Die Zeit hat hier ein wahnwitziges Tempo drauf. Am 05. Dezember bin ich schon 3 Monate in Brasilien, ein Viertel ist also schon vergangen. Während ich hier so in die Tage hineinlebe, passiert allerhand, obwohl brunnentechnisch so gut wie gar nichts passiert. Alois kann die nächsten Bohrausflüge nicht mit der letzten Sicherheit planen, da die Frage der Zuständigkeit für die Indianerdörfer ungelöst in der Luft hängt. Die brasilianische Regierung hätte gerne, dass das Projeto AMA wesentlich mehr Indianer-Territorien mit Wasser versorgt, als es im Moment der Fall ist. Alois hätte lieber, dass es so bleibt, wie es ist und die FUNASA (brasilianische Behörde für Wasserversorgung und viel Undurchsichtiges mehr) sich nicht in seine Gebiete einmischt. Oft ist es schon passiert, dass die Salesianer-Jungs in einem Dorf einen Brunnen gebaut haben und die FUNASA einen daneben gesetzt hat. Nebenbei bemerkt kosten die staatlichen Brunnen ca. 50-mal mehr als „unsere“ und halten bis zur nächsten Regenzeit. Danach fangen sie an, munter zu vermodern.
Zwischendurch hatte Alois Kontakt mit einem Vertreter der dänischen Pumpenfirma Grundfos. Da kam auch gleich ein Handel
zustande und zu 3 gekauften legte der gute Mann noch eine geschenkte Pumpe oben drauf. Der Haken an der Sache: für das gleiche Geld kann man in Deutschland 7 Pumpen kaufen. Jetzt versuchen wir es mit einer Importfirma, die mit der Salesianerprovinz zusammenarbeitet. Aber die Pumpen sind ganz große Klasse! Laut Produktbeschreibung brauchen die mindestens 110 Volt, allerdings pumpten sie schon bei 68 Volt aus vier Solarpaneelen fleißig Wasser in die Höhe.
Trotzdem können wir uns mit unserer Arbeit nicht auf einen nächsten Trip konzentrieren, sondern machen das, was kommt. Gerade das Colêgio profitiert von dieser Zeit und der Werkstatt. So bauten wir im letzten Monat u. a. einen Regenwasserkanal vor der Sporthalle, tauschten Abwasserrohre in der Werkstatt aus und reparierten einen Müllcontainer. Also nicht so ein Plastiktönnchen,
sondern ein massiver Stahlkoloss. Typ Wechselmulde, für die Profis unter uns. Solche Arbeiten haben durchaus auch ihren Charme. Es kann nicht jeder von sich behaupten, in einem umgekippten, komplett verrosteten Müllcontainer gestanden und dessen Seitenwände für den Einbau eines neuen Bodenstahls vorbereitet zu haben. Gut, erstrebenswert ist diese Arbeit vielleicht auch nicht, Müll plus Hitze riecht bekanntlich nicht gut, aber es ist eine Erfahrung. Nach meiner Arbeit war das Ding wenigstens rostfrei. Ich eher nicht.
Es dominiert hier das Prinzip „Selber Machen“. In Deutschland werden Dinge sehr schnell in Reparatur gegeben oder weggeschmissen. Die Leute hier (allen voran Paulinho, er hat einen unglaublichen Einfallsreichtum für Neu- und Umbauten jeglicher Art) kramen aus einer dunklen Ecke irgendein Gerät hervor und fangen an. Und dann wird nicht aufgehört, bis es richtig ist und wie neu aussieht. Den neuen Stahlboden haben wir letztendlich mit dem Radlader auf den Container gedrückt, damit es passt. Man muss nur einfallsreich sein!
Neben den Abwechslungen während der Arbeit gibt es auch „nebenher“ immer wieder Dinge, die neu oder ungewohnt sind. Zum Beispiel bringt die Regenzeit sehr viele Tiere zum Vorschein, die in Europa in Form und Farben nicht zum Vorschein kommen. Die
Feuchtigkeit zieht Insekten an, die sich um Lichtquellen tummeln. Den Insekten folgen Ranghöhere der Nahrungskette, Vogelspinnen und Kröten. Und diese Kröten sind richtige Brecher! Zum Teil doppelt so groß wie meine Faust! Ein anderer Insektenfresser hat sich vor zwei Wochen in einer
Teerpfütze verirrt und ist stecken geblieben. Lucas und ich haben versucht, den kleinen grünen Krabbler mit verschiedenen scharfen Flüssigkeiten zu säubern, aber ein bisschen klebte er noch, als wir ihn wieder unter einen Baum setzten.
Meinen Geburtstag haben wir an einem sonnigen Sonntag ganz entspannt gefeiert. Lange schlafen am Morgen, mittags im
Schaukelstuhl dösen und am Abend mit ein paar Freunden gegrillt und sogar eine Torte angeschnitten. So war mein 20. Geburtstag weit weg von zu Hause, Freunden und Familie doch ein wirklich schöner Tag. Am Abend hatte ich sogar einen persönlichen Sicherheitsmann von der Colêgio-Santo-Antonio-Polícia-Federal, der
in seinem wendigen Jeep mit Sonderbierbüchsen-, quatsch, Sondersignalanlage das gesamte Gelände unter Kontrolle hatte. Nebenbei brachte er auch Bier, aber das dürfen wir seinen Vorgesetzten nicht wissen lassen!
Vorige Woche startete der Direktor des Colêgio Salesiano Santo Antônio, Pater Osvaldo, eine große Veranstaltung. Er lud Schüler-Familien und Freunde zu einer Radtour durch Coxipó ein. Vom Schulgelände ging es mitten auf der Hauptstraße einige Kilometer bis zum Einkaufscenter. Großes Trara hatte er dafür organisiert. Es fuhr ein LKW mit, der nur aus Boxen bestand und die gesamte
Nachbarschaft mit brasilianischem Beat versorgte. Unser weißer LKW begleitete die Radler auch, wir haben ihn vorher mit zwei großen Werbeflächen der Schule bestückt. Auf der Ladefläche waren die Wasser- und Eisvorräte. Da die ganze Sause auf öffentlichen Straßen stattfand, wurde noch ein Begleitschutz von 3 Polizeifahrzeugen und 3 Autos der städtischen Straßensicherheit organisiert. Ein Riesenaufwand also, aber ich glaube, die Werbewirkung war beachtlich. In den folgenden Tagen war Osvaldo durchweg gut gelaunt, wahrscheinlich haben ganz viele zahlende Eltern ihre Kinder bei ihm angemeldet!
Anfang dieser Woche hat mich Marquez mit in die Chapada dos Guiamarães genommen. Die Chapada ist ein Gebirgsplateau vor den Toren der Stadt, das bis in den Pantanal reicht. Es ist von zahlreichen
Schluchten durchzogen und bietet dem Auge des Betrachters so eine wunderschöne Landschaft mit Wasserfällen und atemberaubenden Aussichten. In der Chapada betreiben die Salesianer Don Boscos ein Gästehaus, das „Casa do Sonho“, Haus des Traums. Don Bosco selbst habe von diesem Haus und der Umgebung geträumt, also baute man es ihm zu Ehren im Jahr 1994. Es liegt
direkt an einem Abhang und bietet einen beeindruckenden Ausblick auf das flache („chapa“) Land. In diesem Haus waren gerade rund 40 Jugendlichen, die sich während einer Besinnungsfahrt auf das Familienleben besannen. Nach 3 Stunden Besinnung brauchten die Jungs und Mädels aber ein bisschen Auslauf und so wurde prompt eine Wasserrutschbahn aufgebaut. Zwei Plastikplanen am Hang, viel Wasser, 20 Kilo Waschmittel und ab geht die Post. Nach einer halben Stunde haben wir neben der Plane auch die hinter der Rutschbahn folgenden 4 Meter Wiese auf Hochglanz poliert und unsere T-Shirts und Hosen in eine einheitlich schlammig-braune Uniform verwandelt. O Wunder.
Danach zeigte mir Marquez den „Mirante do Centro Geodésico“, den Aussichtspunkt am geografischen Mittelpunkt Lateinamerikas. Die
Mitte meiner Welt hier drüben. Marquez stellte sich direkt einmal auf den Nabel der Welt. Der eigentliche Aussichtspunkt ist eigentlich ein großer Parkplatz. Schöner wird es, wenn man ein bisschen den Abhang hinunter geht. Dann kommt man an einen Felsvorsprung (Foto am Ende des Artikels). Es ist eigentlich streng verboten, dort hin zu gehen, 2008 hat sich wohl jemand nicht halten können und ist die Wand hinuntergestürzt. Wir sind allerdings einer Gruppe Grenzsoldaten gefolgt, da konnten wir gar nichts falsch machen. Die Jungs kamen aus Manaus, Amazonas und haben in Brasília neue Autos bekommen. Auf der Rückfahrt wollten sie sich diesen Ausblick nicht entgehen lassen. In ihren schicken grauen Uniformen posierten sie ein bisschen vor der Kulisse und wir haben uns nett unterhalten. Man kann da
wirklich schrecklich schöne Fotos machen, aber keine Bange, unter diesem Vorsprung war ein weiterer, man sieht ihn nur auf diesen Fotos nicht. Als ich da staunend auf den Steinen stand, flog eine Gruppe Papageien um unsere Köpfe und machten lauthals ihrem Ärger Luft, dass wir (wahrscheinlich) in der
Nähe ihrer Brutstätten standen. Das tat uns zwar Leid, aber es war einfach zu schön!
Heute haben wir den Weihnachtsbaum aufgestellt und die zwei Jungs und ich haben ihn vergnügt mit Christbaumkugeln und Goldengel geschmückt und uns dabei gefreut, wie sich kleine Kinder an Weihnachten eben freuen. Und es läuft tatsächlich „Last Christmas“ von Wham im Radio! Ich wollte meinen Ohren nicht recht glauben, aber es war keine Einbildung. Insgeheim hatte ich gehofft, diesem alljährlichen Geplärre entflohen zu sein und stattdessen traditionell portugiesische Weihnachts-Rhythmen zu hören. Pustekuchen. Die kommen wohl später. Egal, die Weihnachtsfeiertage werde ich an den schönsten Stränden Brasiliens verbringen! Mestre Marquez nimmt mich mit in seinen Urlaub in den Süden. Und Süden heißt hier im Dezember Sommer, Sonne, Sonnenschein! Da werden wir die Wasserfälle von Foz do Iguacu (riesig groß; Gesamtbreite von 2,7 km!) besuchen, Florianópolis (Strände!!!), Blumenau (mal wieder deutsches Bier?) und das europäische Rio Grande do Sul. Das wird ein Fest!
Ich hoffe, dieser Text mutet nicht allzu durcheinander an! Es ist schwer, die verschiedenen Eindrücke von Land und Leuten in eine sinnvolle Reihenfolge mit angebrachten Übergängen zu bringen.
Wenn ich mich vor dem 20.12. (Urlaubsanfang) nicht mehr melden sollte, dann wünsche ich Euch allen schon jetzt Feliz Natal, wunderschöne Feiertage und einen optimalen Start in das kommende Jahr 2012! Nach dem 08.1. (Urlaubsende) werde ich Euch dann mit Sonnenfotos und –erzählungen füttern, damit die Minusgrade in Alemanha noch ein bisschen kälter scheinen!
Habt eine schöne Zeit!

