Archive for Mai, 2011

Der Moment, auf den sie ihr ganzes Leben gewartet hat

Montag, Mai 30th, 2011

Verträumt lächelnd sieht sie uns an, zeigt stolz ihren goldenen Hochzeitsschmuck. Sie ist bildschön und in einem prächtigen Sari gekleidet. Hinter ihr steht ihr Bräutigam, ein ebenso gutaussehender  junger Mann. Der Slogan dieses Werbeplakats, das uns auf dem Weg nach Bangalore immer wieder von Neuem auffällt: Der Moment, auf den sie ihr ganzes Leben gewartet hat.

Wohl kein Thema beherrscht die indische Gesellschaft so umfassend wie das Thema Hochzeit. Dabei geht es um unendlich viele Rituale, kitschigen Schmuck, teure Saris und ein riesiges und mehrtägiges Hochzeitsfest. Um das alles zu finanzieren, müssen sich die Brauteltern nicht selten verschulden und ihr ganzes Leben lang den Schuldenberg abtragen.

Während die indische Filmindustrie in von Kitsch überlaufenden Filmen die Liebesheirat propagiert, sieht die Realität etwas anders aus: hier muss man nicht dem Schicksal vertrauen, sondern seinen Eltern. Und die Suche des richtigen Partners ist in Indien gar nicht mal so einfach, denn er muss einen umfassenden Kriterienkatalog erfüllen. Wohl am wichtigsten: die Religion, die Kaste, das Einkommen. Schließlich geht es bei einer Hochzeit auch darum, den Status der Familie zu erhalten. So wird strikt darauf geachtet, dass der in Frage kommende Kandidat mindestens dem eigenen Status entspricht.

Haben die Eltern mithilfe befreundeter Familien einen geeigneten Bräutigam gefunden, so fangen die Verhandlungen an: Was will er haben, damit er unsere Tochter heiratet? Meist geht es dabei um Gold sowie Motorräder, neben der Ausrichtung der Hochzeitsfeier eine weitere finanzielle Last für die Brauteltern. Dass Mitgiftzahlungen in Indien eigentlich verboten sind, interessiert dabei keinen. Mit der Hochzeit geht die Frau in die Familie des Mannes über, was durchaus bedeuten kann, dass sie ihre eigene Familie nie mehr wieder sieht.

Doch dieses Verfahren geht noch eine Spur heftiger: nämlich dann, wenn es sich bei der Braut (und manchmal zusätzlich auch dem Bräutigam) um ein Kind handelt. Auch das ist verboten, wird aber  weiterhin praktiziert. Der Grund ist meist Armut der Familie des Mädchens. Hat sie kein Geld, das Kind bis zur Volljährigkeit zu erziehen, so ist die einfachste Lösung eine schnelle Verheiratung  des Mädchens. Auch wenn das erstmal Geld kostet, so muss die Familie nach der Hochzeit nicht mehr für das Mädchen aufkommen. Im Norden Karnatakas, dem Bundesstaat, in dem ich lebe, wurden zwischen Februar und Mai diesen Jahres nicht weniger als 61 Kinderehen verhindert. Da will man sich lieber gar nicht vorstellen, wie viele Kinderehen nicht verhindert werden konnten. Die Kinder waren teilweise unter 10 Jahre alt und waren sich gar nicht bewusst, dass sie verheiratet werden sollten.

Mut bewiesen hat die Highschoolschülerin Punitha, die an einen 25-jährigen Analphabeten verheiratet werden sollte. Statt zu Heiraten, was das Ende ihrer Schullaufbahn bedeutet haette, wollte sie lieber erst ihren Abschluss machen. Ihre Eltern haben alle ihre Einwände ignoriert und mit der Vorbereitung der Hochzeit begonnen. Daraufhin hat sich die Schülerin an eine Hilfsorganisation gewendet, die allerdings die Eltern nicht überzeugen konnte. Stattdessen übergaben die Eltern dem Bräutigam die Mitgift: 15 000 Rupien (ca. 250 Euro) und 5 Gramm Gold. Verzweifelt rief Punitha den Kindernotruf ihrer Stadt an. Der zuständige Beamte nahm sich der Geschichte persönlich an und stattete der Familie einen Besuch ab.  Die Androhung, dass eine Verheiratung ihrer Tochter illegal wäre und zu einer Strafe führen könnte, hat die Eltern dann schließlich einlenken lassen. Die Hochzeit wurde verschoben und die Mitgift zurückgezahlt.

Der Grund für diese Hochzeit: die Eltern konnten die täglichen 10 Rupien (15 Cent) für den Schulweg ihrer Tochter nicht aufbringen.

Eure Miri

Schikschanaweh Schakti!

Montag, Mai 23rd, 2011

Das Sommercamp ist vorbei – und wir vermissen es jetzt, weniger als eine Woche nach dem großen Abschlussfest, schon ganz stark. Um die 5 Wochen haben wir mit den Jungen spannende Dinge erlebt. Wir waren auf Schatzsuche, sind schwimmen gegangen, haben im Wald über dem Feuer gekocht. Außerdem haben Anna und ich uns erlaubt, die Jungs ins Kino einzuladen. Wer wollte nicht immer schon mal 80 Jungs gleichzeitig ins Kino ausführen?!

Doch das absolute Highlight war das „Yuvaspandana 2011“ in Bangalore. Unter dem Motto „Schikschanaweh schakti!“ also „Bildung ist Stärke!“ haben sich dort 500 Jugendliche aus vielen Don Bosco Projekten Karnatakas versammelt und 3 Tage lang gemeinsam Stärke gezeigt. Unsere Band hatte außerdem dort ihren großen Auftritt, musste sie doch jeden Ehrengast einzeln mit einem Ständchen begrüßen und dann mit einem Marschlied zur Festhalle bringen. Einer dieser Ehrengäste war der für die Eisenbahn zuständige Minister. Der hatte sogar ein kleines Geschenk für die Salesianer dabei: von diesem Jahr an müssen die Salesianer für ihre Hilfsstation am Hauptbahnhof (mehr dazu in meinem Blogartikel „Wilde Kerle“) keine Miete mehr bezahlen.

Nach der großen Eröffnung ging es dann sofort raus auf die Straße. Mit Plakaten, T-Shirts und Fahnen bewaffnet haben sich alle Jugendlichen in das Getümmel der indischen Großstadtstraßen geschmissen und lautstark ein Recht auf Bildung gefordert. Ganz vorne mit dabei: mal wieder unsere Band, die vielen nervenzerreißenden Proben im Vorfeld waren aller Mühe wert.

In den nächsten Tagen fanden dann viele Unterrichtseinheiten zu Themen wie „Kinderrechte“ und „Persönlichkeitsentwicklung“ statt. Und zwischendurch immer wieder Lieder, Tänze und Spiele.

Diese drei Tage waren wirklich spannend und Anna und ich haben uns sehr gefreut, viele bekannte Gesichter unter den Salesianern wieder zu sehen. Dabei ist uns erneut aufgefallen, wie lange wir eigentlich schon hier sind.

Gleichzeitig haben wir aber auch eine neue Erfahrung gemacht: eine indische Gemeinschaftsunterkunft. Schreckt uns das in Deutschland ganz und gar nicht, hatten wir hier als einzige Weiße ein kleines Problem: kaum betraten wir den Saal, waren alle Augen auf uns gerichtet. Wollten wir uns umziehen, saß immer eine Gruppe von Frauen und Mädchen im Kreis um uns herum und hat uns angestarrt oder sogar angefasst, um herauszufinden, wie wir uns anfühlen.

Um wenigstens für ein paar Minuten unsere Ruhe zu haben, hatten wir bald herausgefunden, an welchen Stellen man sich auf dem Gelände zu welcher Zeit am besten verstecken kann. Und außerdem haben unsere Jungs uns in der Öffentlichkeit meisterhaft beschützt.

In allem Ende steckt auch ein Neuanfang – und ändern wird sich bei uns in der nächsten Zeit ganz schön viel. Die beiden Brothers sowie ein Father, mit denen wir die letzten 9 Monate lang zusammen gearbeitet und gelebt haben, werden in andere Don Bosco Einrichtungen gehen. Dafür wird ein neuer Brother nach Ajjanahalli kommen. Außerdem verlassen uns unsere ehemaligen Zehntklässler (die übrigens alle ihren Abschluss geschafft haben!). Für sie geht es entweder zurück zu ihren Familien oder in Don Bosco Projekte nach Bangalore, wo sie auf ein College gehen werden. Und unsere „Center boys“, die das letzte Jahr über bei uns im Haus unterrichtet wurden, werden ab nächster Woche im nächsten Dorf zur Schule gehen. Ein ganz schön komisches Gefühl, unsere „Kleinen“ nicht mehr den ganzen Tag über um uns zu haben. Dafür kommen hier im Moment täglich neue Jungen an, sodass uns auch in unseren letzten 2 ½ indischen Monaten ganz bestimmt nicht langweilig werden wird.

In diesem Sinne: auf ein Neues!

Eure Miri

In 7 Tagen durch Kerala

Montag, Mai 2nd, 2011

“God’s own country” – geschickte Werbung oder nichts als die Wahrheit?

Tag 1

Ankunft in Trivandrum nach einer mehr als 17-stuendigen Busfahrt. Da in Indien grundsaeztlich in der Nacht gereist wird, koennen wir uns nach einer dringend benoetigten Dusche auf die Suche nach der Wahrheit ueber Kerala machen. Mit grossen Erwartungen sind wir nach Trivandrum gekommen, schliesslich ist diese Stadt 1. die Hauptstadt Keralas und 2. so ziemlich die suedlichste Stadt Indiens. Und an der Spitze Indiens gewesen zu sein ist ja schon ganz cool. Aber wir wurden enttauescht. Trivandrum ist nichts als eine volle, stinkende, indische Durchschnittsstadt. Von “God’s own country” keine Spur. Schade, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Tag 2

Morgens schnell in den Bus nach Varkala, das bekannt fuer seinen tollen Strand ist. Und der Strand ist wirklich ein Traum, wir haben uns gleich an Goas Straende erinnert gefuehlt. Nur eine Sache stoert uns an diesem wunderschoenen Fleckchen Erde: es ist kein bisschen indisch. Varkala ist ein absoluter Touristenort, man sieht mehr leichtbekleidete Weisse als Durchschnittsinder, die Preise sind gepfeffert und alle paar Meter will uns ein Strassenhaendler seinen Ramsch andrehen. Zu unserem Glueck ist in Kerala gerade Nebensaison, sodass wir traumhafte Zimmer fuer 2,50 Euro pro Person bekommen haben. In unserem Vierergespann vorherrschende Meinung: alles ganz nett, aber nicht goettlich.

Tag 3

Um 2.45h aufstehen, um 4.30h in den Zug und um 8h Ausstieg in Allepey. In Allepey erwartet uns unser Hausboot, um uns auf eine 24-stuendige Fahrt durch die Backwaters zu nehmen. Die Backwaters sind ein riesiges System aus Seen, Kanaelen und Fluessen. Beim Betreten des traditionellen Bootes stockt uns allen der Atem: es uebertrifft alle unsere Erwartungen, ist unglaublich liebevoll eingerichtet und als uns dann auch noch unser Koch und unser Fahrer vorgestellt wurde, ist uns das Ganze schon fast peinlich. Vom Sonnendeck aus beobachten wir die Menschen in den Doerfern rechts und links der Fluesse, geniessen die ungewohnte Ruhe, schreiben endlich mal wieder Tagebuch, telefonieren lange mit Deutschland und reden bis die Moskitos uns zu laestig werden. Und zwischendurch werden wir immer wieder mit typischen Gerichten aus Kerala verwoehnt. Der Koch konnte uebrigens gar nicht fassen, dass Anna und ich richtig mit der Hand essen koennen ;) Auf der Goettlichkeitsskala klare 9 von 10 Punkten.

Tag 4

Nach diesem entspannten Teil der Reise folgt der anstrengenste: eine 8 -stuendige Busfahrt von Allepey nach Munnar. 143 km und ueber 1000 Hoehenmeter in unertraeglicher Hitze. Erst tun wir es den Indern gleich und schlafen seelenruhig, aber irgendwann wird uns die Fahrt dann doch zu kurvig. Abends sind wir dann froh, endlich in den Regen entlassen zu werden. Nach einer kurzen Verschnaufpause stellen wir aber ein paar kleine Probleme fest: es regnet, es ist wahnsinnig kalt, es ist dunkel und in ganz Munnar ist kein Zimmer mehr frei. Also heuern wir schnell einen Rikshafahrer an, der alle seine Beziehungen nutzt und uns letztendlich in einem Zimmer mit 3 Betten unterbringt. Wir  haben zwar keine Ahnung, wo wir uns ueberhaupt befinden und bezahlen vor allem noch einen unverschaemten Preis fuer das Zimmer, aber gemuetlich machen wir es uns dann trotzdem. Schliesslich haben wir noch deutsches Brot und Schokolade. Dass wir noch ein Zimmer gefunden haben, grenzt zwar an ein Wunder, aber einen Pluspunkt auf das “God’s own country”-Konto gibt es dafuer nicht.

Tag 5

Halb erfroren aus den Betten schaelen und dann so bald wie moeglich raus aus diesem Zimmer. Direkt im Stadtzentrum finden wir nach einem guten Fruehstueck ein schrilles Hostel, das 2 Zimmer frei hat. Die Zimmer sind gut, der Vermitter allerdings ziemlich durchgeknallt. Dafuer hat er uns mit Bananen und heissem Tee empfangen, ein Hoch auf die indische Gastfreundschaft. Das Problem: es regnet immer noch ohne Unterlass und unseren Plan, die Teeplantagen zu Fuss zu erkunden, muessen wir aufgeben. Stattdessen nehmen wir eine Riksha und sehen eine tolle Berglandschaft nach der anderen. Ausserdem besuchen wir noch einen Gewuerzgarten und sehen zum ersten Mal, wie eine Ananas waechst. Nachts dann der Besuch der Ostermesse. Die ist zwar auf Malayalam, der Sprache Keralas und noch dazu 3 Stunden lang, aber dafuer enthaelt sie ein absolutes Highlight: die Auferstehung Jesu mit Blitz und Donner und einer Jesusfigur nachgespielt. In dem Moment faellt es uns dann doch schwer, das Lachen zu verkneifen, aber immerhin sind wir deswegen nicht eingeschlafen. Und die Inder fanden es total toll, dass wir an der Messe teilgenommen haben und haben uns in der Messe extra auf Englisch Frohe Ostern gewuenscht. Die Auferstehung Jesu live miterleben zu koennen, das geht wohl wirklich nur in “God’s own Country”.

Tag 6 & 7

Nach 2 Stunden Schlaf schnell weg von unserem Vermieter und in den Bus nach Cochin. Im gemuetlichen Fort Cochin gibt es alles, was unser Europaerherz erfreut: Meer, tolle Gassen in portugiesischem Stil, Cafes und Restaurants, die tolle internationale Gerichte anbieten. Und noch dazu treffen wir in Cochin die deutsche Voluntaerin Lena und ihre Eltern. Wir geniessen unsere letzten beiden Urlaubstage, besuchen das alte Grab von Vasco da Gama, der in Cochin gestorben ist, kaufen einen leckeren Plumcake fuer unsere lieben Mitbewohner in Ajjanahalli und sitzen dann viel zu frueh wieder im Nachtzug nach Bangalore.

Fazit: Wir hatten eine tolle Zeit, haben unfassbar viel gesehen und einige der schoensten Fleckchen der Erde besucht. Und, wohnt Gott  wirklich in Kerala?  Gute Frage. Betrachtet man das Problem rein statistisch, so kann ich mit gutem Gewissen mit “Ja” antworten. Schliesslich muessten von Indiens Hunderttausenden Goettern eine Handvoll auch in Kerala ihr Zuhause haben.

Ein erleuchteter Gruss aus Bangalore

eure Miri

P.S. Naechste Woche hat unsere Band einen grossen Auftritt in Bangalore – und wir deshalb keinen freien Tag. Und auch die Woche danach kann es sein, das wir nicht freibekommen, weil ein grosser Ausflug mit allen Kindern ansteht. Der naechste Blogeintrag also in spaetestens 3 Wochen.