Die Jungs von der Strasse

( Artikel vom März 2011)

Sie sind wild, dreckig und frech. aber auch unglaublich charmant, die ca. 20 Jungs, die zweimal pro Woche “zu Don Bosco kommen”. Seit mehr als zehn Wochen arbeite ichjetzt  im Erstempfang fuer Strassenkinder bei den Salesianern. Die Jungs zwischen 8  und 17 Jahren leben und schlafen auf der Strasse, kommen Mittwochs und Freitags zu Don Bosco, wo  es ein Mittagessen, eine Dusche und einen(!) Fussball gibt.

Der Ablauf ist immer gleich: Kurz nach Ankunft so um die 8.30Uhr werden die Zähne geputzt, Hände, Füße und Gesicht gewaschen. Mittwochs wird sogar geduscht, sodass nach einer halben Stunde Eiswasser-Waschgang die vorher vor Dreck kaum erkennbaren, strahlenden Gesichter wieder zum Vorschein kommen. Die Wäsche wird- von ihnen selbst und unter meiner strengen Aufsicht- gewaschen und gewechselt. Erst wer das erfogreich hinter sich hat, bekommt den heißersehnten Snack, der heimliche Ansporn für all die Anstrengungen. Es gibt Baguette mit Banane oder Marmelade in kleinen Plastikpäckchen.

Dann wird endlich der Fußball freigegeben. Auf dem staubigen Spielfeld wird gebolzt was das Zeug hält, getrickst und gerannt; Fußball ist einfach ein Spiel, was alle Jungs auf der Welt gleichermaßen begeistert. Und zumindest das Diskutieren mit dem Schiedsrichter (mir!) haben sie drauf wie die Weltmeister. Bis auf seltene Ausnahmen wird aber sehr fair gespielt und vor allem auch im Team. So spielt der 14 jährige Basily auch dem erst siebenjährigen Ephraim ab, auch wenn der schnell den Ball verliert.Wer nicht mehr kann, der setzt sich unter den Baum in den Schatten und quatscht ein bisschen mit Monsieur Faly, Lanto oder mir. So erfahre ich nach und nach jede einzelne, immer traurige Lebensgeschichte der Jungs. Auch wenn ich immernoch nicht sehr gut madegassisch spreche, ist es erstaunlich, wie gut man sich doch verständigen kann, auch mit sehr wenigen Worten.  Der 11-jährige Julien erzählt mir, dass er seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause war, denn seine Mama sei böse. Es gibt nicht genug zu essen und er mag es nicht, dort zu sein. Seine fünf Geschwister sind vielleicht noch dort, vielleicht auch nicht. Er ist irgendwann einfach abgehauen und jetzt lebt er eben auf der Straße. Das ist anders als zu Hause, denn man wird zu nichts gezwungen.

Aina (15) ist vor zwei Jahren allein durch ganz Madagaskar gereist, um seine richtige Mama hier in Fianarantsoa zu finden. Er kommt aus dem Norden, wo ihn die neue Frau seines Vaters zum Arbeiten geschickt hat. Tagtäglich hat der stundenlang Gemüse verkauft, um das Geld seiner Stiefmutter zu geben, die sich nicht für ihn interessierte. Genausowenig wie sein Vater. Denn wenn in Madagaskar eine Ehe kaputt geht, gehören die Kinder sozusagen zu der Frau, der Mann ist nicht für sie verantwortlich (auch nicht für die Kinder seiner neuen Frau). Und so beschloss Aina eines Tages, bis Fianarantsoa zu gehen. Er fand seine Mama, doch deren neuer Mann wollte nichts von ihm wissen, der Versuch, eine richtige Familie, in der man geliebt und gewürdigt wird, schlug wieder fehl. Wieder war die Straße der einzige Ausweg. Aina hat sogar seinen Grundschulabschluss gemacht, doch das Zertifikat ist durch die lange Reise verloren gegangen und nicht mehr auffindbar.

Victor (9) möchte Bauarbeiter werden wenn er groß ist. Marcellin (17) weiß nicht, was er später machen möchte, er verdient sein Geld mit Karten spielen.

Wir versuchen immer auch, den Jungs das Lesen beizubringen. Die Erfolge sind aber leider eher mäßig. Denn erstens lässt die Konzentration sehr schnell nach, so dass man nie länger als zehn Minuten pro Kind an einem Tag üben kann. Zweitens plappern die Anderen, die die Bücher schon auswendig kennen, oft dazwischen, denn jeder will die Aufmerksamkeit der Erzieher. Ja und drittens gibt es nur ein Buch und das kennen die meisten schon auswendig. Naja ich geb nicht auf, mal sehen, was mir da noch einfällt.

Um zwölf gibt es dann Mittagessen in der großen Kantine, lecker Reis mit Gemüse oder speckigem, knorpeligen Fleisch, wie immer einen rieeesen Teller.

Dann gehen die Jungs und auch ich “nach Hause”. Denn leider ist der Straßenkinderempfang bei den Salesianern nur Vormittags geöffnet und das auch nur zweimal die Woche. Die Jungs kommen sehr regelmäßig und teilweise auch schon seit einem Jahr, doch trotzdem konnten sie noch in kein Heim vermittelt werden. Denn davon gibt es hier eindeutig viel zu wenig und die sind voll. Von den Paters wurde mir erkärt, Straßenkinder seien nicht die “Priorität” des Standorts Fianarantsoa, sodass kein Geld und kein Personal über ist, um ein Heim zu errichten. Das ist meiner Meinung nach aber dringend nötig. Denn dass die Pädagogik der salesianischen Erzieher gut ankommt, beweist doch die Treue der Kinder, die immer wieder vorbei kommen. Und sie wünschen sich so sehr, ein neues zu Hause zu finden.

Im Moment ist es so, dass ich mich nach dem Mittagessen mit den Jungs auf den Weg mache, sie gehen in die Innenstadt, ich zu den Schwestern. Doch sie wollen mich meistens nicht loslassen, sehen, wo ich wohne, mir noch mehr erzählen und am liebsten bei mir einziehen. Was natürlich nicht geht und ich ihnen jedesmal schwerenherzens abschlagen muss.

Wenn ich in dem einzigen Supermarkt der Stadt einkaufe, treffe ich oft eine Bande meiner Jungs, die dort betteln. Als ich das erste Mal mit vollen Tüten aus dem Laden kam und sie mich mit großen, traurigen Augen angeschaut haben und um Essen fragten, hab ich mich so schlecht gefühlt. Als wäre ich eine reiche Weiße die alles kaufen kann, was sie will und den armen, hungernden Kindern nicht mal ein kleines bisschen abgibt. Was ich ja auch bin. Und das zu akzeptieren ist extrem hart. Doch ich hatte mit Monsieur Faly, dem Hauptbetreuer der Jungs abgesprochen, dass ich den Jungs auf der Straße nichts geben darf, denn ich bin ja schließlich eine Erzieherin und kein Tourist, der einfach nur Geld gibt. Beim zweiten Mal hatten die Jungs das aber schon akzeptiert und ich hab einfach nur meine Späßchen mit ihnen gemacht und gefragt, wie es ihnen geht. Jetzt kommen sie immer und schlagen ein, wenn sie mich in der Stadt sehen. Das macht mich sehr glücklich und sehr stolz, denn es heißt, dass sie mich wirklich als Mensch schätzen und eben nicht nur auf mein Geld reduzieren. Die traurigen Augen sehe ich auch nicht mehr, ich glaube das ist eine Masche, um die Touris rumzukriegen (eine sehr gute!). Und wenn ich ihnen etwas Leckeres abgeben möchte, dann bringe ich das mit ins Projekt und gebe es Monsieur Faly, der es dann an die Jungs weitergibt.

Ich hab im Moment die Idee, den Jungs beizubringen, wie man Freundschaftsbänder knüpft. Ich denke, dass sie die super an die Touristen verkaufen können.

Letzte Woche nahm ein Kind meine Hand und hielt es an seine und sagte: “Tsy mitovy loko, fa mitovy ny fanaha” (Die (Haut-)Farbe ist nicht gleich, aber der Geist). Das werde ich nie vergessen.

Über Saskia Hirtz

Ich bin Saskia Hirtz, 19 Jahre alt und komme aus Hannover. Ich beschloss, mich nach dem Abitur 2010 für benachteiligte Kinder in einem Entwicklungsland einzusetzen. Ich arbeite von August 2010 bis August 2011 in einer Grundschule und einem Jugendzentrum der Don Bosco Schwestern (Filles de Marie Auxiliatrice) in Fianarantsoa, Madagaskar.
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