Mit dem Finger streife ich durch meinen Kalender und klappe vergangenes vor und zurück. Tage mit einem roten Marker zu streichen, habe ich schon vor längerer Zeit, aufgehört. Ich Blicke vielmehr auf Fotos, ein Geschenk von Freunden, die ihn besonders machen.
Den dritten Monat im Jahr 2011 schlage ich auf. Mein Geburtstag nähert sich und in wenigen Tagen werde ich 28 Jahr alt. Doch aus dem Grunde habe ich vor Monaten, den 5. März, nicht auffällig eingekreist. Es ist ein Hinweis auf die große Bergankunft. Die erste Hälfte, meines Lebensabschnitts in Kambodscha, werde ich am selben Tag abschließen. Der Rechenschieber, der mir nur langweilige Zahlen aufzeigen kann, landet dann aber wieder in meiner bunten, unsortierten Schublade. Der Typ, der die Tage zählt bin ich nie gewesen, lediglich mein Konto betreffend, falls ich auf Einzahlung warte… Das Fach bleibt geöffnet. Ein Überblick seines Inhalt, falls ich wieder irgendwas verzweifelt suche, scheint nötig und indessen könnt ihr meine letzten Wochen nachverfolgen.
Die gewonnen Eindrücke, während des Aufenthalts und Seminars in Indien – Goa (30.12 10 -07.01.11) , von Land, Menschen und den Erfahrungen meiner Indischen Volontär Kollegen, im Gepäck, komme ich mit frischem Wind und voller Batterie zurück nach Phnom Penh. Die Schüler empfangen mich, warm und herzlich. Wenn ich davor nur einen Tag nicht zu gegen war, kommt es ihnen schon lange vor doch dieses mal erschien es ihnen wie eine halbe Ewigkeit. Es ist ein gutes Gefühl zurück zu kommen.
In den folgenden Januartagen, beschreibe ich den Schülern ein großes, freundliches, farbenprächtiges doch auch gleichermaßen, von Missständen geplagtes Indien. Eine Weltstadt, die jungen Menschen, die aus allen Winkeln des Landes kommen, ein zu Hause verspricht doch dann nur die Straße bietet. Ich sah eine Metropole, die aufgrund ihrer Population aus allen nähten Platzt und ebenso weitere Gemeinsamkeiten zu Kambodscha: Armut die schmerzt, wunderschöne Landschaften, strebsame und lernbegierige Menschen und Schüler.
Highlights neben dem ausgesprochen, vielschichtigem und persönlichem Seminar, waren ein furioses Silvester („thumps up“ für Tobi und Elias) in Goa, der Trip zum Wasserfall, eine Zugfahrt (Goa-Mumbai, 3 $ ,11h & „Chai, Chai, Samosa, Chai, Chai, Samosa“) von der Mann glaubt, bei offener Tür würde die ganze Welt an einem vorbei ziehen und den vielen tollen Menschen, die an diesem Programm teilnahmen und verwirklichen konnten.
Danke, Daniel & Tobias (was für ein Balkon), für eure über den Maßen, fürsorgliche und verantwortungsvolle Gestaltung des Rahmenprogramms und Verpflegung. Ein weiteres Dankeschön, an Br. Jean-Paul-Mülle (Generalökonom) und Wolfgang Kirchner (Koordinator Freiwilligendienst), die im Rahmen des Seminars, als Leitung und Moderatoren, eine sehr persönliche, ehrliche und vertrauensvolle Atmosphäre gefördert haben, die eine offene, inhaltlich, partnerschaftliche Ebene schaffte und einige Überraschungen bereithielt. Danke, dass ich, als „nicht Inder“ , teilnehmen durfte.
Unvergesslich!
Januar hatte ein wenig das Gefühl vermittelt, dass mir auch aus meinen Breitengraden sehr bekannt erscheint. Körperliche Ertüchtigung, „Ran an den Speck“, um gleich im neuen Jahr die überschüssigen Pfunde, von Weihnachtsgans, Lebkuchen und Christstollen, abzuschütteln, sind bei uns ein alljährlicher Vorsatz. Hier waren die Vorzeichen andere. Ende Januar stand das Sportfest, sowie ein Basketballturnier, auf dem Programm. Die Vorbereitungen für einen „Marathon“ (hey, 3km ist hier der Jakobsweg) sahen ein morgendliches Training, mit allen Boardern, um 5:00 Uhr morgens vor. Ein Tross von Schlafwandlern drehte eine Runde, manche auch ein wenig mehr, ums düstere Schulgelände. Barfuß oder mit ihren schallenden Flip-Flops, die sicher noch weit entfernt zu hören waren, umkurvten sie und ich den Platz, bis die Morgensonne uns Licht für den Treppenaufgang spendete.
Am „Don Bosco Sportsday“, nach eindrucksvoller Parade, mit schwingenden Fahnen, Pauken und Mundorgel, duellierten sich die Schüler in unterschiedlichen Disziplinen.
Selbst der Schatten wollte, an diesem heißen und wolkenlosen Tag, der Sonne in nichts unterliegen und so schwitzen, Athleten wie Zuschauer, dass jede Bewegung genau überlegt werden sollte. Trotz dieser Umstände liefen sie schnell, sprangen weit und hoch, brachten Sieger hervor und rangen mir viel Respekt und Applaus ab.
Der darauffolgende Sonntag, stand im Zeichen des Teamsports. Die Spielstärksten Volleyball, Basketball- und Fußballmannschaften, die sich in den vorangegangen Wochen für das Finale qualifizieren konnten, traten um den Titel der Schulmeisterschaft an. Auf dem Platz sowie unter den lauten, kreischenden und johlenden Zuschauern herrschte eine auffallend, gute Stimmung. Das Publikum bestückt mit, Plakaten, Tonnen die als Trommeln dienten, und ebenso männlichen Cheerleadern, kein Witz, mit lila Pomp-pos, unterstützten ihr Team mit voller Leidenschaft.
Besonderer Leckerbissen: Der Basketballsieger, sollte zwei Tage später, gegen eine Auswahl der „Community“, sprich Priester, Brüder und Volontäre, spielen.
Um sich auf dieses „Endspiel“ richtig vorzubereiten, organisierten wir am Vorabend, ein kleines „Night-Basketballturnier“ mit drei Auswahl- Mannschaften: Boarder, Besuco und Community- Ein Schulinterner Dreikampf mit Prestige. Es waren enge Spiele, bei denen sich die Boarder, im Finale gegen unser Team nach Verlängerung, durchsetzten. Den Tag darauf konnten wir, die Community, uns trotz alter Knochen, gegen die gesamte Schulauswahl durchsetzen. Vielleicht ein wenig banal aber für mich war das, ein besonderes Erlebnis, wie ich es mir nicht ausmalen konnte. Es ist einmalig in einer solchen Gemeinschaft arbeiten, lehren und eben solche Ereignisse zu erleben.
Während dieser Zeit, landeten auf dem International Airport Phnom Penh, unweit der Don Bosco Technical School, drei weitere Volontäre. Zwei Schweizer, Fachleute im Bereich Telekommunikation bzw. Elektronik und ein Ingenieur aus Australien. Letzterer, durch seine 2jährige Anstellung bei Toyota in Japan, beauftragt unsere Kfz-Abteilung zu unterstützen. An unseren Tisch reihen sich immer neue Persönlichkeiten, die in unterschiedlichen Nationen beheimatet sind , sich hin und wieder in interkulturellen Themenabende verlieren und sich zusammenschließen, die Menschen in Kambodscha, partizipativ, zu unterstützen.
In den kommenden Monaten, machen wir uns auf den Heimweg unserer Schüler. Wir versuchen jedes Haus, derjenigen die bei uns leben, verstreut in viele Provinzen Kambodschas, zu erreichen. Das ist auch ausdrücklich von unseren Schülern erwünscht. Wäre es bei uns zu Hause ein absolutes no-go, freuen sie sich und putzen Kleider und Schuh besonders gründlich.
An diesem Samstag morgen fahren wir mit 15 Schülern nach Takeo, 80 km südlich von Phnom Penh. Bekannt ist diese Provinz für ihre vielen Feldarbeiter und einfachen Leute. Die Familien haben auf unseren Besuch gewartet und begrüßen uns mit heißem Tee, einfachen Speisen oder süßem Zuckerrohrgetränken. Sie zeigen uns wo sie leben, auf welchem Feld sie arbeiten, pflücken Mangos und übrige Früchte vom Baum und ich glaube für einen Moment, hier müssen die reichsten Menschen des Königreiches leben. Die Nachbarn wissen schnell, dass hier etwas besonderes passiert. Es gibt hier auf dem Land wenig Autos und wenn wir mit dem großen Don Bosco Van anrollen, ernten wir viele neugierige Blicke.
Unsere Schüler schienen nervös und auch ein wenig beschämt. Kümmerten sich um uns oder übrige Schüler und halfen wo sie in dem Moment konnten. Die Eltern und Angehörigen die wir antrafen waren alle stolz und glücklich, ihre Kinder an einem guten Ort zu wissen, der ihnen Pespektiven und ein unabhängiges Leben ermögichen kann. Ich glaube allerdings auch das sie ihre Kinder schmerzlich auf dem Feld vermissen. Es ist nach wie vor, harte, und schwere Arbeit, mit einfachsten Mitteln.
Den Süden Kambodschas habe ich in Sihanoukville, im letzten Oktober, bereits ein wenig erkundet. Vom zweiten Februar Wochenende an, sollten wir im Auftrag der Schule, etwas tiefer in den Süden.
Die Straßenebenen durch Takeo und Kampot, mal rote, heiße Erde oder lose, ausgelegtes Geröll und Schotter, welcher sich dank zügig durchquerende Autos wie ein Nebel auf die umliegenden Häuser und Bäume legt, zogen wie die Wolken an mir vorbei und wir erreichten Kep.
Ein südlicher Küstenort, der einst bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als das Nizza Kambodschas bekannt wurde. Welches Schicksal der Großteil dieser Region, mit ihren geschmackvollen Villen und Hotels im französischen Jungstil, der herausragenden kulinarischer Küche während der Herrschaft Pol Pot’s ereilte, konnte ich mir in den folgenden Wochen selbst anschauen.
Es stehen immer noch viele ausgebrannte, leere Ruinen an den hängen der gebirgigen Küste und sind stille Zeitzeugen, von einer damals glorreichen und aufstrebenden Gesellschaft. Heute sind einige bauten, für viel Geld wieder aufgebaut und mit der Palmen gesäumten Küstenstraße lässt es erahnen, wie es einst gewesen sein muss.
Den eigentliche Grund, für unseren Aufenthalt in Kep:
„SALESIAN YOUTH SPIRITUALITY“
5 Elemente verbergen sich unter dem o.g. Titel:
- Friendship with Jesus (Oneness with God)
- Daily Life
- Communion with the Church (with Family, Community and Society)
- Joy and Optimism
- Responsible Service
Für diese Einheiten, war jeweils ein Volontär oder auch Father Rector Roel verantwortlich. Daraus haben wir in kurzer Vorbereitungszeit, ein Abwechslungsreiches Programm geschnürt, welches nacheinander von auszubildenden der 4 unterschiedlichen Ausbildungsbereichen (Elektriker, Elektroniker/Computer, Kfz-Mechaniker und Mechaniker), die alle kurz vor ihrem Abschluss stehen, besucht wurde. Mit einem oder auch mal zwei großen „Trucks“ konnten wir, die jeweils 50 – 75 Schüler, auf der umgebauten Ladefläche durch weite, grün und saftige Landstriche, Richtung Süden, bringen.
Das Programm war geprägt von, unterschiedlichen Aktivitäten, die den Schülern für die Zukunft Perspektiven aufzeigen sollte, wenn sie auf unvorhergesehen oder frustrierende Situationen stoßen und glauben diese nicht zu meistern in der Lage sind.
Verantwortung für sich und für andere übernehmen sowie Freundschaften und Bindungen zu schätzen, pflegen und mit Respekt zu begegnen. Die dazu ausgewählten Aktivitäten, die den Nerv unserer Teilnehmer trafen, werde ich sicherlich mit Gruppen nach dem Freiwilligendienst, durchführen. Bin gespannt auf Parallelen und Gegensätze.
Unser Seminar weiter auszuführen würde den Rahmen überspannen (bei interesse sende ich es gerne zu
und da wir hier nicht bei „Wetten dass…“ sind, möchte ich als Resümee anführen, dass ich für diese intensive, verantwortungsvolle, abwechslungsreich und lehrreiche Aufgabe dankbar bin. Die Schüler und Ich haben uns auf eine ganz neue Weise kennengelernt. Wir hatten die Möglichkeit, uns einmal über Dinge fernab des Schulalltags zu unterhalten und ich hatte das Gefühl, dass ihnen diese 2 Tage sehr viel bedeuten.
Im Mai werden wir mit einem neuen Programm, die Auszubildenden des 1. Lehrjahres, in Workshops zu Schwerpunkten wie, Selbstbewusstsein und Führungsqualität, einladen. Ich freue mich darauf, da es ein angenehmer Ausgleich zum Schulalltag darstellt und der tut jedem beteiligten gut.
An dieser Stelle wäre es unfair euch nicht von meinem verlängerten Wochenende bei Kep auf „Koh Tonsay“(rabbit island) zu erzählen. Ende Februar, nach dem 3. Seminar entschied ich ein wenig das Meer und die Ruhe, die es dort noch genüge gibt, zu genießen.
Vom Festland waren es nur gute 20 Minuten mit dem longtailboat und ich strandete auf dem bis dato chilligsten Eiland. Ich hatte mich ja noch anfangs gewehrt, doch nach dem ich meine Hängematte, vor der Eingangstür meines Bungalows geradewegs am Meer ausprobierte, habe ich nur noch durchgehangen. Nach 2 Tagen, an denen ich mich einzig bewegte um Hunger und Durst zu stillen, bedankte ich mich bei dem dösigen und freundlichen Pächtern meines Domizils und nahm den Bus nach Phnom Penh.
Den Kalender brauchte ich am folgenden Tag nicht in die Hand nehmen. Es war mein Geburtstag und den habe ich, auch wenn Zeit hier aktuell keine große Rolle spielt, nicht vergessen.
Was habe ich nicht die letzten Jahre mit Freunden und Familie meinen Geburtstag gefeiert… Welches vor allem daran liegt, dass ich gerne Freunde und Familie um mich habe. Dieses Jahr sollte sogar zur selben Zeit geschunkelt und jebützt werden und da ich mich in der Regel als „jecken“ sehe, hat es mir doch mehr ausgemacht nicht dabei zu sein, als ich vorher vermutete.
Für meinen Jahrestag hatte ich mir vorgenommen, ein wenig deutsche Küche, aufzutischen. Kaffee & selbstgebackenen Marmor und Apfelkuchen am Nachmittag und für den Abend, ein Buffet mit herzhaftem Pfannkuchen, Reibekuchen, Kartoffelsalat und Nürnberger Bratwürstchen sowie einen großen gemischten Salat. Mit der Hilfe von den weiteren Volontären unserer Khmai Lehrerin und der Köchin habe ich gebrutzelt und gekocht. Ich stand den ganzen Tag in der Küche und lies die Karnevalshitliste rauf und runter laufen. Es war ein ganz anderer Tag, ein anderes Gefühl. Die meisten Menschen in Kambodscha feiern ihren Geburtstag nicht. Viele wissen ihn nur wenn sie scharf nachdenken und ich habe gehört, dass sie ihren erst feiern, wenn sie das 50. Lebensjahr erreicht haben.
Es hat allen geschmeckt und den Apfelkuchen (Danke an daheim) soll ich unbedingt wieder backen. Nach dem ich im Laufe des Tages, dass ein oder andere mal meinen Laptop aufklappte, habe ich mich sehr gefreut die Glückwünsche und Nachrichten von den Menschen daheim zu lesen und auch einige vor die Linse zu bekommen. Vor allem die Karnevalsgruppen- Glückwunschfotos, von denen ich 3 verschiedene bekam, waren besser als Torte.
Manchmal rutschst du zwischen die Zeiger. Du drehst am Rad,verlierst für Momente den Rhythmus. Dann warte ich einen wenig, öffne die Augen, schaue mich nach allen Seiten um und ticke erneut, bewusst in Kambodscha, im Lauf der Zeit.
Grüße aus der Zukunft,
thomas
