“Nano schoolgeh hogo!”

Zu Deutsch: Ich gehe zur Schule! Oder in unnachahmlichem Kannada-Satzbau: Ich Schule zur gehe. Das konnten Anna und ich am Freitag endlich verkünden, denn wir hatten es geschafft, unseren Direktor zu überreden, dass wir uns eine kleine Auszeit nehmen und statt die kleinen Jungs im  Projekt zu betreuen, die Großen zur Schule bringen dürfen. Die Jungs waren ebenso glücklich, denn schon oft haben sie uns gefragt, wann wir denn endlich mitkämen. Also sind wir mit den 67 Schuljungen händchenhaltend in das etwa 1 km entfernt liegende Dorf Ajjanahalli losgezogen. Unterwegs haben sie uns dann kichernd die Häuser ihrer Angebeteten gezeigt. Demnach müsste wohl jedes Mädchen aus dem Dorf mindestens einen unserer Jungs heiraten.

Zuerst haben wir uns die Middle School angeschaut. Ein wenig schlucken mussten wir da schon, denn nicht alle Klassenräume haben Tische und Bänke, von Strom mal ganz zu schweigen. So kommt es, dass in dem einen Klassenraum alle 51 Siebtklässler eng gequetscht und vor allem in ziemlicher Dunkelheit gemeinsam lernen. Der Klassenraum der Fünftklässler dagegen enthält  keinen einzigen Tisch und keine Bank, dafür ist er hell und vor allem muss er nur 21 Schüler beherbergen. Die High School (8. bis 10. Klasse) hat es da ein wenig besser getroffen, denn alle Klassenräume haben zumindest ein paar Tische und Bänke. Der Rest der Schüler muss aber trotzdem auf dem Boden sitzen.

So erschreckend das alles für uns war, wissen wir doch, dass es selbst unter diesen Umständen gut und wichtig ist, dass Indiens Kinder sagen können : Nano schoolgeh hogo. 70% aller Inder leben auf dem Land. Das bedeutet meist, dass sie mitsamt ihrer Grossfamilie und ihrer Tiere in einer Hütte oder einem einfachen Steinhaus wohnen. Betritt man ein indisches Dorf, fühlt man sich um Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt. Kurz vor dem Dorf empfängt einen ein unangenehmer Gestank, denn dieser Ort ist die einzige Toilette der ganzen Dorfgemeinschaft. Im Dorf laufen die Tiere kreuz und quer bis ihre Besitzer sie mit in den Wald nehmen. Dort sitzen die Menschen dann den ganzen Tag in stiller Meditation und warten, bis es Zeit wird ihre Tiere wieder mit ins Dorf zu nehmen. Wasser gibt es an genau einer Stelle im Dorf: dem Brunnen. Die hygienischen Verhältnisse sind alles andere als optimal. Das Kastensystem schreibt ganz genau vor, wer an welcher Stelle im Dorf wohnen darf.

Gerade am Anfang unserer Zeit hier in Indien hatten Anna und ich das Gefühl, dass sich die Situation in den Dörfern wohl nie ändern wird. Die Zeit scheint dort einfach stehen zu bleiben. Durch Zufall haben wir dann allerdings vor ein paar Monaten Sylvia, eine Mitarbeiterin von Don Bosco Mission Bonn, in Bangalore kennengelernt. Mit ihr haben wir uns intensiv über das Thema unterhalten und sie konnte uns beruhigen. Denn sie hat auf ihren Reisen nach Indien schon oft die Erfahrung gemacht, dass eine Dorfschule einen großen Einfluss auf das Leben im Dorf hat. Denn dadurch, dass die Kinder sich dann nicht mehr rund um die Uhr bei ihrer Familie aufhalten, sondern auch andere Meinungen und Ideen kennenlernen, würden diese Kinder entscheidend zu einem Wandel beitragen können. Zudem bestehen fuer die Jugendlichen mit High School-Abschluss natürlich viel bessere Chancen, eines Tages zumindest zeitweise aus ihrem Dorf herauszukommen und vielleicht sogar eine Berufsausbildung zu absolvieren. Wichtig für mich ist auch, dass die Schulen für Jungen und für Mädchen geöffnet sind, was für indische Verhältnisse ein unglaubliches Zugeständnis an die Frauen ist.

Die Teilnahme an der Abschlusspruefung der 10. Klasse hat fuer einige  unserer Jungs aber noch einen nicht ganz unwichtigen Aspekt. Er ist fuer all diejenigen, die nichts ueber ihre Vergangenheit, also weder ihren Geburtstag, ihren Geburtsort, ihre Eltern oder irgendeine noch so unwichtige Kleinigkeit, wissen, die einzige Moeglichkeit als indischer Staatsbuerger registriert und anerkannt zu werden.

 Einen Gruß von der Schulbank sendet euch

eure Miri

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