Hallo liebe Leute,
hier ist noch einmal die Zusammenfassung meines kleinen Diavortrag am 21.Dezember in der St. Nikolai Gemeinde. Ich hab mich sehr über alle gefreut, die gekommen sind und so unglaublich aufmerksam zugehört haben! Danke für euer Interesse! Die Bilder haben sich super verkauft und die von euch gespendeten 100 Euro sind auf dem Weg nach Madagaskar. Für alle die nicht da waren gibt es hier nochmal was zum Lesen. Was ich genau gemacht habe, warum, wo, wie lange und so weiter findet ihr im Abschlussbericht und in den vorherigen Blogeinträgen. Hier nochmal die Top-Ten Dias. Voilà:
Dies sind meine ganz persönlichen Eindrücke und Erfahrungen.
Der erste Eindruck: Die Menschen sehen anders aus. Diese banale Feststellung beschäftigte mich zu Anfang sehr. Denn es geht hier nicht nur um die unterschiedlichen Hautfarben. Auch die Kleidung, meist bunt zusammengewürfelte Altkleiderkombinationen, faszinierte mich oft. So entdeckte ich meine alten Tschibo-Leggins aus dem Kindergarten wieder und traf einen Lehrer, der ein Abi-T-Shirt mit der Aufschrift: Schule ins Grab trug. Schnell begeisterte ich mich für die unendlich vielen, oft super aufwändigen Varianten, Haare zu flechten. Selbstgeflochtene Palmblätter-Hüte und chinesische Plastik-Flip-Flops sind übrigens Standard. Und es gibt kaum dicke Menschen. Was als erstes auffällt: Das allgegenwärtige Lächeln.
2.Überall sind Kinder. Auf den Straßen, dem Markt, den Feldern und selbst beim Gottesdienst ist der Großteil unter 17 Jahre alt. Überall gibt es Platz zum Spielen oder eine Arbeit zu verrichten. Ältere Kinder tragen ihre kleinen Geschwister auf dem Rücken und kümmern sich um sie, wenn die Eltern beschäftigt sind. 45 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre.
3. Ich bin ein Vazaha und habe eine Kamera. Weißer heißt auf madegassisch Vazaha. Es ist unmöglich, hier zu sein ohne dieses für mich allgegenwärtige Wort zu kennen. Denn ständig zeigen Leute auf mich und rufen nach mir: “Vazaha, Kamera”, was sich auch so schön reimt. Denn eins ist klar: alle Weißen, was auch immer sie tun, haben eine Kamera dabei und machen immer viele Fotos. Stolze Mütter präsentieren mir ihre Babys und halten sie in die Kamera, bitten um ein Foto. Ich freue mich über schöne Schnappschüsse und tue ihnen den Gefallen. In der Hinsicht bin ich also wie alle anderen Vazahas auch und bestätige das Vorurteil.
4. Das Leben findet auf der Straße statt. Wenn man in Deutschland durch die Stadt geht, sieht man viele beschäftigt aussehende Erwachsene, die alle unterwegs sind, auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel. Gemütliches Plaudern oder das Begrüßen flüchtiger Bekannter bleibt da häufig auf der Strecke. Wer quatschen will, setzt sich in ein Café oder trifft sich zu Hause und macht dafür extra einen Termin ab. Hier ist immer Zeit für Konservationen. Egal ob mit den Nachbarn, Verkäufern, Kollegen oder anderen Passanten; der traditionell sehr lange Begrüßungsprozess setzt eine anschließende Unterhaltung quasi vorraus. Da die Häuser sehr klein und dunkel sind, sitzt man sowieso lieber davor. Wäsche waschen, kochen, schnippeln und so weiter, alles wird draußen gemacht.
5. Kinder lieben die Schule. Alle Kinder die ich treffe- ob groß, ob klein, Junge oder Mädchen, private oder öffentliche Schule, Straßenkinder oder nicht; sie sind sich alle bewusst, welche Chancen Schulbildung bietet. Leider schließen weniger als die Hälfte aller madegassischen Kinder die Grundschule ab.
6. Was sind Strassenkinder? Kinder, die auf der Strasse sitzen und essen, spielen, arbeiten und schlafen. Kinder, die den Großteil ihres Lebens auf der Straße verbringen. Die meisten haben aber auch ein zu Hause. Doch dort fühlen sie sich nicht wohl. Sei es, weil es zu wenig zu Essen gibt, die Eltern Alkoholiker sind oder sie nicht akzeptiert werden. Manchmal wird geschlagen oder zum Arbeiten gezwungen. Es gibt unzählige verschiedene Gründe, die Kinder auf die Straße treiben. Denn dort gibt es Arbeit, Anerkennung und Freiheit. Das Sammeln von Kupfer, zum Beispiel aus alten Kabeln, oder Karten spielen gegen obdachlose Erwachsene; betteln und stehlen; Säcke schleppen oder die Körbe der Touristen auf dem Markt tragen. So verdient man mehr als den durchschnittlichen einen Euro pro Tag. Schließt man sich an eine Bande an, ersetzt das sozusagen die Familie. Und man kann tun und lassen was man will. Auf Dauer werden so aber alle Probleme nur noch schlimmer. Schnell wird man Alkohol- oder Drogenabhängig, krank, kriminell. Und ohne Schulbildung gibt es keinen Ausweg mehr.
7. Lamba Das sind traditionelle bunte Tücher, die mittlerweile aus chinesischer Massenproduktion kommen. Man benutzt sie als Rock, Kopftuch, Picknick-Decke, Baby-Trage-Sack und als Polster um Sachen auf dem Kopf zu tragen.
8. Kühe sind heilig. Zebus (oder, wie man sie hier nennt: Ombys) sind überall.Sie werden als Arbeitstiere auf den Feldern genutzt oder ziehen Karren. Milch geben sie nur sehr wenig aber das Fleisch ist begehrt. Der Wohlstand einer Familie wird traditionell an der Anzahl der Rinder gemessen. Die Investition in den familieneigenen Rinderbestand ist sozusagen die madegassische Weise der Rentenbeitragszahlung. Nur leider gibt es viele Zebudiebe. Heilige Orte, wie zum Beispiel Gräber oder bestimmte Bäume, Steine und Seen, sind durch das Anbringen von Zebuhörnern gekennzeichnet. Und will man mit den Ahnen reden oder die Götter besänftigen opfert man am Besten eines der heiligen Tiere. Kein Wunder also, dass meine Kinder in der Töpferstunde als allererstes Kühe formten. Und zwar mit riesigen Hörnern und einem Buckel, wie es sich für madegassische Ombys gehört.
9. Arm sein Arm sein heißt viel mehr als nur kein Geld zu haben. Es heißt, weniger Freizeit zu haben, weil man immer hart arbeiten muss. Es heißt, weniger Freiheit zu haben, weil man kein Geld und keine Zeit hat, mal etwas Anderes zu machen als für genügend Essen und Feuerholz zu sorgen. Es heißt, öfter krank zu sein, weil man sich unausgewogen ernährt, keine Impfungen hat und sich keine ordentlichen Medikamente leisten kann. Es heißt, weniger Bildung zu haben, denn Schule, Zeitung oder Fernseher kosten Geld. Es heißt, weniger Rechte zu haben, weil die meisten Polizisten und Politiker korrupt sind.
10. Eine Liebeserklärung an die schönste Insel der Welt. So eine Lebensfreude und Offenherzigkeit wie während meines Jahres in Madagaskar hab ich noch nie vorher erlebt. Die Mentalität und Freundlichkeit der Menschen zog mich schnell in ihren Bann und ist unvergesslich. Ich bin unendlich dankbar, dieses Jahr erlebt haben zu dürfen. Die Kinder, mit denen ich gearbeitet habe sind meine Kinder geworden. Das Viertel, in dem ich gewohnt habe, ist mein Viertel. Madagaskar ist auf jeden Fall ein Teil von mir geworden und hat mich sehr verändert. Misaotra betsaka ianao ny nosy sambatra. Misaotra betsaka ê!