Wilde Kerle
Damit ist ausnahmsweise einmal nicht die deutsche Kinderbuchreihe gemeint, sondern die 40 Jungs, die uns in der letzten Woche besucht haben. Neben den üblichen Ermahnungen an unsere Jungs (wohl am beliebtesten : „bega, bega“ also „schneller, schneller“) hallten in dieser Zeit noch viele andere durchs Haus (am kuriosesten: „Bitte reißt die Blumen nicht aus!“). Die Jungs wohnen in „Bosco Mane“, einem Don Bosco Projekt, das mitten in Bangalore liegt, und durften deswegen bei uns auf dem Land einen Tag fernab des Großstadtdschungels verbringen. Den ganzen Tag lang durften sie spielen, die Natur genießen, Lagerfeuer machen und abends mit unseren Jungs unter dem Sternenhimmel tanzen.
Die Arbeit von Bosco Mane und den anderen Don Bosco Projekten in Bangalore (alle zusammen „BOSCO“ genannt) ist unglaublich spannend und faszinierend, deswegen möchte ich sie euch gerne näher vorstellen.
Jeden Tag kommen unvorstellbar viele unbegleitete Kinder in Bangalore an. Die meisten reisen mit dem Zug, da man sich darin am besten verstecken kann. Es wird geschätzt, dass sich in jedem eintreffenden Zug 8-10 unbegleitete Kinder aufhalten. Bei 75-80 Zügen pro Tag eine ganz schön große Zahl. Diese Kinder verlassen ihre Familien meist aufgrund von Problemen innerhalb der Familie, am häufigsten aus Armut, Trennung/Scheidung der Eltern oder aber auch Alkoholismus seitens der Eltern. Bangalore reizt wegen seines Images als modernste Stadt Indiens Kinder aus dem ganzen Land, die sich deshalb teilweise tagelang im fahrenden Zug verstecken müssen.
Nach Don Boscos Intention, die Kinder so früh wie möglich zu erreichen, damit sie noch nicht zu abhängig von der Straße sind, stehen auf Bangalores Bahnhöfen Mitarbeiter von BOSCO bereit. Sind die Kinder nämlich erst ein paar Tage alleine auf den Straßen Bangalores unterwegs, haben sie schon Kontakt zu anderen Straßenkindern und sind schwerer wieder dort wegzubewegen. Die Mitarbeiter an den Bahnhöfen wissen ganz genau, wo sich diese Kinder am ehesten aufhalten, erkennen diese in den Menschenmassen und sprechen sie mit der Frage „Wie kann ich dir helfen?“ gezielt an. Um wirklich mit allen Kindern kommunizieren zu können, sprechen alle dieser Mitarbeiter sage und schreibe 5 der offiziellen Sprachen Indiens.
Je hungriger und ärmer die Kinder sind, desto eher lassen sie sich dazu bewegen, mit dem Mitarbeiter mitzukommen. Jeden Tag können die Mitarbeiter 30 bis 40 Kinder von der Straße holen, das macht im Monat ungefähr 1000 Kinder! Je nach Alter und Geschlecht werden sie dann in die verschiedenen Don Bosco Projekte gebracht, in denen versucht wird, ihre Herkunft zu klären.
Dabei recherchieren die Mitarbeiter mit einer unfassbaren Motivation, denn selbstverständlich erzählt kaum ein Kind von Anfang an seine wahre Geschichte. So recherchieren die Mitarbeiter nicht selten in eine völlig falsche Richtung, bis das Kind dann eine weitere Information herausrückt. Wobei das auch nicht unbedingt heißen muss, dass diese dann der Wahrheit entspricht.
Das höchste Ziel bei diesem Prozess ist, das Kind wieder zu seiner Familie zurückzubringen. Bei ca. ¾ der aufgelesenen Kinder kann die Familie gefunden werden. Ist es allerdings nicht möglich, die Familie zu finden, oder kann man dem Kind nicht zumuten, zur Familie zurückzukehren, so kümmert sich das Netzwerk der Don Bosco Projekte in Bangalore und Umgebung weiterhin um das Kind.
Dabei haben die Kinder je nach Alter, Vorbildung und Eignung die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, eine Ausbildung z.B. im Schneidern oder Schweißen zu machen, oder in einen Job vermittelt zu werden. Auch zu uns nach Ajjanahalli kommen auf diesem Wege Jungs, die von nun an die Schule besuchen sollen.
Für diese tolle Arbeit wurden die „Bosco“ Projekte übrigens vor kurzem von den Bürgern Bangalores zur „Kinderfreundlichsten Einrichtung der Stadt“ gewählt. Dass einer christliche Einrichtung in einem nicht-christlichen Land eine solche Sympathie entgegengebracht wird, ist ein Beweis für die Qualität der Projekte. Und trotzdem sind die Salesianer und die Mitarbeiter noch nicht so recht zufrieden damit: Sie arbeiten nämlich gerade einen Plan aus, wie sie bald noch mehr Kinder erreichen können.
Bei uns in Ajjanahalli ist nun wieder Ruhe eingekehrt und alle sind erleichtert, dass der Besuch so gut und vor allem ohne bleibende Schäden abgelaufen ist. Eine kleine Veraenderung bleibt aber trotzdem zurueck, denn 2 der Bosco Mane Jungs werden ab jetzt bei uns in Ajjanhalli wohnen.
Eure Miri
Februar 28th, 2011 at 15:37
also miriam, ich erwarte ja, dass du die 5 sprachen dann auch kannst! enttäusch mich bitte nich
Februar 28th, 2011 at 15:41
Hallo Miriam,
vielen Dank für deine zahlreichen Nachrichten. Wir lesen sie immer mit großem Interesse und freuen uns, dass du eine so gute Zeit hast.
Unter diesem Link findest du eine sehr interessante Zusammenstellung der Grundlagen über die Pädagogik für Kinder und Jugendliche von der Straße.
http://www.strassenkinderreport.de/index.php?goto=406&user_name
Der Text ist teilweise sehr wissenschaftlich geschrieben und vielleicht etwas schwer verständlich, aber er kann dir mit Sicherheit als Grundlage für den Umgang mit Kindern aus armen Verhältnissen dienen.
Besonders das Kapitel „Lebensgeschichten erzählen“ könnte interessant sein, da hier einige Regeln zu finden sind, wie man am besten mit Kindern kommuniziert und ihr Vertrauen gewinnt. Schau einfach mal rein!
Noch kurz etwas anderes:
Diesen Sommer findet in Deutschland die Frauen Fußball WM statt. Wenn du in deinem Projekt Mädchen Fußball Teams kennst, dann wäre es im Zusammenhang mit der WM super wenn du uns bescheid sagen könntest. Dann könnten wir oder auch du, falls du Interesse hast, einen Artikel verfassen oder die Lebensgeschichte eines Mädchens erzählen.
Viele Grüße nach Indien von
Ulla & Robin