Archive for März 21st, 2011

„Das öffne ich gleich morgen früh“

Montag, März 21st, 2011

Wahrscheinlich kein Freiwilligendienst ohne eine Krankenhausgeschichte. Und nachdem Anna und ich bis jetzt super ohne ärztlichen Beistand ausgekommen sind und beim Zwischenseminar in Goa zum Glück im Gegensatz zu manchen anderen nichts über eine Fischvergiftung, einen heftigen Sonnenstich oder Denguefieber zu berichten hatten, hat Anna sich heimlich überlegt, unserer Erfolgsstory ein Ende zu setzen.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Vor ein paar Wochen hat sie an ihrem Kinn eine Anschwellung festgestellt, die wir erst für einen Moskitostich gehalten haben. Ganz langsam ist die Stelle dann immer größer und härter geworden, bis es sogar den Jungs aufgefallen ist. Die haben Anna dann nämlich vorgeworfen, ständig ein Bonbon zu lutschen und ihnen nichts abzugeben.

Schwester Theresa war zu dem Zeitpunkt noch hier in Ajjanahalli und fand das Ganze auch ziemlich merkwürdig. Geraten hat sie Anna dann ein Antibiotika zu nehmen, was wir aber nicht ganz so lustig fanden und deshalb gelassen haben. Also verging noch etwas Zeit, Anna hat mit ihren Ärzten in Deutschland Kontakt aufgenommen, Schwester Theresa hat Abschied von Ajjanahalli genommen und Annas „Bonbon“ wurde immer größer.

 Und an dieser Stelle kommt dann das berühmt-berüchtigte Schicksal ins Spiel. Denn als wir vor zwei Wochen Schwester Theresa in Bangalore besucht haben, waren wir sofort in den allerbesten Händen. Denn wo könnte man besser aufgehoben sein, als zu Gast in einem Haus voller Krankenschwestern und deutscher Schokolade und mit einem Krankenhaus auf der anderen Straßenseite? Die Chance haben wir dann gleich genutzt und einen Arzt um Rat gefragt. Der hat dann gleich für den nächsten Tag eine kleine OP angeordnet. Damit wurde aus unserem 2-tägigen Aufenthalt bei  Schwester Theresa ein 4-tägiger.  Sie hat uns wirklich selbstlos umsorgt und uns sogar deutsche Schokolade in den Kühlschrank gelegt, obwohl Aschermittwoch war und alle anderen gefastet haben.

Die Wunde haben wir nach 2 Tagen dann aber doch lieber selbstständig in Ajjanahalli versorgt, denn den Krankenschwestern in dem Krankenhaus haben wir nicht so ganz über den Weg getraut. Dafür war der Arzt sehr kompetent. Mittlerweile ist die Wunde gut verheilt, der super Ausstattung unseres Medicine-Rooms sei Dank.

Die ganze Geschichte hinterlässt außer einer großen Dankbarkeit aber auch noch einen anderen Nachgeschmack. Denn die Flure des Krankenhauses waren gepflastert mit Preislisten für die jeweiligen Behandlungen. Was für uns dank Auslandskrankenversicherung kein großer Grund zur Besorgnis ist, treibt eine indische Familie nicht selten in den finanziellen Ruin. Einen Tag in einem Krankenhauszimmer kostet 400 Rupien (ca. 7€), dazu kommen dann noch die Kosten für  Essen, die Behandlung durch den Arzt 200 Rupien (ca. 3,50€) und natürlich die Medikamente, Verbände und sonstige Dienstleistungen. Und das Ganze jeden Tag wieder von neuem. Eine 24-stündige künstliche Beatmung schlägt mit rund 17€ zu Buche. Hört sich ja eigentlich alles nicht so schlimm an. Wenn man aber bedenkt, dass die indische Durchschnittsfamilie meist nicht mehr als 100€ im Monat zur Verfügung hat, dann fragt man sich ernsthaft, wer sich die Behandlung  einer Krankheit wie z.B. Krebs denn überhaupt leisten kann. Nur fragt die Krankheit ja leider vorher nicht kurz nach, ob man dann auch genug Geld für die Behandlung hat.

Eure Miri