Daten & Fakten

Die Situation der Straßenkinder weltweit

SituationStraßenkinder sind ein weltweites Phänomen und auf allen Kontinenten zu finden. Insbesondere in Ballungsgebieten großer Städte, wie Mumbai, Rio de Janeiro und Nairobi gibt es unzählige von ihnen. Weltweit leben schätzungsweise 100 Mio. Kinder auf der Straße, etwa ein Drittel von ihnen sind Mädchen. Die meisten Straßenkinder leben in Indien (ca. 11 Mio.), in Lateinamerika und zunehmend auch in Afrika, wo vor allem die Zahl der AIDS- Weisen, die auf der Straße landen, steigt. Genaue Zahlen zu erhalten ist jedoch schwierig, da kaum ein Straßenkind eine Geburtsurkunde hat oder irgendwo registriert ist. Außerdem sind Straßenkinder ständig in Bewegung und tauchen nicht an Orten auf, wo man sie verlässlich zählen könnte.

Aber wer und was sind Straßenkinder genau?  Mit dem Begriff „Straßenkinder“ werden Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren bezeichnet, für die die Straße zum Lebensmittelpunkt geworden ist, die dort wohnen und arbeiten.

Verschiedene Arten von Straßenkindern

Man unterscheidet zwischen Kindern auf der Straße und Kindern der Straße. Erstere verbringen einen Großteil ihrer Arbeits- und Freizeit auf der Straße, kehren aber abends in ihre Favela-  und Slumbaracken zurück. Sie haben meist noch Kontakt zu ihren Angehörigen. Kinder der Straße schlafen unter Brücken, in U-Bahnschächten und Kanallöchern, ihr Lebensmittelpunkt ist die Straße. Sie haben meist keinerlei Kontakt mehr zu ihren Familien. Die Übergänge zwischen diesen Gruppen sind fließend. Das Eine führt häufig zum Anderen. Viele Kinder liegen irgendwo zwischen den Definitionen. Des Weiteren wächst eine dritte Gruppe an Straßenkindern heran:  Kinder von anderen Straßenkindern, die auf der Straße geboren werden und nie ein anderes Leben kennengelernt haben. Da die Zeiten, die die Kinder auf der Straße verbringen, sehr variieren, kommt immer wieder Kritik an dem Begriff “Straßenkinder” auf. Deshalb wird dieser Ausdruck wo möglich vermieden, man spricht stattdessen zunehmend von “chidren at risk”, zu deutsch “Kinder in Risikosituationen”.

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Der Lebensalltag von Straßenkindern

LebensalltagStraßenkinder haben keinen Zugang zu Bildung, zu medizinscher Versorgung, zu ausreichender Ernährung und sauberem Trinkwasser. Das bedeutet, dass ihre Zukunftsaussichten niederschmetternd sind und dass ihr gesundheitlicher Zustand ihnen auch kein langes Leben erlaubt. Der Organisation Brazil’s National Movement of Street Children zufolge werden jeden Tag vier bis fünf Straßenkinder getötet. 4,5 Mio.  brasilianische Kinder unter 12 Jahren arbeiten. Weltweit sind es sogar fast 200 Mio. Kinder, die arbeiten müssen.
die Auch AIDS wird immer mehr zum Thema. Straßenkinder sind vielfach Opfer von Vergewaltigungen. Durch die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit bilden sich aber auch immer wieder kurzlebige Liebesverhältnisse zwischen Straßenkindern. Sexuelle Aufklärung  erreicht die Straßenkinder allerdings nicht. Sex wird daher ungeschützt praktiziert, mit wechselnden Partnern.
Straßenkinder sind Stadtkinder. Man trifft sie in den Ballungsräumen der sich industrialisierenden Drittwelt- und Schwellenländer. Sie halten sich mit gelegentlichen Jobs im informellen Sektor, mit betteln und stehlen über Wasser. Von der Gesellschaft werden sie diskriminiert, ausgegrenzt und ignoriert. Traurige Ironie ist es, dass ausgerechnet die Polizei eine große Bedrohung für Straßenkinder darstellt. Polizisten drangsalieren, bedrohen, vergewaltigen und quälen Straßenkinder. Sie nehmen ihnen das wenige Geld weg, das sie haben, verlangen Schutzgeld dafür, dass keine falsche Anklage erhoben wird oder dass sie aus polizeilichem Gewahrsam entlassen werden. Von Mädchen verlangen sie Sex. Sehr selten werden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Etwa drei Viertel der Straßenkinder weisen Verhaltensstörungen, Depressionen, Hyperaktivität oder andere psychosoziale Krankheiten auf.

Die Entwicklungsstufen von Straßenkindern

Die Entwicklung von Straßenkindern erfolgt in gewissen Stufen. Bis zur Pubertät, also ungefähr bis 13, streunen sie in lockeren Zusammenschlüssen bis zu 15 Personen herum, schnüffeln Klebstoff (die wohl verbreiteteste Droge bei Straßenkindern, da billig und leicht zu beschaffen) und betteln. Gestohlen wird unter der Anleitung eines älteren Straßenkindes.
Die 14-16-jährigen hingegen suchen bewusst nach Anteil am Leben. Sie interessieren sich stark für Sexualität. Das Risiko von Geschlechtskrankheiten und AIDS ignorieren sie. Jungen und Mädchen leben zusammen, Sie kleiden sich betont modebewusst. Wenn sie nicht gerade in Gruppen auftauchen, ist es oft nur eingeweihten Streetworkern möglich, sie unter den anderen Passanten auszumachen. In Gruppen von bis zu 30 Jugendlichen gehen sie durch die Innenstädte, betteln, stehlen, gehen ins Kino und konsumieren Rauschmittel. Noch ältere Straßenkinder ab 17 sind in der Regel körperlich wie psychisch vom jahrelangen Drogenmissbrauch gezeichnet. Wunden sind nicht richtig ausgeheilt und haben Behinderungen verursacht. Sie leiden an Atemwegs- Haut- und Geschlechtskrankheiten. Sie haben Straßenkinderprogramme erfolglos hinter sich gebracht. Ihre Aussichten sind denkbar schlecht. Ihre Rehabilitierung und Integration in die Gesellschaft ist kaum mehr möglich. Der „Ruf der Straße“ und die vermeintliche Freiheit dort bringen sie immer wieder zurück auf die Straße.

Spezielle Jugendstrafgesetze fehlen häufig

Zu den katastrophalen Lebensbedingungen, in denen Kriminalität zum Alltag gehört, kommt ein nicht minder katastrophales Strafvollzugsprogramm. In vielen Ländern der Dritten Welt gibt es keine entsprechenden Jugendhaftanstalten, sondern die Kinder werden zusammen mit erwachsenen Häftlingen in gewöhnlichen Gefängnissen inhaftiert. Die Zellen sind überfüllt und es herrschen meist  unhygienische Verhältnisse. Oftmals werden sie von älteren Häftlingen drangsaliert, geschlagen oder sogar vergewaltigt.

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Ursachen

UrsachenWie kommt es, dass so viele Kinder und Jugendliche auf der Straße landen? Jedes Straßenkind hat seine eigene Geschichte, jedes Schicksal ist anders. Dennoch gibt es einige grundlegende, gesamt- gesellschaftliche Gründe, die dazu beitragen, dass die Zahl an Straßenkindern immer weiter steigt. Die wenigsten Straßenkinder sind „verlassene“ Kinder. Die meisten haben von sich aus den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen. Allerdings nicht aus jugendlicher Unternehmungslust, sondern als Reaktion auf Armut, Gewalt und Missbrauch. Es ist die Entscheidung eines Kindes, das keine Alternative sieht.

Armut

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird beständig größer. Durch die Auflösung der Agrargesellschaft und die rasante Zuwanderung in die Städte entstehen riesige Elendsviertel. Die wirtschaftliche Not trägt dazu bei, dass Familienstrukturen zerfallen: Familienväter sind dem immensen Druck nicht mehr gewachsen, flüchten sich in Alkohol, verlassen ihre Familien. Mütter sehen sich zur Prostitution gezwungen, um ihre Kinder weiter ernähren zu können, wenn sich keine andere Möglichkeit mehr eröffnet. Auch die Kinder müssen zum Unterhalt der Familie beitragen. Insbesondere ein neuer Partner der Mutter führt oftmals dazu, dass Kinder ihr Zuhause verlassen: Kinder aus früheren Beziehungen werden von den Stiefvätern oftmals wie selbstverständlich misshandelt.

HIV/AIDS

Die rasende Ausbreitung von HIV/AIDS trägt – allen voran in Afrika – weiter zur Zerstörung der Familienstrukturen bei. In vielen Fällen sterben beide Elternteile an AIDS, weil der Mann seine Frau infiziert oder umgekehrt. Die Kinder werden häufig von ihren Großeltern aufgenommen, die teilweise bis zu 15 Kinder versorgen müssen. Oft sind die Großeltern dem Druck nicht gewachsen und es ist ihnen nicht möglich, alle Kinder satt zu bekommen. So kommt es, dass die Kinder oft von selbst die Straße wählen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben dort. Immer mehr AIDS-Weisen bevölkern deshalb die Straßen der großen Städte.

Kriege und bewaffnete Konflikte

Auch Krieg und bewaffnete Konflikte führen zu einer erhöhten Zahl an Straßenkindern. In besonders schlimmen Fällen, wie etwa in Liberia, werden während des Krieges Kinder als Soldaten zwangsrekrutiert und nicht selten dazu gezwungen, Gräueltaten zu begehen. Nach dem Krieg sind die Kinder entwurzelt, haben den Kontakt zu ihrer Familie verloren und landen auf der Straße. Dort haben sie nicht nur mit dem harten Alltag aller Straßenkinder zu kämpfen, sondern müssen zudem noch mit der Erinnerung an die Zeit als Kindersoldat fertig werden.

 

Lösungsansätze

LösungsansätzeUm die Zahl der Straßenkinder zu verringern, muss an verschiedenen Ebenen angesetzt werden. Zum einen muss versucht werden, dass Kinder gar nicht erst auf der Straße landen. Hier setzt Prävention an. Da Straßenkinder meist aus Elendsvierteln kommen, werden vor allem dort präventive Programme durchgeführt. Diese umfassen Maßnahmen wie Schulbildung für Kinder- und Jugendliche, Lernbetreuung, Berufsausbildung und Erwachsenenbildung ebenso wie Gespräche mit den Familien. Dahinter steckt das Prinzip des Capacity Builings, eines ganzheitlich und nachhaltig ausgelegten Vorgehens: Eine intakte Familie und ein stabiles Umfeld motiviert junge Menschen, sich auf ihre Zukunftsplanung und auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Dieser Ansatz wird nicht nur aus reiner Nächstenliebe genutzt. Mit ihm sind auch handfeste ökonomische Interessen verbunden. Mit qualifiziert ausgebildeten Handwerkern,  Kaufleuten und Dienstleistern erweitert sich das Humankapital, die Leistungsträger der Gesellschaft. Mehr Geld kommt in den Umlauf und steigert die lokale Wirtschaftskraft. Eltern, die am eigenen Leibe erfahren, wie wichtig Bildung, Erziehung und Familie für die Zukunft von Kindern ist, achten auch bei ihren eigenen Kindern darauf.

Streetwork und Reintegration

Sind Kinder allerdings bereits auf der Straße gelandet, versucht man ihnen durch Streetwork und Reinegration den Schritt in eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Doch diese Arbeit ist mühsam, langwierig, manchmal sogar gefährlich. Denn ein Bett und Essen sind ein Anfang, aber noch kein Programm. Die Kinder brauchen Therapie, Drogenentzug, Erziehung, Ausbildung und die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Der Weg von der Straße zieht sich für die Kinder und Jugendlichen oft über Jahre hin. Zu groß sind die seelischen Schäden, die die Kinder und Jugendlichen in ihrem Leben auf der Straße davongetragen haben. Am Anfang steht zumeist der Aufbau einer Vertrauensbeziehung durch Streetworker. Hat dies Erfolg, akzeptieren die Kinder meist einen festen Treffpunkt, z.B. ein Auffangzentrum. Die Kinder können dort kommen und gehen, wie es ihnen beliebt, jedoch einige wenige aber klare Regeln einhalten. Ein nächster Schritt ist betreutes Wohnen in einer Einrichtung, begleitet von Schulunterricht und Therapie. Hier wird soziales Verhalten erlernt, Erfahrungen der Kindheit und Jugend aufgearbeitet und Aggressionen abgebaut. Am Ende steht die Integration ins Arbeitsleben. Die Sozialarbeiter gehen den Kindern dabei zur Hand und begleiten sie, bis sie ihren Weg gefunden haben.
Eine Rückkehr in die Familie ist nicht immer das Beste für Straßenkinder, auch wenn diese Möglichkeit immer genau geprüft wird. Wenn der Bruch noch nicht zu lange her ist, bestehen Chancen. Aber nur dann, wenn in der Familie auch etwas geschieht. Bleiben die Verhältnisse beim Alten, ist niemandem geholfen.

 

Erfahre mehr über Straßenkinder! Lies die Lebensgeschichten von Straßenkindern aus aller Welt, sieh dir die Links und Literatur zum Thema an oder entdecke Projekte, die Straßenkindern helfen.

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