Frischer Wind

In der letzten Woche wurden wir ganz schön durchgepustet und unser riesiges Haus ist ordentlich ins Schwanken geraten.

Der Monsun hat seine ersten Ausläufer zu uns geschickt und mit kühlem Wind, grauen Wolken und Gewittern dafür gesorgt, dass sich der Sommer in Luft aufgelöst hat. Wir waren überrascht wie schnell sich das Wetter und die Natur umgestellt haben. Jetzt müssen wir in Windeseile die Mangos pflücken, sonst fallen sie dem Regen zum Opfer. Dafür sind wir alle nun von einer absolut lästigen Aufgabe befreit: monatelang sämtliche Pflanzen auf unserem großen Gelände vor dem Vertrocknen zu bewahren.

Doch mit dem Monsun ist Anna und mir auch schmerzlich bewusst geworden, dass wir uns jetzt wieder in der gleichen Jahreszeit befinden, in der wir angekommen sind. Unser Indienkalender besitzt nur noch 2 leere Seiten, in 9 Wochen werden wir  im Flieger nach Deutschland sitzen.

Obwohl sich bei Anna und mir langsam aber sicher eine leise Abschiedsstimmung in den Alltag schleicht, ist das restliche Haus auf Neuanfang eingestellt. Unsere Schulkinder gehen seit einer Woche wieder in die Schule und unsere ehemaligen Centerboys dürfen jetzt auch das Projektgelände Richtung Schule verlassen. Man merkt ihnen an, wie gut es ihnen tut, jetzt zu den Großen dazu zu gehören. Man könnte fast eine kleine Glücksträne vergießen, wenn man sie voller neuer Energie zurück kommen sieht.

Und trotzdem kommt das Haus tagsüber nicht zur Ruhe, vielmehr wird es aus allen Angeln gehoben. Grund dafür sind die rund 15 neuen Jungen (und noch viele weitere dürften folgen), die von unseren Regeln hier im Haus meist noch nicht ganz so viel halten. So probieren sie alles aus, ärgern unsere Tiere, kämpfen um die Bälle oder weigern sich, ihre Kleidung zu wechseln. Gleichzeitig kommen aber fast alle von ihnen regelmäßig zu uns in den Medicine-Raum, um sich eine Extraportion Aufmerksamkeit abzuholen. Komischerweise klagen sie alle über Schmerzen im Oberschenkel, eine bei den anderen Jungen überhaupt nicht verbreitete Krankheit.

Wir werden also diese Jungen in ihren ersten Wochen hier begleiten und hoffentlich die ersten Erfolge der Arbeit der Salesianer und der Mitarbeiter miterleben dürfen.

Mit dem nächsten Windstoß sende ich euch einen kühlen Gruß in die Anfänge des deutschen Sommers.

Eure Miri

P.S. Nächsten Montag arbeiten wir durch – also keine Neuigkeiten aus dem indischen Wald. Die Woche danach dann aber hoffentlich wieder ein Lebenszeichen.

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