen Köpfe unter ihnen malten mit Feuerschnüren Muster in die Dunkelheit und tanzten dazu. Die Kinder waren erfüllt und fröhlich, es war ein wunderschöner Kindergeburtstag! Nun zu der Frage, die ich schon oft vernommen habe und auf die alle fleißigen Leser sicherlich gespannt warten: Wie feiert man Weihnachten unter Palmen? In der Tat war dieses Weihnachten ein ganz besonderes, exotisches Weihnachten. Es gab keine Tannenbäume (abgesehen von den kitschig dekorierten Plastikgerippen), keine Plätzchen, keinen Schnee, keine Kälte, keine deutschen Weihnachtslieder, kein Glockengeläut und so vieles mehr, was man mit Weihnachten in der Heimat verbindet. Es gab aber einen Adventskranz. Er bestand aus schmalen grünen Laubblättern, die zu einem Kranz gebunden waren. Er wurde an einem pink-silbernen Glitzerband im Speisesaal der Kinder aufgehängt und mit gelben Kerzen versehen. An jedem Adventssonntag versammelten sich die Jungs vor dem Kranz und beteten ihren allabendlichen Rosenkranz, lasen aus der Bibel vor, zündeten die Kerzen an und sangen ein Lied. Da es in Indien auch keine Adventskalender gibt, bastelten Viktoria und ich für die Kinder einen großen Tannenbaum aus grünem Tonpapier. An jedem Morgen vom 1. bis zum 24. Dezember durfte jeweils ein anderes Kind einen Anhänger an den Baum hängen. Das Los entschied, wer die Ehre hatte. Am 24. Dezember war unser Papiertannenbaum geschmückt mit 4 Kugeln und einer Weltkugel, 6 Kerzen, einem Schaukelpferd, einem Lebkuchen, einem Schneemann, einem Nikolausstiefel, 2 Engeln, einem Hampelmann, einer Schleife, einem Stern und vielem mehr. Jeden Morgen kamen uns schon die Kinder auf dem Weg zum Speisesaal entgegengelaufen, was denn diesmal für ein Anhänger an der Reihe sei und wer das Los ziehen darf. Unser deutscher Adventskalender kam sehr gut an bei den Kindern. Auf eine Krippe mussten wir auch nicht verzichten. Kurz vor Weihnachten baute der Bruder mit ein paar Seniors eine gigantische Krippe auf. Sie war so groß wie zwei indische Betten aneinandergestellt. Die Jungs gaben sich große Mühe in der Gestaltung, bauten eine Vulkanlandschaft aus Erde und Ton, Häuser, zwei Helikopter, und zwei Ochsenkarren aus Styropor und malten den Himmel blau an und verzierten ihn mit bunten, blinkenden Sternen. Aus dem einen Vulkan floss sogar Wasser in ein Flussbett hinein und verschwand unterirdisch, wo es anschließend wieder hinaufgepumpt wurde. Ein Helikopter konnte seinen Propeller bewegen. Eine Eisenbahn fuhr durch die mit Mehl gepuderte Schneelandschaft. Eine blinkende Lichterkette gab dem Ganzen den indischen Kitsch. Und das Polizeiauto, das Motorrad und das Feuerwehrauto durften natürlich auch nicht fehlen. Eine ganze Woche lang bastelten die Kinder an der Krippe und vollendeten sie letztendlich einen Tag vor Heilig Abend. Es ist eine der schönsten Krippen, die ich je gesehen habe. Es steckte so viel Mühe und Liebe in dieser Krippe, so viel Kreativität und Schaffenskraft, so dass es mir bei deren Anblick fast die Tränen in die Augen treibt. In unserem Volontärszimmer wurde es auch allmählich weihnachtlich. Wir bastelten Sterne und hingen sie an unsere Fenster. Wir bastelten einen Adventskranz aus den gleichen schmalen Laubblättern wie der Adventskranz aus dem Speisesaal. Allerdings sah der Kranz bereits nach einem Tag völlig verwelkt und hässlich aus. Am Heilig Abend wollten wir nicht auf einen Tannenbaum verzichten und so bastelten wir am 23. Dezember einen Baum aus grünem Papier und malten Christbaumanhänger, die unsere größten Weihnachtssehnsüchte darstellten. Nebenbei hörten wir Weihnachtslieder, die uns per Post aus der Heimat geschickt wurden und zündeten unseren „Adventskranz“ an. Basteln, Weihnachtslieder und Kerzenlicht; ein kleines bisschen Weihnachtsstimmung kam tatsächlich auf. Und schließlich stand der Heilige Abend vor der Tür. Um Zehn Uhr am Heiligen Morgen gab es schon ein Weihnachtsprogramm. Alle Kinder aus dem Girls Home und aus dem Short Stay Home kamen im Boys Home zusammen, einige trafen ihre Geschwister und feierten zusammen. Das Programm bestand wieder aus Tänzen, Gesängen, Sketschen und zwei deutschen Weihnachtsliedern. Viktoria und ich wollten auch zum Programm beitragen und trällerten „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ (Was für eine Ironie!) und „Fröhliche Weihnacht überall“. Dann gab es Besuch vom Weihnachtsmann. Unser Rot-weiß gekleideteRikschafahrer mit einer kitschigen, auf mich eher gruselig wirkenden Weihnachtsmannmaske kam in den Raum gestapft, tanzte und hüpfte herum. Die Kinder freuten sich riesig auf sein Kommen. Danach verteilte unser Rektor die Geschenke. Jedes Kind bekam einen riesigen Plastikbeutel mit allerhand schönen Dingen darin. Die Mädchen bekamen u.a. Haarspangen, Bindis/ Buuthe (Klebepunkte für die Stirn), Ohrringe, eine Kette, Haargummis, ein kleines Schminkset, einen Haarreifen und viele Süßigkeiten. Die kleineren Jungs bekamen Sonnenbrillen in den Textmarkerfarben, Lufballons/Wasserbomben, einen Plastikball, Süßigkeiten und vieles mehr. Am Ende wurden wir aufgerufen. Völlig überrascht holte ich einen ebenfalls großen Plastikbeutel mit der Aufschrift „Magthalin“ (sollte wahrscheinlich mein Name sein) beim Rektor ab. Nach dem Programm gab es Mittagessen. Mit gesättigtem Magen verabschiedeten sich die Mädchen und Jungs aus dem Girls‘ Home und aus dem Royapuram von uns. Unsere Jungs, Brothers und Fathers gingen schlafen, um fit zu sein für die Nachtmesse. Wir legten uns auch eine Weile hin, mussten aber bei Zeiten wieder aufstehen, um nicht zu verpassen, wann unsere Malur, die Küchengehilfin und einzige indische Frau im Haus nach Hause geht. Wir wollten nämlich zur Feier des Tages unseren Sari anziehen. Da ich von meinem Sommerurlaub von vor drei Jahren nur noch bruchstückartig weiß, wie der Sari gebunden wird, wollten wir uns lieber einer Inderin anvertrauen. Festlich gekleidet im Sari aßen wir Abendbrot. Den Kindern fielen die Augen aus, als sie uns sahen. Ein dreijähriger Junge sprang im Kreis vor Freude, ein vierjähriges Kind schrie vor Glück und unsere großen Jungs staunten bei dem Anblick. Auch von dem Personal bekamen wir nur Komplimente. Festlich im Sari gekleidet machten wir in unserem Zimmer unsere eigene kleine multi-kulti Bescherung. Wir legten die Geschenke unter unseren Papierbaum, zündeten den Adventskranz an und sangen, begleitet von ein paar Gitarrenakkorden, Weihnachtslieder. Dann kam der große Augenblick und ich durfte endlich das große Päckchen von meiner Familie, das schon so lange unter meinem Bett gewartet hatte, auspacken. Ein paar selbstgebackene Plätzchen und einige Christstollenstücke fanden sofort einen Platz in meinem Magen. Als ich die Augen schloss, befand ich mich in Gedanken in unserem Wohnzimmer mit meiner Familie unter dem Tannenbaum sitzend. Ich empfand doch ein Stück deutsche Weihnacht.

Ein lautes Klopfen erweckte mich aus meiner Fantasie, der Bruder meinte, wir sollen uns beeilen, wir gehen nun zur Messe. Leuchtende Inderinnenaugen empfingen uns, als wir im Sari in die Kirche schritten. Unsere stolzen Jungs begleiteten uns. Die Messe ging bis in die Nacht. 3 Uhr nachts waren wir zurück im Boys Home, wo wir mit einem heißen Schwarztee empfangen wurden. Dann wurde noch ein Film geschaut, bis wir um 4 Uhr endlich im Bett lagen. Am 25. Dezember wurde ausgeschlafen, so lange wie wir wollten. Wir machten uns unser eigenes Weihnachtsfrühstück mit Stollen, Plätzchen und Lebkuchen. Am Abend des Tages übergaben wir unsere Geschenke an die Kinder. Lerntafeln für die Subjuniors, eine weiche Frisbee für die Juniors, eine Frisbee für die Seniors und einen Kricketball für die Superseniors. Nach dem Essen bekamen alle Kinder ein Knicklicht. Sie spielten damit auf dem Playground des Projektes. Der ganze Patz leuchtete. Die strahlenden Kinder rannten umher, warfen die Leuchtstäbchen in die Luft und fingen sie wieder auf. Es war ein wunderschöner Anblick. Der 26. Dezember wurde von einem Kinderprogramm geprägt. Eine Band spielte für die Kinder indische Songs. Zu einem anderen Song tanzte ein Weihnachtsmann, der Kinder auf dem Arm nahm, sie schaukelte und Bonbons verteilte. Anschließend kam King Kong, ein großer gruseliger Gorilla, herein. Auch er tanzte und jagte einigen Kindern einen Schrecken ein. Eine lustige Puppe tanzte zum nächsten Song und machte akrobatische Verrenkungen. Die Kinder wurden aufgefordert mit dem Sänger zu tanzen. Das ließen die sich nicht zweimal sagen und so wurde die Bühne von unseren tanzlustigen Kindern gestürmt. Es war ein wunderschönes, lustiges Kinderprogramm. Nun habt ihr einen kleinen Einblick, wie zwei Deutsche Weihnachten in Indien gefeiert haben. Ich wünsche Euch allen noch eine frohe Weihnachtszeit und alles Gute für das kommende Jahr 2012. Liebe Grüße auch vom indischen Weihnachtsmann, Eure Magthalin ;)

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2 Antworten auf Christstollen unter Palmen- mein indisches Weihnachtsfest

  1. Ulla Fricke sagt:

    Liebe Maggi, Deine Artikel sind echt immer schön zu lesen! Ich wünsche Dir fürs neue Jahr alles liebe und Gute. Ich hoffe ihr, habt ne schöne Zeit beim Zwischenseminar und könnt das kommende Tief (du erinnerst duch bestimmt an die Motivationskurve) abfangen, abmildern oder ausfallen lassen!
    viele Grüße aus Bonn,
    Ulla

  2. Was ein tolles Kinderprogramm!

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