Uta eita?
Wie ihr seht, bin ich schon die reinste Kannada-Expertin. Uta eita heisst so viel wie “hast du schon gegessen?” und ersetzt hier die Frage wie es einem geht. Das ist nur einer von vielen, vielen Unterschieden zwischen meinem Leben in Deutschland und meinem Leben hier.
Seit meinem letzten Artikel ist sehr viel passiert. Die Fahrt nach Ajjanahalli war wie bis jetzt jede Autofahrt sehr interessant. Zuerst ging es ueber eine Stunde lang im Stop and Go durch Bangalore. Die anschliessende Fahrt ueber die Doerfer hat gezeigt, dass die hygienischen Bedingungen dort auch nicht unbedingt besser als in der Stadt sind. Ueber 70 Prozent der Menschen in Indien leben mit ihrer ganzen Familie inklusiv Grosseltern in nur einem Raum. Das merkt man hier ueberall. Das Leben findet auf der Strasse statt, wo anders ist einfach kein Platz dafuer.
Nach ueber 2 Stunden Fahrt sind wir dann in Ajjanahalli angekommen. Das grosse Haus ist von einem noch groesseren Gelaende umgeben, auf dem sehr viel Gemuese fuer den Eigenbedarf angebaut wird. Ajjanahalli liegt wirklich total idyllisch, ganz viele exotische Baeume und Felsen, die einfach so aus der Landschaft ragen.
Kaum haben wir dieAutotueren geoeffnet, hat uns eine ganze Horde kleiner Jungen schreiend und schubsend in empfang genommen. Das war wirklich ein toller Empfang. Ganz stolz haben sie dann unser Gepaeck in unser Zimmer getragen. Ein Junge ist dabei mit meinem grossen Rucksack auf dem Kopf umgekippt. Helfen lassen wollte er sich aber auch nicht.
Wir haben ein grosses gemeinsames Zimmer mit Bad und die beiden deutschen Voluntaere vor uns haben uns viel Nuetzliches ueberlassen. So konnten wir schon ein paar Teppiche auf dem kahlen Boden ausbreiten und laufen mittlerweile schon mit indischen Kurtas (kleidaehnliche Oberteile) herum. Auch haben wir uns schon einigermassen daran gewoehnt, keine Dusche sondern nur einen Eimer mit kaltem Wasser zu besitzen, ab und zu auch mal Strom zu haben und jeden Tag per Hand zu waschen. Das Essen mit der rechten Hand klappt mittlerweile auch ganz gut und wir trauen uns inzwischen auch an das schaerfere Essen dran. Handyempfang gibt es nur an bestimmten Stellen im Haus, am besten steigt man zum Telefonieren auf das Flachdach vom Haus.
Wobei wir gleich beim Thema sind: wir sind nun stolze Besitzer von indischen Sim-Karten und koennen endlich Anrufe empfangen. Meine Nummer ist : 00917760273927. Es gibt wohl irgendeine Vorwahl mit der man fuer ein bisschen mehr als 1 Cent pro Minute nach Indien telefonieren kann. Am besten erreichbar bin ich nach der Arbeit, also so ab 18h eurer Zeit. Allerdings habe ich im Zimmer nur ganz schlechten Empfang, weshalb ich dann erstmal auf das Dach gehen muss. Also einfach nach 5 Minuten nochmal anrufen, dann muesste das gehen. Probiert es einfach aus
Aber nun zu den Hauptpersonen: den Jungs. Zur Zeit leben in Ajjanahalli ca. 90 ehemalige Strassenkinder und Kinderarbeiter. Der juengste Junge ist 8, der aelteste 17. Auf den ersten Blick sehen sie alles aus wie ganz normale indische Jungen, ausser dass die meisten wahnsinnig duenn sind. Beobachtet man sie aber genauer, kann man wenigstens ein bisschen erahnen, was sie alles hinter sich haben muessen. Viele haben Narben, einem fehlt ein Finger und alle werden unglaublich schnell agressiv und brauchen besonders viel Aufmerksamkeit. Auch wenn sich das alles jetzt nicht so nett anhoert, sind das ganz tolle Jungen, die sich im Projekt sichtlich wohlfuehlen.
Der Gund, weshalb ich jetzt schon wieder in Bangalore und damit im Internet bin, ist folgender: wenn man laenger als 3 Monate in Indien ist, muss man sich innerhalb der ersten 14 Tage bei der Polizei registrieren lassen. Wer glaubt, die deutsche Buerokratie sei schlimm, hat die indische noch nicht kennengelernt. Wir brauchen gefuehlte eine Million Dokumente und mindestens ebensoviele Kopien davon. Da man in Ajjanahalli aber nichts kopieren kann, sind Anna-Lena und ich heute morgen um 5.45h in den einzigen Bus Richtung Bangalore gestiegen. Als Stadtplan muss eine Skizze eines Fathers herhalten. Bis jetzt ist alles gut gegangen, mal sehen ob wir heute Abend auch wieder zurueck kommen
Morgen haben wir dann hoffentlich alles zusammen und koennen uns in Ramanagaram registrieren. Sonst muessen wir naemlich eine Strafe zahlen. Also Daumen druecken!
Wenn das erstmal hinter uns liegt, koennen wir richtig anfangen. Fussball spielen im Monsun, von den Kindern Kannada lernen, endlich alle Namen lernen (90 mal Namen wie Cadjadit oder Vignesh) und so weiter.
Ich hoffe, ich bin naechsten Montag wieder im Internet, montags ist naemlich unser freier Tag.
Ganz viele liebe Gruesse und vielen Dank fuer die vielen Kommentare.
Eure Miri
P.S. Ich hatte ganz viele Fotos fuer euch vorbereitet, aber der PC wollte meinen USB-Stick nicht akzeptieren. Bei Anna-Lena hat es allerdings geklappt, also einfach da gucken: www.strassenkinder.de/annalenainindien
August 31st, 2010 at 14:28
“ni chi bao le ma?” – hast du schon gegessen
:D:D
September 10th, 2010 at 21:21
Klingt alles echt super-spannend, aber auch total anders. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich dich beneide oder eher froh bin, im komfortablen Deutschland zu sein
Aber (wie du weißt) find ichs super, dass du das machst.