Hallo Welt,
ich muss mal wieder mit dem bekannten Thema anfangen. Die Zeit verfliegt. Es ist kaum zu glauben, dass ich jetzt schon über ein halbes Jahr hier bin. Diese 6 Monate sind rückblickend einfach nicht so vergangen, wie ich es gewohnt bin. Viel erschreckender, merkwürdiger ist allerdings die Tatsache, dass nun weniger vor mir, als hinter, mir liegt. Ich bin quasi schon die ersten paar Meter vom Gipfel heruntergestiegen. Sich das klarzumachen ist… ja… hmmm… sehr schwer? Seltsam auf jeden Fall. Allerdings musste dieser Zeitpunkt ja auch irgendwann kommen. Nach meiner ersten Reise Anfang Januar hatte ich schon das Gefühl, die Eingewöhnugsphase hinter mir gelassen zu haben. Nach meinen zwei Wochen in Ghana, fühle ich mich nun wirklich angekommen. Die Jungen sind zwar die selben, einige wollen immer noch nicht ihre Arbeit sorgfältig machen, andere wollen einfach nicht ins Bett, wenn es Schlafenszeit ist, aber all das nehme ich anders auf. Es ist halt normaler. Ich reg mich auch noch manchmal über ihre Provokationen auf, aber es ist anders. Ich bin da.
Ich fände es jetzt interessant zu wissen, wie vielen direkt das neuerwähnte Thema ins Auge gesprungen ist. Ghana. Ende Januar ging es für mich zum ersten Mal über eine reisepasskontrollierte Grenze, um an einem Zwischenseminar teilzunehmen. So ein einwöchiges Seminar ist verpflichtender Bestandteil des Weltwärtsprogramms, was für mich das Angenehme mit dem Nützlichen verband. Ich musste also gezwungenderweise ein neues Land kennenlernen
Also mal wieder eine Tagestour in einem, diesmal sogar einem klimatisierten und bequemen, Bus. Diesmal nach Accra, der ghanaischen Hauptstadt.
Überschreitet man eine europäische, z.B. die holländische, Grenze, so merkt man das auf einmal die Straße anders wird, die Häuser kleiner, die Landschaftsgestaltung ändert sich einfach, ach ja… let op! drempels! Die Straßenschilder zeigen an, das auch die Sprache sich geändert hat.
Hier war ich im ersten Moment etwas verwirrter. Das Beamte meinen Reisepass kontrollieren, kenne ich schon vom Flughafen, dass man mit ihnen Englisch redet ist auch noch nicht außergewöhnlich. Dann musste ich aber erstmal realisieren, dass jetzt neben den ganzen ivorischen Verkäufern an der Grenze natürlich auch Ghanaer sind. Als ich bei denen dann nach l’alloco fragten, schauten die mich nur ratlos an, murmelten dann was von french zu ihrem Nachbarn und dann noch fried platanes – auf einmal war alles in Englisch.
Die “Church of Jesus Christ” bekräftigt in jedem Kaff, dass “visitors welcome” sind, die Polizei lässt ihre Straßensperren durch Mobilfunkanbieter sponsorn, um nicht wie in der Côte d’Ivoire auf Ölfesser zurückgreifen zu müssen, aber ansonsten schien erstmal alles gleich zu bleiben. Neben dem Teerstreifen gab es nicht auf einmal rotgrundierte Fahrradwege. Die hölzernen Verkaufsbuden sind nicht auf einmal kleiner geworden, sie sind in der selben bunten Weise beschriftet wie die Ivorischen. Nur jetzt halt auf einmal alles auf Englisch.
Am Abend machte ich dann auch dann die ersten wirklichen Erfahrungen mit ghanaischem Englisch. Bzw. musste ich erstmal realisieren, wann es gesprochen wird. In Abidjan höre ich auf der Straße nur Französisch. Ganz selten sieht man vielleicht mal zwei Mütter zusammen auf Dioula quatschen. Die Ghanaeren sprechen untereinander eigentlich immer Twi. Da sie dabei aber einen Haufen englischer Begriffe, vor allem Geldangaben, untermischen, hat es mich echt eine gewisse Zeit gekostet, bis ich verstanden habe, dass ich sie nicht verstehen kann. Als sie dann wirklich Englisch gesprochen haben, verstand ich zwar stellenweise genauso wenig, aber mit etwas Geduld und Nachfragen, kam ich super durch. Später hat mich eine ghanaische Volontärin übrigens mal gefragt, ob ich den Händler gerade wirklich nicht verstanden habe…ne, habe ich nicht. Alles Übung halt.
Am nächsten Morgen ging es dann inzwischen zu sechst auf nach Abetifi, einem sehr kleinen Kaff in den Bergen, wo unser Seminar stattfand. Und was wäre eine Reise in Ghana gewesen, hätten wir kein Tro-Tro genommen. Tro-Tros sind nämlich allgegenwertig und niemand, der nicht zu viel Geld hat, kann auf sie verzichten. Diese Sammeltaxibusse kosten besonders im Stadtverkehr nur einen Bruchteil eines personal Taxi und fahren auch eigentlich überallhin. Man wartet am Startpunkt, bis die 12 oder 19 Plätze voll sind, oder hat das Glück in einem vorbeifahrenden noch einen Platz zu finden. Die Reiseziele werden vom officer, der Begleitperson, immer lauthals angekündigt. ‘krakrakra, will man z.B. nach Accra, gmassigmassigmassi, will man nach Kumasi. Als Vehikel werden übrigens im Stadtverkehr und in nahe liegende Städte Kleinbusse, etwa in der Größe des VW T3s benutzt, allerdings von asiatischen Marken.
Für längere Touren kommen dann auch größere, äußerlich auch busslicher anmutende Untersätze zum Einsatz. Allerdings würden bei dieser Rumpfgröße in Europa vielleicht 30 Plätz veranschlagt. Hier werden die Sitzreihen etwas gestaucht, in den Gang noch ein Klappsitz reingesetzt, selbst über die Einstiegsluke noch eine Klappbank gebaut und voilà, es passen um die 50 Leute rein. Dazu kommt noch das teilweise meterhoch beladene Dach und schon wird uns mal wieder vorgeführt, was Kapazitätenauslastung wirklich bedeutet.
Nach ca. 3h Tro-Trofahrt nach Nkawkaw und noch ner halben Stunde kamen wir in Abetifi an. Die nun folgende Woche kann ich in einem Blogartikel nicht beschreiben. Es gab zu viele Dinge, die sehr wichtig waren und die Worte fallen mir jetzt schon schwer, wo ich doch nur über die Bedeutung dieses Seminares für mich, für meine jetztige Situation, schreiben will. Am markantesten bringe ich es vielleicht auf den Punkt, wenn ich sage, dass ich nicht weiß, was ich ohne das Seminar gemacht hätte. Ich kann es wirklich nicht sagen, ich will mir auch nicht vorstellen, wie es sonst weitergegangen wäre. Um euch eine Vorstellung geben zu können, muss ich weit ausholen:
[...]
An dieser Stelle habe ich den Text gelöscht, weil er zu tief ging und nicht mehr dazu angebracht hier zu stehen. Ihr seht – es fällt mir schwer. Ich versuche es nun in möglichst knapper Form zu beschreiben:
Ich war sehr ausgelaugt und auf dem Seminar habe ich das erste Mal seit meiner Ankunft wieder unbeschwert leben können. Obwohl wir nicht allzuviel geschlafen haben konnte ich meine Ressoursen wieder auffüllen. Die bestehen eben nicht nur aus Schlaf…
In den Gruppenarbeiten war es wichtig, mal wirklich über die Probleme reden zu können, mit Leuten, die in ähnlichen Situationen sind und außerdem mal zu hören, wie es den anderen Leuten so geht. Und da ist echt alles dabei.
Neben den vielen Freundschaften die ich dort geschlossen habe, gibt es zwei Personen, die besonders erwähnenswert sind.
Der erste war einer der Teamer, ein noch relativ junger Entwicklungshelfer. Tobias arbeitet in einem ehemaligen Don Bosco Kinderheim, in dem er vor ein paar Jahren wie ich seinen Zivildienst geleistet hat. Er konnte mir viele Tipps zum Umgang mit den Jungen geben und ermutigte mich, mehr auf meine Freizeit zu achten. So verdanke ich es auch seiner geistigen Unterstützung, dass ich nach dem Seminar noch eine Woche Urlaub raushauen konnte.
Der zweite ist ein Volontär aus Freiburg, der mit den “Freunden” in einem Projekt an der ghanaischen Küste ist. Obwohl wir glaube ich in Vielem auch sehr unterschiedlich sind und uns vielleicht unter normalen Umständen nie so kennegelernt, angefreundet, hätten, bedeutet er mir viel. Denn – wir haben einiges gemeinsam in unserer Entwicklung, in den Charakterzügen und Einstellungen. Besonders das Gespräch über die Selbstfreflexion, dass in Paaren durchgeführt wurde, hat mir viel gegeben. David hat ein beachtliches Ausdrucksvermögen und eine gute Analysefähigkeit, außerdem kennt er einige meiner Probleme die ich nun zum ersten Mal in dieser für dieses Seminar so typischen reflektierenden, offenen Art erzählt und damit auch besser verstanden habe. Die Begegnung mit ihm war sehr facettenreich, auf jeden Fall etwas, was ich nicht schnell vergessen werde.
Und damit bin ich schon bei einer der auffälligsten Sachen des Seminars: Die Offenheit.
Noch nie, wirklich nie, habe ich Menschen, mich, so offen über ihre Gefühle, Meinungen und Gedanken reden hören wie in dieser Woche. So Intimes war ich bis jetzt immer für engste Vertraute reserviert. Unsere Bereitschaft, quasi wildfremde Menschen, Menschen eines vollkommen anderen Types, nun in diesen kleinen Kreis aufzunehmen, hat glaube ich Jeden überrascht. Dies ist einer Punkt, der das Seminar zu einem so unbeschreiblichen Erlebniss gemacht haben.
Meine Seminartruppe – ein wirklich bunter Haufen!
Während die Tage vorbeiflogen, bekam ich das Bedürfniss noch ein Bisschen weiter durchs Land zu reisen und den merkbaren Erholungsprozess in Form vom unbeschwertem Leben, fortzusetzen. Zwar war die Essenz der Antwortmail meines Verantwortlichen Salesianers zwar, dass er will, dass ich direkt zurückkomme, aber nachdem ich mir bei Tobias geistigen Rückhalt für meine Sache geholt hatte, konnte ich Père Javier dann doch dazu bekommen, mir sein OK zu geben.
So bin ich dann am Tag des Abschiedes mit 4 nun befreundeten Volontären in den Norden gefahren, wo wir uns den Mole National Park ansehen wollten und auf ein reiches Wildleben hofften. Der Plan war eigentlich am Nachmittag nach 3h Fahrt in Kumasi anzukommen, von dort dann weiter 6-7h nach Tamale, wo wir gehen 21.00, 22.00 ankommen gedachten. Der Fakt war: Nach einer entspannten Fahr in einem 10er Tro-Tro, dass wir mit uns Volontären füllten, kamen wir am späten Nachmittag in Kumasi an. Dort suchten und suchten wir dann, bis wir endlich ein Tro-Tro gefunden hatten, dass nach Tamale fährt. Da war es schon fast 19.00.
Schon bevor dieses 50iger Tro-Tro losfuhr, fing der Spaß an. Wir quetschen die Rucksäcke in die letzte Reihe, wie der eine Fahrer gesagt hatte, fülllten die Reihe mit unseren drei Mädels auf und wir beiden Jungs setzen uns davor (Alex ist 1.96m). Dann verpetzte uns aber eine Frau und der Fahrer konnte nicht anders, als uns die Rucksäcke durchs Fenster abzunehmen. Also quetschen wir Jungs uns jetzt zu den Mädels. Irgendwann nach 8 ging es dann los. Die Knie fest in den Fordersitz gedrückt, zu beiden Seiten eng an den Schultern der Freunde. Ab spätestens 22.00 taten uns Allen mindestens die Beine weh. Ich versuchte mehrfach mich aufzustellen und dabei den Oberkörper nach vorne zu klappen, was aber durch die unzählbaren Schlaglöcher und Bodenwellen dazu führte, dass ich mehrfach mit der Stirn auf den Hinterkopf der Frau vor uns haute - sie tat mir nachher schon Leid. Allerdings bemitleideten wir uns selber noch mehr. Irgendwann vor Mitternacht, hielten wir es nicht mehr aus und setzten uns quer, als Bob zusammengebaut hin. Das war sogar eine Zeit lang sehr spannend, aber jetzt fing der Hintern an höllisch weh zu tun. Das ganze wurde noch durch die Hitze, den engen Körperkontakt, Schweiß, den Lärm der klappernden Scheiben und einem einstündigen, charismatisch, spiritistischen Geplänkel aus dem Radio ergänzt. Als wir nach noch mehrfachem Rumgerücke und etwas unsicherem Schlaf endlich in Tamale ankamen, waren etwa 9h vergangen, war es ca. 05.00 morgens und die Nachteile aller mir bisher bekannten Transportmittel hatten sich erheblich relativiert. Es ist unvermeidlich nach einer solchen Reise nicht gelassener zu sein, wenn du nicht durchgedreht bist…
Blick ins leere Tro-Tro nach der Ankunft, der Müll auf dem Boden ist nicht sichtbar…
Zu unser aller Freude boten sich nun im Alhassan Motel noch einige Stunden Schlaf bis Mittag in einem günstigen Doppelzimmer für 7€ an. Für uns alle 5!
Am Abend waren wir dann auch endlich im Park, sodass wir in der Frühe einen kleinen Fußmarsch durch das Gelände unternehmen konnten, wo wir auch tatsächlich 3 wilde Elefanten sahen. Das war beeindruckend, komisch, aber auch irgendwie enttäuschend zugleich. Ich meine, dann steht dann halt so ein Elefant ein paar Meter vor dir im Busch, oder du siehst zwei einige dutzend Meter vor dir vorbeilaufen, aber irgendwie ist man wegen der Tatsache, jetzt endlich einen Wildelefanten zu sehen faszinierter, als vom Tier selbst.
Simon in der Savanne und darunter unsere Truppe im Wasser aalend: Kaddi, Jana, Alex, Teresa und ich
Den Nachmittag verbrannten wir uns dann ganz touristisch am Pool, was wir aber am Abend wieder dadurch kompensierten, dass wir aus diesem “viel zu teurem und touristischem” Mole Hotel raus sind und zur eher unsern Vorstellungen entsprechenden Savannah Lodge gewechselt sind. Dort war eine kleine Hütte, mit zwei Zimmern, mit je drei Betten (vollständige Möbelierung). Das Klo und die Eimerdusche waren draußen und für das Essen sind wir zu einer Frau hingegangen, die vor einer weiteren kleinen Hütte mit ihren Töpfen rumhantierte. Wir fragten, was es gibt und ob sie für uns mitkochen könnte. Ja, Reis mit Tomatensoße, sie sagt uns bescheid.
Bisher habe ich aber total verschwiegen, was dieses Ökotourismusprojekt eigentlich ist. Hauptsächlich nämlich Grundschulträger und auch ein kleines Weisenhaus. Dazu kommen noch etliche Sachen, die entwickelt werden sollen, wie Wasseraufbereitung. Träger des ganzen sind die beiden sympatischen “Salia Brothers” von denen einer in Larabanga das Guesthouse betreibt und sein Zwillingsbruder die Savannah Lodge weiter außerhalb., Richtung Mole Park. Ich habe selbst nicht alle Pläne verstanden, aber die Leute scheinen mir sehr natürlich und wirklich am Vorankommen interessiert, weswegen, ich den Abend dort, der auch mit Lagerfeuer, Trommeln und Tanz gefüllt war, sehr genossen habe. Das ambiente ist halt eher was für meine alternative Art, als eine Hotelanlage mit “Massentourismus”.
Klassenzimmer für ca. 60 Kinder aus der Nähe der Lodge und Larabanga
Die restliche Zeit verbrachte ich in Küstennähe, u.A. bei David. Als ich sein idyllisches Projekt mit runden, bunt bemalten Strohdachhütten im Grünen sah, fühlte ich noch einmal wie fehlplaziert ich in der Großstadt bin. Zwar gibt es dort weder Strom noch fließendes Wasser, aber die Atmosphäre ist anders, ruhiger, einfacher. Ich bin echt nur ein bedingter Großstadtmensch.
Blick auf Davids Hütte. Wirklich liebevolle Malerein überall und jede Menge Grün. Sebi, ein echter Bayer, steht mit seinem 1860er Trickot in der Tür.
Die Zeit verging dann auch total schnell und schon ging es wieder über die Grenze, nun in bekannter Prozedur. Die Zeit in Ghana habe ich in äußerst positiver Erinnerung. Gerne würde ich noch einmal zurückfahren, gäbe es nicht noch so vielfältige Möglichkeiten Neues zu sehen
Ich wollte eigentlich jetzt noch über meine Zeit hier schreiben, aber ich merke, dass ich müde bin, diesen Artikel noch zu verlängern. Also nur ganz kurz, die erste Woche nach meiner Rückkehr war eine der schönsten, die ich hier im Projekt hatte
Liebe Grüße
Simon

