Archive for April, 2011

Auf nach God’s own country!

Sonntag, April 17th, 2011

Mein gepackter Rucksack steht neben mir, es geht endlich wieder raus auf die Suche nach einem weiteren Gesicht Indiens. Und dieses Mal erwarten wir ein ausgesprochen hübsches, denn Indiens Vorzeigestaat Kerala wird hier nur schlicht und ergreifend „God’s own country“, also Gottes eigenes Land, genannt.

Versuchen wir uns dem Ganzen aber erst einmal etwas objektiver zu nähern. Kerala ist wahrscheinlich  weltweit der einzige Staat, in dem sich Demokratie und Kommunismus wunderbar zu verstehen scheinen. Seit 1957 aus freien Wahlen eine kommunistische Regierung hervorging, wurde diese immer schön abwechselnd mit der Congress-Partei wiedergewählt. Eine Landreform und der Schwerpunkte auf Infrastruktur, Gesundheits- und Bildungswesen trug zu Keralas Erfolgen bei. Die Alphabetisierungsquote von 91% ist weltweit die höchste in einem Entwicklungsland , die Kindersterblichkeitsrate beträgt ein Fünftel des Landesdurchschnitts, die durchschnittliche Lebenserwartung von 73 Jahren liegt damit 10 Jahre über der des übrigen Landes.

Doch auch Kerala hat seine Probleme. Es gibt keinerlei industrielle Entwicklung, wodurch viele gut ausgebildete junge Menschen keine Beschäftigung finden. Kerala hat die höchste Suizidrate und dort wird mehr Alkohol konsumiert als sonstwo in Indien. Hoffnung legt die Wirtschaft in den Tourismusboom – wir werden unser Bestes geben.

Wir können uns dem Ganzen aber auch etwas subjektiver nähern, schließlich kommen von unseren gegenwärtig 7 Priestern und –anwärtern 6 aus Kerala. Und die erzählen uns beinahe täglich, dass in Kerala sowieso alles besser ist. Die Landschaft ist schöner, die Menschen christlicher, das Essen besser. Fährt einer unserer Mitbewohner zu seiner Familie nach Kerala, scheut er keine Mühen und kommt schwer bepackt mit vielen Köstlichkeiten wieder. 17 kg Bananen plus 4 kg Honig auf einer 15-stündigen Reise mitzuschleppen kann man für bescheuert halten, ist bei den Fathers und Brothers aber keine Seltenheit. Schließlich werden sie für ihre Anstrengungen dann ein paar Tage lang mit einem richtigen „Kerala-Frühstück“ belohnt.

Wir freuen uns also auf unsere kleine Auszeit, aber vor allem wohl darauf, danach endlich so richtig mitreden zu können. Und als kleines Sahnehäubchen begleiten uns Annas Geschwister auf dieser Reise. Wir sind schon sehr gespannt, wie sie Indien erleben werden.

In zwei Wochen dann hoffentlich ein Blogartikel mit der Wahrheit über Kerala.

Ich bin dann mal weg!

Eure Miri

Nur weil sie Maedchen sind

Montag, April 11th, 2011

Die indischen Zeitungen kennen im Moment nur zwei Themen: den Sieg der Inder beim Cricket World Cup und die Ergebnisse einer groß angelegten Volkszählung. Da mich Cricket ja bekanntlich eher weniger interessiert, hatte ich beim Lesen der Zeitung kaum eine andere Wahl, als mich in die Statistiken über die zahlreichen Inder zu vertiefen.

Und dabei  bin  ich auf erstaunliches, erfreuliches und schockierendes gestoßen.

Erstaunlich ist zum Beispiel, zumindest aus deutscher Sicht, dass die Bevölkerung Bangalores in den letzten zehn Jahren um sage und schreibe fast 50%, also mehr als 3 Millionen Menschen, gestiegen ist. Dass das natürlich böse Folgen hat, liegt auf der Hand: Ein solcher Bevölkerungszuwachs  in einer so kurzen Zeit bedeutet vor allem, dass die Infrastruktur der Stadt nicht schnell genug ausgebaut werden kann  und vor allem an den Stadträndern riesige Slums entstehen. Aber auch im Stadtzentrum merkt man: die Stadt platzt aus allen Nähten, die Straßen sind dauerhaft verstopft. Jeder realistisch denkende Einwohner Bangalores plant für Wege von A nach B eine Stunde ein. Egal wie weit A von B entfernt liegt.

Erfreulich ist, dass sich das Bevölkerungswachstum zum ersten Mal in der Geschichte Indiens verlangsamt hat. Auch wenn der Wert (immerhin noch 17,64%) sehr stark von den ehrgeizigen Zielen der Politiker abweicht, so ist das doch immerhin ein Anfang. Die Regierung strebt in Zukunft ein 0%-Wachstum an, will es also schaffen, dass die Geburtenrate mit der der Sterberate übereinstimmt. Ob das in einer Gesellschaft wie der indischen jemals möglich sein wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Kinder sind wichtig für den Status der Eltern und sichern diese vor allem im Alter ab. Da die Kindersterblichkeit sehr hoch ist, werden zur Sicherheit mehr Kinder gezeugt; hat ein Paar bisher nur Mädchen bekommen, so wird es so lange Kinder in die Welt setzen, bis ein Junge geboren wird.

Schockiert hat mich, was hier in den Zeitungen als Child Sex Ratio (CSR) bezeichnet wird. Dieser Wert beschreibt das Verhältnis von neugeborenen Mädchen zu neugeborenen Jungen. Während unter normalen Umständen ungefähr gleich viele Mädchen und Jungen geboren werden sollten, weichen die Werte in Indien stark ab. In Karnataka, dem Bundesstaat in dem ich lebe, kommen jedes Jahr auf 1000 neugeborene Jungen nur 926 Mädchen. Im Norden Indiens soll es sogar Regionen geben, in denen nur 700 Mädchen auf 1000 Jungen kommen. Die Gründe hierfür lassen sich auch dieses Mal in der Gesellschaftsstruktur finden.  Mädchen bedeuten für eine Familie vor allem eines: eine finanzielle Last. Mädchen muss man verheiraten und der Familie des Bräutigams eine hohe Mitgift bezahlen, auch wenn Mitgiftzahlungen längst für illegal erklärt wurden. Mit der Hochzeit verlassen sie das elterliche Haus und werden in die Familie des Mannes aufgenommen, was wiederum bedeutet, dass sie nicht für die Altersversorgung der eigenen Eltern aufkommen werden.

Um diese Last so früh wie möglich los zu werden, bedienen sich die Eltern grausamer Mittel. Auf dem Land werden Mädchen oft direkt nach der Geburt von den männlichen Verwandten lebendig begraben, manchmal werden sie vorher von ihren weiblichen Verwandten stranguliert. In den Städten bedient man sich lieber moderneren Methoden. Zeigt sich durch eine Fruchtwasseruntersuchung, dass der Fötus weiblich ist, wird für umgerechnet 2€  eine Abtreibung vorgenommen.

Auf diese Weise wird jedes Jahr etwa einer halbe Million Mädchen das Recht auf Leben genommen, angeklagt werden von diesen Morden gerade einmal 90.  Die Regierung hat jetzt eine Projektgruppe dazu ins Leben gerufen. Was diese Experten  bewirken werden, ist jedoch fraglich, der vorherige  zuständige Ausschuss hat sich in den letzten 4 Jahren kein einziges Mal zusammen gesetzt.

Eure Miri

April, April!

Montag, April 4th, 2011

Ich kann gar nicht mehr sagen, wie oft ich am 1. April auf die Scherze der Jungen reingefallen bin. Aber eindeutig zu oft. Während die Kleinen uns etwas ungelenk vor imaginären Schlangen warnen wollten, haben sich die Großen  dabei ziemlich geschickt angestellt.

Auch die Schulen der Jungs haben sich einen kleinen Scherz erlaubt. Zumindest habe ich das solange angenommen, bis es sich dann auf einmal bestätigt hat. Am 13. April sollten hier die sechswöchigen Sommerferien anfangen. Das fanden die Lehrer aber wohl zu kurz und haben spontan beschlossen, die Schulen schon 2 Wochen vorher zu schließen. Und dann sitzt man hier mit einem Haufen Kinder und muss die nächsten Wochen komplett um planen. Also wurden in Windeseile die Familien der Jungen angerufen, die Kontakt zu ihrer Familie haben. Im Laufe der nächsten Tage wurden dann etwa 25 Jungen abgeholt.

Die Zehntklässler schwitzen gerade über ihren Abschlussklausuren und danach fängt für sie der Ernst des Lebens an. Sie müssen unser Center verlassen und werden entweder zurück zu ihren Familien gehen oder an andere Don Bosco Einrichtungen weitervermittelt. Uns steht also in einigen Tagen der erste Abschied bevor. Ein sehr komisches Gefühl, diese 15 Jungen dann nicht mehr zu sehen.

Mit den anderen 50 Jungen werden wir im achtwöchigen „Summercamp“ eine erlebnisreiche Zeit verbringen. Wir werden Ausflüge machen, Wettbewerbe haben, Neues lernen und dadurch die Jungen noch ein bisschen besser kennen lernen. In Erinnerung an das letzte Feriencamp im Herbst wissen wir aber auch, dass die Zeit wahnsinnig anstrengend und fordernd wird. Denn wir werden kaum Zeit für uns haben und immer wieder spontan neue Ideen entwerfen müssen.

Umso glücklicher können wir uns schätzen, dass wir in dieser Zeit eine Woche Urlaub genehmigt bekommen haben. Annas Geschwister kommen über Ostern nach Indien. Mit ihnen werden wir nach „God’s own country“ reisen, wie Indiens Ausnahmebundesstaat Kerala hier gerne genannt wird. Dort werden wir an der südlichsten Spitze Indiens am Strand liegen, durch Teeplantagen streifen, einen Tag in einem traditionellen Hausboot durch malerische Flusslandschaften gondeln und noch vieles mehr.     

Der April hält also viele tolle Ereignisse parat, nur ein wenig Aprilwetter fehlt mir. Hier sind es im Moment konstante 35 Grad. Eindeutig zu viel, um erfolgreich Fußball zu spielen oder die umliegenden Berge zu besteigen.

Eure

Miri