Lebenszeichen
Montag, September 13th, 2010Womit fange ich an? Was erzaehle ich und was lasse ich weg? Jedes Mal stehe ich am Anfang eines Blogartikels vor diesen Fragen… die beste Loesung habe ich noch nicht gefunden, schliesslich will man natuerlich alles berichten, alles besonders schoen und interessant erzaehlen. Aber ich habe einfach nicht genug Zeit und langweilen will ich euch natuerlich auch nicht.
Dieses Mal beginne ich am besten da, wo ich aufgehoert habe: bei der Registrierung. Nach dem letzten Blogeintrag ging der Stress erst richtig los. Die Polizeibeamten haben uns die Registrierung verdammt schwer gemacht, letztendlich haben wir fast 5 Stunden auf der Wache verbracht. Immer wieder wurden wir vertroestet, haben ewig gewartet, brauchten auf einmal noch irgendwelche anderen Dokumente und haben durch halb Indien telefoniert. Schliesslich waren wir dann doch wie durch ein Wunder im Besitz eines “Registration Certificates”. Auch wenn wir natuerlich total erleichtert waren, standen wir vor dem naechsten Problem: es war schon Abend und der letzte Bus natuerlich laengst ueber alle Berge. Aber manchmal hat man einfach mehr Glueck als Verstand. Wir haben ein bisschen rumgefragt und weil wir scheinbar so verloren aussahen, wurden wir kurzerhand in einen Bus verfrachtet und direkt vor die Haustuer gefahren. Der Bus hat dafuer einfach die Route geaendert. Indien hat viele Gesichter und Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gehoeren dazu.
Nachdem die Registrierung nun endlich abgehakt ist, haben wir uns voll auf das Projekt konzentriert. Ich versuche einfach mal unsere Rolle und unsere Aufgaben so verstaendlich wie moeglich darzustellen. Waehrend alle anderen Mitarbeiter, Fathers und Brothers dafuer sorgen, dass die Grundbeduerfnisse der Kinder gedeckt sind, sind wir so etwas wie ein Joker. Die meiste Zeit sind wir mit den Kindern zusammen, spielen mit ihnen, troesten sie und organisieren Aktionen wie z.B. eine Bastelstunde und machen sonst alles, wofuer die anderen Betreuer keine Zeit haben. Letzte Woche haben wir mit Computerunterricht angefangen, die Kinder haben total viel Freude daran und fuer uns ist es schoen, ein eigenes Projekt zu haben. Dass dabei oft der Strom ausfaellt, ist aber nicht so schoen…
Der Tag beginnt fuer uns um 6h mit Morgensport und ins Bett geht es dann nach dem Good-Night-Prayer um 21.30h. Unter der Woche ist es im Projekt eher ruhig, weil die meisten Kinder im Dorf zur Schule gehen und deswegen erst um 16.30h wiederkommen. Die Kinder, die dann noch im Projekt sind, werden Centre Boys genannt. Die Centre Boys sind Jungen, die gerade erst in das Projekt gekommen sind und ein Jahr lang darauf vorbereitet werden, in die richtige Schule zu gehen. Mehrere Lehrer unterrichten sie im Projekt und gewoehnen sie an einen festen Tagesablauf. Unnoetig zu erwaehnen, dass diese Jungs am schwierigsten zu haendeln sind. Gleichzeitig sind sie aber auch die Kleinsten und damit Niedlichsten, was das Ganze wieder ausgleicht
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Am Wochenende geht es dann richtig zur Sache und es ist oft schwierig, mal ein bisschen Zeit fuer sich zu haben. Trotzdem sind die Wochenenden schoen, einfach weil dann alle Kinder die ganze Zeit da sind und viel Freizeit haben. Man goennt es ihnen richtig, dass sie nach der anstrengenden Woche Zeit fuer ausgiebige Fussballspiele, Raetsel und den eigenen kleinen Garten haben. Die Freizeit am Wochenende wird auch dazu genutzt, den Kindern die Haare zu schneiden. Das machen meistens die groessten Jungs, aber wir wurden auch aufgefordert mitzumachen. Naechsten Sonntag werde ich mir also Kamm, Schere und einen der kleinsten Jungs schnappen und anfangen. An die Groesseren traue ich mich erst, wenn ich ein bisschen mehr Uebung habe
Nachdem wir jetzt ein paar Wochen im Projekt verbracht haben, fange ich langsam an, die Geschehnisse zu reflektieren und fuer mich zu beurteilen. Es gibt Dinge, an die ich mich sehr gerne gewoehne, Dinge, die ich leider nicht aendern kann, und Dinge, die ich auf jeden Fall in Angriff nehmen will. Zu Letzteren zaehlt ”Medicine”. Das ist eine Zeit am Tag, an der alle Kinder, die irgendwelche Verletzungen oder Krankheiten haben, zum Erste-Hilfe-Raum kommen koennen und versorgt werden. Dagegen ist ja auf keinen Fall etwas einzuwenden und aus Interesse habe ich da ab und zu mal vorbeigeschaut. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich unglaublich viele Wunden der Kinder entzuenden und meistens wieder geoeffnet werden muessen, damit der Eiter rauskommt. Den Kindern tut das natuerlich ziemlich weh und ich vermute, dass das an den schlechten hygienischen Bedingungen bei der Versorgung der Wunden liegt. Ich werde das noch ein bisschen beobachten und dann ueberlegen, wie ich die Situation verbessern kann. Dabei kommt mir zugute, dass uns sowieso vorgeschlagen wurde, die medizinische Versorgung zu uebernehmen.
Ein weiteres Projekt ist Kannada. Mich hat der Ehrgeiz gepackt und ich uebe fleissig die Vokabeln und die Schriftzeichen. Auch wenn die Zeichen erst unglaublich kompliziert aussehen, ist das nicht unmoeglich. Es gibt 49 Buchstaben, fuer den Anfang habe ich mir aber erstmal die 15 Vokale vorgenommen. Im Moment ist es aber wichtiger, einen kleinen Wortschatz aufzubauen, damit wir uns mit den Kindern besser verstaendigen koennen.
Mittlerweile passiert es mir oft, dass ich alle Sprachen vermische. Mit Anna-Lena rede ich Deutsch, mit den Fathers und Brothers English und bei den Kindern nutze ich Englisch, Kannada und Koerpersprache. Eindeutig zu viel auf einmal.
Im Moment sind wir fuer zwei Tage in Bangalore und schlafen sogar im selben Zimmer wie am Anfang unserer Zeit in Indien. Die Busfahrt hierher war der Horror, der Bus war komplett ueberfuellt und wir mussten 2 Stunden lang eingequetscht stehen. Hier bei BREADS wurden wir dafuer wieder freundlich aufgenommen und erstmal mit einem Fruehstueck versorgt. Dann ging es mit einer Mitarbeiterin in die Stadt und wir haben indische Klamotten gekauft. Es war echt gut sie dabeizuhaben, schliesslich kennen wir uns noch nicht so richtig aus. Trotzdem wird es noch ein bisschen dauern, bis ich komplett in indischer Kleidung rumlaufe, ich muss mich daran erst noch ein bisschen gewoehnen. Kurtas habe ich ja vorher schon getragen, aber die Hosen dazu sind mir als Leggings-Hasserin noch ein bisschen zuwider. Aber ueber kurz oder lang werde ich daran nicht vorbeikommen.
Morgen geht es zurueck nach Ajjanahalli, naechsten Montag werdet ihr wahrscheinlich wieder von mir hoeren.
Alles Liebe und Gute,
eure Miri
P.S. Wir haben ein paar Probleme mit unserer Sim-Karte. Im Moment koennen wir niemanden anrufen und wenn wir Pech haben, auch bald keine Anrufe mehr empfangen… Also nicht wundern, wir versuchen das so schnell wie moeglich zu klaeren.