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Hallo, ihr alle in der Ferne!
Dies ist mein erster Blogeintrag aus Chennai.
Am 21. August 2011 sind Maggi und ich nach ca. 9Std. Flug mit Zwischenstopp in Dubai endlich in Chennai angekommen.
Es war spannend, die Stadt beim Landeanflug aus der Luft beobachten zu können. Es sah von oben dicht bebaut aus, ohne Hochhäuser und auffallend bunt. Eine Vorliebe von Indien habe ich also bereits aus der Luft entdeckt. Es wirkte alles ganz wuselig-quirlig. Beim Verlassen des Flugzeugs kam uns ein Schwall warme, feuchte Luft entgegen. Das war also das Klima, das mich nun mit geringen Abweichungen ein Jahr lang begleiten würde. Es war schön, am Flughafen ein bekanntes Gesicht zu treffen: Hanna, die ehemalige Volontärin aus unserem Projekt, macht hier bis Ende September Urlaub. Und sie steht uns mit Rat und Tat zur Seite. Eine private Auto-Rikscha von unserem Projekt Don Bosco Anbu Illam, holte uns vom Flughafen ab. Und wir machten erste Bekanntschaft mit dem indischen Straßenverkehr: Alles wirkte laut und ungeordnet. Überall hörte man Gehupe.
Es ist komisch und ganz fremd, von einem auf den anderen Tag plötzlich in einer scheinbar anderen Welt zu leben. Selbst die beste Vorbereitung kann ein Gefühlschaos nicht verhindern: Man fühlt sich klein und unbeholfen, möchte andererseits aber am Liebsten sofort auf Entdeckungsreise gehen! Die Welt der Gegensätze hält mich von der ersten Minute an in Atem – in allen Bereichen. Der Name in meinem Reisepass ist unverändert, aber schon bei meiner Kleidung beginnt die neue Welt.

Bosco Illam - unser Haus in Chennai (Bild anklicken für eine höhere Auflösung)
Maggi und ich wohnen im ‘Boys Home’ von Anbu Illam in einem gemeinsamen Zimmer im 2.Stock. Die meisten Häuser haben Flachdächer, dann kann man mal eben nach oben erweitern und umbauen. Außerdem stehen auf vielen Dächern die Wassertanks.Außer uns beiden leben hier im Haus zwei indische Father, zwei Brother, ein Erzieher, der Rikscha-Fahrer, zwei Köche und ungefähr 70 Kinder. Die Kinder sind unterteilt in Juniors und Seniors. Juniors sind die kleineren Jungs im Alter von ca. 3 bis 11 Jahren. Die älteren Jungs bis ca. 16 Jahre sind die Seniors. Die Betreuung der Jungen richtet sich nicht nach ihrem Alter, sondern nach ihrem Maß an Selbständigkeit. Viele von ihnen sind sehr unselbständig. Hier sind wir Volontärinnen dann gefragt.
Der Tagesablauf sieht ungefähr so aus:
| 5.45 am |
Die Kinder stehen auf und waschen sich |
| 6.15 am |
Es beginnt die erste Lerneinheit für die Kinder, meist erledigen sie Hausaufgaben. |
| 7.15 am |
Mein Tag beginnt mit duschen. Die Seniors erledigen derweil ihre Hausdienste wie kehren und Müll wegtragen. |
| 8.00 am |
Frühstück |
| 8.30 am |
Wir bringen die Juniors zur Schule |
| 9.30 am |
Zurück von der Schule; ich brauche ca. 20 min. bei „europäischem“ Schnellgehen. |
| 1.00 pm |
Mittagessen und „freie“ Zeit bis |
| 3.30 pm |
Die Kinder haben schulfrei. Ich hole sie ab. |
| 4.30 pm |
Spielzeit draußen auf dem Hof. Die Juniors spielen meist eine Art Völkerball, die Seniors Volleyball oder Fußball. Vor ein paar Tagen haben sie auch einmal Kricket gespielt. |
| 5.30 pm |
Waschzeit der Kinder, die anderen Kinder erledigen Arbeiten im Haus |
| 5.50 pm |
„Snacktime“, es gibt meist Kekse für die Kinder – und uns ; Indien ist für mich ab jetzt DAS Land der Kekse! |
| 6.00 pm |
Lerneinheit bis |
| 7.00 pm |
Nachrichten |
| 7.15 pm |
2.Teil der Lerneinheit |
| 8.00 pm |
Abendessen. Danach öffnen wir das Krankenzimmer. Hier werden kleine Wunden versorgt, Tabletten ausgeteilt (natürlich nur, wenn es nötig ist!) und Kinder getröstet. Währenddessen spielen die anderen Kinder im Hof und im Erdgeschoss. |
| 8.45 pm |
Rosenkranzgebet oder freie Gebete |
| 9.00 pm |
Die Juniors gehen ins Bett. Die Seniors beten länger und gehen entsprechend später ins Bett. |
Der Tagesablauf ist stark vereinfacht, da man viele Zeiten nicht so genau festhalten kann. Besonders an freien Tagen oder am Wochenende verschiebt sich der Ablauf. Dann gibt es vormittags bereits Spielzeiten und Lerneinheiten. Dafür wird nachmittags häufig ein Film gezeigt oder gemeinsam Fernsehen geschaut. Am Wochenende stehe ich früher auf. Samstags feiern wir eine Messe hier im Haus, sonntags gehen wir in die Kirche. Die Hausmesse ist entweder um halb 7 oder 7 am, die andere zwar etwas später, aber dafür müssen wir um 7 am losgehen. Ausschlafen ist leider nicht möglich, wobei ich mich nach der Sonntagsmesse und dem Frühstück manchmal wieder ins Bett lege.
Die freie Zeit habe ich gekennzeichnet, da wir in den letzten Wochen wegen unserer Registrierung in Indien fast jeden Tag unterwegs waren. Wenn man länger als 180 Tage in Indien bleibt, muss man sich bei den Behörden melden. Dafür gibt es einen vorgeschriebenen Zeitraum von 14 Tagen. Zunächst mussten wir nach mehreren vergeblichen Versuchen auf Polizeistationen die richtige Behörde – nämlich das ’immigration Büro’ – finden. Dann haben leider immer irgendwelche Schreiben gefehlt, in einem sogar nur ein Wort (!) und wir mussten wiederkommen. Das war sehr anstrengend und zeitaufwendig und hat uns mehrere Tausend Rupien gekostet (1000 Rupien ≈ 15 €). Jeden einzelnen Rikschafahrpreis mussten wir vorher aushandeln. Das ist übrigens auch eine besondere Erfahrung! Seit einem Streik stehen hier die Taxameter still. Die Fahrer verlangen vor allem von Weißen immer einen viel zu hohen Preis. Sie wissen selber, dass der oft „unverschämt“ ist. Wenn man kein Geschick hat, zu handeln, wird das auf Dauer sehr teuer. Man muss einfach „dreist“ und konsequent sein. Das ist nicht einfach, man fühlt sich unhöflich. Gott sei Dank verdienen die Fahrer trotzdem noch gut an den Preisen, die wir gezahlt haben. Eine Alternative sind „share-Autos“. Wie der Name sagt, teilt man sich hier den Fahrgastraum mit anderen Fahrgästen. Es ist wesentlich preiswerter, dafür aber viel enger und die „share-Autos“ fahren nicht überall. Wie ihr seht, konnten wir bisher unsere Freizeit nicht als solche nutzen. In der ersten Woche waren wir allerdings einmal mit Hanna in der Stadt und haben uns mit indischen Oberteilen und Hosen eingekleidet. Das hat Spaß gemacht.
Da sind wir dann gleich von der Kleidung beim Waschen: Unsere indische „Miele“ besteht aus zwei Eimern, einem zum Einweichen und einem zum Spülen der Wäsche. Die Wäschespinne ist die Mauerbrüstung zum Atrium. Erst jetzt wird mir die enorme Arbeitserleichterung durch eine Waschmaschine deutlich. Ich beneide euch alle darum, dass ihr zu Hause immer Wasser und Strom habt!!! Ich bin jedes Mal froh, wenn ich einen weiteren „Waschtag“ hinter mich gebracht habe. Leider ist der Nächste dann schon wieder absehbar…

Wasch- und Sanitäranlagen der Jungs (Bild anklicken für eine höhere Auflösung)
Mit Wasser geht es auch weiter, das Duschen: Ständig verschwitzt aufgrund des Klimas, ist es unerlässlich. Es ist hier jedes Mal ein „Erlebnis“ für sich. Wenn wir Wasser haben, ist es fast wie zu Hause. Es gibt nur keine Badewanne oder Duschkabine. Das Wasser kommt aus einem Duschkopf aus der Wand, und spritzt das ganze Bad nass. Für „Notfälle“, die wir jeden Tag haben!!!, füllen wir Wasser in einen Eimer. Zum Duschen kippt man sich mit einem kleinen Schöpfer Wasser auf den Körper, seift sich ein und kippt sich wieder Wasser zum Abseifen über.
Und noch etwas zum Wasser, das in diesem Land so reichhaltig vom Himmel fließt. Es regnet nicht, es schüttet und dabei haben wir noch gar keine Monsunzeit miterlebt. Dennoch ergießen sich unbeschreibliche Mengen über die Stadt und binnen kürzester Zeit ist alles geflutet, versinkt in Pfützen und Matsch, da viele Straßen nicht asphaltiert sind. Genauso wie unser Hof. Den Indern macht das viele Wasser nichts aus, im Gegenteil. Es ist ein Reichtum der Natur und da es ja dabei immer noch sehr, sehr warm ist, lässt man sich einfach wieder trocknen. Stellt euch das mal in Deutschland vor…. Andererseits hängen auch die Skandinavier ihre Wäsche im strömenden Regen nach draußen….
Wie oben erwähnt, ist es heiß und feucht in Chennai. Vor allem in den ersten Tagen haben mir die Hitze (überwiegend 35°C) und die hohe Luftfeuchtigkeit sehr zu schaffen gemacht. Ich fühlte mich schlapp und habe rote Hitzeflecken und Pickelchen bekommen. Die sehen für unser „europäisches Auge“ unangenehm aus, sind aber nicht schlimm und verschwinden von alleine wieder. Unangenehmer sind die unzähligen Mückenstiche, die man hauptsächlich ab ca. 5 pm bekommt. Unser Haus liegt direkt an einem kleinen Fluss. Durch die Wassernähe haben wir hier leider mehr Mücken als in anderen Stadtvierteln von Chennai. Von der Müllkippe, die nicht weit entfernt ist, bekommen wir zum Glück nicht so viel mit. Das kann sich ändern, wenn der Müll angezündet wird! Leider haben wir schon den Geruch des nahe gelegenen Krematoriums ertragen müssen. Dabei denke ich an den Geschichtsunterricht. Vielleicht sollte ich das besser lassen, denn das macht die Sache nur noch unheimlicher!
Und nun zum Essen, das ich überwiegend lecker finde. Ich bin neugierig auf neues Essen und probiere alles! Es gibt jeden Tag mindestens zwei Mal Reis mit Soßen und Beilagen (mittags und abends). Dazu kann man sich häufig einen platten Fladen nehmen, der Chapati heißt und meist aus Weizenmehl oder Hirse gebacken wird. Morgens gibt es unterschiedliche Dinge: Häufig „Igly“ (ich weiß nicht, wie sie sich schreiben!, kleine ufoähnliche „Teigkleckse“, vermutlich aus Reismehl) und Dosay (ähnlich wie Pfannkuchen nur dünner und grober, aus Gries, Reis-/ oder Linsenmehl ). Vor allem Letztere esse ich gerne! Am 10.9. gab es Poori, das leckerste Frühstück bisher. Poori sind Teigfladen aus Weizenvollkornmehl, die in Fett gebacken werden. Ich esse sie mit Zucker, auch, wenn eigentlich andere Soßen bereit stehen. Manchmal gab es Nudeln zum Frühstück, davon bin ich allerdings kein großer Fan. Überhaupt ist es für mich eine große Veränderung, morgens warm und herzhaft zu essen. Mein Schwarzbrot mit Honig und selbstgemachter Marmelade vermisse ich des Öfteren! Die Warnung vor scharfem Essen betrifft unser Projekt nicht. Ich habe noch nichts gegessen, wonach es mir auf Grund der Schärfe hinterher schlecht erging. Außerhalb soll dies allerdings anders sein! Daran muss ich denken! Die mehrtägige Durchfallerkrankung wegen Umstellung der Magen-/Darmflora habe ich hinter mir und halbwegs gut überstanden. Es hätte schlimmer sein können und hatte wohl allgemein mit der Umstellung zu tun.
So, das war es fürs Erste. Ich denke, jetzt habt ihr ansatzweise eine Vorstellung von meinem Leben hier in Chennai. Ich freue mich immer über eure E-mails oder Post und schreibe gerne zurück!!!
Wenn es hier gewittert, haben wir allerdings oft keinen Strom …..
Hoffentlich geht es euch allen gut?! Ganz liebe Grüße aus der weiten Welt,
Viktoria