Kanalkinder in Rumänien

Um auf den Straßen Rumäniens zu überleben, leben viele Kinder und Jugendliche in Kanalschächten. Don Sergio ließ das Schicksal dieser Kinder nie los.

Ein Leben in der Kanalisation

Manche Begegnungen mit Menschen begleiten einen das ganze Leben. So ergeht es auch Don Sergio. Der Salesianer lernte vor 15 Jahren Sonia und Vasile kennen. Zwei Kinder, die in Kanalschächten der rumänischen Hafenstadt Constanta hausten. „Sie sind uns nach einem Gottesdienst aufgefallen. Diese Kinder, die völlig verwahrlost waren. Selbst im Winter nur mit Schlappen an den Füßen, frierend und hungrig. Wir haben ihnen dann etwas zu essen gebracht und warme Kleidung. So kamen wir mit ihnen ins Gespräch“, erinnert er sich.

In der Unterwelt zuhause

Durch die Geschwister lernte Don Sergio die Unterwelt der Kanalkinder kennen. Manche von ihnen waren erst fünf oder sechs Jahre alt. Viele abgestumpft von den Drogen, die sie schnüffelten, um der seelischen Kälte zu entkommen. Don Sergio hat sie besucht, sich mit ihnen in die heißen Schächte gesetzt. Mit ihnen dort geschwitzt, gegessen und vor allem geredet. 

Video: Kanalkinder in Rumänien

Ungewollt, verstoßen und ausgegrenzt

Zurzeit des Regimes von Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu wurden viele Kinder von ihren Familien verstoßen. Sie waren unerwünscht. Ceausescu hatte Verhütungsmittel und schulische Aufklärung verboten. Abtreibungen wurden mit Gefängnis bestraft. So wurden unzählige Babys geboren, die nicht gewollt waren. Kinderheime waren noch nach dem Zusammenbruch der Diktatur im Jahr 1989 völlig überfüllt. Viele junge Menschen landeten auf der Straße.

Vom Heimkind zum Kanalkind

Als Rumänien 2007 der EU beitrat, spitzte sich die Lage für die Kinder zu. Der Beitritt war an die Bedingung geknüpft, dass die staatlichen Waisenhäuser schließen mussten. „Diese Forderung war natürlich zu Recht begründet, denn die Verhältnisse in den Heimen waren schlimm“, sagt Don Sergio. „Das Problem war nur: Es gab keine Alternativen. Deshalb landeten diese Kinder und Jugendlichen auf der Straße.“ Don Sergio beschloss, zu helfen.

Ein Zuhause für Kanalkinder

Zusammen mit den Don Bosco Mitarbeitern kaufte er ein Haus am Stadtrand von Constanta. Hier gab es Duschen, Schlafmöglichkeiten und warmes Essen. Zufrieden steht Don Sergio heute davor. Es hat sich zu einem Familien- und Bildungszentrum entwickelt. Zeit zum Ausruhen hat Don Sergio aber nicht. „Wir müssen uns weiter um die benachteiligten Kinder kümmern. Wir dürfen ihre Ausgrenzung nicht hinnehmen“, betont er. Auch heute leben in Rumänien noch Kinder in der Kanalisation. Viele davon in Bukarest, aber auch in Constanta.

Noch Fragen?

Die meisten Straßenkinder kommen aus zerrütteten Familien. Sie fliehen vor Armut und Gewalt und leben deswegen auf der Straße. Viele Kinder laufen aber auch Gefahr, auf der Straße zu landen. Deswegen sind Straßenkinder für uns auch Kinder und Jugendliche, die öfter auf der Straße Zuflucht suchen oder auf der Straße arbeiten müssen, um zum Lebensunterhalt ihrer Familien einen Beitrag zu leisten. Auch Kinder, denen es an den wichtigsten Dingen wie Liebe, Geborgenheit, Essen und Schulbildung mangelt, laufen Gefahr, ganz auf der Straße zu landen. Dazu gehören zum Beispiel Schulschwänzer, missbrauchte Kinder oder Kindersklaven.

Weil Vorbeugen besser als Heilen ist, tun wir alles, was verhindert, dass junge Menschen auf der Straße landen. Unsere Aktivitäten sollen soziale Ungleichheiten überwinden und jungen Menschen neue Möglichkeiten eröffnen. Wir tun dies, indem wir benachteiligte Kinder und Jugendliche in Risikosituationen begleiten und ihnen Zugang zu Bildung und Ausbildung bieten. Dabei möchten wir jungen Menschen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Werte.

Auf der ganzen Welt betreiben wir sogenannte Straßenkinder-Zentren, also Einrichtungen, in denen Straßenkinder Hilfe bekommen können. Der Besuch oder der Verbleib in den Straßenkinder-Zentren ist immer freiwillig. Für manche Kinder wird das Zentrum ein neues Zuhause, manche kommen nur ab und an zum Spielen vorbei oder um sich ein paar Stunden auszuruhen oder etwas zu essen.

Die Erstversorgung bspw. mit Kleidung und Essen ist notwendig, denn niederschwellige Angebote ermöglichen es uns, Kontakt zu Straßenkindern aufzubauen. Darüber hinaus ist uns langfristige, nachhaltige Hilfe ein besonderes Anliegen. Durch unsere Straßenkinder-Zentren gelingt es,

  • Kontakt zu Straßenkindern aufzunehmen und sie erstzuversorgen,
  • Straßenkindern ein Zuhause zu bieten mit Menschen, die sich um sie kümmern,
  • Kindern und Jugendlichen durch Bildung und Qualifikation neues Selbstvertrauen zu schenken,
  • Kinder und Jugendliche zu befähigen, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen und positiv in die Zukunft zu blicken.

Damit Straßenkinder von unseren Hilfsangeboten erfahren, suchen Streetworker die Straßenkinder direkt in ihrem Lebensumfeld auf, also auf der Straße. Sie sprechen sie an und versuchen, Kontakt aufzunehmen. So kann langsam und behutsam Vertrauen aufgebaut werden. Wenn das gelingt, bieten sie den Kindern Freizeit-, Lern- oder Gesundheitsangebote an. 

Für ein Leben jenseits der Straße