Archive for Oktober, 2010

Und immer ist der Weg das Ziel

Montag, Oktober 25th, 2010

Das Dasara Camp 2010 ist vorbei. Was bleibt? Vor allem wohl Erleichterung, die Erinnerung an viele schoene und aussergewoehnliche Momente , aber auch viele neue Denkanstoesse.

Erleichterung darueber, dass sowohl die Kinder als auch wir alles gesund und munter ueberstanden haben. Die Kinder haben mal wieder unter Beweis gestellt, wie zaeh sie sind. Egal ob schwimmen in einem kalten See bei stroemendem Regen (noch dazu sind fast alle Kinder Nichtschwimmer) oder waghalsige Klettertouren in Flip-Flops und ohne Sicherung (ich sage euch, mein Kletterkurs in der Schule war nichts dagegen), die Kinder haben alles locker weggesteckt. Mir ist dabei aber manches Mal das Herz stehen geblieben.

Schoene Momente gab es extrem viele. Am schoensten war wohl der Ausflug nach Chitradurga, einer mehrere hundert Kilometer entfernt liegenden Stadt. Schon Tage vorher waren die Kinder aufgeregt, schliesslich sind diese zweimal jaehrlich stattfindenden Ausfluege meist ihre einzige Moeglichkeit aus Ajjanahalli rauszukommen und die weite Welt zu sehen. Auf der 5-stuendigen Hinfahrt herrschte deshalb eine ganz besondere Stimmung. Jedes Haus und jeder Baum, den man aus dem Busfenster heraus sehen konnte, wurden bejubelt und jede Kleinigkeit ausgiebig kommentiert. Sprueche wie “Ich habe Hunger!” oder “Wann sind wir endlich da?!” kamen kein einziges Mal. Und das obwohl die Kinder vor Abfahrt kein Fruehstueck hatten.

In Chitradurga gab es dann ein volles Programm: einen Staudamm, eine Hoehle, ein Zoo, eine Festung und ein Mittagessen in einem Don Bosco Projekt. Ein weiteres Projekt der Salesianer hier in Indien besichtigen zu koennen, war sehr spannend. Das Projekt ist um einiges groesser als unser Projekt in Ajjanahalli. Im Grossen und Ganzen ist es ein Schulzentrum, bestehend aus einer Grundschule, einer Middle School, einer High School, einem College sowie kleineren Gebaeuden fuer zum Beispiel Managment- und Computerkurse. Trotz des sehr unterschiedlichen Projektaufbaus findet man aber immer Dinge, die alle Don Bosco-Projekte gemeinsam haben. Viel Platz zum Spielen fuer die Kinder zum Beispiel.

Das eigentliche Highlight des Ausflugs war fuer mich aber eindeutig die Rueckfahrt. Alle Kinder und saemtliche Betreuer hingen voellig fertigin ihren Sitzen und wollten nur noch nach Hause. Ploetzlich hat Father Siju die Musik im Bus voll aufgedreht, das Licht aus- und die Partybeleuchtung(!) angeschaltet. Der Wahnsinn! Wie elektrisisert sind alle aufgesprungen und haben im Mittelgang, auf den Sitzen und an den Haltestangen haengend getanzt, waehrend der Bus im Dunkeln ueber den Highway gerast ist. In diesem Moment fand ich die indische Musik ausnahmsweise einmal nicht so schlimm wie sonst immer :) . Allerdings koennen solche Ausfluege naechstes Jahr nur stattfinden, wenn sich ein Sponsor findet.  

Nach all diesen schoenen Aktionen und Erlebnissen bleibt bei mir vor allem ein Eindruck zurueck: die Jungs hier sind unglaublich schnell zufrieden und dankbar fuer das wenige, das sie bekommen. Ein kleines Beispiel dazu: Zum Abschluss des Camps gab es die langersehnte Siegerehrung. Die beiden drittplatzierten Teams erhielten je einen Kugelschreiber pro Person, die Kinder des zweitplatzierten Teams je eine Zahnbuerste und ein Stueck Seife zum Waschen der Kleidung und die Siegergruppe je einen Schwamm und eine Seife fuer den Koerper. Haette man diese Preise auf einem Kindergeburtstag in Deutschland verteilt, haetten die Kinder sie wohl enttaeuscht liegengelassen. Hier aber wurden sie schnell gluecklich in die Hosentasche gesteckt, damit sie bloss nicht verloren gehen.

Gestern sind die anderen Kinder wieder zurueck nach Ajjanahalli gekommen, viele froehlich, der eine oder andere aber auch mit etwas Heimweh. Alle jedoch in neuer Kleidung und mit vielen Suessigkeiten.

Mittwoch faengt die Schule wieder an. Anna-Lena und ich sind froh, dann erstmal unseren Alltag wieder zu haben und alles etwas ruhiger angehen zu koennen. Naechsten Montag arbeiten wir wieder einmal durch, am 8. und 9.11. geht es dann voraussichtlich wieder in die Stadt des Klopapiers, der Commercial Street (Klamotten!) und in die offenen Arme der Mitarbeiter von BREADS. 

Alles Liebe an all die Studienanfaenger, Vorabiklausurenschreiber und all diejenigen, die diesen ganzen Stress schon hinter sich haben.

Eure Miri

“Aunty, house going!”

Montag, Oktober 18th, 2010

“Aunty” (=Tantchen), damit sind je nach Situatuion Anna-Lena oder ich gemeint. Zum Glueck aber nicht, weil wir uns den Spitznamen in irgendeiner Weise verdient haben, sondern einfach weil Kinder hier alle Frauen so ansprechen. Das fuehrt dann auch schon mal zu lustigen Verwechslungen, schliesslich kann man nie genau wissen, wer jetzt eigentlich angesprochen ist.

“house going” habe ich vor gut einer Woche haefig hoeren duerfen. Die Halbjahresferien haben angefangen und die Jungs, die Kontakt zu ihrer Familie oder entfernten Verwandten haben, durften fuer 2 Wochen nach Hause. Die betroffenen Kinder waren deswegen natuerlich total aufgeregt und haben mir meistens mehr mehrmals mit leuchtenden Augen mitgeteilt, dass sie nach Hause duerfen, in schoenstem indischen Englisch also “house going”. Trotzdem hat man den Kindern angemerkt, dass ihnen der Abschied von Ajjanahalli ein wenig schwer fiel. Das zu erleben war unglaublich wichtig fuer mich, schliesslich bestaetigt das die Arbeit des Projekts.

Aber auch den restlichen 60 Kindern werden die Ferien in schoener Erinnerung bleiben. Letzten Montag wurde das “Dasara Camp” eroeffnet. Waehrend des Camps gibt es ein besonderes Programm mit Aktionen wie Picknick, schwimmen oder tanzen. Auch wenn den Kindern die Zeit des Camps als purer Spass erscheinen mag, hat das Ganze durchaus einen weiteren Zweck. Waehrend der beiden Wochen sind die Jungs permanent in 4 Teams eingeteilt. Die Teams sammeln fleissig Punkte, um am Ende als Sieger aus dem Camp hervorzugehen. Punkte gibt es auf alles. Wie gut die Gruppe ihre Aufgaben erledigt, ob alle Kinder sauber sind und ordentliche Kleidung tragen, ob sie puenktlich sind und natuerlich wie sie in den einzelnen Spielen abschneiden. Die Kinder sind mit Feuereifer dabei und merken gar nicht, dass ihnen so spielerisch beigebracht wird, wie sie sich hier zu verhalten haben.  Vormittags gibt es ausserdem immer 3 Unterrichtsstunden. Die letzte Stunde fuer alle gemeinsam zu Themen des Allgemeinwissens. Eine sehr gute Idee und sehr wichtig, denn mir scheint der Unterricht in der Dorfschule ziemlich oberflaechlich.

Wegen des geanderten Programms haben sich auch Anna-Lenas und meine Aufgaben etwas erweitert. Wir geben den Kleinsten jetzt regelmaessig Englischunterricht und morgens Fussballtraining (wer haette gedacht, dass ausgerechnet ich das mal tun wuerde…). Ausserdem bin ich dabei,meine Haarschneidekuenste zu verfeinern und in Sachen “Medicine” hat sich auch einiges getan. Anna-Lena und ich sind jetzt die Verantwortlichen dafuer und haben jeden Abend eine Menge Patienten. Wir achten verstaerkt darauf, dass alles so hygienisch wie hier eben moeglich ablaeuft. Wir sind ganz gut dabei und ich wage zu behaupten, dass sich weniger Wunden entzuenden als vorher. Allerdings ist das nur meine persoenliche Einschaetzung und wir muessen nach einem laengeren Zeitraum nochmal schauen, was sich wirklich veraendert hat. Fuer die naechste Zeit haben wir uns vorgenommen, den ganzen Raum auf den Kopf zu stellen, die Medikamente durchzugehen und alles zu putzen.

Im Moment ist also einiges in Bewegung. Es ist schoen, sich in so vielen verschiedenen Dingen eingringen  und mittlerweile sogar veraendern zu koennen. Nach erst 2 Monaten hier in Indien eine gute Bilanz!

Wir starten jetzt mit voller Power  in die letzte Woche des Camps. Naechste Woche wieder mehr Neuigkeiten aus dem Vegetarier-Paradies!

Eure Miri

Ayodhya – ein Land haelt den Atem an

Montag, Oktober 4th, 2010

Wer jetzt an Yoga oder irgendwelche Atemuebungen denkt, ist auf dem Holzweg. Vielmehr handelt es sich dabei um ein viel weltlicheres Problem. “Ayodhya” ist der Name eines Grundstueckes in Nordindien, um das es seit nunmehr 61 jahren einen erbitterten Streit zwischen Hindus und Muslimen gibt. auf dem Grundstueck befinden sich sowohl die angebliche Geburtsstaette des Hindu-Gottes Rama als auch die Ruine einer 500 Jahre alten beruehmten Moschee. Dadurch beanspruchen beide Gruppen das Grundstueck als ihr eigentum und wichtige Pilgerstaette.

Das oberste Gericht des zugehoerigen Bundesstaates ist in der letzten Zeit vielen Fragen zu dem Fall nachgegangen, um die Situation endgueltig zu klaeren. Es ging unter anderem darum zu klaeren, ob der Ort wirklich die Geburtstaette Ramas ist (was ja unmoeglich zu beweisen ist), ob die Ruine wirklich die einer Moschee ist und wann und von wem sie gebaut wurde. Dabei mussten die 3 zustaendigen Richter sehr diplomatisch vorgehen, denn sowohl auf hinduistischer als auch auf muslimischer Seite gibt es Gruppen mit einer sehr hohen Gewaltbereitschaft.

Wie alles in Indien wurde auch das Urteil dann spater verkuendet als geplant. Tagelang lag eine Spannung in der Luft, die man selbst bei uns in Ajjanahalli gespuert hat. Letzten Donnerstag war es dann so weit: Schulfrei aus Angst vor Unruhen, Ausgangssperren an bestimmten Orten und in den Medien Aufrufe zur Maessigung von vielen Politikern und Personen des oeffentlichen Lebens. Das Urteil haette keinen Tag spater verkuendet werden koennen, denn einer der Richter ist dann gleich am naechsten Tag in Rente gegangen. Auch das mal wieder typisch indisch.

Wider Erwarten blieb alles ruhig. Allerdings bietet das Urteil auch kaum Angriffsflaeche: 2/3 des Grundstueckes geht an die Hindus, 1/3 an die Muslime. Vollstaendig zufrieden ist dennoch keine der beiden Gruppen und haben schon angekuendigt, weitere juristische Schritte vorzubereiten. Also auch nach 61 Jahren kein Ende in Sicht und kaum Aussicht auf ein friedlicheres Miteinander der beiden Religionen.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es aber trotzdem: Die Jungs in Ajjanahalli sind eine interessante Mischung aller moeglichen Religionen. Die meisten sind natuerlich Hindus, etwa ein Viertel sind Christen und ein paar Muslime und Anhaenger einiger ausgefallener Religionen sind auch dabei. Obwohl das Projekt von den Salesianern Don Boscos, also einem katholischen Orden, geleitet wird, bemuehen sich alle darum, die Religionen der Kinder gleichberechtigt zu behandeln. So wurde zum Ende das Ramadan ein Huhn geschlachtet, am Festtag des Elefantengottes Ganesha gab es superleckere selbstgemachte Suessigkeiten und beim taeglichen Morgen- und Abendgebet beten zwar alle gemeinsam, aber dennoch jeder zu seinem Gott. 

In Indien ist einfach alles moeglich, das habe ich schon laengst gemerkt. Vielleicht koennen solche winzig kleinen Versuche ja irgendwann Groesseres ins Rollen bringen.            

An dieser Stelle moechte ich euch noch einmal darauf aufmerksam machen, dass es die Moeglichkeit gibt, direkt fuer mein Projekt zu spenden. Die Spenden werden auf einem Konto gesammelt und nach einiger Zeit werde ich dann mit Father George, dem Direktor des Projektes, besprechen, wie das Geld am sinnvollsten eingesetzt werden kann. Ideen habe ich schon reichlich, aber das Projekt selbst soll das letzte Wort dabei haben, schliesslich wissen die Fathers besser, was am dringensten ist. Informationen zu meinem Konto findet ihr unter dem Punkt “Spenden” oben auf der Seite. Allen, die schon gespendet haben, ein ganz grosses Dankeschoen! Selbstverstandlich duerfen aber auch alle, die nicht spenden, weiterhin an meinen Erlebnissen hier teilhaben ;)

Ein paar stressige Tage liegen hinter mir, dadurch dass die Kinder schulfrei hatten, gab es von morgens bis abends viel zu tun. Deswegen geniessen Anna-Lena und ich jetzt unsere 2 Tage hier in Bangalore und haben auch mal wieder sehr viel eingekauft.  

Naechste Woche werden wir arbeiten, aber den Montag danach haben wir hoffentlich frei.

Eure Miri

P.S. Viel Text, wenig Bilder… wir haben ein kleines Problem mit dem Laptop, wodurch wir die Fotos nicht auf eine CD brennen koennen, um damit die Fotos in einem Internetcafe auf den Blog zu laden. Lange Rede, kurzer Sinn: im Moment leider keine Fotos von uns, aber wir arbeiten an dem Problem. In den naechsten Wochen dann hoffentlich ein bisschen mehr Farbe auf dem Blog!