Kind steht auf einer Mauer aus Ziegeln in einer Ziegelfabrik Kind steht auf einer Mauer aus Ziegeln in einer Ziegelfabrik

Interview: Kinderarbeit in Indien

Kinderarbeit ist ein großes Problem in Indien. Viele Kinder arbeiten, um ihre Familie zu unterstützen. Nicht selten landen sie auf der Straße oder werden als Kinderarbeiter ausgebeutet.

"Bildung darf niemals durch Arbeit ersetzt werden."

Pater Joy Nedumparambil SDB ist seit 2012 Direktor von BREADS in der indischen Metropole Bangalore. Seit 23 Jahren unterstützt BREADS Sozialprojekte für benachteiligte junge Menschen - unter ihnen viele Straßenkinder und Kinderarbeiter.

Wie viele Straßenkinder gibt es in Bangalore?

"Jeden Tag kommen 20 bis 30 Straßenkinder am Bahnhof von Bangalore an. In der Regel können wir rund 15 Kinder in unseren neun Straßenkinderzentren unterbringen. Meistens sind es Jungen im Alter von fünf bis elf Jahren. Mädchen machen nur rund zehn Prozent der Straßenkinder aus. Für sie ist es besonders gefährlich. Insgesamt leben in der Zehnmillionenmetropole Bangalore rund 100.000 Kinder auf der Straße."

Wie helfen Sie den Kindern?

"In den ersten Tagen versuchen wir immer die Familien zu finden. Denn der beste Ort für Kinder ist ihre Familie und nicht Don Bosco. Wir nehmen mit den Eltern Kontakt auf und unser Team begleitet die Kinder dann. Die meisten Ausreißer freuen sich, wenn sie wieder zu Hause sind. Sie haben auf der Straße sehr gelitten. Manche Kinder bleiben aber auch bei Don Bosco, weil ihre Familien zerrüttet sind."

Ist Kinderarbeit in Indien weit verbreitet?

"Kinderarbeit ist ein großes Problem. Viele Kinder schuften zum Beispiel in der Landwirtschaft, in Fabriken, aber auch in Steinbrüchen. Die meisten möchten ihren Eltern helfen. Die Familien sind sehr arm. Oft brechen die Kinder deshalb die Schule ab. Sobald Kinder aber nicht mehr zur Schule gehen, um zu arbeiten, ist das nicht akzeptabel. Die Jungen und Mädchen werden ausgebeutet und ihrer Kindheit beraubt. Meistens tragen sie auch noch gesundheitliche Schäden davon. Diese Form der Ausbeutung muss abgeschafft werden."

Wie kann diese Situation geändert werden?

"Bildung darf niemals durch Arbeit ersetzt werden. Unsere Sozialarbeiter gehen in die Dörfer und zu den Eltern, deren Kinder arbeiten müssen. Sie such das Gespräch und  bitten sie, ihre Kinder nicht zur Arbeit sondern zur Schule zu schicken. Das hat oft Erfolg! Oft begleiten Jugendliche aus den Dörfern die Sozialarbeiter. Meistens kennen sie die Familien. Dadurch kommen sie besser an sie ran. Die Jugendlichen werden in unserem Child Rights Club geschult, um ihre Rechte auch selbst einfordern zu können."

Ist Kinderarbeit in Indien nicht verboten?

"Kinderarbeit ist verboten, aber es gibt ein neues indisches Gesetz. Dieses Gesetz ist ein Hintertürchen zur Legalisierung von Kinderarbeit. Kindern wird gestattet in Familienunternehmen mitzuarbeiten. Verboten ist nur die gefährliche Arbeit zum Beispiel in Minen oder mit Feuerwerkskörpern. Das neue Gesetz ist ein herber Rückschlag. Wir haben versucht es zu verhindern. Generell arbeiten wir gut mit der Regierung zusammen. Alle Kinder müssen zur Schule gehen und es darf keine Kinderarbeit geben. Das sind unsere Forderungen, die wir nicht müde werden, zu formulieren."

November 2017 - Das Interview führte Kirsten Prestin

Noch Fragen?

Die meisten Straßenkinder kommen aus zerrütteten Familien. Sie fliehen vor Armut und Gewalt und leben deswegen auf der Straße. Viele Kinder laufen aber auch Gefahr, auf der Straße zu landen. Deswegen sind Straßenkinder für uns auch Kinder und Jugendliche, die öfter auf der Straße Zuflucht suchen oder auf der Straße arbeiten müssen, um zum Lebensunterhalt ihrer Familien einen Beitrag zu leisten. Auch Kinder, denen es an den wichtigsten Dingen wie Liebe, Geborgenheit, Essen und Schulbildung mangelt, laufen Gefahr, ganz auf der Straße zu landen. Dazu gehören zum Beispiel Schulschwänzer, missbrauchte Kinder oder Kindersklaven.

Weil Vorbeugen besser als Heilen ist, tun wir alles, was verhindert, dass junge Menschen auf der Straße landen. Unsere Aktivitäten sollen soziale Ungleichheiten überwinden und jungen Menschen neue Möglichkeiten eröffnen. Wir tun dies, indem wir benachteiligte Kinder und Jugendliche in Risikosituationen begleiten und ihnen Zugang zu Bildung und Ausbildung bieten. Dabei möchten wir jungen Menschen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Werte.

Auf der ganzen Welt betreiben wir sogenannte Straßenkinder-Zentren, also Einrichtungen, in denen Straßenkinder Hilfe bekommen können. Der Besuch oder der Verbleib in den Straßenkinder-Zentren ist immer freiwillig. Für manche Kinder wird das Zentrum ein neues Zuhause, manche kommen nur ab und an zum Spielen vorbei oder um sich ein paar Stunden auszuruhen oder etwas zu essen.

Die Erstversorgung bspw. mit Kleidung und Essen ist notwendig, denn niederschwellige Angebote ermöglichen es uns, Kontakt zu Straßenkindern aufzubauen. Darüber hinaus ist uns langfristige, nachhaltige Hilfe ein besonderes Anliegen. Durch unsere Straßenkinder-Zentren gelingt es,

  • Kontakt zu Straßenkindern aufzunehmen und sie erstzuversorgen,
  • Straßenkindern ein Zuhause zu bieten mit Menschen, die sich um sie kümmern,
  • Kindern und Jugendlichen durch Bildung und Qualifikation neues Selbstvertrauen zu schenken,
  • Kinder und Jugendliche zu befähigen, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen und positiv in die Zukunft zu blicken.

Damit Straßenkinder von unseren Hilfsangeboten erfahren, suchen Streetworker die Straßenkinder direkt in ihrem Lebensumfeld auf, also auf der Straße. Sie sprechen sie an und versuchen, Kontakt aufzunehmen. So kann langsam und behutsam Vertrauen aufgebaut werden. Wenn das gelingt, bieten sie den Kindern Freizeit-, Lern- oder Gesundheitsangebote an. 

Für ein Leben jenseits der Straße