Wer nicht wagt, der nicht gewinnt
Montag, September 27th, 2010Diesen Spruch im Ohr habe ich mir mutig Kamm und Schere geschnappt und losgelegt. Es war wieder Zeit, den Jungs die Haare zu schneiden und dieses Mal mussten wir mitmachen. Bei den anderen sieht das auch echt total einfach aus, nur ist es natuerlich etwas total anderes, wenn man selber fuer einen Haarschnitt verantwortlich ist. Und die Jungs koennen auch einfach nicht stillhalten! Wir haben also sehr skeptisch angefangen und die aelteren Jungs haben sich schon ueber uns lustig gemacht. Zum Glueck konnten wir uns damit rausreden, dass man in Deutschland Kurzhaarschnitte mit einer Maschine schneidet und wir deshalb keine Haare schneiden koennten.
Mein erstes Versuchskaninchen ist dann prompt nach ein paar Minuten mit einer halbfertigen Frisur abgehauen. Ihm war das Ganze wohl nicht geheuer. Bei meinem zweiten Versuch lief es dann schon besser , wenn man mal davon absieht, dass die anderen jungs den Haarschnitt am Ende dann noch etwas korrigiert haben… Haareschneiden Teil 3 lief dann echt gut. Ich habe zwar fuer diese eine Frisur laenger gebraucht, als die anderen fuer drei Frisuren, aber es musste nichts korrigiert werden (oder die Jungs haben das heimlich gemacht…). Ich bin also auf einem guten Weg, trotzdem bin ich froh, dass es hier keine Maedchen gibt, Kurzhaarschnitte reichen mir im Moment vollkommen.
Das Projekt ist nur auf Jungs ausgelegt, in Indien sind gemischte Projekte sehr selten. Auch wenn es im ersten Moment unverstaendlich ist, dass mehr Jungs gefoerdert werden als Maedchen, obwohl die Situation der Maedchen und Frauen meist noch schlechter ist, ergibt das Vorgehen im Zusammenhang betrachtet einen Sinn. Die Jungs naemlich, die u.a. in Ajjanahalli eine Schulbildung bekommen und erzogen werden, sind spaeter in der Lage, ihre Familie zu ernaehren und somit andere Menschen zu unterstuetzen und vor dem Schlimmsten zu bewahren. Indien ist einfach noch nicht so weit, dass Frauen ohne Probleme dieselbe Ernaehrerrolle einnehmen koennen.
Aber zurueck zum Frisoerexperiment: Dabei hat sich naemlich bestaetigt, was wir schon lange vermutet haben. Auf den Koepfen der Kinder wimmelt es nur so von Kopflaeusen. Wir haben bis jetzt also alles richtig gemacht, wir gehen hier naemlich nie mit offenen Haaren aus unserem Zimmer.Zum einen aus diesem rein praktischen Aspekt, zum anderen aber auch, weil man hier nirgendwo Frauen mit offenen Haaren sind.
Auch einen weiteren Sprung ins kalte Wasser haben wir hinter uns: ”Bandpractice”. Das projekt hat einen eigenen Musikzug und die Aufgabe der Voluntaere ist es, mit den Jungs die Musikstuecke einzuueben. So fanden Anna-Lena und ich uns ploetzlich auf dem fussballfeld einer laermenden Horde Jungs gegenueberstehend wieder. Die Band umfasst etwa 30 Jungs und natuerlich genausoviele Trommeln, Trompeten, Floeten und andere auessert laute Instrumente. Es word eindeutig eine Herausforderung werden,die Bandpractices zu leiten, einfach weil weder Anna-Lena noch ich Erfahrung mit so etwas haben. Einmal die Woche werden wir also so tun, als ob wir Expertinnen waeren und mal schauen was daraus wird. Der erste Auftritt ist fuer den Children’s day am 14. November angesetzt. Erwartete Besucher: 500!
Letzte Woche ist uns dann noch etwas sehr skuriles passiert. Unser Muelleimer war mal wieder voll und wir mussten die Muelltuete loswerden. Das ist hier etwas komplizierter als in Deutschland, es gibt naemlich keine Muellabfuhr, von Recycling ganz zu schweigen. den Muell schmeisst man im wahrsten Sinne des Wortes einfach weg. Dazu stellt man sich an den Rand des Grundstueckes und wirft den Muell so weit weg wie moeglich, damit die wilden Tiere nicht vom Muell angelockt auf das Gelaende kommen. Der Muell bleibt dann einfach irgendwo in der Natur – aus den Augen aus dem Sinn. das Ganze geht mir natuerlich ziemlich gegen den Strich, aber aendern kann ich daran wohl nichts.
Letzte Woche also war mal wieder Zeit, den Muell wegzuwerfen. Ein Junge kam uns entgegen und hat angeboten, das fuer uns zu machen. Etwas blauaeugig haben wir ihm dankbar unsere Tuete gegeben.
Ein paar Minuten spaeter kamen Anna-Lena dann zwei Jungs entgegen, die mit leeren Toilettenpapierrollen gespielt haben. Das kam uns dann schon etwas komisch vor, schliesslich benutzen Inder ja kein Toilettenpapier. ein paar Stunden spater lagen dann auf einmal deutsche Zeitschriften auf dem Zeitschriftentisch. Unser Muellbeutel wurde also nicht weggeworfen, sondern neugierig geoeffnet und nach Brauchbarem durchsucht. Wir wussten in dem Moment wirklich nicht, ob wir lachen oder weinen sollten, wir haben uns dann fuers lachen entschieden. ich will nur nicht darueber nachdenken, was wir in den naechsten Tagen noch so alles wiederfinden werden. unsere Lektion haben wir aber wieder mal gelernt: Muell immer hoechstpersoenlich wegwerfen!
Ihr seht also, eine spannende Woche liegt hinter uns. Naechsten Montag gibt es wieder, wenn alles gut geht, Neuigkeiten aus Bangalore. Bis dahin hoffen wir, dass der Monsun sich dort etwas beruhigt und stattdessen zu uns kommt. Dort sind Strassen ueberflutet und hier warten die Bauern sehnsuechtig auf Regen.
Ganz viele Gruesse von
eurer Miri