Nachdem wir am 09./10. Februar unser Bergfest hatten, versuche ich nun zu beschreiben, wie ich Indien, bzw. Tamil Nadu, bzw. Chennai bisher erlebt habe. Es ist ein Land, in dem eine fünfköpfige Familie auf ein Motorrad passt und völlig legal an den Polizisten vorbeifährt. Es ist ein Ort, in dem das Hakenkreuz als Glückssymbol gilt und häufig an Häusern, an Tempeln, auf Postkarten, an Geländern, in Verzierungen in allerlei Hinsichten und sogar auf demokratischen Wahlplakaten zu sehen ist. Auf Indiens Straßen fahren schöne, kunterbunt bemalte LKWs, auf denen Slogans wie „Eine Familie, ein Kind!“ oder „Spart Öl!“ zu sehen ist. Zum Teil sind sogar die Nummernschilder nur angemalt. Hier gibt es grundsätzlich mehr Schalter an den Wänden als es einen Verwendungszweck gibt und je geben wird. Der Kostenumfang eines ganz normalen Großeinkaufes im Supermarkt beträgt ungefähr 4,50€. Die exakte Uhrzeit eines Treffpunktes wird mit einer einstündigen Zeitdifferenz angegeben, die oft ausgeschöpft wird. „Kein Problem“ wird 100mal häufiger gesagt als „Nicht möglich!“ (Obwohl einige diese beiden Aussagen gelegentlich vertauschen). Die Hupe eines Autos wird nahezu häufiger genutzt als die Bremse. Es gibt kaum Plakate, Coca Cola- und Vodafone-Werbungen werden mit Farbe an die Wände gemalt. Die Luft steckt voller angenehmen, unangenehmen und unbekannten Gerüchen, bei rund jedem dritten Schritt steigt mir ein anderer Duft in die Nase. Und schließlich ist es ein Land, in dem es fast mehr Feiertage als Alltage gibt. Nachdem ich vom Zwischenseminar aus Goa zurückgekehrt war, empfing mich der Partymonat Januar.
Am 15. Januar wurde dieses Jahr das tamilische Neujahr gefeiert. Die Tamilen haben einen eigenen Kalender mit ebenfalls zwölf Monaten, der sich nach dem Mond richtet. Das Neujahresfest nennt sich „Pongal“, ist benannt nach einem typischen süßen oder herzhaften Reis-Milch-Linsen-Brei und entspricht ungefähr unserem Erntedankfest. Überall auf der Straße vor den Häusern waren prächtige Kollams zu sehen. Ein Kollam ist eine Art Mandala, das jede Hausfrau vor der Haustür mit einem Kreidepulver zeichnet. Je größer das Fest ist, das in diesem Haus gefeiert wird, desto größer und farbenfroher ist auch das Kollam. Es gibt Duzend von Büchern, in denen Muster erklärt werden. Einige Hausfrauen kreieren dennoch ihr eigenes Kollam. Zu Pongal waren sie so groß und kunstvoll, sodass wir mit den Kindern auf der Straße im Slalom um die Kollams zur Kirche liefen, um die Schönheiten nicht zu verwischen. In der Messe wurde auch Pongal gefeiert. Viele Gaben wurden vor den Altar gebracht: Zuckerrohr, Kokosnüsse, Bananen, Granatäpfel, Ananas und unzählige Töpfe mit süßem Pongal-Brei. Nach der Messe wurde am Ausgang der süße Pongal auf Papptellern ausgeteilt. Jedes Gemeindemitglied bekam etwas. Anschließend wurde im Projekt Pongal gefeiert. Zur Feier des Tages zogen wir unseren Sari an, und banden ihn zum ersten Mal alleine und erfolgreich ohne indische Hilfe. Ein buntbemalter Tontopf mit dem Reis-Milch-Linsen-Brei brodelte über einem kleinen Feuer. Davor saßen die Kinder und schauten gespannt zu. Als der Topf zum ersten Mal überquoll, applaudierten und jubelten die Kinder. Das gesamte Haus war wundervoll dekoriert mit „Happy Pongal“-Tafeln, mit Zuckerrohrstangen, einem gigantischen Kollam in Form eines Pongaltopfes im Atrium und Girlanden. An diesem Tag wurden alle 5 Volontäre, die in einer Don Bosco Einrichtung in Chennai tätig sind, ins Provincial House eingeladen. Dort tranken wir Tee und aßen Plätzchen mit dem Father Johnson, quatschten und lernten eine deutsche und eine französische Volontärin in der Nähe unseres Projekts kennen. Wir hatten sogar die Gelegenheit, unseren Provinzial zu sprechen, uns kurz vorzustellen und Lobe und Wünsche zu äußern. Spontan lud er uns zu einer Veranstaltung auf dem Gelände einer Don Bosco Schule ein, bei der sich alle Salesianer Don Boscos am folgenden Tag trafen.
Einen Tag später trafen wir die neu kennengelernten Volontäre, frühstückten gemeinsam und feierten mit vielen Priestern und Brüdern die heilige Messe. Anschließend gab es ein Programm, bei dem zu Beginn getanzt wurde, ein neues Projekt vorgestellt wurde und zahlreiche Leute geehrt wurden. Sogar wir Volontäre wurden auf die Bühne gerufen, bekamen ein Tuch (diesmal kein Handtuch!) um die Schulter gehangen und ein Geschenk überreicht. Nun folgte eine Power-Point-Lobhymnen-Präsentation über den Provinzial. „Father Provincial, du bist unser Superstar“ erschien u.a. in leuchtend knallbunten, blinkenden Buchstaben und über dem Kopf des Provinzials schwebte eine funkelnde Diskokugel. Es war ein sehr humorvolles Programm, wobei man sagen muss, dass der indische Humor und der indische Geschmack sehr speziell sind. Nach einem gemeinsamen Mittagessen war das Programm zu Ende und wir fuhren zurück ins Projekt. An diesem Tag war noch ein Ausflug geplant. Ich spazierte mit den Seniors auf einer schmalen Straße zwischen Palmenbäumen, tropischen Pflanzen und kleinen Müllflecken vorbei und beobachtete kleine, kunterbunte Papageien, wie sie von Palme zu Palme flogen. Der Spaziergang endete in einem Altenheim-Projekt. Das Projekt war sehr großflächig und grün. Wir besuchten die Alten, für die unsere Jungs sogar ein kleines Programm zur Unterhaltung vorführten und anschließend gingen wir herum und wünschten jedem ein fröhliches Pongalfest. Viele der Senioren hatten verkrüppelte Beine oder gar Hände, so dass es nicht immer möglich war, die volle Hand zu schütteln. Eine Verbeugung tat es oft auch. Das Leid dieser Leute war sehr groß und dennoch war die Freude über unseren Besuch so deutlich in ihnen zu spüren. Ich war so unglaublich stolz auf unsere Jungs, dass sie die älteren Inderinnen und Inder mit einem so süßen Programm unterhielten und so anständig und zuvorkommend waren. Deutsche Kinder und Jugendliche hätten sich im Großteil anders verhalten. Der Father hatte ein kleines Spieleprogramm für die Kinder vorbereitet, bei dem die Senioren auch gerne zusahen. Erfüllt und zufrieden verabschiedeten wir uns und gingen in der Dämmerung nach Hause.
Am 20. Januar hatte unser lieber Bruder Arun seinen 25. Geburtstag. Die Kinder und Mitarbeiter gaben sich große Mühe in der Vorbereitung. Neue Dekoration wurde gemalt und gebastelt und Tänze, Lieder und Sketsche wurden einstudiert. Zwei ganze Tage und eine Nacht wurde durchgearbeitet. Pünktlich um 12 waren wir mit dem Wesentlichen fertig, weckten ihn, gratulierten und aßen Kuchen. Kurze Zeit später verschwanden wir wieder im Bastelraum und werkelten weiter an der Dekoration für das Abendprogramm. Zum Programm wurde ihm ein Cowboyhut aufgesetzt und ein Umhang umgehängt. Er hatte einen wunderschönen Geburtstag und ein tolles Programm, das die Kinder nur für ihn eingeübt hatten.
Am 26. Januar feierte Indien einen seiner beiden Nationalfeiertage. Unsere Grundschüler hatten schulfrei, die anderen gingen zu einem Programm in die Schule. Wir begleiteten sie. Auf der Bühne vor der Schule sang und tanzte eine Gruppe von Mädchen. Vor der Bühne marschierte eine „Armee“ von jugendlichen, in Uniformen gekleideten Schülern im Gleichschritt und gehorchte den Kommandos des jugendlichen, herumbrüllenden „Offiziers“. Die indische Fahne wurde gehisst und von allen Indern gegrüßt. Anschließend wurde die indische Nationalhymne gesungen. Die „Armee“ marschierte noch ein bis zwei Runden auf dem Schulhof, bis sie zum Stehen kam. Etwas ähnlich wurde auch die Fahne in unserem Projekt gehisst, jedoch war die Prozedur nicht ganz so militärisch. Es ist erstaunlich, wie stolz diese Inder auf ihr Land sind. Wenn man den deutschen Nationalfeiertag in dieser Form in Deutschland feiern würde, so würde man sofort als Nazi bezeichnet werden. Es war ein beeindruckendes Programm, doch das militärische Gehabe dieser Kinder hatte mich etwas abgestoßen.
Das größte aller Feste wurde am 31. Januar gefeiert: Es war Don Boscos Namenstag. Am Vormittag, als die Kinder in der Schule waren, veranstaltete der Father ein Programm für das gesamte Personal aus dem Office, Girls Home, Royapuram und Boys Home. Zuerst wurde eine gemeinsame Messe gefeiert. Es folgte ein Spieleprogramm, das mich etwas an einen Kindergeburtstag erinnerte. Wir spielten Basketball, oder eher Bucketball, Ball über die Schnur, das vielmehr Ball über das Handtuch war, Wasserbombenzuwerfen, ein Schlangenspiel und vieles mehr. Die erwachsenen Mitarbeiter hatten großen Spaß bei den Spielen und alberten herum. Es war ein lustiger Vormittag. Am Abend fand das Programm statt, das mit den Kindern lange Zeit zuvor hart einstudiert wurde. Alles musste perfekt sitzen. Die Mädchen im Girls Home und die Jungs im Royapuram und im Boys Home bereiteten jeweils etwas vor. Auch das Personal, das im Office arbeitet, hatte einen Tanz dargeboten. Es war ein außergewöhnlich gutes und vielseitiges Programm.
Kurze Zeit später feierten wir 3 Tage „Community Days“, von dem der letzte Tag der Geburtstag von unserem Direktor war. An diesem Tag wurde wieder ein neues Programm aufgeführt. An dem ersten Community Day wurde für die Jungs ein traumhaftes Mondlicht-Abendessen auf der Dachterrasse des Hauses veranstaltet. Unter freiem Sternenhimmel im Mondesglanz aßen wir Reis und Sambar. Nach dem Essen wurde die tamilische Musik aufgedreht und getanzt.
Zu Guter Letzt kam der Provincial am 09. Februar zu Besuch und wieder gab es gutes Essen und ein tolles Programm.
Von diesen vielen Feiern bin ich wirklich kaputt und werde sicherlich unseren kommenden einmonatigen Indienurlaub genießen. Wir werden einzelne Städte und besondere Tempelanlagen im Norden Indiens besuchen und durch die Backwaters in Kerala rudern. Am 20. Februar geht es endlich los, ich bin wahnsinnig gespannt.
Liebe Grüße aus dem immer heißer werdenden, 50°C wärmeren Chennai,
Eure
P.S.: Ich bin gerade dabei, das Lesen und Schreiben der tamilischen Schrift zu lernen. Im Schneckentempo kann ich schon die tamilische Zeitung und Aufschriften an Häusern lesen, aber trotzdem nicht verstehen.

Ball über das Handtuch also, klingt gut! Danke für sooo viele tolle Einblicke!
Liebe Grüße aus Bonn!
Du bist’n literarisches Talent. Großartiger Blog.
Schönen Urlaub wünscht
Benedict aus Bonn
Toller Post, Maggi, ich hatte Freude beim Lesen!
Liebe Grüße aus Oslo